„Es erschien mir logisch“

Die Ausgangsbeschränkung bringt es ja so mit sich, dass hier und da Zeit ist, die vorher irgendwie anderweitig im Raum-Zeit-Gefüge verschwunden ist. Gleichzeitig steigt der Frustrationslevel, während die Toleranzschwelle absinkt. Logisch, ein Pluspol verlangt immer nach einem Minus. Das eine kann nicht ohne das andere. Neudeutsch Yin und Yang, das wissen sogar die Chinesen, aber die lassen wir lieber mal außen vor.

Als Therapie für mein inneres Gleichgewicht schaue ich nun sporadisch Filme, vorzugsweise Action, so mit ordentlich Krawumms. Quasi als Stellvertreter zum Abreagieren. Wir kennen das ja von Weihnachten, kaum lief „Der kleine Lord“ und „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, sind die Geschenke ausgepackt und die Gans verspeist, folgt pünktlich am zweiten Weihnachtsfeiertag „Stirb langsam“ 1-4 und genreähnliche Streifen. Logisch, der Mensch braucht die Gegensätze, um ganz zu sein.

Gerade lief „Star Trek“ in der Flimmerkiste. Im Normalfall würde ich dafür keinen Strom und erst recht keine Zeit aufwenden, aber andere Zeiten erfordern eben andere Maßnahmen. Und, da ich als Kind/Teenager „Raumschiff Enterprise“ gucken durfte, hat es dann ansatzweise gepasst. Fast schon eine logische Schlussfolgerung.

Warum ich da so drauf rum reite? Ja, genau, Mr. Spock. Der spielt ja gleich zweimal mit in dem Kinofilm, also dem so gesehen ersten Teil von „Raumschiff Enterprise“. Einmal als Rookie und dann noch sich selbst. Beide Seiten der Lebensspanne, wenn mal so will, auch eine Ergänzung. Mr. Spock ist ja auch der mit den logischen Argumenten und eigentlich emotionslosen Analysen. „Es erschien mir logisch“, einer seiner Sprüche.

Und nun frage ich mich, was Mr. Spock wohl zu unserer Logik sagen würde:

Sechs Wochen lang im Lockdown und mit Ausgangbeschränkung sind wir alle ohne Mund- und Nasenschutz in den Lebensmittelladen gegangen und nun müssen wir eine Maske zum Einkaufen tragen.
Kinder unter sechs Jahren müssen keinen Mund- und Nasenschutz tragen, sind aber angeblich die Virenschleudern schlechthin und dürfen unter ihresgleichen bis auf weiters nicht in den Kindergarten und auf Spielplätze.
Geschäfte bis 800qm dürfen öffnen, aber der Lebensmittelhandel sowie Bau- und Heimwerkermärkte sind davon nicht betroffen. Gut, das wurde nun von Gerichtswegen gekippt, dafür ist aber jetzt die Anzahl der Kunden auf x/qm begrenzt, was sich anscheinend nur mit der Anzahl der Einkaufwagen zählen lässt, denn Paare müssen zwei Wagen nehmen und haben dann gleich die doppelte Chance, neben den Einkäufen auch noch die Viren und Bakterien, die sich auf den Griffen der Einkaufswagen tummeln, mit nach Hause zu nehmen. Außerdem scheinen manche gleicher als gleich zu sein, denn es gibt auch welche ohne Karren. Vielleicht sind aber auch die Wagen ausgegangen. Wer weiß schon, nach welcher Logik derzeit verfahren wird.

Der arme Mr. Spock. Ob ihm wohl wenigstens ein “Faszinierend“ über die Lippen kommen würde? Aber der lebt ja auch im 23. Jahrhundert, bis dahin ist glücklicherweise noch etwas Zeit, sich mit der Logik anzufreunden, denn im Moment erscheint mir auf Mutter Erde rein gar nichts logisch und am liebsten würde ich mich auf eine grüne Wiese im Nirgendwo hinstellen, mein Motorola RAZR von Anfang des 21. Jahrhunderts zücken, „Beam me up, Scotty“ sagen und dann unter einer Wärmelampe in den unendlichen Weiten des Weltraum im Jahre 2200 landen. Logisch, oder?

Major Tom

Hinweis zum Foto.: Es sage keiner, ich bin im falschen Film, weiß ich selber, dass das Kostüm aus „Star Wars“ ist, bin ja nicht von gestern. Hm, wo ist eigentlich die Maske abgeblieben?

Die Welt von morgen

Die Zukunft ist ja immer etwas, das wir herbeisehnen, wenn wir nicht gerade über die Vergangenheit nachgrübeln und uns fragen, was wäre, wenn.

Kristallkugel

Es ist hat ja auch etwas Aufregendes, Anregendes, sich auszumalen, was sein könnte. Das berühmte unbeschriebene Blatt über das wir unsere Träume und Wünsche streuen bis wir dann mit in der Eile der Zeit die Spuren verwischen und uns im Rückblick fragen, warum davon so wenige Realität geworden sind, nur um sie dann wieder auf ein Morgen, ein Irgendwann zu verschieben.

Genauso ist es doch jetzt. Wir fragen uns, warum wir nicht eher reagiert haben, warum man nichts unternommen hat. Und wir ertragen das meiste doch auch deswegen, weil wir die Hoffnung auf eine (bessere) Zukunft haben, versichern uns immer wieder, dass es zu irgendetwas schon gut sein wird, dass man es als Chance sehen muss. So sind wir Menschen nun mal. Vielleicht aus gutem Grund sogar. Die Welt von morgen nicht mit Positivem zu assoziieren würde keinen Sinn ergeben.

Gespannt dürfen wir alle sein, welche der Szenarien, die gerade privat, im Netz, in den Talkshows, in den Gremien gesponnen werden, es schaffen werden, sich durchzusetzen. Ganz neu, zumindest begrifflich für mich, die Idee der Re-Gnose, also der Rückblick aus der Zukunft auf heute. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat dazu einen Artikel geschrieben, der gerade viral (Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht vorhersehbar) geht. Seine Vision tut wirklich gut, sie macht Hoffnung, doch echt ist sie nicht.

Die Welt von morgen lässt sich nicht voraussagen. Vielmehr ist es doch der Wunsch nach einem guten Ende, der allen Visionen zugrunde liegt. Eine veränderte, ja bessere Menschheit scheint auf uns zu warten. Götz Werner hat einmal gesagt, dass der Mensch nur aus zwei Beweggründen lernt bzw. sich ändert, nämlich durch Einsicht oder Katastrophe. Mit der Einsicht ist es ja bei vielen nicht so weit her, wenn man mal nach draußen und so um sich schaut. Stellt sich also die Frage, ob die Katastrophe lang genug anhält, um tatsächlich eine Änderung zu bewirken. Wobei dann ja noch immer nicht gesagt ist, dass dies zum Besseren sein muss.

Das Fach Kristallkugellesen oder Kaffeesatzleserei hat gerade großen Zuspruch, aber die Zukunft wird immer anders und von Variablen beeinflusst sein, die nicht kalkulierbar sind, so gern wir das auch möchten. Und was, wenn wir uns von einer Zukunft blenden lassen, die nicht kommt? Wie groß wird dann der Schaden sein? Nicht immer hilft also ein langer Atem, um am Leben zu bleiben. Und manchmal ist das Ende einer Katastrophe erst der Anfang von dem, was kommt.

Lage(r)gespräche

Lagerkoller

Der jugendliche Mitbewohner, ein sonst der Gattung des Homo Sapiens zugehöriges Wesen, entwickelt sich mit fortschreitender Schulschließung und Ausgangsbeschränkung zum Homo ohne die dazugehörige Weisheit, wie die Dialoge der letzten Wochen aus dem Basislager vermuten lassen:

„Mami, Du musst Vorräte kaufen.“
„Nein, wir haben genüg für mindestens zwei Wochen.“
„Mami, Du musst Wasser kaufen.“
„Warum sollte ich Wasser kaufen? Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Außer ich habe da was nicht mitbekommen und der Virus ist auch einer, der die Stromnetze angreift.“ Marc Elsberg und ‚Black Out‘ lassen grüßen. Ok, vielleicht kaufe ich doch ein paar Getränke und Lebensmittel.

***

„Mami, das ist voll gefährlich, man kann sich immer wieder anstecken.“
„Ja, Grippe und Husten und Schnupfen kann ich auch immer wieder kriegen, aber nur, wenn es ein anderer Erreger ist. Das ist ein Virus, kein Bakterium. Ergo, ist man dann erst mal immun. So lange, bis er mutiert.“

***

„Mami, weißt du, dass das Augustiner Bier auch in China produziert wird?“
„…“ Herr, lass Hirn vom Himmel fallen.

***

„Mami, …“
„Nein, bitte keine neuen Verschwörungstheorien mehr. Ihr müsst wirklich nicht jeden Mist glauben, der im Internet steht. Hast Du eigentlich mal Deine Schulsachen gemacht?“
„Nein, die Website geht doch nicht.“
„Hast Du es denn mal probiert heute?“
„Nein.“
„…“ Ich glaube, das mit dem Bier stimmt und der Nachwuchs hat einfach zu viel davon getrunken und sich mit weiß Gott was infiziert.

***

Mami, die schieben alle voll‘ Panik.“
„Also, das ist eine bessere Lungenentzündung. Vor allem für Leute in Deinem Alter.“
„Aber eins sag‘ ich Dir, Du stirbst zuerst.“
„Jaaa, wenn es nach der Ordnung der Dinge geht, sterbe ich vor Dir. Davon gehe jetzt mal ich aus.“ Gut, ich kann für nichts garantieren. Die Rate der häuslichen Gewalt soll ja steigen, so die Prognosen. Außerdem ändert sich heutzutage ja nahezu täglich etwas und die Dinge geraten zusehends in Unordnung.

***

„Mami, es ist nichts zu essen da.“
„Oh bitte, ich habe extra mehr eingekauft. Wir kommen mindestens vier Wochen ohne Einkaufen aus. Es ist dann am Ende vielleicht nicht mehr Witzigmann, aber verhungern tun wir nicht.“
„Es sind aber keine Süßigkeiten mehr da.“
„Ja, dann musst Du Dir das eben besser einteilen. Ich gehe nur noch einmal die Woche einkaufen. Und was nicht auf der Liste steht, kaufe ich nicht.“
„Kann ich dann die Anzahl dahinter schreiben?“
„…“
„Echt jetzt, im Kühlschrank sehe ich sonst nur Salat.“ Irgendwie scheint der fehlende Sauerstoff und Vitamin D Mangel den Sehnerv anzugreifen. Oder Einfluss auf das farbliche Sehen zu nehmen, denn der eine einsame Salat scheint alles andere im Kühlschrank förmlich zu überstrahlen. Hm, vielleicht kommt der aus der Nähe von Tschernobyl oder Fukushima. Ich glaube, das sind erste Anzeichen, für was auch immer.

***

„Mami, ich glaub ich hab‘ Corona.“
„Wieso das denn?“
„Ich habe so Halskratzen.“
„Hm…“
„Und meine Nase läuft auch die ganze Zeit.“
„Das ist kein Corona. Das ist maximal eine Erkältung.“
24 Stunden später
„Mami, ich habe einen Hexenschuss.“
„Wie hast Du das denn gemacht?“
„Beim Haare trocknen.“
„Äh…“ Irgendwas stimmt da nicht mit der Telefonleitung. Oder das ist der verstrahlte Salat. Oder das mit dem Bier stimmt doch. „Beim Haare trocknen?“
„Ja, es tut so weh im Rücken. Im Brustwirbelbereich.“
„Das ist kein Hexenschuss. Das kommt von zu wenig Bewegung und dem starren Blick auf viereckige Bildschirme.“ Hilfe, der Nachwuchs wird zum Hypochonder. Vielleicht kaufe ich besser ein paar Süßigkeiten, Zucker soll ja bekanntlich Glückshormone ausschütten.

***

„Mami, eigentlich müsste man doch jetzt in Aktien investieren.“
„Die Anleger sind da aber wohl gerade nicht so ganz dieser Meinung.“
„Sollte man nicht gerade dann einsteigen und Aktien kaufen? Wenn es dann wieder alles normal ist, dann steigt die Aktie doch.“
„Ja, normalerweise, aber wer weiß denn schon, wann und welches Unternehmen. Da müsste man dann schon streuen und sich nicht auf eine Aktie verlassen. Aber da kenne ich mich nicht wirklich aus.“
„Vielleicht irgendein kleines Unternehmen. Oder ein Start-up.“
„Also, die sind für gewöhnlich nicht an der Börse.“
„Dann Lufthansa.“
„Ja, könnte mir vorstellen, dass sich die relativ zügig erholen. Je nachdem, wie lange die Krise anhält und wer die meisten Reserven hat.“ Danke, wer auch immer sich angesprochen fühlt, es ist doch noch nicht alles verloren und das Gehirn des jugendlichen Mitbewohners funktioniert zumindest phasenweise noch.

***

Ich bin mir sicher, das ist noch lange nicht das Ende der Lage(r)gespräche, die mitunter auch den fortschreitenden Lagerkoller widerspiegeln. Von Lichtblicken mal abgesehen. Und die Leute mit Blick in die Zukunft sind ja auch der Meinung, dass in solchen Zeiten der Fokus wieder auf der Besinnung auf die Familie und das Miteinander liegt.

Am meisten würde mich aber interessieren, wie diese Zeit an die nächste Generation weitergegeben wird und was zukünfitige Generationen über diesen Teil der Weltgeschichte denken werden. Und so hoffe ich, dass ich doch noch ein Weilchen auf dieser Erde wandeln darf und eventuell ein kleines bisschen davon miterleben kann.

Die rosarote Brille

img_0631Das Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Speicherplatz. Nein, ehrlich. Die Daten an sich mögen ja so ziemlich am sichersten Aufbewahrungsort der Welt sein, denn die Fähigkeit des Gedankenlesens liegt nach wie vor (noch) im Bereich der Utopie. Dass aber der Produzent und Eigentümer selbst oftmals genauso vor verschlossenen Türen steht, erscheint bisweilen recht bizarr und erst recht unbegreiflich.

Keine Erinnerung, die unsere zig Milliarden Nerven nicht in ein neues Gewand kleiden und beim Datenabruf in abgeänderter Version wiedergeben. Es ist in gewisser Weise wahrlich ein Armutszeugnis für den weisen Menschen. Warum das so ist? Das ist inzwischen ganz gut erforscht. Es ist nämlich so, dass unser Gehirn erst einmal jedes Ereignis in verschiedenen Regionen „lagert“. Es geht dabei um Gefühle, Ort und Zeit sowie die Geschichte dazu. Wenn wir uns dann erinnern, fügt unser Gehirn die Einzelteile wieder zusammen und ersetzt schlicht und ergreifend fehlende Puzzleteile durch plausibel erscheinende. Wichtig scheint nur der Kern zu sein. Schon nach einem Jahr entspricht nur noch die Hälfte der Erinnerungen dem tatsächlich Erlebten. An dieser Tatsache ist nun auch nicht viel zu ändern und man ist immer wieder erstaunt, wie unzuverlässig und fehlerhaft die Erinnerungen sind. Meine letzte Erfahrung hat mich dahingehend richtiggehend in Selbstzweifel gestürzt. Und das kam so:

Vor ca. zwanzig Jahren las ich den Roman „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, den sicherlich der eine oder andere kennt. Das Buch hat mich seinerzeit so in seinen Bann gezogen, dass damals nicht viel gefehlt und ich mich auf den Jacobsweg nach Santiago de Compostela gemacht hätte. Zu einer Zeit, als das (Fern)Wandern noch nicht so in und medienwirksam war und lange vor Hape Kerkeling. Hinzufügen muss ich, dass kurz vorher meine Mutter verstorben war, mein damaliger Freund als manisch-depressiv diagnostiziert wurde und ich so ziemlich durch den Wind. In meiner Vorstellung wäre der Pilgerweg eine Möglichkeit gewesen, mit dem Verlust und Schmerz fertig zu werden und einen Weg zu finden, wie es weiter gehen soll. Nun, letzten Ende hat mir der Mut gefehlt, der materielle wohlgemerkt. Meine Bedenken, was dann mit meiner Arbeit, mit meinem bisschen Hab und Gut werden würde, waren zu übermächtig, was mir heutzutage einfach nur kindisch, naiv, ja sogar lächerlich vorkommt. So habe ich das Vorhaben erst mal in die unbestimmte Zukunft verschoben und letztendlich aufgrund der touristischen Massen und Medien ganz aufgeben. Und, klar, ich habe es immer bereut.

Zurück zum Thema: Im Rahmen meines Projektes „Sieben auf einen Streich“ ist mir besagter Roman und seine nachhallende Wirkung wieder eingefallen und ich habe mir den Schinken erneut zu Gemüte geführt. Auch irgendwie in der Hoffnung, die damaligen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Tja, und jetzt kommst: Der Part, bei dem es um den Weg nach Santiago de Compostela geht, umfasst gerade mal so 50 Seiten. Von 1151 Gesamtseiten. In der Taschenbuchausgabe. Und man muss auch schon an die 800 Seiten weit lesen, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Und es geht auch irgendwie so gar nicht um den Jacobsweg und das Pilgern, sondern dieser ist nur ein Weg, dem Held und Heldin (also zwei aus der Reihe an Protagonisten) folgen. Nicht mal das Zueinanderfinden der beiden passiert auf dem Weg selbst.

Wie konnte mir mein Gedächtnis nur so einen Streich spielen? Meine jahre-, ach was jahrzehntelange Obsession ist ein Nebenschauplatz und hätte meiner heutigen Ansicht nach fast überall stattfinden können. Ich bin gerne bereit, Nachsicht walten zu lassen und mir einzugestehen, dass meine Nerven seinerzeit recht angespannt waren und vielleicht das eine oder andere zu meinem Schutz in der Erinnerung umgeschrieben haben. Ähnlich wie bei einem Trauma. Aber dass mir gleich so eklatant eine rosarote Brille aufgesetzt wird, lässt mich ziemlich verdattert aus dieser schauen. Was mag mein Hirn sich sonst noch so zusammen gereimt haben? Wenn ich es hochrechne, dann dürften nicht mal fünf Prozent meiner Erinnerung wahr sein. Es ist erschütternd, sich einzugestehen, dass es nichts Unzuverlässigeres zu geben scheint als die eigenen Erinnerungen. Doch wozu dann diese überhaupt speichern? Die Antwort der Forscher ist ganz einfach: Für die Zukunft. Denn beides, Erinnerung und Zukunft, werden von ein und demselben Areal aus gesteuert. Es zeigt sich, dass die Gedanken an morgen nur funktionieren, wenn wir über so etwas wie Vergangenheit verfügen und beides in Relation setzen. Auch eine Erklärung dafür, warum Kinder so vertieft im Hier und Jetzt sind, während wir großen Kinder uns mit jeder Entscheidung so schwertun und ständig von dem, was kommt/kommen könnte eingebremst zu sein scheinen? Mag sein. Eine Zukunft frei von jeglicher Erfahrung gestalten zu können, wäre sicherlich unbeschwert und gleichzeitig undenkbar.

Die rosarote Brille färbt also nicht nur die Erinnerung, sondern ist auch ein verschwommener Blick nach vorn. Von daher werde ich nun beim Anblick meiner hauseigenen Bibliothek nicht nur mehr in Erinnerungen schwelgen, sondern die vorhandenen Werke einer neuerlichen Prüfung unterziehen. Eine Bestandsaufnahme, ob diese der Gegenwart gerecht werden. Somit pilgere ich quasi literarisch, denn die Idee des Jacobsweges ist nach wie vor von der Wunsch-/todo-Liste gestrichen. Manchmal tut es nämlich auch erstaunlich gut, nicht jedem unerfüllten Traum hinterher zu trauern.

Gedanken eines Knopfes

„Sie haben sich falsch zugeknöpft“, ruft mir die Verkäuferin quer durch den Laden zu. Ein Blick an mir herunter bestätigt ihre Aussage. Meine Jacke hängt schepps und schräg an mir herunter. Irgendwie passend. Und absolut stellvertretend, was meine geistige Zurechnungsfähigkeit betrifft.

Falsch zugeknöpft – schief gewickelt, kommt mir in den Sinn. ‚Dafür wurde der Reißverschluss erfunden‘, höre ich die Gedanken der Verkäuferin. Für Leute wie mich, die beim Knöpfen scheinbar immer in der Mitte anfangen, statt oben oder unten, denn damit könnten solche Fehlstellungen ja auch vermieden werden.

Ansichtssache

Wenn ich dann so an meine Zukunft denke, stelle ich recht schnell fest, dass sich meine Wünsche dahingehend doch wenig mit meiner objektiven Einschätzung decken. Heißt das nun, meine Wünsche sind so unrealistisch? Oder bin ich so pessimistisch? Vielleicht bin ich auch nicht so mutig wie ich mir einbilde zu sein. Finde zu viele Argumente, warum etwas nicht funktioniert. Lasse mich treiben anstatt selbst die Kontrolle zu übernehmen. Vertraue auf die Zeit, die ich noch habe, alle Wünsche, wenn nicht schon zu erfüllen, so doch wenigstens anzupacken, dabei immer allzu gern die Tatsache verdrängend, dass die Zeit verrinnt – unbeeindruckt von meinen Wünschen.

Haben mich meine Eltern und alle anderen lebenswegbeeinflussende Persönlichkeiten schief gewickelt? Auf einen Weg gebracht, der schepps und schräg ist? Unmöglich, ihn zu gehen? Oder bin ich es, der einfach nicht in der Lage ist, die Löcher und ihre Gegenstücke in der richtigen Reihenfolge zusammen zu bringen?

„Das passiert mir immer“, entgegne ich kleinlaut, denn etwas Besseres fällt mir nicht ein. Und stimmen tut es auch. Meistens. Irgendwo steckt ein festgezurrter Knoten, der mich auf meiner Lebenslinie nicht weiter vorankommen lässt. Ich will mich aber nicht einwickeln lassen, eingeschnürt, bewegungsunfähig und keine Luft zum Atmen. Und schon gar nicht will ich, dass an mir herum gerissen wird, mich wie die Zähne im Reißverschluss festbeißen, eingepfercht werden und keinen Platz zum Rangieren haben.

Ich bin eben wie ein Knopf. Eine Insel im Ozean der Möglichleiten. Um mich der Wind, der durch die Löcher und Zwischenräume fegt und meine Träume beflügelt. Und das mit der Jacke lasse ich jetzt so. Haken dran.

 

Eure Kerstin

Sechs Wörter für die Zukunft

Leseecke

Schreibe eine sechs-Wort-Geschichte, von der Du denkst, dass Sie Deine Zukunft beschreibt.

Der Sache mit der Zukunft hatte ich mich ja schon mal in meinem Beitrag „Lebenslinien“ genähert. Und nun also der nächste Versuch, es von einer anderen Warte zu betrachten.

Das Leben, respektive die Zukunft in sechs Wörtern einfangen – keine leichte Aufgabe. Schließlich wollen wir alle ein reichhaltiges, abwechslungsreiches, spannendes und einzigartiges Leben. Und da sollen sechs Wörter diesen Kosmos an Möglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten abdecken?

Nun, es ist eigentlich gar nicht so schwer und manchmal lassen sich sogar ganze Geschichten damit erzählen.

Anschluss verpasst. Seelenanker gesucht. Ausgang ungewiss.

Probiert es ruhig selbst einmal. Selbst Hemingway schrieb einmal eine solche: „For sale: baby shoes. Never worn.“ Diese Übung wird im Übrigen immer wieder gern als Schreibaufgabe eingesetzt. Wobei es hauptsächlich eine Hirnaufgabe ist. Hirngespinste eben. Und es erstaunt mich ebenso immer wieder, wieviel man mit nur sechs Wörtern aussagen und ausdrücken kann.

Eure Kerstin

P.S.: Die Leseecke verdankt ihren Ursprung den Schreibaufgaben/Übungen im „The Daily Post“. Info für alle, denen „The Daily Post“ kein Begriff ist: Hierbei handelt es sich um eine Website von wordpress.com (wo auch mein Blog registriert ist), auf der täglich Themen, Fragen und Aufgaben an alle Nutzer verteilt werden, die man dann über den eigenen Blog verarbeiten kann.

umgedacht und aufgestellt – die Wohnungs- und Haushalts bzw. Lebenswegfrage

Erinnert sich der eine oder andere noch an die Inventurliste aus Armee der Energieslaven?
1 Fernseher, 1 DVD-Player, 2 Radios, 1 Radiowecker, 1 Stereoanlage, 1 Computer, 2 1 Laptops, 1 MP3-Player, 2 Handys, 1 Telefon, 1 Spielkonsole, 1 PSP, 1 Gameboy, 2 Digitalkameras, 1 Staubsauger, 1 Waschmaschine, 1 Trockner, 1 Mikrowelle, 1 Kühlschrank, 1 Kaffeemaschine, 1 Kaffeemühle, 1 Toaster, 1 Wasserkocher, 1 Mixer, 1 Küchenmaschine, 1 Rührstab, 1 Saftpresse, 2 Föns*, 2 1 elektronische Zahnbürsten, 1 Lockenstab, 1 Glätteisen, 1 Set beheizbare Lockenwickler, 1 Nähmaschine, 1 Bügeleisen.

Richtig, die durchgestrichenen Energiesklaven haben die Wohnung verlassen und sind, falls noch nicht veräußert, vorerst in den Keller gezogen, wo sie auf den Flohmarkt/Verkauf warten. Das * bedeutet, dass ein Exemplar in dem derzeit vorhandenen zweiten Haushalt deponiert ist und auf die Zukunft = Verkauf wartet. Die Kaffeemühle hat ein Bleiberecht bis ich einen manuellen Ersatz gefunden habe. Die Energiesklaven in kursiv sind angezählt (bei den Radios/Kameras jeweils 1 Exemplar), heißt, die werden kurzfristig bis mittelfristig das kuschelige Zuhause gegen eine neue Bleibe eintauschen müssen. Anstelle der Kaffeemaschine kommt ein kleiner Italiener zum Einsatz.

Tut mir leid, Moni, aber der Kaffee schmeckt seit einiger Zeit komisch. Keiner sagt jetzt was, bitte. Entkalken und andere Kapseln haben keinen Erfolg gezeigt, wahrscheinlich liegt es also doch an mir. Die Tante führt gegenüber dem jugendlichen Mitbewohner, wenn dieser beim Essen mal wieder etwas verweigert, auch immer an, dass der Geschmack sich ändert, wenn man älter wird. Eventuell besteht in beiden Fällen Hoffnung.

Apropos jugendlicher Mitbewohner: Wie man sieht, hat er ganz schön ausgemistet. Gleichstand, wenn ich es so grob überschlage. Gut gemacht, Großer!
Was hat sich sonst im Haushalt getan?
Geschirr, Besteck und Küchenutensilien sowie Bettwäsche und Handtücher und nicht zu vergessen Möbel und Einrichtungsgegenstände warten so gesehen auf den Auszug des jugendlichen Mitbewohners und darauf, was davon dieser dann für würdig erachtet, in seinen eigenen Hausstand mitzunehmen. Die Sache mit der Aussteuerkiste ist natürlich nach wie vor ein Thema. Bis es denn so weit ist, dauert es ja noch und bis dahin fällt mit Sicherheit (hoffentlich) auch noch das eine oder andere Stück der natürlichen Auslese zum Opfer.

Bei den Staubfängern, die sich als solche den Wohnraum mit mir teilen, handelt es sich ja fast durchgängig um Memorabilien mit sentimentalem Wert. Wer hätte das gedacht? Für jeden anderen also schlichtweg Killefit, Schnickschnack, Krimkrams, Nippes, Tüddelkram, Kokolores – Staubfänger eben. Manchmal bin ich kurz davor, mich von den handfesten Erinnerungen zu trennen, schließlich sind diese ja in meinem Kopf viel lebendiger vorhanden, und dann lasse ich es doch, weil ich keinen Sinn darin sehe, diese zu verbannen, solange sie mich nicht explizit stören, belasten oder sich etwas an der Wohnsituation ändert. Insofern darf sich dieser Ballast damit rühmen, dass er mir so viel bedeutet, dass ich derzeit keine Hand an ihn anlege, sollte sich allerdings auch nicht zu sicher fühlen, denn in Wirklichkeit ist er einfach nur geduldet bis zum Tag X.

Ein paar Worte zum Tag X: Der Lebensweg und damit die Frage nach dem Zuhause, ist, was mich betrifft, noch nicht abgeschlossen. Als Weltenbummler und Zigeunerin in spe, wird dies in einer unbestimmten Zukunft ein ganz anderes Abenteuer. Es gibt mehrere Pläne (A und B und C, vielleicht auch noch weitere Varianten, mal sehen), die derzeit im Raum und zur Diskussion stehen. Und dann wäre ich versucht, ein Experiment zu machen: Alle meine „sieben“ Sachen in Umzugskisten packen und so lassen. Und erst dann, wenn ich etwas brauche, aus der Kiste holen. Ohne Einschränkung. Nach einem Monat steht so ziemlich fest, was man letztendlich benötigt und auch nutzt. Die Herausforderung besteht dann natürlich darin, sich vom Rest ohne Abschiedsschmerz zu trennen.

Andererseits kamen Gedanken dieser Art erst vor einigen Tagen beim Frühstück zur Sprache. Und wenn ich mir jetzt und hier so vorstelle, ich würde meine vier Wände gegen das Vagabundenleben eintauschen, dann kann ich nicht auf Anhieb sagen, welche Dinge tatsächlich weiterhin in meinem Besitz bleiben sollten und ob ich nicht vielleicht sogar in der Lage wäre, mich restlos von allem zu trennen. Andererseits, beschwören kann ich es auch nicht. Es bleibt also abzuwarten, welche Wege das Leben einschlägt.

Ach ja, zwei Neuzugänge in punkto Stromfresser sind auch zu vermelden – leider: Ein iPad und das elektronische Buch. Ja, ich weiß, sagt nichts! Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Es waren Geschenke. Gut gemeint, das ich will einfach mal unterstellen, aber unüberlegt, wenn man mich kennt. Das iPad wird alle paar Tage mal zu Rate gezogen. Und das eher aus Bequemlichkeitsgründen, weil schneller startet als der PC. Das E-Book ist ein anderes Thema.

Aber dazu mehr im nächsten Kapitel.
Also dann, action!

Eure Kerstin

 

Was von der fünften Rauhnacht (29. Dezember) übrigbleibt – Mai 2017

Um den eigenen Weg zu finden, braucht es Planung und Strategie. Es heißt, den Überblick zu gewinnen. Und genau das habe ich im Mai durchwegs gemacht. Am 29. Dezember übrigens auch. Es ging dabei darum, für alle Bereiche des Lebens einmal den Überblick zu bekommen und dann strategisch zu verfolgen, oder eine Strategie für die Zukunft festzulegen, oder zumindest an ihr zu arbeiten. Fünf Strategiepunkte für den fünften Monat:

  1. Der Schuljahresendspurt für den jugendlichen Mitbewohner und die Strategie, das Schuljahr noch für sich zu entscheiden.
  2. Für den Sommer Urlaubspläne schmieden, auch wenn die Umsetzung sich in den Juni hinziehen wird.
  3. Budget durchrechnen, welche Anschaffungen (Fahrrad) beziehungsweise Pläne (Wohnung streichen vs. Garten neu gestalten) realisiert werden können.
  4. Projekt „Verzicht kostet – Review“ in der Theorie ausarbeiten (wird im Juni in die Tat umgesetzt – versprochen).
  5. Szenarien für die Zukunft durchspielen, um die räumliche Distanz zweier Wohnungen in ein Zuhause zu verwandeln.

Daneben bin ich, ganz klar, so viel wie möglich draußen gewesen. Um den Blick schweifen zu lassen, neue Ein- und Ausblicke zu bekommen.

  

04 Wolken

Blick nach oben

 

05 Maiglöckchen

Blick nach unten

 

06 Wettersteingebirge

Blick nach vorn

Ach ja, ich hatte am 29. Dezember wie der Zufall es so will, „Die Herrscherin“, die dritte Karte im Tarot, gezogen. Wie passend, ist doch die Zahl drei die Vereinigung der Gegensätze, die ausgleichende, erste reale Zahl, welche die neue Ebene und gleichzeitig Ausgangsbasis für den nächsten Schritt bildet. Es geht um Urvertrauen, Wachstum, Sehnsucht und Vielfalt.

Im Juni muss also so einiges in die Tat umgesetzt werden. Da bin ich auf die Ergebnisse gespannt.

Eure Kerstin

Loslassen und Neuanfang

Die Zeit vor Weihnachten und dem Jahreswechsel war für mich ziemlich intensiv. Und das Leben ist mir bisweilen recht schwer gefallen wie in meinen Sechszehntagetagebuch zu lesen war. Danke auch nochmals an meine Leser für die Hilfestellung und schönen Worte. Ja, rückblickend kann ich sagen, ich war in einem echt miesen Loch. Der Zufall und das Glück wollten es, dass mir in der Zeit ein echter Schatz im Buchladen in die Hände gefallen ist, der wie gerufen kam, um mal in mich zu gehen und in meiner Seele aufzuräumen. Die Hexen unter uns ahnen es vielleicht, es geht um die Rauhnächte und die damit verbundenen Rituale und Bräuche.

Wie ein Schwamm habe ich alles aufgesaugt und mich durch die Rauhnächte treiben lassen, wobei ich ständig das Gefühl hatte zu träumen. Losgelöst von der Realität, eingebettet in mein eigenes Universum, schien die Zeit, wenn nicht still zu stehen, so doch nicht von dieser Welt zu sein. Zwischen den Jahren habe ich die Tage bewusst erlebt und alles auf mich wirken und einströmen lassen. Die Magie entfaltete sich dabei immer wieder aufs Neue.

eisblumen

Wer mit den Rauhnächten nicht so vertraut ist, hier eine Kurzfassung: In frühen Zeiten wurde der Kalender nach dem Mondjahr berechnet, welches 354 Tage hat. Heutzutage leben wir nach dem Sonnenjahr und der Kalender weist 365 Tage auf, also 11 Tage beziehungsweise 12 Nächte mehr. Diese Zeit bezeichnet man als „zwischen den Jahren“, in denen die Zeit anders ist, sich die Tore zur Anderswelt öffnen und dabei allerlei Wesen die Erde bevölkern. Auch wird jeder Rauhnacht ein Monat des folgenden Jahres zugeordnet und je nachdem wie sich dieser Tag gestaltet, so wird sich auch die Stimmung im jeweiligen Monat sein. Jede Rauhnacht entspricht dem Jahreszeitenverlauf und hat ein anderes Motto. Daneben gibt es jede Menge alte Weisheiten, die auch heute noch sehr spannend sein können.

So habe ich zum Beispiel vom 24. Dezember bis 6. Januar keine Wäsche gewaschen. Nun türmen sich die Berge und der jugendliche Mitbewohner beschwert sich lautstark, dass er nichts mehr zum Anziehen hat.

Sehr befreiend war es, Ordnung zu schaffen und Rechnungen (auch emotionale) zu begleichen. Es fühlt sich gut an, den Liebsten um mich zu sagen, wie sehr ich sie liebe, alle Briefe zu beantworten und einen langen, offenen, ehrlichen Brief an jemanden zu verfassen, der mir fehlt. Ganz ohne Erwartungen, sondern um einfach mal zu sagen, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Ich habe sozusagen auf meine innere Stimme gehört, Zweifel mal außen vor gelassen und den Augenblick genossen. Mir Dinge gegönnt und dem Glück die Tür geöffnet, damit ich es unter dem Mistelzweig küssen und mich verführen lassen kann. Alle Begegnungen waren wertvolle Anker im Jahreswechsel. Eine Zeit für Gespräche und Gefühle.

Die Elemente habe ich in der Zeit intensiv wahr genommen und die Natur gespürt. Sonne, Wärme, Wind, Schnee, Sturm, Kälte, Nebel, Licht und Dunkelheit.

schattensonnenaufganglicht

Zu guter Letzt, denn was wären die Rauhnächte ohne das magisch Übersinnliche, habe ich kräftig orakelt, geräuchert, Feuer gemacht und mir die Finger verbrannt. So sehr, dass ich ob der vielen „Zufälle“ schon fast mehr als bloße Ehrfurcht entwickelt habe. Meine Wünsche für das kommende Jahr habe ich an die guten Geister und ihre Helfer übergeben und um den hier kümmere ich mich selbst. Sehr mystisch, weil genau mein Ding.

orakel

Nun heißt es loslassen und den Neuanfang wagen. Auf ein gutes Jahr.

 Eure Kerstin

Fürs Leben lernen

Die Zukunft liegt in unseren Kindern, vielmehr lastet diese auf deren Schultern. Wer wie ich schulpflichtige Mitbewohner hat, wird damit von Jahr zu Jahr immer wieder konfrontiert. Spätestens wenn es heißt: Bücherausgabe. Dieses Jahr bin ich von der schieren Anzahl an Exemplaren dermaßen sprachlos, dass ich meine Gedanken dazu erst jetzt in Worte fassen kann.

Schulbücher

Beim Anblick des Bücherberges konnte ich dann einfach nicht umhin, diesen auf die Waage zu legen: 5,951 Kilogramm Wissen, so das Ergebnis. Elf Bücher für zehn Fächer, zwei gingen leer aus. Darauf komme ich später noch zurück. Das macht im Durchschnitt pro Tag 3570 Gramm. Wohlgemerkt Hefte, Übungshefte, Stifte usw. noch gar nicht mit eingerechnet.

Die allermeisten Handtaschen wiegen weniger. Selbst mein Rucksack, den ich für meine Bergwanderungen trage, ist nur unwesentlich schwerer, dafür aber auch mit wirklich überlebenswichtigen Utensilien wie Trinken, Essen, Karte und Kompass, Erste-Hilfe-Set und Biwaksack gefüllt. Und ich schleppe das nicht 186 Tage (Anzahl Schultage in Bayern im Schuljahr 2016/2017) pro Jahr.

Wie gut, dass Sport nur zwei Schulstunden pro Woche ausmacht. Schließlich ist das Pensum an Sport durch das Schultern des Schulranzens schon erfüllt. Und Glück gehabt, dass es ein Fach ohne Buch ist, welches (noch) mündlich vermittelt wird. Denn wenn selbst das Religionsbuch zu den dicksten im Pack zählt und schwerer als das für Biologie ist, dann stelle ich mir wahrhaftig die Frage nach der Wertigkeit und dem Sinn. Und das nicht nur, weil ich mit dem Fach an sich ein Problem habe. Anstelle digitaler Medien wird der Generation Internet diese Masse an Worten, Werten, Formeln und Regeln in Form von gedruckten Werken vorgesetzt, die teilweise nicht mal vermittelt oder gar angesprochen werden.

Im Jahr 2002 hat jeder Deutsche 230kg Papier „verbraucht“, um 1900 waren es noch zehn Kilogramm. Das betrifft natürlich alle Bereiche, vom Schreibpapier zum Butterbrotpapier bin hin zum Toilettenpapier. Aber so viel geschichtliches Wissen und neue Erkenntnisse können schlichtweg in dieser Zeit gar nicht hinzugekommen sein, als dass es diesen Anstieg beim Lernmaterial Buch rechtfertigen würde. Es erscheint mir wie ein Hohn, dass der Fortschritt unser aller Leben verändert und beeinflusst, aber wie vor 100 Jahren vermittelt wird.

Ach ja, Kunst ist neben Sport das einzige Fach ohne Buch. Aber das mag auch daran liegen, dass es wahrlich eine Kunst ist, unter dem Gewicht der eigenen Zukunft nicht zusammen zu brechen. 33 Schulstunden, 12 Fächer und ebenso viele Lehrkräfte, 26 Schulaufgaben (ohne Stegreifaufgaben, Referate und sonstiger Leistungsnachweise) machen deutlich, wie diese aussieht. Die Lektion Leben ist vom Stundenplan gestrichen, weil es nicht zwischen zwei Buchdeckel und in den Lehrplan unserer Leistungsgesellschaft passt.

Kein Wunder also, dass die Jugend so ist wie sie ist und sich einen feuchten Kehricht darum schert, was sich hinter dem eigenen, eingeschränkten Horizont befindet. Wir bringen ihr schließlich schon früh bei, dass Lernen eine Bürde ist und dass die Zukunft schwer auf einem lastet. Wem ich nur immer wieder vor Augen halte, dass er klein, unwissend und unfähig ist, der glaubt auch irgendwann nicht mehr daran, dass er die Welt verändern kann. Der Wille ist schon lange vorher gebrochen und die Freiheit findet dann in Videospielen statt.
Gerade erst habe ich den schönen Satz „the medium is the message“ gelesen und das beschreibt es doch ganz gut, wie ich finde.
 

 Eure Kerstin