Zeitreisen in die Gegenwart: Von Grenzgängern und Grenzpendlern

Die Entfernung, die wir von Dingen oder Menschen empfinden, richtet sich nach dem Verhältnis zu ihnen und den damit verbundenen Emotionen. Der Zahnarztbesuch, auch wenn dieser noch Wochen hin ist, liegt mir schon jetzt im Magen, aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ist gefühlt Ewigkeiten entfernt, während gleichzeitig das letzte Treffen bereits eine Unendlichkeit in der Vergangenheit zu liegen scheint. Auch wenn zwischen beidem nur eine Woche liegt. Gefühle haben eben ihre ganz eigene Zeitrechnung. Und sie lassen sich weder begrenzen, noch durch Grenzen bestimmen. Nicht umsonst spricht man von grenzenloser Liebe.

Das mit der Entfernung zu dem Geliebten und den Emotionen, die jede Trennung begleiten, liegt eben daran, dass ich, wie der Name schon sagt, den Geliebten liebe und meinen Zahnarzt eher nicht. Im Normalfall jedenfalls. So eine Sehnsuchtsliebe ist aufregend und immer auch wieder ein bisschen wie neu verlieben. Ständig hüpft man mit den Gedanken zwischen den Erinnerungen an das letzte Mal und der Vorfreude auf das nächste Zusammensein umher. Wehmut und Bauchkribbeln lösen sich nahtlos miteinander ab. Mit einem Teil des Herzens fühlt man den Küssen und Umarmungen nach, während der andere Teil die Wärme und Zärtlichkeit des nächsten Treffens förmlich schon spüren kann. Das Gefühlspendel schwingt dabei mühelos zwischen hin und her und kommt doch niemals an. Jeder Schritt, weg von der Vergangenheit, ist auch ein Schritt in die Zukunft.

Dabei vergisst man, dass es noch ein Dazwischen gibt. Leider. Denn nur auf der Grenze zwischen dem Gestern und Heute sind wir ganz. Ganz bei uns. Ganz wir selbst. Und auch ganz mit uns.

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Zeitreisen in die Vergangenheit: Zeitenwechsel

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an, eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat und wie wir nie werden wollten. Es ist Silvester 1999. Der Jahrtausendwechsel steht kurz bevor. In unserem Urlaubsresort wird das Galadinner serviert und alle, selbst die Angestellten, sind in ausgelassener Stimmung.

Mein Freund trägt einen dunklen Anzug, der seine Attraktivität noch unterstreicht, ich das Kleid aus Spitze und Seide, welches wir vor einer gefühlten Ewigkeit bei einem unserer Spontantrips in einer sündhaft teuren Boutique am Ostseestrand erstanden haben. Nur mit einer Kreditkarte und dem Cabrio waren wir mitten in der Nacht losgezogen, hatten am Strand engumschlungen dem Sonnenaufgang entgegengeblinzelt und dann abends ausgelassen getanzt, gefeiert und uns geliebt. Damals, als ich seine spontanen Gefühlsschwankungen noch aufregend fand. Konnte das wirklich alles erst ein paar Monate her sein?

Trotz afrikanischen, winterlich warmer Temperaturen ist es für mein Trägerkleidchen etwas zu kühl, oder liegt das an unser beider etwas unterkühlten Stimmung, und so kuschele ich mich in den hellgrauen, fast weißen Angora Bolero, der später Massen an Flusen auf seinem Anzug hinterlassen und für so viel Unmut sorgen wird, dass beide Seiten schmollend und bedrückt dem Jahreswechsel und der Zukunft entgegensehen.

Ein Jahr, das mehr Stoff geliefert hat, als man eigentlich bereit ist zu ertragen, geht zu Ende. Und auch gerade deswegen leisten wir uns diesen Urlaub, ja sind beinahe schon geflüchtet vor den Ereignissen, die wir daheim zurückgelassen haben. Während wir versuchen, die Stimmung nicht vollends kippen zu lassen, drehen sich meine Gedanken im Kreis.

Ein neues Millennium. Wie aufregend, ein Teil davon sein zu können. Mittendrin in der Aufbruchstimmung. Doch für uns scheint es kein Zurück aus diesem Gefängnis, welches jeder für sich und seine Gedanken und Gefühle gebaut hat, zu geben. Genauso wenig scheint ein Ausweg möglich. Dachten wir doch, wir könnten der Zeit entkommen anstatt ihr entgegenzutreten. Wäre dann nicht alles noch gut? Wäre ich dann nicht noch glücklich mit dem Mann mit gegenüber und an meiner Seite? Direkt vor mir. Das Glück zum Greifen nah. Im Grunde hatte ich es schon in den Händen.

Unser Tischgespräch schleppt sich mühsam dahin. Immer wieder schaue ich verstohlen auf die Uhr. Aus Angespanntheit, wohlwissend, dass mit dem Glockenschlag keine Erlösung eintritt, ich dann aber endlich und getrost ins Bett gehen könnte, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf und Erholung zu finden. Nicht daran denken zu müssen, dass er nach der Diagnose manisch-depressiv, auf dem Fensterbrett mit frei baumelnden Beinen gedroht hatte, zu springen, wenn ich ihn nicht lieben würde. Nicht daran denken zu müssen, dass der eigene Vater einen von sich stößt, weil man nun mal die Tochter der eigenen Frau ist. Nicht daran denken zu müssen, dass die Mutter dem Leben nichts mehr entgegen zu setzen hatte und ihre Sucht der einzige Weg war, dem allen zu entkommen.

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an. Nicht wie eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat, sondern weil wir wissen, dass schon lange vor dem Jahreswechsel ein unaufhaltsamer Zeitenwechsel begonnen hat, in dem ein Wir keine Zukunft hat.

Zeitreisen

Es ist noch nicht ganz drei Monate her, dass ich meine Reihe „Das neue Reisen“ in schon fast weiser Voraussicht vorerst ad acta gelegt habe und, vielleicht war das sogar etwas naiv, physisch auf Reisen gegangen bin. Damals, ja ich möchte es wirklich so nennen, denn gefühlt ist es ein „Damals“, war das echte Reisen durchaus möglich. Sogar die Landesgrenzen waren wieder passierbar. Schöne, neue Welt, dachte ich, dachten wir. Doch mit dem einsetzenden Herbst und den verblassenden Erinnerungen an unbeschwerte, leichte Sommertage und -abende, ist neben dem Wetter auch die Stimmung im Keller und ich physisch wieder an die eigenen vier Wände gekettet, wobei es diesmal keine Ketten sind, sondern eher so etwas wie ein Expander. Die Zügel sind etwas lockerer, der Schock aber trotzdem unerwartet heftig.

Was also tun, wenn die Ferne nicht weiter als bis zum nächsten Supermarkt reicht und dichte Nebelschwaden einen zu trüben Grübeleien anstiften? Die Zeit verformt sich, das Leben zerfasert und franst an den Rändern aus. Lose Fäden, die zu Boden fallen. Einige Zeit und noch mehr Anstrengung hat es mich gekostet, aus dem Dickicht der Untergangsszenarien wieder ans Licht zu kommen.

Nun also eine Fortsetzung des Reisens im eigenen Kosmos in etwas abgewandelter Form. Diesmal geht es weniger um Orte als um die Zeit, denn diese ist objektiv betrachtet ja immer gleich, bekommt aber je nach Ereignis eine andere Gewichtung und Bedeutung. Und so lasse ich mich ein bisschen treiben auf der Gezeitenstraße.

Vergangenes, denn das Zurückschauen, so einfach es auch erscheint, konfrontiert einen mit dem eigenen Ich. Die Gegenwart, die sich nicht fassen lässt und doch jeden Augenblick bestimmt. Zukunft, Wunschdenken und Apokalypse, ein Kaleidoskop an Ungewissem.

Zeitreisen. Horizonte und Grenzen ungewiss.

Die Sache mit der Prophezeiung

Wir alle wissen ja nur zu gut, dass alles, was wir in die Welt hinaustragen, posaunt oder händisch, in irgendeiner Art und Weise wieder zu uns zurückkommt. Die Rache des Universums könnte manch Anhänger diverser und aus dem Boden schießender Theorien es auch leichthin nennen. Theorien habe ich selbst natürlich zuhauf, konfrontiert mit der Realität, praktisch keine. Aber immer wieder gern sage ich: „Careful, what you wish for“ oder „Ungenau gewünscht“.

Tja, so ist das und in Anlehnung an meinen letzten Artikel „Der Hotspot“ kommt meine zynisch ausgesandte Gehässigkeit nun postwendend zurück. Live, in ziemlich düsteren Farben und in Form eines wohnorteigenen Hotspots mit all den durcheinander gewürfelten und undurchschaubaren Verstrickungen. Wer hätte das gedacht? Mittendrin statt nur dabei. Böse Zungen könnten jetzt vermuten und sogar behaupten, dass ich mir den Feind schließlich selbst eingeladen habe, als ich so leichtsinnig meinem Vergnügen nachgegangen bin und dann auch noch spöttisch darüber philosophiert habe. So, nach dem Motto der selbsterfüllenden Prophezeiung.

Die Schule des jugendlichen Mitbewohners versucht noch zu retten, was zu retten ist. Im neuesten und zwischenzeitlich auch schon wieder von der Wirklichkeit und den Ereignissen überholten und über den Haufen geworfenen Brief der Schulleitung, die schon längst die Führung abgegeben zu haben scheint, denn welch Akademiker würde sich sonst wohl zu der Aussage, man möge doch die in diesem Zusammenhang entstehenden Reibungsverluste entschuldigen, hinreißen lassen, folgt man den Anweisungen des Amtsapparates.

Erstens: Kein Sportunterricht mehr. Gut, nach all den Wochen sportlicher Ertüchtigung mit Maske bin ich voll dafür, die Kinder nicht weiter zu quälen. Wer schon mal Höhentraining oder andere Grenzerfahrungen in Bezug auf Sauerstoffmangel bei gleichzeitiger Erhöhung des Pulsschlages gemacht hat, kann dies nachvollziehen.

Zweitens: Klassenübergreifender Unterricht ist auch nicht mehr möglich, sondern Lehren und Lernen findet nur noch im Klassenverband statt. Heißt im Klartext, ab sofort kein Religionsunterricht mehr. Und das in Bayern, wo dieser stundenmäßig so manchem Fach überlegen ist. Eines weiteren Kommentars enthalte ich mich, wir alle müssen tatsächlich Zugeständnisse machen. Gemischte Klassen in den Fremdsprachen ist auch nicht mehr. Nun, wenn wir so weitermachen, dann reicht es sowieso bald wieder völlig aus, wenn alle nur Deutsch können, weil reisen ist ja nicht. Nicht mal im eigenen Land ist man als Gast gern gesehen, was den lokalen Dialekten vielleicht unversehens zu einem ungeahnten Comeback verhilft.

Hört sich ja nach einem Plan an. Vernunft hin oder her. Allerdings betrifft das nicht die Oberstufe, in unserem Fall die 11. und 12. Jahrgangsstufe, also die in der Allgemeinheit als unzivilisierte Verweigerer und partywütige Alkoholiker wahrgenommene Gruppe. Meine Kollegin sprach unlängst, wenn auch in einem vollkommen anderen Zusammenhang, von einem Loch im Prozess. Während ich also „Ein Loch ist im Eimer, Karl-Otto…“ anstimme, hockt der Nachwuchs gleich „Häschen in der Grube“ im Durchzug offener Fenster und im Dunstkreis des Damoklesschwertes. Etwas mehr Contenance, meinte meine Kollegin im Hinblick auf meinen spontan unqualifizierten Gefühlsausbruch und ja, Botschaft angekommen. Schließlich kann ich es wirklich nicht verantworten, noch weitere schlechte Energieströme in meine Nähe, geschweige denn, mir ins Haus zu holen. So viel lüften geht gar nicht.

„Es erschien mir logisch“

Die Ausgangsbeschränkung bringt es ja so mit sich, dass hier und da Zeit ist, die vorher irgendwie anderweitig im Raum-Zeit-Gefüge verschwunden ist. Gleichzeitig steigt der Frustrationslevel, während die Toleranzschwelle absinkt. Logisch, ein Pluspol verlangt immer nach einem Minus. Das eine kann nicht ohne das andere. Neudeutsch Yin und Yang, das wissen sogar die Chinesen, aber die lassen wir lieber mal außen vor.

Als Therapie für mein inneres Gleichgewicht schaue ich nun sporadisch Filme, vorzugsweise Action, so mit ordentlich Krawumms. Quasi als Stellvertreter zum Abreagieren. Wir kennen das ja von Weihnachten, kaum lief „Der kleine Lord“ und „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, sind die Geschenke ausgepackt und die Gans verspeist, folgt pünktlich am zweiten Weihnachtsfeiertag „Stirb langsam“ 1-4 und genreähnliche Streifen. Logisch, der Mensch braucht die Gegensätze, um ganz zu sein.

Gerade lief „Star Trek“ in der Flimmerkiste. Im Normalfall würde ich dafür keinen Strom und erst recht keine Zeit aufwenden, aber andere Zeiten erfordern eben andere Maßnahmen. Und, da ich als Kind/Teenager „Raumschiff Enterprise“ gucken durfte, hat es dann ansatzweise gepasst. Fast schon eine logische Schlussfolgerung.

Warum ich da so drauf rum reite? Ja, genau, Mr. Spock. Der spielt ja gleich zweimal mit in dem Kinofilm, also dem so gesehen ersten Teil von „Raumschiff Enterprise“. Einmal als Rookie und dann noch sich selbst. Beide Seiten der Lebensspanne, wenn mal so will, auch eine Ergänzung. Mr. Spock ist ja auch der mit den logischen Argumenten und eigentlich emotionslosen Analysen. „Es erschien mir logisch“, einer seiner Sprüche.

Und nun frage ich mich, was Mr. Spock wohl zu unserer Logik sagen würde:

Sechs Wochen lang im Lockdown und mit Ausgangbeschränkung sind wir alle ohne Mund- und Nasenschutz in den Lebensmittelladen gegangen und nun müssen wir eine Maske zum Einkaufen tragen.
Kinder unter sechs Jahren müssen keinen Mund- und Nasenschutz tragen, sind aber angeblich die Virenschleudern schlechthin und dürfen unter ihresgleichen bis auf weiters nicht in den Kindergarten und auf Spielplätze.
Geschäfte bis 800qm dürfen öffnen, aber der Lebensmittelhandel sowie Bau- und Heimwerkermärkte sind davon nicht betroffen. Gut, das wurde nun von Gerichtswegen gekippt, dafür ist aber jetzt die Anzahl der Kunden auf x/qm begrenzt, was sich anscheinend nur mit der Anzahl der Einkaufwagen zählen lässt, denn Paare müssen zwei Wagen nehmen und haben dann gleich die doppelte Chance, neben den Einkäufen auch noch die Viren und Bakterien, die sich auf den Griffen der Einkaufswagen tummeln, mit nach Hause zu nehmen. Außerdem scheinen manche gleicher als gleich zu sein, denn es gibt auch welche ohne Karren. Vielleicht sind aber auch die Wagen ausgegangen. Wer weiß schon, nach welcher Logik derzeit verfahren wird.

Der arme Mr. Spock. Ob ihm wohl wenigstens ein “Faszinierend“ über die Lippen kommen würde? Aber der lebt ja auch im 23. Jahrhundert, bis dahin ist glücklicherweise noch etwas Zeit, sich mit der Logik anzufreunden, denn im Moment erscheint mir auf Mutter Erde rein gar nichts logisch und am liebsten würde ich mich auf eine grüne Wiese im Nirgendwo hinstellen, mein Motorola RAZR von Anfang des 21. Jahrhunderts zücken, „Beam me up, Scotty“ sagen und dann unter einer Wärmelampe in den unendlichen Weiten des Weltraum im Jahre 2200 landen. Logisch, oder?

Major Tom

Hinweis zum Foto.: Es sage keiner, ich bin im falschen Film, weiß ich selber, dass das Kostüm aus „Star Wars“ ist, bin ja nicht von gestern. Hm, wo ist eigentlich die Maske abgeblieben?

Die Welt von morgen

Die Zukunft ist ja immer etwas, das wir herbeisehnen, wenn wir nicht gerade über die Vergangenheit nachgrübeln und uns fragen, was wäre, wenn.

Kristallkugel

Es ist hat ja auch etwas Aufregendes, Anregendes, sich auszumalen, was sein könnte. Das berühmte unbeschriebene Blatt über das wir unsere Träume und Wünsche streuen bis wir dann mit in der Eile der Zeit die Spuren verwischen und uns im Rückblick fragen, warum davon so wenige Realität geworden sind, nur um sie dann wieder auf ein Morgen, ein Irgendwann zu verschieben.

Genauso ist es doch jetzt. Wir fragen uns, warum wir nicht eher reagiert haben, warum man nichts unternommen hat. Und wir ertragen das meiste doch auch deswegen, weil wir die Hoffnung auf eine (bessere) Zukunft haben, versichern uns immer wieder, dass es zu irgendetwas schon gut sein wird, dass man es als Chance sehen muss. So sind wir Menschen nun mal. Vielleicht aus gutem Grund sogar. Die Welt von morgen nicht mit Positivem zu assoziieren würde keinen Sinn ergeben.

Gespannt dürfen wir alle sein, welche der Szenarien, die gerade privat, im Netz, in den Talkshows, in den Gremien gesponnen werden, es schaffen werden, sich durchzusetzen. Ganz neu, zumindest begrifflich für mich, die Idee der Re-Gnose, also der Rückblick aus der Zukunft auf heute. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat dazu einen Artikel geschrieben, der gerade viral (Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht vorhersehbar) geht. Seine Vision tut wirklich gut, sie macht Hoffnung, doch echt ist sie nicht.

Die Welt von morgen lässt sich nicht voraussagen. Vielmehr ist es doch der Wunsch nach einem guten Ende, der allen Visionen zugrunde liegt. Eine veränderte, ja bessere Menschheit scheint auf uns zu warten. Götz Werner hat einmal gesagt, dass der Mensch nur aus zwei Beweggründen lernt bzw. sich ändert, nämlich durch Einsicht oder Katastrophe. Mit der Einsicht ist es ja bei vielen nicht so weit her, wenn man mal nach draußen und so um sich schaut. Stellt sich also die Frage, ob die Katastrophe lang genug anhält, um tatsächlich eine Änderung zu bewirken. Wobei dann ja noch immer nicht gesagt ist, dass dies zum Besseren sein muss.

Das Fach Kristallkugellesen oder Kaffeesatzleserei hat gerade großen Zuspruch, aber die Zukunft wird immer anders und von Variablen beeinflusst sein, die nicht kalkulierbar sind, so gern wir das auch möchten. Und was, wenn wir uns von einer Zukunft blenden lassen, die nicht kommt? Wie groß wird dann der Schaden sein? Nicht immer hilft also ein langer Atem, um am Leben zu bleiben. Und manchmal ist das Ende einer Katastrophe erst der Anfang von dem, was kommt.

Lage(r)gespräche

Lagerkoller

Der jugendliche Mitbewohner, ein sonst der Gattung des Homo Sapiens zugehöriges Wesen, entwickelt sich mit fortschreitender Schulschließung und Ausgangsbeschränkung zum Homo ohne die dazugehörige Weisheit, wie die Dialoge der letzten Wochen aus dem Basislager vermuten lassen:

„Mami, Du musst Vorräte kaufen.“
„Nein, wir haben genüg für mindestens zwei Wochen.“
„Mami, Du musst Wasser kaufen.“
„Warum sollte ich Wasser kaufen? Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Außer ich habe da was nicht mitbekommen und der Virus ist auch einer, der die Stromnetze angreift.“ Marc Elsberg und ‚Black Out‘ lassen grüßen. Ok, vielleicht kaufe ich doch ein paar Getränke und Lebensmittel.

***

„Mami, das ist voll gefährlich, man kann sich immer wieder anstecken.“
„Ja, Grippe und Husten und Schnupfen kann ich auch immer wieder kriegen, aber nur, wenn es ein anderer Erreger ist. Das ist ein Virus, kein Bakterium. Ergo, ist man dann erst mal immun. So lange, bis er mutiert.“

***

„Mami, weißt du, dass das Augustiner Bier auch in China produziert wird?“
„…“ Herr, lass Hirn vom Himmel fallen.

***

„Mami, …“
„Nein, bitte keine neuen Verschwörungstheorien mehr. Ihr müsst wirklich nicht jeden Mist glauben, der im Internet steht. Hast Du eigentlich mal Deine Schulsachen gemacht?“
„Nein, die Website geht doch nicht.“
„Hast Du es denn mal probiert heute?“
„Nein.“
„…“ Ich glaube, das mit dem Bier stimmt und der Nachwuchs hat einfach zu viel davon getrunken und sich mit weiß Gott was infiziert.

***

Mami, die schieben alle voll‘ Panik.“
„Also, das ist eine bessere Lungenentzündung. Vor allem für Leute in Deinem Alter.“
„Aber eins sag‘ ich Dir, Du stirbst zuerst.“
„Jaaa, wenn es nach der Ordnung der Dinge geht, sterbe ich vor Dir. Davon gehe jetzt mal ich aus.“ Gut, ich kann für nichts garantieren. Die Rate der häuslichen Gewalt soll ja steigen, so die Prognosen. Außerdem ändert sich heutzutage ja nahezu täglich etwas und die Dinge geraten zusehends in Unordnung.

***

„Mami, es ist nichts zu essen da.“
„Oh bitte, ich habe extra mehr eingekauft. Wir kommen mindestens vier Wochen ohne Einkaufen aus. Es ist dann am Ende vielleicht nicht mehr Witzigmann, aber verhungern tun wir nicht.“
„Es sind aber keine Süßigkeiten mehr da.“
„Ja, dann musst Du Dir das eben besser einteilen. Ich gehe nur noch einmal die Woche einkaufen. Und was nicht auf der Liste steht, kaufe ich nicht.“
„Kann ich dann die Anzahl dahinter schreiben?“
„…“
„Echt jetzt, im Kühlschrank sehe ich sonst nur Salat.“ Irgendwie scheint der fehlende Sauerstoff und Vitamin D Mangel den Sehnerv anzugreifen. Oder Einfluss auf das farbliche Sehen zu nehmen, denn der eine einsame Salat scheint alles andere im Kühlschrank förmlich zu überstrahlen. Hm, vielleicht kommt der aus der Nähe von Tschernobyl oder Fukushima. Ich glaube, das sind erste Anzeichen, für was auch immer.

***

„Mami, ich glaub ich hab‘ Corona.“
„Wieso das denn?“
„Ich habe so Halskratzen.“
„Hm…“
„Und meine Nase läuft auch die ganze Zeit.“
„Das ist kein Corona. Das ist maximal eine Erkältung.“
24 Stunden später
„Mami, ich habe einen Hexenschuss.“
„Wie hast Du das denn gemacht?“
„Beim Haare trocknen.“
„Äh…“ Irgendwas stimmt da nicht mit der Telefonleitung. Oder das ist der verstrahlte Salat. Oder das mit dem Bier stimmt doch. „Beim Haare trocknen?“
„Ja, es tut so weh im Rücken. Im Brustwirbelbereich.“
„Das ist kein Hexenschuss. Das kommt von zu wenig Bewegung und dem starren Blick auf viereckige Bildschirme.“ Hilfe, der Nachwuchs wird zum Hypochonder. Vielleicht kaufe ich besser ein paar Süßigkeiten, Zucker soll ja bekanntlich Glückshormone ausschütten.

***

„Mami, eigentlich müsste man doch jetzt in Aktien investieren.“
„Die Anleger sind da aber wohl gerade nicht so ganz dieser Meinung.“
„Sollte man nicht gerade dann einsteigen und Aktien kaufen? Wenn es dann wieder alles normal ist, dann steigt die Aktie doch.“
„Ja, normalerweise, aber wer weiß denn schon, wann und welches Unternehmen. Da müsste man dann schon streuen und sich nicht auf eine Aktie verlassen. Aber da kenne ich mich nicht wirklich aus.“
„Vielleicht irgendein kleines Unternehmen. Oder ein Start-up.“
„Also, die sind für gewöhnlich nicht an der Börse.“
„Dann Lufthansa.“
„Ja, könnte mir vorstellen, dass sich die relativ zügig erholen. Je nachdem, wie lange die Krise anhält und wer die meisten Reserven hat.“ Danke, wer auch immer sich angesprochen fühlt, es ist doch noch nicht alles verloren und das Gehirn des jugendlichen Mitbewohners funktioniert zumindest phasenweise noch.

***

Ich bin mir sicher, das ist noch lange nicht das Ende der Lage(r)gespräche, die mitunter auch den fortschreitenden Lagerkoller widerspiegeln. Von Lichtblicken mal abgesehen. Und die Leute mit Blick in die Zukunft sind ja auch der Meinung, dass in solchen Zeiten der Fokus wieder auf der Besinnung auf die Familie und das Miteinander liegt.

Am meisten würde mich aber interessieren, wie diese Zeit an die nächste Generation weitergegeben wird und was zukünfitige Generationen über diesen Teil der Weltgeschichte denken werden. Und so hoffe ich, dass ich doch noch ein Weilchen auf dieser Erde wandeln darf und eventuell ein kleines bisschen davon miterleben kann.

Die rosarote Brille

img_0631Das Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Speicherplatz. Nein, ehrlich. Die Daten an sich mögen ja so ziemlich am sichersten Aufbewahrungsort der Welt sein, denn die Fähigkeit des Gedankenlesens liegt nach wie vor (noch) im Bereich der Utopie. Dass aber der Produzent und Eigentümer selbst oftmals genauso vor verschlossenen Türen steht, erscheint bisweilen recht bizarr und erst recht unbegreiflich.

Keine Erinnerung, die unsere zig Milliarden Nerven nicht in ein neues Gewand kleiden und beim Datenabruf in abgeänderter Version wiedergeben. Es ist in gewisser Weise wahrlich ein Armutszeugnis für den weisen Menschen. Warum das so ist? Das ist inzwischen ganz gut erforscht. Es ist nämlich so, dass unser Gehirn erst einmal jedes Ereignis in verschiedenen Regionen „lagert“. Es geht dabei um Gefühle, Ort und Zeit sowie die Geschichte dazu. Wenn wir uns dann erinnern, fügt unser Gehirn die Einzelteile wieder zusammen und ersetzt schlicht und ergreifend fehlende Puzzleteile durch plausibel erscheinende. Wichtig scheint nur der Kern zu sein. Schon nach einem Jahr entspricht nur noch die Hälfte der Erinnerungen dem tatsächlich Erlebten. An dieser Tatsache ist nun auch nicht viel zu ändern und man ist immer wieder erstaunt, wie unzuverlässig und fehlerhaft die Erinnerungen sind. Meine letzte Erfahrung hat mich dahingehend richtiggehend in Selbstzweifel gestürzt. Und das kam so:

Vor ca. zwanzig Jahren las ich den Roman „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, den sicherlich der eine oder andere kennt. Das Buch hat mich seinerzeit so in seinen Bann gezogen, dass damals nicht viel gefehlt und ich mich auf den Jacobsweg nach Santiago de Compostela gemacht hätte. Zu einer Zeit, als das (Fern)Wandern noch nicht so in und medienwirksam war und lange vor Hape Kerkeling. Hinzufügen muss ich, dass kurz vorher meine Mutter verstorben war, mein damaliger Freund als manisch-depressiv diagnostiziert wurde und ich so ziemlich durch den Wind. In meiner Vorstellung wäre der Pilgerweg eine Möglichkeit gewesen, mit dem Verlust und Schmerz fertig zu werden und einen Weg zu finden, wie es weiter gehen soll. Nun, letzten Ende hat mir der Mut gefehlt, der materielle wohlgemerkt. Meine Bedenken, was dann mit meiner Arbeit, mit meinem bisschen Hab und Gut werden würde, waren zu übermächtig, was mir heutzutage einfach nur kindisch, naiv, ja sogar lächerlich vorkommt. So habe ich das Vorhaben erst mal in die unbestimmte Zukunft verschoben und letztendlich aufgrund der touristischen Massen und Medien ganz aufgeben. Und, klar, ich habe es immer bereut.

Zurück zum Thema: Im Rahmen meines Projektes „Sieben auf einen Streich“ ist mir besagter Roman und seine nachhallende Wirkung wieder eingefallen und ich habe mir den Schinken erneut zu Gemüte geführt. Auch irgendwie in der Hoffnung, die damaligen Gedankengänge nachvollziehen zu können. Tja, und jetzt kommst: Der Part, bei dem es um den Weg nach Santiago de Compostela geht, umfasst gerade mal so 50 Seiten. Von 1151 Gesamtseiten. In der Taschenbuchausgabe. Und man muss auch schon an die 800 Seiten weit lesen, um überhaupt erst an diesen Punkt zu gelangen. Und es geht auch irgendwie so gar nicht um den Jacobsweg und das Pilgern, sondern dieser ist nur ein Weg, dem Held und Heldin (also zwei aus der Reihe an Protagonisten) folgen. Nicht mal das Zueinanderfinden der beiden passiert auf dem Weg selbst.

Wie konnte mir mein Gedächtnis nur so einen Streich spielen? Meine jahre-, ach was jahrzehntelange Obsession ist ein Nebenschauplatz und hätte meiner heutigen Ansicht nach fast überall stattfinden können. Ich bin gerne bereit, Nachsicht walten zu lassen und mir einzugestehen, dass meine Nerven seinerzeit recht angespannt waren und vielleicht das eine oder andere zu meinem Schutz in der Erinnerung umgeschrieben haben. Ähnlich wie bei einem Trauma. Aber dass mir gleich so eklatant eine rosarote Brille aufgesetzt wird, lässt mich ziemlich verdattert aus dieser schauen. Was mag mein Hirn sich sonst noch so zusammen gereimt haben? Wenn ich es hochrechne, dann dürften nicht mal fünf Prozent meiner Erinnerung wahr sein. Es ist erschütternd, sich einzugestehen, dass es nichts Unzuverlässigeres zu geben scheint als die eigenen Erinnerungen. Doch wozu dann diese überhaupt speichern? Die Antwort der Forscher ist ganz einfach: Für die Zukunft. Denn beides, Erinnerung und Zukunft, werden von ein und demselben Areal aus gesteuert. Es zeigt sich, dass die Gedanken an morgen nur funktionieren, wenn wir über so etwas wie Vergangenheit verfügen und beides in Relation setzen. Auch eine Erklärung dafür, warum Kinder so vertieft im Hier und Jetzt sind, während wir großen Kinder uns mit jeder Entscheidung so schwertun und ständig von dem, was kommt/kommen könnte eingebremst zu sein scheinen? Mag sein. Eine Zukunft frei von jeglicher Erfahrung gestalten zu können, wäre sicherlich unbeschwert und gleichzeitig undenkbar.

Die rosarote Brille färbt also nicht nur die Erinnerung, sondern ist auch ein verschwommener Blick nach vorn. Von daher werde ich nun beim Anblick meiner hauseigenen Bibliothek nicht nur mehr in Erinnerungen schwelgen, sondern die vorhandenen Werke einer neuerlichen Prüfung unterziehen. Eine Bestandsaufnahme, ob diese der Gegenwart gerecht werden. Somit pilgere ich quasi literarisch, denn die Idee des Jacobsweges ist nach wie vor von der Wunsch-/todo-Liste gestrichen. Manchmal tut es nämlich auch erstaunlich gut, nicht jedem unerfüllten Traum hinterher zu trauern.

Gedanken eines Knopfes

„Sie haben sich falsch zugeknöpft“, ruft mir die Verkäuferin quer durch den Laden zu. Ein Blick an mir herunter bestätigt ihre Aussage. Meine Jacke hängt schepps und schräg an mir herunter. Irgendwie passend. Und absolut stellvertretend, was meine geistige Zurechnungsfähigkeit betrifft.

Falsch zugeknöpft – schief gewickelt, kommt mir in den Sinn. ‚Dafür wurde der Reißverschluss erfunden‘, höre ich die Gedanken der Verkäuferin. Für Leute wie mich, die beim Knöpfen scheinbar immer in der Mitte anfangen, statt oben oder unten, denn damit könnten solche Fehlstellungen ja auch vermieden werden.

Ansichtssache

Wenn ich dann so an meine Zukunft denke, stelle ich recht schnell fest, dass sich meine Wünsche dahingehend doch wenig mit meiner objektiven Einschätzung decken. Heißt das nun, meine Wünsche sind so unrealistisch? Oder bin ich so pessimistisch? Vielleicht bin ich auch nicht so mutig wie ich mir einbilde zu sein. Finde zu viele Argumente, warum etwas nicht funktioniert. Lasse mich treiben anstatt selbst die Kontrolle zu übernehmen. Vertraue auf die Zeit, die ich noch habe, alle Wünsche, wenn nicht schon zu erfüllen, so doch wenigstens anzupacken, dabei immer allzu gern die Tatsache verdrängend, dass die Zeit verrinnt – unbeeindruckt von meinen Wünschen.

Haben mich meine Eltern und alle anderen lebenswegbeeinflussende Persönlichkeiten schief gewickelt? Auf einen Weg gebracht, der schepps und schräg ist? Unmöglich, ihn zu gehen? Oder bin ich es, der einfach nicht in der Lage ist, die Löcher und ihre Gegenstücke in der richtigen Reihenfolge zusammen zu bringen?

„Das passiert mir immer“, entgegne ich kleinlaut, denn etwas Besseres fällt mir nicht ein. Und stimmen tut es auch. Meistens. Irgendwo steckt ein festgezurrter Knoten, der mich auf meiner Lebenslinie nicht weiter vorankommen lässt. Ich will mich aber nicht einwickeln lassen, eingeschnürt, bewegungsunfähig und keine Luft zum Atmen. Und schon gar nicht will ich, dass an mir herum gerissen wird, mich wie die Zähne im Reißverschluss festbeißen, eingepfercht werden und keinen Platz zum Rangieren haben.

Ich bin eben wie ein Knopf. Eine Insel im Ozean der Möglichleiten. Um mich der Wind, der durch die Löcher und Zwischenräume fegt und meine Träume beflügelt. Und das mit der Jacke lasse ich jetzt so. Haken dran.

 

Eure Kerstin

Sechs Wörter für die Zukunft

Leseecke

Schreibe eine sechs-Wort-Geschichte, von der Du denkst, dass Sie Deine Zukunft beschreibt.

Der Sache mit der Zukunft hatte ich mich ja schon mal in meinem Beitrag „Lebenslinien“ genähert. Und nun also der nächste Versuch, es von einer anderen Warte zu betrachten.

Das Leben, respektive die Zukunft in sechs Wörtern einfangen – keine leichte Aufgabe. Schließlich wollen wir alle ein reichhaltiges, abwechslungsreiches, spannendes und einzigartiges Leben. Und da sollen sechs Wörter diesen Kosmos an Möglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten abdecken?

Nun, es ist eigentlich gar nicht so schwer und manchmal lassen sich sogar ganze Geschichten damit erzählen.

Anschluss verpasst. Seelenanker gesucht. Ausgang ungewiss.

Probiert es ruhig selbst einmal. Selbst Hemingway schrieb einmal eine solche: „For sale: baby shoes. Never worn.“ Diese Übung wird im Übrigen immer wieder gern als Schreibaufgabe eingesetzt. Wobei es hauptsächlich eine Hirnaufgabe ist. Hirngespinste eben. Und es erstaunt mich ebenso immer wieder, wieviel man mit nur sechs Wörtern aussagen und ausdrücken kann.

Eure Kerstin

P.S.: Die Leseecke verdankt ihren Ursprung den Schreibaufgaben/Übungen im „The Daily Post“. Info für alle, denen „The Daily Post“ kein Begriff ist: Hierbei handelt es sich um eine Website von wordpress.com (wo auch mein Blog registriert ist), auf der täglich Themen, Fragen und Aufgaben an alle Nutzer verteilt werden, die man dann über den eigenen Blog verarbeiten kann.