auf halber Strecke – Endstation

PendelzugManchmal werden aus etwas nicht ganz so Gutem Geschichten, die einen über den Verdruss hinweghelfen. Wie mein mal mehr, mal weniger zu Tage tretender Unmut über das Pendeln im öffentlichen Nahverkehr zu den Episoden des menschlichen Zuges und dieser Kolumne.

Und manchmal wird etwas nicht ganz so Gutes auch selbst Geschichte, nämlich dann, wenn das Pendel zu sehr auf einer Seite hängt, das Leben Schräglage bekommt und aus den Gleisen zu hüpfen droht. Insofern war für mich unlängst Endstation. Der Aufwand und die Energie für den Job zu gewaltig.

Nun stelle ich also mein Pendlerschuhwerk und meinen Thermoskaffeebecher erst einmal in den Schrank und lösche die Bahn-App von meinem Handy. Ein bißchen Wehmut ist mit dabei, das gebe ich zu. Es fiel nicht leicht, mir einzugestehen, dass das ganze Konstrukt von Arbeit, Arbeitsweg, Freizeit- und Privatleben mehr als eine Belastung war und unter dieser zusammen zu brechen drohte. Für mich und alle drum herum. Aufgeben war lange keine Alternative. Doch irgendwann musste selbst ich einsehen, dass es so nicht weitergehen konnte.

Und nun? Andere Richtung einschlagen. Neuanfang. Nach…mal kurz nachrechnen…knapp zwanzig Jahren, bewerkstellige ich meinen neuen Arbeitsweg wieder per PS-Vehikel. Eigentlich kann ich das ganz gut vertreten. Zwei Jahrzehnte mit dem Rad beziehungweise dem ÖNPV machen sich, wie ich finde, ganz gut in meiner persönlichen Klimabilanz. Für die tägliche Fahrt mit dem Zweirad befindet sich mein neuer Schreibtisch knapp über der Grenze, um die Distanz in Arbeitskleidung zurück zu legen. Bei gutem Wetter allerdings eine Überlegung wert, auch wenn das Umziehen auf der Toilette umständlich ist. Kürzlich konnte ich das ausgiebig im Rahmen eines „ökoligischen“ Monats testen, aber das ist eine andere Geschichte. Und die Verbindung mit den Öffentlichen ist so umständlich und noch zeitraubender als der Weg ins Zentrum der bayerischen Hauptstadt, was ich ebenfalls zur Genüge testen durfte.

Dies ist also auch für die Episoden „auf halber Strecke“ die Endstation. Gern hätte ich das Dutzend voll gemacht, aber das Leben verläuft oft anders als geplant. Und das ist auch gut so. Immer dabei und mittendrin.

auf halber Strecke – Episode 4

PendelzugNeulich auf halber Strecke, da treffe ich einen ehemaligen Klassenkameraden. Er selbst ist erst seit diesem Tag Pendler, hat eine neue Stelle in der Innenstadt. „Willkommen im Club“, beglückwünsche ich ihn, wobei mein Unterton sicherlich verrät, dass es sich beim Club der Pendler eher um einen Verein leidgeprüfter Steuerzahler der Mittelklasse, die das Rückgrat unseres Sozialstaates bildet und diesen am Laufen hält, handelt.

Eine Weile reden wir über die Vorzüge und Nachteile des öffentlichen Nahverkehrs. „Ja, da wo ich einsteige kriege ich selten noch einen Sitzplatz. Ist aber nicht so tragisch. Nach all der Zeit, die man sitzend am Schreibtisch verbringt.“ So, als ehemalige Klassenkameraden schleppt sich die Unterhaltung, ähnlich stockend der Zugfahrt zur Hauptberufszeit, dahin. Vor gefühlten Ewigkeiten waren wir so gesehen ja schon einmal Leidensgenossen, pubertierend und im jugendlich-aufbegehrenden Geiste vereint gegen das Spießertum der Elterngeneration und den unfähigen, in ihren Lehrmethoden eingefahrenden Lehrern. Jetzt, dreißig Jahre später, hat uns die Gesellschaft geformt, geprägt und auf unsere Plätze verwiesen. Und doch ist ein Funke des Aufbegehrens geblieben: „Wir wohnen jetzt da, wo es uns gefällt und nicht da, wo die Arbeit ist. Lieber pendele ich.“ Ja, das klingt gut. Ich hatte auch mal einen Freund, der diese Einstellung vertreten hat. Das Ende war, dass er wirklich traumhaft gewohnt hat, aber von Arbeit weit und breit keine Rede war. Irgendwann muss er dann umgezogen sein, dahin, wo Arbeit ist.

„Was machen die Kinder?“, will ich wissen, um die drohende Stille trotz übervoller S-Bahn abzuwenden. „Ich komme gerade von der Tochter. Die wohnt in der Innenstadt.“ Ah, da wo die Arbeit ist. Junge Leute sehen das anders. So war ich auch mal. Nun „zwinge“ ich den Nachwuchs, in einem Vorort der Großstadt zu leben. So lange, bis auch er sich in Richtung eigenständigem Leben in Richtung Lichterglanz und Nachtleben davon machen wird. „Der Sohn ist gerade auf Weltreise. Findungsphase, bis er weiß, was er machen will.“ Beide Kinder aus dem Haus. Schön, denke ich. Ein Leben so ganz ohne Erziehungspflichten.

„Warst Du eigentlich auf dem Klassentreffen im Sommer?“ Ich stocke. Er erinnert sich tatsächlich nicht an mich. Nicht wirklich. Ein nichtssagendes Gesicht in der Menge der Ehemaligen. „Doch, doch, ich war da“, und bin fast versucht hinzufügen, dass ich die auf dem obligatorischen Foto war, deren halbe Brust aus der Bluse fällt. Vielleicht erhöht das meinen Wiedererkennung- und Wiedererinnerungswert beim nächsten Mal. Sei es auf dem Klassentreffen oder im Zug. Und gleichzeitig hoffe ich, dass der ehemalige Klassenkamerad zukünftig zu anderen Zeiten pendelt. Wobei ich auch die Hoffnung hege, dass ich vielleicht einmal dort wohne und arbeite, wo es mir gefällt. Dann könnte ich sagen, ich lebe.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 2

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ich mache mich gerade bereit zum Aussteigen, dränge mich durch die Menschenmassen in Richtung Tür.

Hinter mir höre ich, wie sie sich bei ihm erkundigt, wie das Wochenende so war. Aha, zwei Kollegen. Oder vielleicht auch nur gemeinsame Bahnfahrer, die dann getrennter Wege gehen. Oder sogar Bekannte/Freunde, die sich zufällig im morgendlichen Pendelverkehr getroffen haben.

„Wir waren zu Besuch bei meinem Cousin“, antwortet er. Verwandtschaftsbesuch, das kann im Grunde alles bedeuten. „Der wohnt in Königsbrunn“, fährt er fort. Oh, cool, denke ich. Da gab es früher eine Therme, eigentlich eher sowas wie ein Erlebnisbad. Meine Jungendclique und ich sind da hin und wieder gewesen. Ich glaube, ich war dann nochmal mit meinem Jungendfreund. Lang, lang ist es her. Eigentlich sollte ich wirklich mal wieder zum Schwimmen oder in die Sauna gehen. Wobei Schwimmen besser nur bei über 30° Außentemperatur und mindestens 24° warmen Wasser. Also eher so ein bisschen Whirlpoolplantschen vielleicht.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, ich vernehme noch wie er sagt: „Und ach…“, und dann eine Pause macht. Ich stutze. Was dieses ‚Ach‘ wohl alles impliziert? Komplizierte Familiengeschichten, zerrüttete Verhältnisse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, Streit in allen Nuancen, Mitleid, unglückliche Umstände, Neid, Intrigen, Konkurrenzdenken, Machenschaften, Missgunst, Verachtung, Ungerechtigkeiten, eben die ganze Bandbreite familiärer Tragödien, die Blutsverwandte sich gegenseitig antun und erdulden.

Und ich denke an meine Freundin, die immer sagt: „Unter jedem Dach ein ‚Ach‘.“ Wie recht sie doch hat. Und manchmal reicht ein mit einem Seufzer ausgesprochenes ‚Ach‘, um all das in diesem einen Wort auszudrücken.

Irgendwie hätte ich gern noch das Ende des Gesprächs gehört. Und sei es nur, um den Gedanken an mein eigenes ‚Ach‘ zu entkommen. Doch im Gedränge des montäglichen Menschenstroms, der sich aus der S-Bahn in Richtung der wartenden Schreibtische ergießt, verliere ich den Anschluss und bleibe so für eine weitere Runde im Gedankenkarussell sitzen.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Episode 1

PendelzugNeulich auf halber Strecke, über Nacht sind die Temperaturen auf empfindliche Minusgrade gefallen. Die Bahn fährt trotzdem. Sogar pünktlich. Fast. Nur 5 Minuten Verspätung.

Dafür geht die Heizung nicht. Mal wieder nicht, aber das kennt man ja. Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, also warum sollte im Winter dann die Heizung funktionieren. Das wäre schon ein Widerspruch in sich. Nun gut, ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Denn irgendwie scheint jemand anstatt der sonst üblichen Standardbahn den Kurzzug aus dem Depot geholt zu haben. Schon an der nächsten Station ist es also schon recht beengt. Missmutige Mienen und vereinzeltes Grummeln ist vernehmbar. Ob das an der Verspätung, dem verkürzten Zug oder der nicht heizenden Heizung liegt, lässt sich nicht so genau trennen.

Mir gegenüber sitzt eine Frau und telefoniert. „Ja, ja, die S-Bahn fährt. Na ja, wir fahren so dahin.“ Das stimmt, wir tuckern eigentlich mehr. „Dafür haben sie die Heizung vergessen“, fügt sie hinzu. Auch das stimmt. Alle Passagiere sitzen zusammen gekauert in dieser typischen starren Haltung, die man einnimmt, wenn der Körper versucht, das bisschen Restwärme für alle lebenserhaltenden Organe zu sichern. Jedenfalls komme ich mir so vor. Die Handschuhe habe ich beim Einsteigen unvorsichtigerweise ausgezogen. Inzwischen kann ich die Seiten meines Buches kaum noch umblättern, so steif sind meine Finger. Dafür sehe ich meine Atemwolken.

„Ne, nach draußen kann man nichts sehen, die Fenster sind zugefroren“, setzt die Handynutzerin den Gesprächspartner noch in Kenntnis. Ja, stimmt exakt. Eisblumen kommen mir in den Sinn und ich muss an eine Wohnung, die ich vor Urzeiten einmal bewohnt habe, denken. Die Fenster waren einfach verglast und es gab nur fließend kalt Wasser und in zwei von vier Zimmern einen Kohleofen. Da waren im Winter auch Eisblumen an den Fenstern und es war weiß Gott nicht so romantisch, wie das in vielen Filmen immer rüberkommt.

Nach zwei Stationen ist es nicht wirklich wärmer, aber mittlerweile so gedrängt voll, dass ich von meinem Sitzplatz jeglichen Augenkontakt zu den dicht an dicht stehenden Mitreisenden vermeide, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei, vielleicht habe ich doch die schlechteren Karten, so enger Körperkontakt soll ja bekanntlich dem Erfrierungstod entgegenwirken. Mein Vater pflegte ich in solchen Situationen mir immer recht altklug den Rat zu geben, ich solle mir doch warme Gedanken machen. Ob es wohl drinnen mittlerweile kälter als draußen ist?

Die Frau gegenüber sitzt stumm vor sich hinbrütend da. Ich hege den Verdacht, dass der Akku aufgrund der Kälte den Geist aufgegeben hat. Auf die Raumtemperatur im Gesamten wirkt sich die Menschenmenge jedenfalls auch nach einer halben Stunde Fahrt nicht aus. Die meisten scheinen nur innerlich zu kochen.

Apropos halbe Stunde, da sollte ich eigentlich schon seit einer Minute an meinem Zielbahnhof angekommen sein. Aufgrund der gemächlichen Schleichfahrt heute, fährt die Bahn aber erst mit zwanzig Minuten Verspätung ein. Ob das nun dem Wetter geschuldet ist, oder um die Passiere zu quälen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls laufe mit Eisblöcken an den Füßen los, um wenigstens einigermaßen pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. So fällt mir dann auch erst bei der Heimfahrt, als ich abends auf dem Bahnsteig warte, auf, dass die Anzeigentafeln, welche seit Monaten nichts oder nur vereinzelte Striche ausgewiesen haben, wieder funktionstüchtig ihren Dienst tun. Tja, man muss bei den Instandhaltungsmaßnahmen eben Prioritäten setzen, überlege ich. Entweder Anzeigentafeln oder Heizung.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Tatort des Monats September

Ich glaube, das ist eine Premiere: Ein ungeplanter, unfreiwilliger Tatort.2016_09

 Tatort: Irgendwo auf dem Weg zwischen Büro und Bahnhof.

 Tatbestand: Schal (leider nur ein Tatortfoto verfügbar)

Tatortsäuberung: Erübrigt sich sozusagen. Leider. Da ich den Zug erreichen musste und mal wieder auf den letzten Drücker (das mache ich noch schnell fertig) aus dem Büro gestürmt bin, wurde bei gefühltem Tempo 50km/h mit dem Fahrrad die Verspätung wett gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste, wie ich am Bahnhof feststellen musste. Natürlich blieb keine Zeit mehr, um zurück zu fahren. Und wie erwartet blieb auch die spätere Inspektion nach der Rückkehr erfolglos. Sehr schade und traurig. Der Schal war wirklich schön und kuschelig. Warum es immer die Lieblingsdinge sind, die man verliert, ist mir ein Rätsel. Nun wird der Staffelstab eben an einen anderen Schal weitergegeben. Sind ja noch genug da, wie ich beim Blick in die Schublade feststellen konnte.

 

 

 

Von Pferdestärken und anderen Forbewegungsmittlen

Ich will Spaß, ich geb‘ Gas“ – das war mal ein Hit. Im Film, Funk und Fernsehen. Und nicht nur wegen der Frisuren und Kleider ein sehenswertes Video. Ich sage nur Schlagzeug. Gut, Schluss mit Lustig.

Fragt man den einen oder anderen Erdbewohner, was ihm zu Deutschland einfällt, dann sind unsere Autobahnen ganz vorne mit dabei. Und die Tatsache, dass man hierzulande noch so richtig Gas geben darf. Vom Können will ich hier man nicht sprechen, denn entweder sind die Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung von linksfahrenden Hutträgern zugeparkt, oder es finden die berüchtigten Elefantenrennen statt, oder Ferienanfang/-ende fallen mit kilometerlangen Baustellenarbeiten zusammen. Also, freie Fahrt ist jedenfalls was anderes.

Ja, ich fahre gerne schnell. Macht Spaß, da hatte der Sänger recht. Zum Glück fährt mein Auto nicht so schnell wie der besungene Maserati es kann, beziehungsweise ich es hin und wieder gern möchte (s.o.). Und es ist auch recht uncool. Deutsche Mittelklasse. Fünftürer. Diesel. Nur gehegt und gepflegt wird es nicht. Jedenfalls nicht so. Ist ja auch ein Auto und soll mich von A nach B bringen. Mehr nicht. Insofern hält sich der Spaß in Grenzen, aber der Sänger hatte ja auch im Film eine Vespa und keine Seifenkiste mit 170 Pferden unter der Haube.

Auto

Wirklich bewegt wird es auch nicht, mein Gefährt. Der Kundenberater aus dem Autohaus meint bei jedem saisonalen Reifenwechsel, meine Bremsbeläge seien verrostet. Nun gut, dafür sind die Reifen nicht abgefahren und mehr als 6000 Kilometer pro Jahr kommen auch nicht auf den Zähler. Soviel fährt mein Chef locker in zwei Monaten. Aber der wohnt auch nicht nur knappe drei Kilometer von seinem Schreibtisch entfernt. Ok, er muss natürlich auch noch den einen oder anderen Termin anfahren. Dafür werde ich immer mal wieder auf meinen Drahtesel angesprochen, mit dem ich jeden Tag zur Arbeit fahre. Bei Wind und Wetter. Nur bei geschlossener Schneedecke nehme ich mal den Bus, wobei ich das auch schon gelaufen bin. Spart CO2 und kostet Kalorien.

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Mein fahrbarer Untersatz wird also so gesehen nur einmal in der Woche bewegt. Zum wöchentlichen Samstagseinkauf. Gas geben ist da natürlich nicht drin. Das geht nur bei Urlaubsfahrten, die nicht per Flieger beziehungsweise Bahn angesteuert werden. Wobei, das mit dem Gas geben hatten wir ja oben schon geklärt.

Das Flugzeug kommt immer seltener als Transportmittel zum Zuge. Anfang des Jahres war ich auf der Reisemesse eines Outdoorspezialisten, die bei uns stattfand und ein Sitznachbar bei einem Vortrag erzählte, dass er seinen Sommerurlaub bereits gebucht habe. Wandern in Kenia. Oder war es Kuba? Im Grunde auch egal. Nach meiner Antwort, dass man auch in der Nähe sein Fernweh auskurieren könne und die Alpen ja schließlich direkt vor der Haustür liegen würden, schien er ganz erstaunt und wollte wissen, was ich denn so alles empfehlen könne und schon gemacht hätte. Gut, war eventuell auch eine Masche und die Einladung zum Kaffee habe ich dann abgelehnt, was mich nun doch etwas wurmt. Aber das ist ein anderes Thema.

Nur mal so für die Aktennotiz: Ein Flug nach New York schlägt mit 4 Tonnen CO2 zu Buche. Statistisch gesehen stehen jedem von uns aber nur 2,7 Tonnen zur Verfügung. Um also meine Bilanz meines bisherigen Lebens auszugleichen, dürfte ich wohl bis an mein Lebensende kein Stahlvogel mehr betreten. Wäre bestimmt machbar, wenn ich da an das Buch „Fliegen ohne Flügel“ denke, aber ob das so der Weisheit letzter Schluss ist? Wohl werde ich aber beim nächsten Flug die freiwillige Umweltabgabe berappen. Das löst selbstverständlich nicht das Problem, aber vielleicht bringt es doch was. Das muss ich nochmals genauer unter die Lupe nehmen.

Zugfahren hingegen finde ich klasse. Man kann rumlaufen, hat echte Beinfreiheit und es gibt eine ganz ordentliche Speisekarte und kein Einheitsessen. Und ich kann wirklich stundenlang raus schauen. Unschlagbar ist allerdings das Unterhaltungsprogramm.

Spaß

Unlängst waren der jugendliche Mitbewohner und ich auf einer Fahrt auf der Nord-Süd-Achse der Republik unterwegs und kurz nachdem wir die schöne Elbmetropole verlassen hatten, stoppte der Zug. Mitten auf der Strecke. Da stand er nun. Nach vielleicht fünf Minuten fiel das sogar dem Nachwuchs auf. Teenager brauchen ja manchmal etwas länger. Ich meinte dann, dass die Kuhherde erst noch über die Gleise getrieben werden müsse. „Echt???“ Das sollte eigentlich ein Scherz sein. War es aber nicht, denn nach Wiederaufnahme der Fahrt im Schneckentempo meinte der Schaffner/Zugbegleiter – also der mit der Mikrofonhoheit – dass sich Tiere auf den Schienen befänden und man die Fahrt erst mal nur langsam fortsetzen könne. „Sag‘ ich doch“, war meine Reaktion und fand den geernteten Blick zum Wiehern komisch.

Irgendwann kam der mit der Zange, um die Fahrscheine abzuknipsen. Der Herr schräg hinter mir durchwühlte alle Taschen, konnte aber nur Platzreservierung und Quittung finden. Zwei Damen und ich konnten nicht umhin, kostenlose und hilfreiche Tipps beizusteuern. Der nette Herr mit der Zange meinte, es käme nochmals wieder, dann könne man ja in Ruhe suchen. Genau da tauchte natürlich das Ticket auf, was der Fahrgast zu bedauern schien: „Hätte mich jetzt interessiert, was passiert wäre, wenn ich den nicht gefunden hätte. Ob ich dann wohl aus dem Zug geworfen worden wäre?“, sinnierte er. Die Damen und ich mussten grinsen. Kopfkino.

Doch damit nicht genug. Kurz darauf wieder eine Durchsage: „Im Wagen vier befindet sich ein schwarzer Koffer, der immer hin und her rollt. Der Besitzer wird gebeten, sich zu melden. Ansonsten wird der Koffer am nächsten Bahnhof aus dem Zug befördert.“ Leicht nervöses Kopfrecken bei den Mitreisenden. Und dann konnten wir uns vor Lachen kaum halten, als ich sagte, dass wir nun doch noch einen Zugrauswurf erleben würden. Leider folgte die Entwarnung auf dem Fuße. Schade, das Räumkommando hätte ich gern miterlebt.

Ja, wenn einer eine Reise tut kann ich da nur sagen. So was passiert einem im Flieger nicht. Da wird eisern um Armlehnen gekämpft und die unter Entzugserscheinung leidenden Lungen (Raucher) und Finger (Smobies = Smartphone-Zombies) mit Tomatensaft beruhigt. An Gespräche unter Mitreisenden ist da bei aller Liebe nicht zu denken.

Das Glück liegt beim Reisemittel also nicht nur auf dem Rücken der Pferde, sondern hat auch mit selbstbestimmtem Handeln zu tun. Wenn dann noch Spaß, ein gewisser Reiz und so etwas wie Bedeutung für uns hinzu kommt, dann sind wir bei uns selbst. So einfach ist das.

Mal sehen, womit man noch so alles seinen Spaß haben kann.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin