Auf ein Neues

Der 6. Januar ist nicht nur der Tag der heiligen Drei Könige und der Auftakt für die Runden der Sternsinger, es ist auch der erste Tag nach den Rauhnächten, so gesehen der eigentliche Jahresauftakt. Ab jetzt ist es wirklich vorbei mit der Zeit zwischen den Jahren und wer bis dato noch im Urlaubsmodus war, darf spätestens morgen wieder den Dingen des Alltags gegenübertreten. Noch ein kurzer Blick zurück – schön war’s und dann mit Elan in eine neue Runde im Jahreszeitenkarussell.

Was ist also aus den Wünschen für 2018 geworden, die ich während der damaligen Rauhnächte an die guten Geister übergeben hatte und jenem (hier nachzulesen), dessen Erfüllung mir selbst überlassen war?

Nun, einige Herzensangelegenheiten liegen mir noch immer auf der Seele und am Herzen. Wahrscheinlich aber war die eine oder andere Aufgabe einfach zu gewaltig, um sie in nur zwölf Monaten ins Reine zu bringen. Ich selbst hatte mir ja mit dem Wunsch, jeden Tag aktiv zu sein, ein ziemlich hohes Ziel gesteckt. Und selbst wenn ich den Begriff „aktiv“ dehnbar auslege, dann muss ich noch immer zugeben, dass ich dem nicht ganz gerecht geworden bin. Traurig, enttäuscht oder gar wütend bin ich aber nicht im Geringsten.

2018 war mit Sicherheit kein Jahr, über das ich mich beklagen kann. Derart viele Eindrücke sind geblieben und an Tagen, an welchen ich so richtig faul, ja schon fast lethargisch, war, konnte meine Seele in diesen Erinnerungen schwelgen.

Und weil 2018 ein ganz besonderes Jahr und so ganz außer der Reihe war, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich den guten Geistern auch mal eine Auszeit gönnen sollte. Und so habe ich die diesjährigen Rauhnächte nicht mit Ritualen und Orakeln und so weiter zelebriert, sondern sie einfach in Gedanken angenommen und mit den Stürmen, die ums Haus getobt sind, vorüber und weiter ziehen lassen. Ganz entspannt.

Nur heute, da konnte ich nicht umhin, den Geistern und verirrten Seelen die Tür mit Hilfe von Weihrauch, Räucherstäbchen und Besen in der modernen Variante in Form eines Staubsaugers zu weisen.

Räucherwerk

Kein Platz herrscht in meinen vier Wänden für die dunklen Seiten der andersweltlichen Wesen. Selbst den jugendlichen Mitbewohner konnte ich damit aus seiner Höhle hervorlocken: „Wieso stinkt es hier so nach Weihrauch?“ Sehr witzig von jemandem, dessen Zimmer gern mal nach Iltis oder Büffel oder einer Kombination davon riecht. Und etwas später: „Wieso ist es so kalt hier?“ Und das von jemandem, der bei knackigen Minusgraden gern mal frägt, ob denn wohl der Windbreaker ausreiche.

Also alles beim Alten und irgendwie trotzdem neu. Vielleicht ziehe ich ja doch noch eine Tarotkarte zu späterer Geisterstunde.

 

Eure Kerstin

Der alltägliche Luxus

Wo hört das Alltägliche auf? Und wo fängt der Luxus an? Kann man da überhaupt eine generelle Trennung vornehmen? Wohl eher nicht, da für einen Heimatlosen sicherlich Dinge wie beispielsweise ein sicheres Zuhause einen ganz anderen Stellenwert haben als für mich. So etwas wie reelle Existenzangst kenne ich nicht. Von daher bin ich immer noch verwundert, dass ich regelmäßig von den Gespenstern einer recht unrealistischen Furcht vor dem sozialen Absturz mit einhergehender Obdachlosigkeit verfolgt werde.

Ich hatte ja in meinem Beitrag „Die Prinzessin auf der Erbse“ bereits erwähnt, dass ich nicht immer in Deutschland zuhause war und nach der Jahrtausendwende waren dies für ein paar Jahre die USA. Ich will hier gar nicht groß auf irgendwelche politischen und/oder kulturellen Gepflogenheiten eingehen, wichtig ist nur die Tatsache, dass es eben als Nicht-Amerikaner recht schwer ist, dort eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, wenn man keine Green Card besitzt und nicht von der eigenen Firma dort eingesetzt wird. Dann benötigt man einen Sponsor, der einen einstellt und als alleiniger Arbeitgeber im Arbeitsvisum eingetragen wird. Das hat zur Folge, dass ein Arbeitswechsel so ohne weiteres nicht möglich ist. Ein weiterer an sich sehr positiver Punkt ist, dass man als Ausländer, der man in dem Fall ja ist, keinen Kredit bekommt – noch nicht einmal einen Dispo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem der heutige jugendliche Mitbewohner das Licht der Welt erblickt hatte, verfiel mein Arbeitsvisum logischerweise als ich nicht direkt wieder eingestiegen bin. Ich wurde jedoch geduldet, da der Vater ja noch Arbeit hatte. Nun muss ich noch erwähnen, dass dieser ein Freigeist und Künstler ist und von fester Anstellung nicht viel hält. Was soll ich sagen: Als Freiberufler eine Familie ernähren ist nur etwas für Nervenstarke, zu denen ich mit einem Neugeborenen definitiv nicht gehört habe und als typische Deutsche, wie ich mich sehen würde, wohl auch nie gehören werde. Jeden Monat setzte bei mir also leichte Panik ein, wir könnten am Ende des Monats kein Geld für Essen mehr haben. Völlig absurd. Eigentlich. Vielleicht waren es auch die Hormone oder die ganze recht unruhige Lage im Land oder der Beziehung, aber in Gedanken sah ich mich oft mit einem Baby auf der Straße sitzen.

Tja, geblieben sind das Baby, das sich zum jugendlichen Mitbewohner gemausert hat und der Tick, das Geld könnte nicht reichen. Nun gut, es gibt ja unzählige Möglichkeiten, sein Hirn mit Gespinsten zu beschäftigen, egal, wie weit hergeholt sie auch sein mögen.

Zurück zum alltäglichen Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht und das Phänomen, dass jeder von uns seine eigenen vier Wände braucht, um sich in seinem Nest wohl zu fühlen, ist ja noch recht neu. Dabei rede ich jetzt nicht von den Höhlenmenschen, die im Clan zusammen gehaust haben, sondern denke da nur zwei bis drei Generationen zurück, als die Familien noch unter einem gemeinsamen Dach gewohnt haben. So gesehen, fröne auch ich ungeniert dem Luxus und übe in keinster Weise Verzicht, denn Familie und Verwandtschaft sind weit gestreut.

Haus

Zudem nenne ich eine vier-Zimmer-Wohnung mein Eigen. Zugeben, so im Nachhinein bin ich damit nicht so glücklich wie ich es mir bei Vertragsabschluss erträumt hatte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Weniger Verantwortung, weniger Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Besitztum ist schön, aber für mich letzten Endes nicht befriedigend. Nicht, weil es immer andere gibt, die mehr haben, sondern weil man auch abhängig wird. Von den eigenen Vorstellungen und nicht zuletzt von dem Konstrukt, das man sein Leben nennt.

Es stimmt also, Geld macht nicht glücklich. Nicht ohne eine entsprechende Verbindung zur eigenen Einstellung. Reichtum in jedweder Form lähmt und macht träge, denn unsere Habenziele drehen sich immer um das Gleiche, während hingegen Seinziel einen auf Trab und in Bewegung halten. Vielleicht fühlt sich meine Burg daher auch noch nicht wie mein Zuhause an und ich bin noch immer nicht angekommen.

Für mich wäre insofern der Verzicht in dem Fall ein Gewinn, trotz den Zielen, die einem die kapitalistische Welt gern als erstrebenswert verkauft. Vor einiger Zeit bin ich auf den Tiny House Blog gestoßen – Leben auf klein(st)em Raum und wie ich finde, sehr fortschrittlich. In meinem Herzen bin ich eben doch ein Flachwurzler, wie meine Freundin M. immer sagt. Oder ein Zigeuner, dem man seinen Wohnwagen genommen hat. Wobei ich ein Wohnmobil wählen würde und das bereits als meine Zukunftsvision im häuslichen Ziegelbau kund getan habe. Insofern wäre diese Art von Obdachlosigkeit, wenn man es denn so nennen will, für mich echter Luxus. Nun fiebert der Nachwuchs seiner Volljährigkeit entgegen, damit er meinen derzeitigen fahrbaren Untersatz erben kann, während Muttern auf Hippie macht.

Ja, das Auto, früher Inbegriff von Freiheit. Das wollen wir uns beim nächsten Mal genauer anschauen.

Also dann, action!
Eure Kerstin

Rien ne va plus – drittes Kapitel

Monopoly

Nichts geht mehr. Das ist nun eher im übertragenen Sinne gemeint und so natürlich nicht ganz richtig. Denn irgendwas geht immer. Und anders sowieso. Aber der Titel passte so schön in die Reihe „Von nichts kommt nichts“ und das Motto Glückspiele.

Und ein persönlicher Blog ist ja fast immer ein Glückspiel. Mal läuft es gut, mal nicht so. Die Persönlichkeit bestimmt das Ergebnis. Dazu möchte ich gern Kafka zitieren: „Verbiege es nicht. Verwässere es nicht. Versuche nicht, es logisch zu machen. Ändere deine Seele nicht nach der Mode. Folge vielmehr gnadenlos deiner stärksten Obsession.“

Und in dem Punkt sind Spielbesessene und ich uns sehr ähnlich. Wenn uns erst mal eine Leidenschaft gepackt hat, dann lassen wir so schnell nicht locker. Und genau das mache ich jetzt. Also eigentlich mache ich das ja schon seit gut 2 ½ Jahren hier. Der Blog-Workshop, den ich vor einer Woche besucht habe (siehe auch Kapitel 1 und 2), hat meine Zweifel zwar nicht so ganz ausgeräumt, aber mich auch nicht so dermaßen demotiviert, dass ich nun einfach aufgebe.

Von daher probiere ich nun einfach mal ein bisschen was aus. Zum Beispiel habe ich mein Theme geändert. Ist noch nicht hundert Prozent ideal, aber immerhin ein Anfang. Was sagt Ihr dazu?

Und dann habe ich mir sagen lassen, dass man um Social Media nicht mehr herum kommt. Also gut, auch das probiere ich aus. Ergo musste eine Facebook-Seite her. Ich habe zwar leider noch keinen blassen Schimmer, was ich damit so alles machen kann/soll/muss, aber jedenfalls gibt es diese nun. Wer mal nachschauen möchte hier geht’s lang: https://www.facebook.com/alltagseinsichten

Ein erstes Zwischenziel, denke ich, wäre damit erreicht, wenn nicht sogar gewonnen. Die Galoschen des Glücks passen wunderbar und bei Los geht’s los. Glückspiel hin oder her.

 

Eure Kerstin

Tag 28: Leistungsbewertung

Tag 28Wenn ich diesen Brief hier so schreiben würden, wie er mir so im ersten Moment durch den Kopf gehuscht ist, dann stände bei mir aller Wahrscheinlichkeit morgen das Jugendamt vor der Tür. Denn das wäre dann eher so eine Art Abschiedsbrief gewesen, indem ich dem jugendlichen Mitbewohner auf dem weiteren Weg alles Gute wünschen und es aufrichtig bedauern würde, dass sich aber ab sofort eine andere Bedienstete um die Bedürfnisse der Mitbewohner kümmern müsse, ich mich aber kurzfristig entschlossen hätte, meine unbezahlte Anstellung hier aufzugeben, weil mir nun klar wäre, wohin mein Weg gehe. Gut, vielleicht hätte in dem Fall das Jugendamt sogar einen sonntäglichen Besuch abgestattet. Und nach reiflicher Überlegung komme ich meist zur Vernunft und weil im Kühlschrank noch so leckere Sachen sind, werde ich noch etwas bleiben. Aber einen Brief schreiben will ich auch nicht. Schön schon gar nicht. Damit hatte ich bis zuletzt kein großes Glück, wenn ich mir das zerrüttete Vater-Tochter-Verhältnis vor Augen führe.

Daher wird das hier eher so eine Art Leistungsbewertung der letzten Wochen: Klar geworden ist mir, dass ich wirklich gern hier schreibe. Hin und wieder bin ich sogar überrascht, wie gut ich mein eigenes Geschwätz finde. Klar, ist ja auch von mir und irgendwoher muss der jugendliche Mitbewohner ja seine frühreife Arroganz her haben. Schließlich kann man nicht jede schlechte Eigenschaft dem anderen Erbgutverantwortlichen zuschieben.

Zu der Aufgabe 30 Tage Schreiben ist Folgendes zu sagen: Schreiben an sich ist also ok. Schreiben und zur Arbeit gehen ist auch noch ok. Schreiben und das Teen in Schach halten geht gerade noch so. Schreiben und zur Arbeit gehen und das Teen in Schach halten ist unmöglich. Und wenn dann noch Weihnachten dazu kommt ist es eine Katastrophe. So gesehen waren das die längsten dreißig Tage, in denen ich mit Sicherheit mehr als einen Monat gealtert bin. Vom Schlafdefizit will ich hier gar nicht erst reden.

Vom Verfasser des kleinen Heftes beziehungsweise von den Fragen hätte ich mir ein bisschen mehr erwartet. Irgendwann beschlich mich da das Gefühl, dass ständig die gleichen Fragen in anderer Aufmachung auftauchten. Das fand ich persönlich schade. Aber wie gesagt, wenn man sich mit der Aufgabe im Vorfeld nicht vertraut macht und einfach drauf los legt, dann kommt eben manchmal das böse Erwachen. So in der Art kriegt das der jugendliche Mitbewohner von mir ja auch immer zu hören, wenn bei einem Test die Antwort mit der gestellten Frage irgendwie nicht zusammen passt. Solche Dinge muss ich also auch weniger leichtsinnig anpacken. Aber, ich habe durchgehalten, trotz manch zähem Ringen um Worte. Alles in allem eine gute Leistung.

Nach jeder Leistungsbewertung erfolgt bekanntlich eine Zielvereinbarung über die zukünftige Zusammenarbeit: Klar geworden ist mir auch, dass ich, komme, was das wolle, irgendwann meine Zelte hier abbreche, ich aber gleichzeitig aufpassen muss, das Hier und Jetzt nicht zu verpassen, weil ich in Gedanken schon die Tage zähle, bis ich losziehen kann. Alles eben zu seiner Zeit. Daran muss ich noch arbeiten.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 15: Fünf für die Zukunft

Tag 15Ja, ich weiß, die Frage ist nahezu identisch mit Tag 6. Nur ausgefeilter und genauer. Hilft nix, würde ich sagen. Allerdings bin ich, trotz meines Hangs zum Perfektionismus, bei der Frage nach dem Zukunftstraum eher für einen groben Plan. Das erspart einem die Enttäuschung, wenn gewisse Details nicht so eintreten wie gedacht. Solange die Richtung stimmt komme ich damit zurecht.

Zudem habe ich heute bei einer Schulung gelernt, dass mehr als fünf Ziele keinen Sinn machen und man sich dann eher verzettelt und nicht mehr so genau weiß, auf was man sich konzentrieren soll bzw. das große Ganze aus den Augen verliert. Eben.

Also:

  1. Weltkarte im Maßstab 1:25.000 besorgen
  2. Mittel und Material sicher stellen und überprüfen
  3. Schuhe an
  4. Rucksack auf
  5. Los

Prioritäten setzen ist essentiell. Dann bleibt auch noch genug Spielraum, um die Zukunft zu genießen und dem Traum immer mal wieder eine andere Richtung zu geben. Und das sieht dann so

Sommer Winter

 

oder so aus.

Je nach Witterungslage.

 

 

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Tag 14: Stolpersteine

Tag 14Als Kind/Jugendliche bestand mein Lebensziel darin, Kinder zu haben. Ganz klassisch eben. Etwas später, als ich beruflich mit Kindern zu tun und auch schon die eine oder andere enttäuschte Liebe hinter mit hatte, erschienen mir Kinder eher hinderlich und ein neues Lebensziel war geboren: Die Welt sehen und Karriere machen. Tja, und dann war ich irgendwann plötzlich schwanger und stolperte in ein anderes Leben. Und hin und wieder ertappe ich mich noch heute dabei, dass ich über mein Leben stolpere, wenn der jugendliche Mitbewohner und meine eigenen Lebensziele sich irgendwie mal wieder auf den entgegensetzten Seiten der Weltkugel zu befinden scheinen.

Aber oft sind es eben die Kinder, welche zu Stolpersteinen werden, wenn man als Mutter beruflich weiterkommen oder auch einfach nur akzeptiert werden möchte. Niemand bewundert die Mutter, die es schafft, morgens ein oder mehrere Kinder mit Frühstück und Brotzeit zu versorgen und rechtzeitig zum Kindergarten zu bringen oder zur Schule zu schicken, um dann selbst frisch und voller Tatendrang pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. Wenn sie sich aber verspätet, dann hagelt es Blicke: ‚Ist wohl etwas überfordert mit ihren Aufgaben und dem Nachwuchs. Hat es irgendwie nicht im Griff. Schlecht organisiert.’ Wenn aber der Vater mal die morgendliche Routine übernimmt und dann verspätet zum Meeting erscheint, wird ihm anerkennend auf die Schulter geschlagen: ‚Was für ein toller Vater. Kümmert sich um den Nachwuchs, wie vorbildlich. Kann ja mal passieren.’ Wie kann es nur sein, dass sich seit meiner Kindheit nichts geändert hat an der klassischen Sichtweise, frage ich mich?

Unlängst erhielten alle Teilnehmer bei einem Seminar einen kleinen Stein, auf dem „Stolperstein“ geschrieben stand. Jedes Mal, wenn wir mit einem Projekt, einen Vorhaben oder einer Idee nicht weiter kämen, sollten wir den Stein nehmen und uns vor Augen führen, was uns zum Stolpern brachte. Meine Kollegin und Freundin meinte damals, dass sie es sich im Grunde gar nicht zu sagen traue, aber ihr Stolperstein seien die Kinder. Nämlich immer dann, wenn sie in der Arbeit noch etwas zu Ende machen wolle, aber die Kinder bereits auf dem Weg nach Hause wären, oder morgens aufgrund der Querelen zuhause sich selbst nicht rechtzeitig fertig machen können.

Da wusste ich, dass es dazu gehört, zu stolpern: Über Lebensziele, die scheitern oder erfolgreich sind oder immer mal wieder neu definiert werden. Und den Rest kriegen wir auch noch hin.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Tag 6: Erinnerungsvermögen, die Zukunft und unsinnige Wünsche

Tag 6„Wünschen kann man sich viel/alles“, das predige ich zumindest in regelmäßigen Abständen meinem jugendlichen Mitbewohner, wenn die Wünsche mal wieder größer als Ostern und Weihnachten zusammen sind. Oder schlichtweg Unsinn. Wohlgemerkt ist das nur meine Meinung. Irgendwie hoffe ich dann zuweilen auch immer, dass der Wunsch von einem noch unsinnigeren abgelöst wird, oder vergessen. Wo doch so ziemlich viel vergessen wird, wenn der Tag lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt ist.

In solchen Momenten versuche ich es gern auch mal mit Einfühlungsvermögen. Hatte ich auch so unsinnige Wünsche? Also, aus Sicht meiner Eltern wohlgemerkt. Was hatte ich überhaupt für Wünsche?

Sicherlich mehr als ein Leben hergibt. Ist sogar recht wahrscheinlich. Die meisten scheine auch ich vergessen zu haben, weil die Tage lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt war. Und mit zunehmendem Alter nimmt es dann auch wieder ab. Die ersten Anzeichen kriege ich jeden Tag serviert, wenn der jugendliche Mitbewohner Stein und Bein behauptet, dass ich ihm irgendeinen unsinnigen Wunsch versprochen habe, während bei mir da eher ein ziemlich eindeutiges das-habe-ich-nie-im-Leben-so-gesagt erscheint. Aber gut, decken wir den Mantel des Schweigens auf diese unsinnige, zu nichts führende Endlosdiskussion.

Es ist natürlich nicht so, dass ich wunschlos glücklich bin. Bei Weitem nicht. Luft nach oben ist immer. Das weiß auch schon mein jugendlicher Mitbewohner, wenn er eine drei nach Hause bringt und ich dies nicht gleich als grandiosen Erfolg im Kalender markiere. Aber als zufrieden, so im Großen und Ganzen, würde ich mich schon bezeichnen. Klar, es zwickt mal hier (die Knie, der Rücken, was halt so zwicken kann) und es zwickt mal da (auf der Guthabenseite – sowohl beim Bankauszug als auch auf der Waage). Von so was lasse ich mich selten unterkriegen.

Aber soll das wirklich alles sein? Zufrieden. Das ist doch allerhöchstens eine drei. Ein Befriedigend. Richtig. Jede Menge Luft nach oben. Und in meinem Luftschloss sehe ich mich durch die Welt wandern. Das klingt jetzt so ein bisschen nach Aussteiger, Hippie oder Verweigerer. Aber so in etwa ist das wirklich mein Wunsch für die Zukunft. Meine Zukunft.

Angefangen hat alles mit einer Reportage über den Appalachian Trail, die ich zufällig im Winter 2010, hoffentlich lässt mich da mein Erinnerungsvermögen nicht im Stich, gesehen habe. Da wusste ich sofort: ‚Das machst Du!’ Seither habe ich unzählige Berichte gelesen und verfolge auch im Internet den einen oder anderen auf seinem Weg (siehe auch „Wo ich gerne lese“). Aber eigentlich hat es noch viel früher angefangen.

Vor bald sechszehn Jahren habe ich während einer schweren Zeit einen mittelalterlichen Roman über den Jakobsweg nach Santiago di Compostela gelesen. Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wie das Buch und/oder der Autor hieß (Erinnerungsvermögen), aber ich war absolut gefesselt. Damals dachte ich auch: ‚Das machst Du. Das hilft Dir, die Perspektive wieder gerade zu rücken. Neustart. Nach vorne schauen.’ Leider fehlte mir die Reife und ein gewisses Maß an Urvertrauen. Ja, so würde ich das heute sehen. Manch einer würde sagen: Angst. Ja, so kann man es auch nennen. Die Angst war größer als der Traum.

Wie gesagt, leider fehlte mir der Mut. Damals. Bereuen tue ich es trotzdem noch immer. Heute hätte ich die Reife und die richtige Einstellung. Aber heute würde ich den Pilgerweg nicht mehr gehen wollen. Zu voll. Zu viele Menschen. Das ist nicht (mehr) mein Ding.

Mit dem „neuen“ Wunsch soll mir das nicht passieren. Seither sage ich mir immer wieder: ‚Das machst Du! Je nachdem, was zuerst passiert: Der jugendliche Mitbewohner zieht aus, oder ich gehe in Rente. Dann packst Du Deinen Rucksack und bist weg. Sechs Monate lang. Aussteigen.’ Angst habe ich keine mehr. Der Wunsch ist größer als die Angst. Nur, dass ich am Ende nicht mehr zurück will, ist so meine Befürchtung. Von da an ein Vagabundendasein führe. Aber schließlich ist es ja meine Zukunft und da kann ich wünschen, was ich will. Egal, wie unsinnig das erscheinen mag.

Ich weiß, die Frage, warum so lange warten, ist berechtigt. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Kleiner Exkurs: Ich habe mich da eben an ein Lied mit Vagabund erinnert und musste dann gleich danach suchen. Herrje, ich bin wirklich alt. „Der lachende Vagabund“ ist aus dem Jahre 1958 und ich kann mich erinnern, dass das Lied in meiner Kindheit im Radio lief. Als wäre es gestern gewesen. Gut, schnell wieder zurück…. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Und der Trail immer beliebter. Gerade wurde er auch noch verfilmt. Aber so groß der Wunsch auch sein mag, als Zigeuner durch die Welt zu reisen, ich bin mir ebenso meiner Verantwortung bewusst. Und das Planen und Träumen ist auch ganz schön. Und wenn es mich zu sehr zwickt, dann mache ich eine Wochenendtour. Das hilft bei der Perspektive: ‚Welch unsinnigen Wunschgedanken hast Du nur wieder gehabt, bei dem Wetter eine solche Tour zu starten.’ Und dem Erinnerungsvermögen: ‚Stimmt, so einen Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr.’

Na, dann bis morgen, Kerstin