Der alltägliche Luxus

Wo hört das Alltägliche auf? Und wo fängt der Luxus an? Kann man da überhaupt eine generelle Trennung vornehmen? Wohl eher nicht, da für einen Heimatlosen sicherlich Dinge wie beispielsweise ein sicheres Zuhause einen ganz anderen Stellenwert haben als für mich. So etwas wie reelle Existenzangst kenne ich nicht. Von daher bin ich immer noch verwundert, dass ich regelmäßig von den Gespenstern einer recht unrealistischen Furcht vor dem sozialen Absturz mit einhergehender Obdachlosigkeit verfolgt werde.

Ich hatte ja in meinem Beitrag „Die Prinzessin auf der Erbse“ bereits erwähnt, dass ich nicht immer in Deutschland zuhause war und nach der Jahrtausendwende waren dies für ein paar Jahre die USA. Ich will hier gar nicht groß auf irgendwelche politischen und/oder kulturellen Gepflogenheiten eingehen, wichtig ist nur die Tatsache, dass es eben als Nicht-Amerikaner recht schwer ist, dort eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, wenn man keine Green Card besitzt und nicht von der eigenen Firma dort eingesetzt wird. Dann benötigt man einen Sponsor, der einen einstellt und als alleiniger Arbeitgeber im Arbeitsvisum eingetragen wird. Das hat zur Folge, dass ein Arbeitswechsel so ohne weiteres nicht möglich ist. Ein weiterer an sich sehr positiver Punkt ist, dass man als Ausländer, der man in dem Fall ja ist, keinen Kredit bekommt – noch nicht einmal einen Dispo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nachdem der heutige jugendliche Mitbewohner das Licht der Welt erblickt hatte, verfiel mein Arbeitsvisum logischerweise als ich nicht direkt wieder eingestiegen bin. Ich wurde jedoch geduldet, da der Vater ja noch Arbeit hatte. Nun muss ich noch erwähnen, dass dieser ein Freigeist und Künstler ist und von fester Anstellung nicht viel hält. Was soll ich sagen: Als Freiberufler eine Familie ernähren ist nur etwas für Nervenstarke, zu denen ich mit einem Neugeborenen definitiv nicht gehört habe und als typische Deutsche, wie ich mich sehen würde, wohl auch nie gehören werde. Jeden Monat setzte bei mir also leichte Panik ein, wir könnten am Ende des Monats kein Geld für Essen mehr haben. Völlig absurd. Eigentlich. Vielleicht waren es auch die Hormone oder die ganze recht unruhige Lage im Land oder der Beziehung, aber in Gedanken sah ich mich oft mit einem Baby auf der Straße sitzen.

Tja, geblieben sind das Baby, das sich zum jugendlichen Mitbewohner gemausert hat und der Tick, das Geld könnte nicht reichen. Nun gut, es gibt ja unzählige Möglichkeiten, sein Hirn mit Gespinsten zu beschäftigen, egal, wie weit hergeholt sie auch sein mögen.

Zurück zum alltäglichen Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, denn selbstverständlich ist das nicht und das Phänomen, dass jeder von uns seine eigenen vier Wände braucht, um sich in seinem Nest wohl zu fühlen, ist ja noch recht neu. Dabei rede ich jetzt nicht von den Höhlenmenschen, die im Clan zusammen gehaust haben, sondern denke da nur zwei bis drei Generationen zurück, als die Familien noch unter einem gemeinsamen Dach gewohnt haben. So gesehen, fröne auch ich ungeniert dem Luxus und übe in keinster Weise Verzicht, denn Familie und Verwandtschaft sind weit gestreut.

Haus

Zudem nenne ich eine vier-Zimmer-Wohnung mein Eigen. Zugeben, so im Nachhinein bin ich damit nicht so glücklich wie ich es mir bei Vertragsabschluss erträumt hatte. Weniger wäre hier mehr gewesen. Weniger Verantwortung, weniger Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Besitztum ist schön, aber für mich letzten Endes nicht befriedigend. Nicht, weil es immer andere gibt, die mehr haben, sondern weil man auch abhängig wird. Von den eigenen Vorstellungen und nicht zuletzt von dem Konstrukt, das man sein Leben nennt.

Es stimmt also, Geld macht nicht glücklich. Nicht ohne eine entsprechende Verbindung zur eigenen Einstellung. Reichtum in jedweder Form lähmt und macht träge, denn unsere Habenziele drehen sich immer um das Gleiche, während hingegen Seinziel einen auf Trab und in Bewegung halten. Vielleicht fühlt sich meine Burg daher auch noch nicht wie mein Zuhause an und ich bin noch immer nicht angekommen.

Für mich wäre insofern der Verzicht in dem Fall ein Gewinn, trotz den Zielen, die einem die kapitalistische Welt gern als erstrebenswert verkauft. Vor einiger Zeit bin ich auf den Tiny House Blog gestoßen – Leben auf klein(st)em Raum und wie ich finde, sehr fortschrittlich. In meinem Herzen bin ich eben doch ein Flachwurzler, wie meine Freundin M. immer sagt. Oder ein Zigeuner, dem man seinen Wohnwagen genommen hat. Wobei ich ein Wohnmobil wählen würde und das bereits als meine Zukunftsvision im häuslichen Ziegelbau kund getan habe. Insofern wäre diese Art von Obdachlosigkeit, wenn man es denn so nennen will, für mich echter Luxus. Nun fiebert der Nachwuchs seiner Volljährigkeit entgegen, damit er meinen derzeitigen fahrbaren Untersatz erben kann, während Muttern auf Hippie macht.

Ja, das Auto, früher Inbegriff von Freiheit. Das wollen wir uns beim nächsten Mal genauer anschauen.

Also dann, action!
Eure Kerstin

Rien ne va plus – drittes Kapitel

Monopoly

Nichts geht mehr. Das ist nun eher im übertragenen Sinne gemeint und so natürlich nicht ganz richtig. Denn irgendwas geht immer. Und anders sowieso. Aber der Titel passte so schön in die Reihe „Von nichts kommt nichts“ und das Motto Glückspiele.

Und ein persönlicher Blog ist ja fast immer ein Glückspiel. Mal läuft es gut, mal nicht so. Die Persönlichkeit bestimmt das Ergebnis. Dazu möchte ich gern Kafka zitieren: „Verbiege es nicht. Verwässere es nicht. Versuche nicht, es logisch zu machen. Ändere deine Seele nicht nach der Mode. Folge vielmehr gnadenlos deiner stärksten Obsession.“

Und in dem Punkt sind Spielbesessene und ich uns sehr ähnlich. Wenn uns erst mal eine Leidenschaft gepackt hat, dann lassen wir so schnell nicht locker. Und genau das mache ich jetzt. Also eigentlich mache ich das ja schon seit gut 2 ½ Jahren hier. Der Blog-Workshop, den ich vor einer Woche besucht habe (siehe auch Kapitel 1 und 2), hat meine Zweifel zwar nicht so ganz ausgeräumt, aber mich auch nicht so dermaßen demotiviert, dass ich nun einfach aufgebe.

Von daher probiere ich nun einfach mal ein bisschen was aus. Zum Beispiel habe ich mein Theme geändert. Ist noch nicht hundert Prozent ideal, aber immerhin ein Anfang. Was sagt Ihr dazu?

Und dann habe ich mir sagen lassen, dass man um Social Media nicht mehr herum kommt. Also gut, auch das probiere ich aus. Ergo musste eine Facebook-Seite her. Ich habe zwar leider noch keinen blassen Schimmer, was ich damit so alles machen kann/soll/muss, aber jedenfalls gibt es diese nun. Wer mal nachschauen möchte hier geht’s lang: https://www.facebook.com/alltagseinsichten

Ein erstes Zwischenziel, denke ich, wäre damit erreicht, wenn nicht sogar gewonnen. Die Galoschen des Glücks passen wunderbar und bei Los geht’s los. Glückspiel hin oder her.

 

Eure Kerstin

Tag 28: Leistungsbewertung

Tag 28Wenn ich diesen Brief hier so schreiben würden, wie er mir so im ersten Moment durch den Kopf gehuscht ist, dann stände bei mir aller Wahrscheinlichkeit morgen das Jugendamt vor der Tür. Denn das wäre dann eher so eine Art Abschiedsbrief gewesen, indem ich dem jugendlichen Mitbewohner auf dem weiteren Weg alles Gute wünschen und es aufrichtig bedauern würde, dass sich aber ab sofort eine andere Bedienstete um die Bedürfnisse der Mitbewohner kümmern müsse, ich mich aber kurzfristig entschlossen hätte, meine unbezahlte Anstellung hier aufzugeben, weil mir nun klar wäre, wohin mein Weg gehe. Gut, vielleicht hätte in dem Fall das Jugendamt sogar einen sonntäglichen Besuch abgestattet. Und nach reiflicher Überlegung komme ich meist zur Vernunft und weil im Kühlschrank noch so leckere Sachen sind, werde ich noch etwas bleiben. Aber einen Brief schreiben will ich auch nicht. Schön schon gar nicht. Damit hatte ich bis zuletzt kein großes Glück, wenn ich mir das zerrüttete Vater-Tochter-Verhältnis vor Augen führe.

Daher wird das hier eher so eine Art Leistungsbewertung der letzten Wochen: Klar geworden ist mir, dass ich wirklich gern hier schreibe. Hin und wieder bin ich sogar überrascht, wie gut ich mein eigenes Geschwätz finde. Klar, ist ja auch von mir und irgendwoher muss der jugendliche Mitbewohner ja seine frühreife Arroganz her haben. Schließlich kann man nicht jede schlechte Eigenschaft dem anderen Erbgutverantwortlichen zuschieben.

Zu der Aufgabe 30 Tage Schreiben ist Folgendes zu sagen: Schreiben an sich ist also ok. Schreiben und zur Arbeit gehen ist auch noch ok. Schreiben und das Teen in Schach halten geht gerade noch so. Schreiben und zur Arbeit gehen und das Teen in Schach halten ist unmöglich. Und wenn dann noch Weihnachten dazu kommt ist es eine Katastrophe. So gesehen waren das die längsten dreißig Tage, in denen ich mit Sicherheit mehr als einen Monat gealtert bin. Vom Schlafdefizit will ich hier gar nicht erst reden.

Vom Verfasser des kleinen Heftes beziehungsweise von den Fragen hätte ich mir ein bisschen mehr erwartet. Irgendwann beschlich mich da das Gefühl, dass ständig die gleichen Fragen in anderer Aufmachung auftauchten. Das fand ich persönlich schade. Aber wie gesagt, wenn man sich mit der Aufgabe im Vorfeld nicht vertraut macht und einfach drauf los legt, dann kommt eben manchmal das böse Erwachen. So in der Art kriegt das der jugendliche Mitbewohner von mir ja auch immer zu hören, wenn bei einem Test die Antwort mit der gestellten Frage irgendwie nicht zusammen passt. Solche Dinge muss ich also auch weniger leichtsinnig anpacken. Aber, ich habe durchgehalten, trotz manch zähem Ringen um Worte. Alles in allem eine gute Leistung.

Nach jeder Leistungsbewertung erfolgt bekanntlich eine Zielvereinbarung über die zukünftige Zusammenarbeit: Klar geworden ist mir auch, dass ich, komme, was das wolle, irgendwann meine Zelte hier abbreche, ich aber gleichzeitig aufpassen muss, das Hier und Jetzt nicht zu verpassen, weil ich in Gedanken schon die Tage zähle, bis ich losziehen kann. Alles eben zu seiner Zeit. Daran muss ich noch arbeiten.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 15: Fünf für die Zukunft

Tag 15Ja, ich weiß, die Frage ist nahezu identisch mit Tag 6. Nur ausgefeilter und genauer. Hilft nix, würde ich sagen. Allerdings bin ich, trotz meines Hangs zum Perfektionismus, bei der Frage nach dem Zukunftstraum eher für einen groben Plan. Das erspart einem die Enttäuschung, wenn gewisse Details nicht so eintreten wie gedacht. Solange die Richtung stimmt komme ich damit zurecht.

Zudem habe ich heute bei einer Schulung gelernt, dass mehr als fünf Ziele keinen Sinn machen und man sich dann eher verzettelt und nicht mehr so genau weiß, auf was man sich konzentrieren soll bzw. das große Ganze aus den Augen verliert. Eben.

Also:

  1. Weltkarte im Maßstab 1:25.000 besorgen
  2. Mittel und Material sicher stellen und überprüfen
  3. Schuhe an
  4. Rucksack auf
  5. Los

Prioritäten setzen ist essentiell. Dann bleibt auch noch genug Spielraum, um die Zukunft zu genießen und dem Traum immer mal wieder eine andere Richtung zu geben. Und das sieht dann so

Sommer Winter

 

oder so aus.

Je nach Witterungslage.

 

 

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Tag 14: Stolpersteine

Tag 14Als Kind/Jugendliche bestand mein Lebensziel darin, Kinder zu haben. Ganz klassisch eben. Etwas später, als ich beruflich mit Kindern zu tun und auch schon die eine oder andere enttäuschte Liebe hinter mit hatte, erschienen mir Kinder eher hinderlich und ein neues Lebensziel war geboren: Die Welt sehen und Karriere machen. Tja, und dann war ich irgendwann plötzlich schwanger und stolperte in ein anderes Leben. Und hin und wieder ertappe ich mich noch heute dabei, dass ich über mein Leben stolpere, wenn der jugendliche Mitbewohner und meine eigenen Lebensziele sich irgendwie mal wieder auf den entgegensetzten Seiten der Weltkugel zu befinden scheinen.

Aber oft sind es eben die Kinder, welche zu Stolpersteinen werden, wenn man als Mutter beruflich weiterkommen oder auch einfach nur akzeptiert werden möchte. Niemand bewundert die Mutter, die es schafft, morgens ein oder mehrere Kinder mit Frühstück und Brotzeit zu versorgen und rechtzeitig zum Kindergarten zu bringen oder zur Schule zu schicken, um dann selbst frisch und voller Tatendrang pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. Wenn sie sich aber verspätet, dann hagelt es Blicke: ‚Ist wohl etwas überfordert mit ihren Aufgaben und dem Nachwuchs. Hat es irgendwie nicht im Griff. Schlecht organisiert.’ Wenn aber der Vater mal die morgendliche Routine übernimmt und dann verspätet zum Meeting erscheint, wird ihm anerkennend auf die Schulter geschlagen: ‚Was für ein toller Vater. Kümmert sich um den Nachwuchs, wie vorbildlich. Kann ja mal passieren.’ Wie kann es nur sein, dass sich seit meiner Kindheit nichts geändert hat an der klassischen Sichtweise, frage ich mich?

Unlängst erhielten alle Teilnehmer bei einem Seminar einen kleinen Stein, auf dem „Stolperstein“ geschrieben stand. Jedes Mal, wenn wir mit einem Projekt, einen Vorhaben oder einer Idee nicht weiter kämen, sollten wir den Stein nehmen und uns vor Augen führen, was uns zum Stolpern brachte. Meine Kollegin und Freundin meinte damals, dass sie es sich im Grunde gar nicht zu sagen traue, aber ihr Stolperstein seien die Kinder. Nämlich immer dann, wenn sie in der Arbeit noch etwas zu Ende machen wolle, aber die Kinder bereits auf dem Weg nach Hause wären, oder morgens aufgrund der Querelen zuhause sich selbst nicht rechtzeitig fertig machen können.

Da wusste ich, dass es dazu gehört, zu stolpern: Über Lebensziele, die scheitern oder erfolgreich sind oder immer mal wieder neu definiert werden. Und den Rest kriegen wir auch noch hin.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

Tag 6: Erinnerungsvermögen, die Zukunft und unsinnige Wünsche

Tag 6„Wünschen kann man sich viel/alles“, das predige ich zumindest in regelmäßigen Abständen meinem jugendlichen Mitbewohner, wenn die Wünsche mal wieder größer als Ostern und Weihnachten zusammen sind. Oder schlichtweg Unsinn. Wohlgemerkt ist das nur meine Meinung. Irgendwie hoffe ich dann zuweilen auch immer, dass der Wunsch von einem noch unsinnigeren abgelöst wird, oder vergessen. Wo doch so ziemlich viel vergessen wird, wenn der Tag lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt ist.

In solchen Momenten versuche ich es gern auch mal mit Einfühlungsvermögen. Hatte ich auch so unsinnige Wünsche? Also, aus Sicht meiner Eltern wohlgemerkt. Was hatte ich überhaupt für Wünsche?

Sicherlich mehr als ein Leben hergibt. Ist sogar recht wahrscheinlich. Die meisten scheine auch ich vergessen zu haben, weil die Tage lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt war. Und mit zunehmendem Alter nimmt es dann auch wieder ab. Die ersten Anzeichen kriege ich jeden Tag serviert, wenn der jugendliche Mitbewohner Stein und Bein behauptet, dass ich ihm irgendeinen unsinnigen Wunsch versprochen habe, während bei mir da eher ein ziemlich eindeutiges das-habe-ich-nie-im-Leben-so-gesagt erscheint. Aber gut, decken wir den Mantel des Schweigens auf diese unsinnige, zu nichts führende Endlosdiskussion.

Es ist natürlich nicht so, dass ich wunschlos glücklich bin. Bei Weitem nicht. Luft nach oben ist immer. Das weiß auch schon mein jugendlicher Mitbewohner, wenn er eine drei nach Hause bringt und ich dies nicht gleich als grandiosen Erfolg im Kalender markiere. Aber als zufrieden, so im Großen und Ganzen, würde ich mich schon bezeichnen. Klar, es zwickt mal hier (die Knie, der Rücken, was halt so zwicken kann) und es zwickt mal da (auf der Guthabenseite – sowohl beim Bankauszug als auch auf der Waage). Von so was lasse ich mich selten unterkriegen.

Aber soll das wirklich alles sein? Zufrieden. Das ist doch allerhöchstens eine drei. Ein Befriedigend. Richtig. Jede Menge Luft nach oben. Und in meinem Luftschloss sehe ich mich durch die Welt wandern. Das klingt jetzt so ein bisschen nach Aussteiger, Hippie oder Verweigerer. Aber so in etwa ist das wirklich mein Wunsch für die Zukunft. Meine Zukunft.

Angefangen hat alles mit einer Reportage über den Appalachian Trail, die ich zufällig im Winter 2010, hoffentlich lässt mich da mein Erinnerungsvermögen nicht im Stich, gesehen habe. Da wusste ich sofort: ‚Das machst Du!’ Seither habe ich unzählige Berichte gelesen und verfolge auch im Internet den einen oder anderen auf seinem Weg (siehe auch „Wo ich gerne lese“). Aber eigentlich hat es noch viel früher angefangen.

Vor bald sechszehn Jahren habe ich während einer schweren Zeit einen mittelalterlichen Roman über den Jakobsweg nach Santiago di Compostela gelesen. Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wie das Buch und/oder der Autor hieß (Erinnerungsvermögen), aber ich war absolut gefesselt. Damals dachte ich auch: ‚Das machst Du. Das hilft Dir, die Perspektive wieder gerade zu rücken. Neustart. Nach vorne schauen.’ Leider fehlte mir die Reife und ein gewisses Maß an Urvertrauen. Ja, so würde ich das heute sehen. Manch einer würde sagen: Angst. Ja, so kann man es auch nennen. Die Angst war größer als der Traum.

Wie gesagt, leider fehlte mir der Mut. Damals. Bereuen tue ich es trotzdem noch immer. Heute hätte ich die Reife und die richtige Einstellung. Aber heute würde ich den Pilgerweg nicht mehr gehen wollen. Zu voll. Zu viele Menschen. Das ist nicht (mehr) mein Ding.

Mit dem „neuen“ Wunsch soll mir das nicht passieren. Seither sage ich mir immer wieder: ‚Das machst Du! Je nachdem, was zuerst passiert: Der jugendliche Mitbewohner zieht aus, oder ich gehe in Rente. Dann packst Du Deinen Rucksack und bist weg. Sechs Monate lang. Aussteigen.’ Angst habe ich keine mehr. Der Wunsch ist größer als die Angst. Nur, dass ich am Ende nicht mehr zurück will, ist so meine Befürchtung. Von da an ein Vagabundendasein führe. Aber schließlich ist es ja meine Zukunft und da kann ich wünschen, was ich will. Egal, wie unsinnig das erscheinen mag.

Ich weiß, die Frage, warum so lange warten, ist berechtigt. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Kleiner Exkurs: Ich habe mich da eben an ein Lied mit Vagabund erinnert und musste dann gleich danach suchen. Herrje, ich bin wirklich alt. „Der lachende Vagabund“ ist aus dem Jahre 1958 und ich kann mich erinnern, dass das Lied in meiner Kindheit im Radio lief. Als wäre es gestern gewesen. Gut, schnell wieder zurück…. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Und der Trail immer beliebter. Gerade wurde er auch noch verfilmt. Aber so groß der Wunsch auch sein mag, als Zigeuner durch die Welt zu reisen, ich bin mir ebenso meiner Verantwortung bewusst. Und das Planen und Träumen ist auch ganz schön. Und wenn es mich zu sehr zwickt, dann mache ich eine Wochenendtour. Das hilft bei der Perspektive: ‚Welch unsinnigen Wunschgedanken hast Du nur wieder gehabt, bei dem Wetter eine solche Tour zu starten.’ Und dem Erinnerungsvermögen: ‚Stimmt, so einen Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr.’

Na, dann bis morgen, Kerstin

Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.