Zeitreisen in die Vergangenheit: Mauerfall

Vorwort: Gerade erst hat sich der Jahrestag des Mauerfalls gejährt und im Zuge meiner Zeitreisen und der dazugehörigen Denkarbeit bin ich über den nachfolgenden Text beinahe wie über ein heruntergefallenes Mauerstück gestolpert. Er stammt aus dem Jahre 1991, aber so als Einstieg in das Thema der Vergangenheitsbetrachtung und -bewältigung passt er ganz gut.

Beifall und Zurufe sind aus dem Fernsehzimmer zu vernehmen. Was es wohl dort zu sehen gibt, geht es mir durch den Kopf und so stecke ich ihn vorsichtig durch die Tür. Der Raum ist voll bis auf den letzten Sitz. Die, die keinen Platz finden konnten, sitzen auf dem Boden, oder lehnen an den Wänden. Die Luft ist stickig warm. Über den fast leinwandgroßen Bildschirm flackern Bilder von jubelnden und lachenden und tanzenden Menschen. Ich sehe sie, wie sie sich zuprosten, auf Mauern stehen, sich umarmen und ausgelassen feiern. Die Stimmung hat sich in für mich rätselhafter Weise auf die Zuschauer übertragen. Ich schließe die Tür und gehe zurück an die Bar. Komisch. Mein Gehirn versucht, irgendeine Verbindung mit dem Gesehenen aufzubauen. Zurück bleibt ein blanker Eindruck, frei von jeglichem Gefühl.

An der Bar tummeln sich die Gäste. Es ist noch immer warm, auch um diese Jahreszeit. Das Land lebt wieder auf nach der Dürre und Trockenheit des Sommers. Die Touristen ziehen sich langsam in ihre Heimat zurück, lassen uns, die wir hier, wenn auch auf Zeit, wohnen, Gelegenheit, die südliche Gelassenheit wieder zu genießen.

Buntes Treiben herrscht auch im Schwimmbecken. Kinder, die die Erlaubnis haben, länger aufzubleiben, da morgen und für die nächsten ein oder zwei Wochen keine Schule ist, tummeln sich im Wasser. Jugendliche und Singles verdrücken sich mit ihrem Urlaubsflirt ans Meer und schlendern durch die romantische Hotelanlage.

Von irgendwoher ruft jemand: „Die Mauer ist gefallen!“ Die Gäste fallen sich glücklich in die Arme und prosten sich zu. Einer meiner spanischen Mitarbeiter schaut mich fragend an. „Que passado?“ „Was ist passiert?“ Ich zucke mit den Schultern. „No lo se.“ „Ich weiß nicht.“

Das Fernsehzimmer ist mit einmal verlassen und leer. Nur die bunten Bilder flimmern noch über den Bildschirm. Draußen scheint das Fest aller Feste ausgebrochen zu sein. Mit Mühe verstehe ich, was der schwankende und leicht lallende Reporter berichtet: „Hier in Berlin sind die Menschen ausgelassen und erleichtert. Nach monatelangen Demonstrationen hat ihre Stimme sich erhoben und die Mauer zum Fall gebracht. Deutschland ist wieder eins! Die Mauer ist Geschichte! Und die Geschichte wird ab heute neu geschrieben. Das Volk ist vereint und feiert in den Straßen, die keine Sackgassen mehr sind.“ Dann hebt er sein Glas und wird von den ihn umringenden Menschenmassen geküsst und umarmt. Ich sitze starr vor der Leinwand. Monatelange Demonstrationen? Und ich habe es verpasst. Nicht einmal den blassesten aller Schimmer hatte ich. Warum hat mir das denn niemand erzählt?

Groß und rot strahlt die Sonne neben dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Ich sitze unter dem Brandenburger Tor mit einem Eis in der Hand. Ich schmunzele vor mich hin bei dem Gedanken an die Eisverkäuferin an der U-Bahn Haltestelle „Bahnhof Zoo“. Einsam und unsicher stand sie da mit ihrem Wagen. Bunte Schilder priesen ihre Ware. „Ich hätte gern eine Kugel Himbeere und Vanille.“ Sie blickt mich zweifelnd und etwas misstrauisch an. „Die Kugel kostet aber DM 2,50.“ „Ja“, sage ich lächelnd.  Vorsichtig nimmt sie das ihr noch so fremde Geld und zählt es geflissentlich nach. Nach ein paar Metern drehe ich mich nochmals nach ihr um. Sie lacht und winkt mir nach. Die Mauer ist gefallen.

Zeitreisen

Es ist noch nicht ganz drei Monate her, dass ich meine Reihe „Das neue Reisen“ in schon fast weiser Voraussicht vorerst ad acta gelegt habe und, vielleicht war das sogar etwas naiv, physisch auf Reisen gegangen bin. Damals, ja ich möchte es wirklich so nennen, denn gefühlt ist es ein „Damals“, war das echte Reisen durchaus möglich. Sogar die Landesgrenzen waren wieder passierbar. Schöne, neue Welt, dachte ich, dachten wir. Doch mit dem einsetzenden Herbst und den verblassenden Erinnerungen an unbeschwerte, leichte Sommertage und -abende, ist neben dem Wetter auch die Stimmung im Keller und ich physisch wieder an die eigenen vier Wände gekettet, wobei es diesmal keine Ketten sind, sondern eher so etwas wie ein Expander. Die Zügel sind etwas lockerer, der Schock aber trotzdem unerwartet heftig.

Was also tun, wenn die Ferne nicht weiter als bis zum nächsten Supermarkt reicht und dichte Nebelschwaden einen zu trüben Grübeleien anstiften? Die Zeit verformt sich, das Leben zerfasert und franst an den Rändern aus. Lose Fäden, die zu Boden fallen. Einige Zeit und noch mehr Anstrengung hat es mich gekostet, aus dem Dickicht der Untergangsszenarien wieder ans Licht zu kommen.

Nun also eine Fortsetzung des Reisens im eigenen Kosmos in etwas abgewandelter Form. Diesmal geht es weniger um Orte als um die Zeit, denn diese ist objektiv betrachtet ja immer gleich, bekommt aber je nach Ereignis eine andere Gewichtung und Bedeutung. Und so lasse ich mich ein bisschen treiben auf der Gezeitenstraße.

Vergangenes, denn das Zurückschauen, so einfach es auch erscheint, konfrontiert einen mit dem eigenen Ich. Die Gegenwart, die sich nicht fassen lässt und doch jeden Augenblick bestimmt. Zukunft, Wunschdenken und Apokalypse, ein Kaleidoskop an Ungewissem.

Zeitreisen. Horizonte und Grenzen ungewiss.