Sieben auf einen Streich – „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus

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Ein Glückfund, per Zufall. Gebraucht in einer Flohmarktbücherhandlung im bayerischen Alpenvorland gefunden und erworben. Und die Nominierung eigentlich eher eine Impulshandlung, da ich mich beim besten Willen nicht für ein letztes Buch aus meinem bestehenden Fundus entscheiden konnte.

Von Alex Capus hatte ich schon „Reisen im Licht der Sterne“ gelesen, in dem Legende und Wahrheit um den Autor „Die Schatzinsel“ miteinander verschmelzen. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass auch „Eine Frage der Zeit“ stark an reale Ereignisse geknüpft ist. Nachgeprüft habe ich es nicht. Zu verlockend die Vorstellung, dass die Geschehnisse der Wirklichkeit zumindest entlehnt sind.

Stattdessen habe ich mich der kurzweiligen Geschichte dreier norddeutscher Werftarbeiter erfreut, die im Auftrag von Kaiser Wilhelm ein Schiff, zerlegt in seine Einzelteile, an den Tanganikasee in Afrika bringen, um es dort wieder zusammen zu bauen. Das Ganze doch ein etwas absonderliches Unternehmen und vielleicht sogar eine Blüte des Kolonialismus, wenn man so will. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und es entwickelt sich eine groteske Geschichte um die Sinnhaftigkeit des Krieges, den keiner will, aber alle führen müssen. Fernab vom eigentlichen Kriegsschauplatz und vor der Kulisse des tropischen Sees.

Die Charaktere sind grandios bildlich, mit all ihren Nuancen und Facetten und man ist sogleich selbst Gefangener zwischen den Ereignissen und Völkern.

„Ich bilde mir doch nicht ein, dass ich hier meinen Kasperltheater den Krieg entscheide. Während in den Schützengräben und Granattrichtern an der Marne Hunderttausende junger Männer verrecken, tuckern wir über den See wie Vergnügungsreisende und spielen Verstecken mit den belgischen Kasperlebooten.“

Damit wäre nun die Herausforderung „Sieben Bücher in sieben Tagen“ geschafft, alle Einzelteile an ihrem Platz, doch in der Summe fehlt natürlich der Abschluss. Und anders als die Helden in „Eine Frage der Zeit“ ist mir da hoffentlich das Glück etwas holder gesonnen.

Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón

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„Der Schatten des Windes“ habe ich beim Stöbern im Buchhandel entdeckt und damals sogleich zu einem meiner Lieblingsbücher erklärt. Wie der Zufall es so wollte, habe ich den Titel seinerzeit im selben Jahr zu Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen. Offensichtlich ist mein Büchergeschmack doch weniger speziell als ich immer dachte.

Carlos Ruiz Zafón ist immer ein bisschen Romantik und gleichzeitig geheimnisvoll, so in der Art. Eben diese Punkte treffen auch auf „Der Schatten des Windes“ zu. Gleichzeitig Märchen und Krimi, phantastische Literatur und Liebesroman. Daneben abgrundtiefes, schier unmenschliches Leid. Das Spannende ist, dass die Geschichte im 20. Jahrhundert spielt und auch die politischen Ereignisse im Barcelona dieser Zeit eine tragende Rolle spielen sowie erheblichen Einfluss auf den Verlauf nehmen, man aber immer irgendwie das Gefühl hat, sich in einem Mittelalterroman zu befinden. Düster und faszinierend die ganze Szenerie.

„Der Schatten des Windes“ lebt auch davon, dass sich die Handlungen miteinander verstricken und die Geschichte sich quasi wiederholt, was man zwar als Leser erkennt, aber ohne Chance, den Helden vor seinem Schicksal zu bewahren.

„‘Daß sich Leute, die kein Leben haben, immer in dasjenige der anderen einmischen müssen‘, murmelte Fermín. ‚Wo waren wir stehengeblieben?‘ ‚Bei meinem fehlenden Mut.‘ […] ‚Passen Sie auf, Daniel. Das Schicksal lauert immer gleich um die Ecke – wie ein Dieb, eine Nutte oder ein Losverkäufer, seine drei trivialsten Verkörperungen. Hausbesuche macht es hingegen keine. Man muß sich schon zu ihm bemühen.‘“

Die Bücher von Carlos Ruiz Zafón habe ich nahezu alle gelesen und alle zusammen bilden irgendwie ein schemenhaftes Ganzes in meiner Erinnerung. Wer mit wem in welchem Buch agiert, erscheint mir oft unklar und manchmal kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, was genau in seinen Romanen passiert. Hinzu kommt, dass seine Geschichten auch alle auf die eine oder andere Weise miteinander verwoben sind. Nebencharaktere sind dann auch einmal die Hauptperson, oder es ergibt sich, dass dieselben Orte in unterschiedliche Handlungen aus einer neuen Perspektive einfließen. Vielleicht ist das ja mitunter der Reiz seiner Bücher. Sie verschwinden in der Erinnerung wie Schatten und zurück bleibt ein Windhauch.

Also dann, bis morgen.

 

 

 

 

 

 

Sieben auf einen Streich – „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

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Die Ironie meiner Leidenschaft für John Irving als einem meiner Lieblingsautoren liegt darin begründet, dass ich seinen Roman „Witwe für ein Jahr“ von meiner ehemals großen Liebe erhalten hatte, nachdem meine Mutter gestorben war. Wobei wir irgendwie wieder bei Paul Auster und den Zufällen des Lebens wären.

Das Buch war also ein Geschenk, höchstwahrscheinlich hauptsächlich wegen des Titels. Um mich zu trösten, oder aufzumuntern, wer weiß das schon nach all der Zeit. Der Geschenkegeber war im Bereich Literatur nicht sonderlich wählerisch. Ganz sicher aber ist es der Beginn meines Faibles für die großartigen Werke von John Irving. Immer Familiensaga und Beziehungsgeschichten, die die Jahrzehnte überspannen, gespickt mit Gewalt, Sex, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen (Tabu)-Themen der jeweiligen Zeit. Amerikanische Arbeitergesellschaft ebenso wie Mittelschicht, gnadenlos und hin und wieder abgrundtief. Immer zwischen Tragik und Komik. Und auch bei ihm gibt es den Hang zum Absurden, welcher den Geschichten das gewisse Etwas verleiht.

„Witwe für ein Jahr“ ist, was den Titel betrifft, etwas irreführend, denn Witwe wird die Heldin erst sehr spät im Verlauf der Geschichte. Es geht eigentlich mehr um ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihren Eltern und letzten Endes um ihr gestörtes Verhältnis zu Männern. Ruth, sozusagen das Ersatzkind für ihre beiden verstorbenen Brüder, die sie nie kennengelernt hat, wird als Kleinkind von ihrer Mutter Marion verlassen, während ihr Vater Ted keinerlei Rücksicht und Vorsicht bei seinen Affären gegenüber seiner Umwelt walten lässt. Mittendrin Eddie, der für mich eigentlich fast schon die eigentliche Hauptperson und Spielball im Familiendrama.

„‘She threw rocks at you?’ Marion asked Eddie. ‘There were little stones – most of them hit the car’, Eddie admitted. ‘She made you carry her?’ Marion asked. ‘She was barefoot,’ Eddie explained again. […] ‘And you left your shirt? Why?’ ‘It was ruined – it was just a T-shirt.’ As for Ted, his conversation with Eddie was a little different. […] ‘She locked herself out of the house, because of you,’ Eddie told him. […] ‘I had to break into her house […] I had to carry her through the broken glass,’ Eddie complained. ‘I lost my shirt.’ ‘Who cares about your shirt?’ Ted shouted.

Ruth und Eddie sind gleichzeitig verfolgt und bestimmt von ihrer Vergangenheit, die so gesehen auf den gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen mit Marion und Ted beruhen.

„‘[…] let’s say you do it with some other old lady, some old dame in her seventies or eighties. I mean, what are you thinking? Are you really looking at her and feeling attracted? […]’ ‘I try to see the whole woman […] I can picture her when she was much younger […] I try to see her whole life in her. There’s something moving about someone’s whole life.’”

Und genau das ist es auch, was mich an den Büchern von John Irving so magisch anzieht, das Leben in seiner Gesamtheit entfaltet sich vor einem und man erlebt und durchlebt die Zeit mit. Vom Anfang bis zum Ende.

Also dann, bis morgen.