„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ (Rainer Maria Rilke)

Gerade erst war ich auf einer Beerdigung. Ich bin kein gläubiger Mensch. Eher das Gegenteil. Aber das Zitat von Rainer Maria Rilke auf der Todesanzeige hat mich wirklich berührt. Es passt. Der Verstorbene war mit einem wirklich langen Leben gesegnet. Fast 93 Jahre. Eine Zeitspanne, in der so unermesslich viel Leben ist. Gesegnet war er auch mit einer großen Familie, die das Wort Familie lebt. Vier Kinder, neun Enkel und bis dato acht Urenkel, demnächst wären es zehn gewesen. Mit seiner Frau feierte er unlängst die Gnadenhochzeit. 70 Jahre gemeinsame Zeit. Eine unbeschreibliche Fülle an Erlebnissen.

Abschied

Leider gehöre ich nur im angeheirateten Sinne zur Familie. Und doch bin ich ein Teil in all den Jahren gewesen. Etwas, das mich immer wieder mit einem gewissen Maß an Wehmut erfüllt. Und so war es auch meine Verbundenheit, der mich an der Beerdigung hat teilhaben lassen.

Die Trauer um jemanden, der in solch hohem Alter stirbt ist selbstverständlich da, aber eben anders. Alles geht sehr still und andächtig von statten. Hier und da wird vereinzelt eine Träne verdrückt. Aber es überwiegt, wie es sich wohl jeder, der einmal von seinen Lieben geht, wünscht, die Erinnerung. Geschichten und Anekdoten werden mit einem Lächeln weiter gegeben.

Um so befremdlicher empfinde ich die Beerdigung. Ein Trauergottesdienst in der Pfarrkirche, bei dem immer und immer wieder die Kirche und der Glauben die Hauptrollen spielen, während die Gläubigkeit des Verstorbenen gepriesen wird. Ein steter Fluss an Gebeten und Lobpreisungen. Der Messdiener erscheint im Drei-Tage-Bart mit ungeputzten Schuhen und gähnt unverhohlen vor sich hin. Ich vermisse den Menschen.

Danach stürmen wir alle zu den Autos. Der Friedhof ist am Rande der Stadt. Hektisch treibt eines der Kinder die Gesellschaft an. Das eigene Enkelkind hält er an der Hand, ist aber mehr darauf bedacht, die Ordnung und Organisation der Trauergesellschaft zu bewahren. „Sohn, nimm‘ Du ihn doch an die Hand. Er geht so langsam.“ Ja, will ich rufen, er ist drei Jahre alt. Sein Tempo ist ein anderes. Er ist hier und Du bist hier. Das ist es, was zählt.

Die Aussegnungshalle ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Der Verstorbene war ein angesehenes und geachtetes Mitglied in verschiedenen Verbänden und der Stadt, die ihn hier mit ihren Reden ehren. Auf dem Trauerflor von seiner Frau steht „Meine Sonne“. Ob sie ihm das je gesagt hat? Und was wird nun? Wo ihre Sonne dort im geschlossenen Sarg für immer ruhen wird? Ein wahres Meer an Blumen und Kränzen inmitten der Weihrauchschwaden. „… Danke für alles – Du warst ein super Opa“ Ob das auch so ausgesprochen wurde? Wie oft trägt man solche Worte mit sich? Und wie oft finden diese den Weg nach draußen?

Vor dem Grab sammelt sich die Menge, die achtlos über die umliegenden Gräber stolpert. Die städtischen Gießkannen können den Einkaufswagen gleich nur mit einem Geldstück von der Halterung genommen werden. Die Grabstätten, welche ins Auge fallen, sind mit einer Visitenkarte des örtlichen Grabpflegedienstes versehen. Die Inschriften auf den Grabsteinen sprechen eine andere, nicht mehr vorhandene Wahrheit. Hinter den Bäumen hört man die Autos auf der Schnellstraße vorbei rauschen. Nein, das ist es nicht, was ich mir als letzte Ruhestätte und Ort der Erinnerung vorstelle. Kein Platz, um inne zu halten.

Als ich mich verabschiede, fragt eines der Kinder, warum ich schon fahre. „Er ist allein zuhause“, antworte ich. „Ja, aber er muss ja nicht mehr gestillt werden“.  Erst sehr viel später überkommt mich die Trauer. Nicht um den Mann, Vater, Opa, Urgroßvater, der gegangen ist, sondern um all die Menschen, die hier sind und doch niemals da. Ich will nach Hause.

Treibgut – Lokalzeit

Während meines nun doch schon recht langen Projektes zum Thema Verzicht – ok in letzter Zeit war ich etwas nachlässig mit den Berichten – hat mich besonders das Buch „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens beeindruckt. Seine Ansätze zum entschleunigten, analogen Leben sprechen mir so richtig aus der Seele. Vielleicht bin ich auch deswegen im Moment mehr offline unterwegs. Sozusagen live und in Farbe.

Die zunehmende Digitalisierung raubt mir schlichtweg allzu oft den Atem. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühle mich ständig getrieben, immer schneller und effizienter zu funktionieren, nur um überhaupt Schritt halten zu können. Andre Wilkens zieht da eine schöne Parallele zur industriellen Revolution und bezeichnet unser Zeitalter als das der digitalen Revolution – eine Revolution auf Speed, denn während die industrielle Revolution 200 Jahre dauerte, spielt sich die digitale in einem Zeitraum von 25-30 Jahren ab. Kein Wunder also, dass Verschnaufen nicht drin.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Bildschirmgesellschaft zu werden. Mal schnell etwas googlen ersetzt das gute, alte Lexikon und wir verlassen uns zunehmend auf technische, digitale Instrumente statt auf unsere eigenen biologischen Fähigkeiten. Dabei sind wir den Rechnern dieser Welt haushoch überlegen. Kein Instrument kann echte Kreativität produzieren. Mitgefühl, Schönheit, Sinn, Chaos, Individualität, Überraschung und Unvollkommenheit, all das vereint sich in nur einem einzigen Menschen. Jeder für sich auf seine persönliche und einzigartige Weise. Kein Algorithmus kann es mit uns aufnehmen.

Doch mit jedem Klick generieren wir einen digitalen Fingerabdruck unserer Persönlichkeit. Wir werden berechenbarer. Und irgendwann weiß unser digitaler Sklave die Frage, noch bevor wir sie stellen. Dann ist es nicht mehr weit und nicht wir entscheiden, sondern werden entschieden und letztendlich zum automatisierten Konsumenten. Als Bezahlung dienen unsere persönlichen Daten, die wir den Monopolisten der digitalen Welt frei Haus liefern. Das hat, man möchte es kaum glauben, Apple-Chef Tim Cook 2014 sogar selbst bestätigt: „Wenn ein Online-Service kostenlos ist, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt.“

Schon jetzt sitzt der Durchschnittsmensch 6,5 Stunden pro Tag in gebückter Haltung vor einem Bildschirm und unser aktivstes Körperteil sind die Finger. Mit einem Klick treffen wir Entscheidungen, die wir im realen Hier und Jetzt vielleicht erst mal überdenken würden. Höchste Zeit also, sich nicht mehr immer und überall in die Karten schauen zu lassen. Querdenken ist bei mir angesagt. Weg vom Gaspedal. Schließlich beschleicht mich oft genug das Gefühl, das Leben rauscht an mir vorbei und meine Wünsche und Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Da bleibt dann nur den Stecker ziehen und sich mal treiben lassen. Ganz ohne digitalen Stress und auf den Taktschlag der inneren Uhr hören.

Klar, analog unterwegs zu sein, ist mitunter teurer: Ein handgeschriebener Brief kostet mehr als eine E-Mail, ein gedrucktes Buch ist teurer und schwerer als die E-Book-Ausgabe. Und ein persönliches Treffen kostet Geld und weitaus mehr Zeit als ein Chat über Facebook. Man muss es sich also leisten können, analog zu handeln. Dagegen nicht digital zu sein kann man sich nicht mehr leisten. Das kann jeder nur für sich entscheiden. Beim ICH anfangen. Ganz individuell.

Das funktioniert im Übrigen nicht mit einem Mausklick. „Soziale Veränderungen lassen sich nicht durch eine Fingerbewegung herbeiführen“ und „wenn Du etwas tun willst, benutze mehr als einen Finger“, sagt Andre Wilkens. Solche Entscheidungen kosten Energie. Aber wer das Gefühl hat, der Burnout wartet bereits an der nächsten Ecke, kann auch bestätigen, dass Disziplin eine große Rolle spielt. Wer von allem zu viel hat, der muss eine Wahl treffen. Wer ständig rennt, dem geht irgendwann die Puste aus. Manchmal kann man gewisse Strukturen alleine nicht ändern. Dann sollte man aussteigen, bevor der Druck stärker als man selbst ist, und der inneren Leere mit sozialen und persönlichen Zielen gegensteuern. Anspruch

Nur durch Verzicht lässt sich der Zeitdruck vermindern und ein Gleichgewicht wieder herstellen. „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen.“ (Ghandi)
 Mal sehen, ich denke, ich werde die Strömung nutzen und anlanden und zum Schluss noch eine Art Fazit schreiben. Also dann, action!

Eure Kerstin

Treibgut – Launen der Natur

Ich hatte ja schon (klick) angekündigt, dass ich gerne noch so dies und das zum Thema Nachhaltigkeit beitragen möchte und mich dabei einfach ein bisschen treiben lasse, um zu sehen, wohin es mich führt. Heute etwas für Gipfelstürmer, Bergfexe und Höhenrauschgefährdete.

Heutzutage nutzen wir die Natur ja nicht nur zum Erhalt des eigenen Lebens, sondern auch als Ressource für Entspannung und zur Beruhigung unserer gehetzten Seelen. Das war vor nicht allzu lange Zeit noch ganz anders, denn für unsere Vorfahren war die Natur ein Ort, der einem Angst machte und vor dem man sich besser in Acht nahm. Volksmärchen verdeutlichen das ziemlich eindrucksvoll.

Mittlerweile fühlen wir uns der Natur dermaßen überlegen, dass wir es am nötigen Respekt ihr gegenüber mangeln lassen. Auf Berghütten steht in der Hüttenordnung: „Müll vermeiden und den eigenen Abfall mit ins Tal nehmen“. Das ist leider noch immer in ganz vielen Köpfen nicht angekommen und so kümmern sich alljährlich Ehrenamtliche und Freiwillige immer wieder darum, die Berge zu entrümpeln.

Nicht wir ertragen die Welt, sondern sie muss uns ertragen. Ein zweifelhafte Los. Dabei stellt sich mir immer die Frage: Wenn ich es doch den Berg hochgeschleppt habe, dann kann ich es auch wieder runter schleppen, oder? Wer nun als Argument das Gewicht im Rucksack anführt, der hat von vornherein falsch gepackt und definitiv zu viel auf dem Rücken und zu wenig im Kopf.

Ganz Arglose denken ja gerne mal, dass organischer Abfall nicht zum Müll im eigentlichen Sinne gehört, weil er verrottet und irgendwann zu Dünger und Erde wird. Und so werden auch Essensreste gern mal der Natur in luftiger Höhe und somit im wahrsten Sinne sich selbst überlassen, denn ab einer gewissen Höhe sind die für den Kompostierungsvorgang nötigen Mikroorganismen und der erforderliche Luftsauerstoff rar und der sonst so wertvolle Biomüll ist schlichtweg nur Müll.

Unsere schöne Natur hat so ihre Launen und ist, was den sorglosen Umgang mit ihr angeht recht nachtragend wie aus der Grafik des Alpenvereins ersichtlich ist.

Müllberge Das sind wahrlich biblische Jahresangaben. Lediglich Noah, der geschätzte 600 Jahre alt wurde, hätte in seiner Lebensspanne den Verrottungsprozess ansatzweise dokumentieren können. Und selbst Methusalem wäre trotz seiner 969 Jahre noch immer nicht in der Lage gewesen, eine Glasflasche verrotten zu sehen.

Ganz ehrlich, wer wandert schon gern durch die Natur, wenn er dabei ständig die Hinterlassenschaften seiner Mitmenschen aus dem Blickwinkel ausradieren und später vielleicht aus der spektakulären Aufnahme wegretuschieren muss?

Apropos Hinterlassenschaften: Ich weiß, die männlichen Artgenossen tun sich da etwas einfacher, aber meine Damen, entweder bitte das Taschentuch diskret wieder einstecken oder mal eine biologische, nachwachsende Variante wählen und sich mit Gras und Blättern behelfen. Geht wunderbar und hat keine Nebenwirkungen.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir, die wir im Grunde auch nur eine Laune der Natur sind, von dieser wieder in unsere Schranken gewiesen werden. Und wenn ich mir die Naturgewalten , welche nur für uns Menschen eine Katastrophe sind, in letzter Zeit so anschaue, dann finde ich, dass sie das in letzter Zeit ganz gut macht. Und wenn wir nicht aufpassen, laufen wir Gefahr, dass das Leben wie wir es heute kennen zu einem Märchen mutiert.

Mal sehen, welches Treibgut noch so meines Weges kommt. Also dann, action!

Eure Kerstin

Jede Reise hat einen Grund

Wo ich schon einmal mit dem Thema Reisen angefangen habe, liegt es nahe, dort anzuschließen. So der Plan.

Hütte des Glücks

Reisen ist ja wirklich toll und macht unendlich Spaß. Und „Zuhause ist es nicht immer am schönsten“, so zumindest das Motto einer Hotelkette. Die Deutschen sind ja bekanntlich Reiseweltmeister, aber ich glaube, dass das irgendwie mit unserem urzeitlichen Nomadentum zusammenhängt. Allerdings, so der heutige Anspruch, wenn wir schon unsere Komfortzone verlassen, dann bitte soll die auch genau so und 1:1 an unserem Reiseziel sein. Schließlich nehmen wir ja schon die beschwerlichen Reisestrapazen auf uns. Mehr kann man wirklich nicht von uns verlangen. Ja, wir sind nicht nur Weltmeister im Reisen, sondern auch im schlecht reden/machen und beschweren.

Leider fehlt mir dafür die geeignete Erklärung, woran das liegen könnte. Irgendwie kann ich es auch nicht nachvollziehen. Irgendetwas Positives lässt sich doch im Grunde jeder Situation abgewinnen, oder? Perfekt finde ich mitunter ziemlich langweilig. Ich meine, mein ganzer Alltag ist so gesehen durchgetaktet und perfektioniert, da sollte ich doch in meiner Freizeit froh um jedes unerwartete Ereignis sein. Endlich kann ich mal unter Beweis stellen, dass ich zu Recht die Krone der Schöpfung trage. Also die Spezies Mensch, nicht ich allein, falls jemand das falsch auffasst. Das können die Deutschen ja auch bisweilen recht gut.

Beim Reisen fällt mir Verzicht am schwersten, dafür macht es einfach so viel Spaß. Also, damit ich meine ich nicht den Komfort auf Reisen, sondern das Weltenbummeln an sich. Wobei. Letztes Jahr fand der Sommerurlaub direkt vor der Haus- bzw. Terrassentür statt, denn nachdem der jugendliche Mitbewohner mal wieder so eine Null-Bock-Einstellung hatte, sind wir einfach da geblieben, wo wir hingehören, obwohl ich den Verweigerer gern mal dahin schicken würde, wo der Pfeffer wächst, aber das ist eine andere Geschichte.

Alles frei nach dem Motto der ortsansässigen Wellness-Oase: „Warum denn in die Ferne schweifen, das Gute liegt Sauna“. Wir Deutschen haben schon einen komischen Humor, findet Ihr nicht?

Daheim

Am Ende fanden wir beide, es war eine gute Entscheidung. Während der Nachwuchs surfen war an der Costa del Web, habe ich einen Kreativkurs gemacht (die Wohnzimmerwand gestrichen, Entspannungsmalen/Mandalas), am Fitnessprogramm teilgenommen (Schwimmen im Badeweiher und Freibad, Radausflug in die Stadt und über Land, Rundlauf auf dem Trimm-Dich-Pfad) und mich gebildet (Lektüre und Telekolleg).

Und all-inclusive war es auch, denn das „gesparte“ Geld wurde dazu genutzt, um jeden Tag in einer anderen Restauration des örtlichen und umliegenden Gastronomieangebotes zu speisen. Das waren nahezu perfekte 2 ½ Wochen, denn die Zeit gehörte mir. Gut, nun war das Wetter natürlich ebenso perfekt. Jeden Tag Sonne von morgens bis abends. Bei Dauerregen hätte ich unter Umständen vielleicht doch noch die Koffer gepackt und wäre in ferne Gefilde geflüchtet.

Das gute, entschleunigte Leben hängt also nicht von Freizeit und Urlaub ab. Sondern davon, ob ich Herr über meine eigene Zeit bin und Dinge mache, die mir wichtig sind. Klar, wenn sich beides kombinieren lässt, um so besser. Von daher sind mir die Urlaube am liebsten, bei denen ich mit jedem Schritt mehr bei mir bin und das im sprichwörtlichen Sinne, denn „zu Fuß hält die Seele Schritt“ (im Übrigen ein ganz wunderbares Lesebuch für alle, die gern auf Schusters Rappen unterwegs sind oder davon träumen).

Reisen

Das war nicht immer so und wird mit Sicherheit auch nicht immer das Non-Plus-Ultra sein. Jede Reise hat einen Grund. Wichtig ist nur, diesen zu kennen. Für Leute, die ihr Gehalt als Schmerzensgeld empfinden ist jede Anschaffung ein Trostpflaster und somit eine Ersatzbefriedigung. Das kann keine noch so exotische und kostspielige Reise leisten.

Manche Reisen – oftmals die spannendsten – finden im Kopf statt. Daher geht es im nächsten Beitrag um Bücher.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

Draußen nur Kännchen

Kaffeezeit

Das waren noch Zeiten. Nein, früher war nicht alles besser. Aber in gewissen Dingen vielleicht entspannter. Wir alle laufen ständig der Zeit hinterher. Das ist doch komisch, findet Ihr nicht? Wir haben zig Geräte, die uns Arbeit abnehmen und entlasten: Waschmaschine, Geschirrspüler, Akkuschrauber, Rasenmähroboter, Navi, Computer. Die Maschinen übernehmen immer mehr von dem, was der Mensch früher selbst gemacht hat. Das würde ja eigentlich bedeuten, dass wir um Längen mehr Zeit haben müssten, als die Generation vor uns. Und? Wer von Euch hat mehr Zeit?

Ich nehme mal stark an, mit dem Paradoxon bin ich nicht so ganz allein. Die Krux an der Sache ist die, dass wir immerzu neue Dinge erschaffen, die wir vorher nicht hatten und auch irgendwie gar nicht brauchten. Und dann müssen neue Programme her, um wieder Zeit zu sparen. Wir sind umgeben von „Energiesklaven“, sagt Nico Paech.

Ein Beispiel aus meinem Arbeitsalltag: Ganz früher hat man Briefe geschrieben. Der ging an eine Person. Das war weit vor meiner Zeit im Berufsalltag, weil so alt bin ich nun auch wieder nicht. Dann kamen Rundschreiben, die wurden von Büro zu Büro weitergereicht. An so was kann ich mich noch vage erinnern. Anschließend gab es Faxe. Die konnte man schon an mehrere, nicht unbedingt gleichzeitig, aber nacheinander verschicken. Die Ära habe ich in ihrer Blütezeit erlebt.

Tja, und heute gibt es E-Mail. Ein Mail kann man an hundert und mehr Personen gleichzeitig senden. Ich habe das für 2015 mal dokumentiert: Da habe ich über 13.000 E-Mails in der Arbeit verschickt. Nur verschickt, wohlgemerkt. Und die hatten teilweise tatsächlich hundert und mehr Empfänger. Irre. Das macht über 1.000 Mails pro Monat. Und wenn man von 20 Arbeitstagen ausgeht, sind das in etwa 50 Mails pro Tag, 6 pro Stunde, alle 10 Minuten eine Mail. Und noch mal: Das waren nur die Mails, die ich verschickt habe. Da wundert mich es nicht im Geringsten, dass die wirkliche Arbeit zur Nebensache wird.

Mein Chef erzählt in dem Zusammenhang immer gern die Story von einem seiner ehemaligen Chefs, der oft stöhnte: „Heute habe ich schon wieder fünf Faxe bekommen.“ Also, ich find’s lustig. Und gleichzeitig fehlen mir die Worte, weil es schon fast makaber ist.

Heute muss alles sofort, wie der jugendliche Mitbewohner sagt „instant“, passieren. Das trifft auch auf unsere Nahrungsaufnahme zu. An jeder Ecke kann man Essen und Trinken im Schnelldurchgang seinem durchgetakteten Körper zuführen. Wer sich in den bekannten Coffee-Shops einen Kaffee zum „Hiertrinken“ – ist schon bezeichnend, dass es nicht mal einen wirklich passenden Ausdruck dafür gibt – bestellt, ist nicht mehr up-to-date. Im Grunde lädt der ganze Laden auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigsten haben eine Toilette, also ist ein zweites Getränk ein no go. Die klassische Im-Biss-Bude ist heute ein Foodtruck und es gibt food on the go. Dabei sind sowohl der Coffee als auch das Food oft sehr, sehr lecker. Daran liegt es also nicht, dass man es sich so schnell mal eben einverleibt.

Ich muss gestehen, ich nehme nach meinem Wocheneinkauf am Samstag auch einen Coffee to go mit. Der ist zum einen meine persönliche Belohnung – es gibt immer einen Grund – und zum anderen so was wie ein Frühstücksersatz. Und mit dem armen, unter Luftnot leidenden toten Fisch (siehe Beitrag dazu: Konflikte und Kompromisse) kann man sich eben nicht noch gemütlich für eine halbe Stunde an die Kaffeebar setzen. Selbst die Nicht-Bio-Pizza fände das, glaube ich, nicht so prickelnd.

Also kommt hier der Becher aus der Vorbereitung zum Einsatz. Der ist aus Porzellan und führt auch hier zur gewohnten Diskussion an der Theke. „Können Sie den Latte bitte in den Becher füllen?“ „Das geht nicht.“ „Wieso?“ „Weil da viel mehr reingeht, als in die normalen Becher.“ „?“ Kurzer Blick meinerseits in den mitgebrachten Becher. „Also, die Kollegin macht das sonst immer.“ „Die Kollegin.“ Bedrohlicher Blick. „Das würde ich ja gerne mal wissen, wer die Kollegin ist.“ „Hm, also ich glaube ja nicht, dass da mehr reingeht.“ Der Barista will es genau wissen und füllt einen Pappbecher mit Wasser bis ca. 2 cm unter den Rand. Dann schüttet der den Inhalt in meinen Becher. Randvoll. Aha. „Ja, ok, das geht.“ „Da bin ich aber froh, dass die Kollegin jetzt nicht in Schwierigkeiten steckt.“ Darüber, dass in meinen Becher im Grunde weniger reingeht, hat er dann kein Wort mehr verloren. Am Preis ändert sich logischerweise auch nichts, aber mein Gewissen ist mal wieder um 2 cm gewachsen.

Hier ein schöner Artikel von utopia zum Thema Pappbecher: https://utopia.de/0/magazin/kaffee-coffee-to-go-becher-muell-umwelt-recycling-1

Oder ein Video von PULS für diejenigen, die es eilig haben (Zeitbedarf 1.30 Minuten – schneller als ein Kaffee zum Mitnehmen):

Noch ein, zwei Sätze zu Getränken für unterwegs: Auch die lassen sich ohne Weiteres in wiederverwendbare Behältnisse füllen.

Trinkflaschen Meine Thermoskanne mit Tee steht zum Beispiel auf dem Schreibtisch, wenn sie nicht im Rucksack auf die Berge gewandert wird und die Aluflasche ist nur unwesentlich schwerer als PET-/PEW-Flaschen. Dafür unkaputtbar und einfacher zu reinigen. Die Ausnahme wird wieder mal dem jugendlichen Mitbewohner für das Schulgetränk zugestanden. Aber das ist okay, denn Getränkeflaschen haben die paranormale Angewohnheit, vom Schulgelände oder auf dem Weg dahin/zurück, manchmal weiß man das nicht so genau, weggebeamt zu werden. Das sind im schlimmsten Fall €0,25 Verlust und nicht €10+ für die wiederbefüllbare Alternative.

Morgen geht es um eine ganz besondere Beziehung, die man zu selbst angebauten Nahrungsmittel entwickelt.

 Also dann, action!
Eure Kerstin

 P.S.: In den späten 90ern gab es in einer großen, politischen Wochenzeitung einen Bericht, in dem Politiker und Prominente befragt wurden, was sie Besuchern, die kein Deutsch sprechen, als Erstes beibringen würden. Damals sagte einer: „Draußen nur Kännchen“. Mich würde wirklich interessieren, wie heute die Antwort ausfallen würde.

Konflikte und Kompromisse

Neben den ganzen Schwierigkeiten, die einem die Lebensmittelindustrie in Punkte Nachhaltigkeit so in den Weg legt, kommen die persönlichen und familiären Konflikte hinzu. Und die sind oft weit schwieriger zu handhaben als das bewusste Einkaufen.

Fangen wir mal mit meiner persönlichen Konfliktsituation an: Das wäre der Zeitfaktor. Wer wie ich ebenfalls eine 40+ Stundenwoche hat und einen jugendlichen Mitbewohner, der weiß, wovon ich rede. Da können Stunden, die man für sich irgendwo abzwackt, schon mal zu überlebenswichtigen Schatzkästchen werden. Also schließt man einen Kompromiss. Mit der Zeit und dem Gewissen. Für mich heißt das: Ein großer Wocheneinkauf (mit kleinen Ausnahmen) im Supermarkt um die Ecke (der ein wirklich umfangreiches Angebot hat).

Einmal pro Woche einkaufen, das ist natürlich, was Frische angeht, nicht so ganz unproblematisch. Ein Salat, den ich am Samstag kaufe, wäre am Donnerstag sicherlich nur noch als Kompost- und Schneckenfutter zu gebrauchen. Hier kommt der Plan, den ich gestern kurz erwähnt hatte, ins Spiel. Ohne Essenplan bzw. eine Vorstellung davon funktioniert das System nicht. So lassen sich auch viele Nahrungsmittel besser kombinieren und in verschiedene Gerichte/Mahlzeiten integrieren und es bleibt weniger übrig. Wichtig ist, dass man sich an den Plan hält und nicht noch dies und das mitnimmt, weil es gerade im Angebot ist oder so lecker aussieht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Absoluter Wunsch wäre es natürlich, sich auf dem Markt mit allem einzudecken. Aber der bietet logischerweise auch nur Marktware an, so dass ich dann noch zusätzlich in den Supermarkt müsste. Ein sogenannter plastikfreier Markt, oder einer, der Nahrungsmittel lose verkauft, wären super. Der nächste ist aber 30 Kilometer weg. Aus meiner Sicht lohnt sich das nicht aufgrund der Fahrweges. Im Moment nehme ich das zähneknirschend hin, aber ich arbeite an einer Lösung, weil ich mich damit mittelfristig nicht abfinden will. Wie sagt Andre Wilkens so schön: „Alternativen zu haben ist der Kern der Freiheit.“ Absolut.

Im Supermarkt kommt wie gesagt nur Bio bzw. regionales, saisonales Bio in den Korb. Das klappt soweit ganz gut, weil der Markt eben entsprechend sortiert ist. Hat aber seinen Preis. 500g regionaler Zucker kosten so 2,50€ und 1kg Mehl 2,80€. Das Bio-Huhn schlägt mit gut 10€ für 500g zu Buche. Als Konsequenz bleibt im Zweifel, weil vielleicht zu teuer, dann nur der Verzicht und es gibt eben nur einmal die Woche Fleisch, was auch noch gesünder ist.

Unser Land

Neben dem persönlichen Konflikt, kommt dann die Herausforderung Supermarkt hinzu. Wer gestern aufgepasst hat, hat vielleicht bemerkt, dass nur Fisch in die mitgebrachte Box kommt. Von Fleisch stand da nichts. Genau. Schwierigkeit Nummer eins: Heutzutage sind die meisten Fleischwaren bereits abgepackt in der Kühltheke. Da mache ich immer einen großen Bogen drum herum. Leider gibt es das Bio-Flesch nur fertig abgepackt, aber ich frage immer wieder, ob es nicht auch Bio an der Theke gibt. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

Auch will man meine Box an der Theke nicht annehmen. Zuerst hieß es ,aus hygienischen Gründen wäre das nicht möglich. Dann habe ich mich schlau gemacht und gelernt, dass die Box einfach oben auf der Theke stehen bleiben muss, dann gelte das Argument nicht mehr. Gesagt, getan. Dann war die Aussage, dass das nicht ginge, weil von wegen Bon für die Kasse und so. Also, im Grunde wollte man mir unterstellen, dass ich die Ware in meine Tasche packe und nicht an der Kasse vorzeige. Ist so meine Vermutung. Aber ich war schon vorbereitet und konnte kontern, dass es beim Brot auch funktionieren würde. Woraufhin mein Stoffbeutel mit dem aufgeklebten Bon sehr genau begutachtet wurde. „Ja, also, das muss ich aber erst mit der Marktleitung abklären“, war dann die Antwort. Schön, nun frage ich also regelmäßig nach Bio-Fleisch und ob das mit der Marktleitung schon geklärt ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Das kostet Kraft und Mut, weil man sich eben nicht einfach abspeisen lässt. Beim Fischmann muss ich mir auch immer anhören, dass man den Fisch nur widerwillig in meine Box bettet, weil diese aus Plastik ist und keine Luft dran kommt. Ja, aber sie ist auslaufsicher und zuhause wird das arme Tier befreit. Und dann muss ich immer bestätigen, dass dies innerhalb der nächsten halben Stunde passiert. Nur so nebenbei: Der Fischmann wickelt den Fisch immer in zwei Lagen beschichtete Folie und dann in eine Tüte. Ich bin ja kein Fisch, aber da könnte ich ebenso wenig atmen. Wie gesagt, es kostet Kraft, gegen den Strom zu schwimmen. Es fühlt sich aber auch immer wie ein klitzekleiner Sieg an, wenn man einen Zug getan hat und merkt, dass es vorwärts geht.

Für die familiären Konfliktsituationen und die dazugehörigen endlosen Kompromissverhandlungen schreibe ich einen extra Beitrag. Den gibt es morgen, denn ich muss mich an den Essenplan für die nächste Woche machen und allein das ist Stoff für unzählige Konflikte.

Essensplan

 Also dann, action!
Eure Kerstin

Von der Pflicht zur Kür

Ich weiß, die Versuchung ist groß: Der Schrank ist gefühlt leer, nachdem der ganze untragbare Berg abgetragen ist, der Frühling/Sommer/Herbst/Winter kommt und weit und breit „nichts“ zum Anziehen. Wer bei dem Spiel Kaufen-Ausmisten-Kaufen-Ausmisten weiterhin mitmischen will, kann hier aufhören zu lesen. Für alle anderen gilt: Nun kommt die Kür.

Verzicht ist nicht einfach. Verzicht kostet. Nämlich die Bereitschaft, seine persönlichen Ziele zu ändern. Und zwar kontinuierlich. Mehr Sein, weniger Haben. Soviel vorweg. Die gute Nachricht: Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man nach ca. drei Monaten keine Entzugserscheinungen mehr hat. Im Januar 2015 stand bei mir der Entschluss fest: Ich brauche keine neuen Anziehsachen. Und damit meine ich alles. Keine Wäsche, keine Shirts, keine Kleider, Hosen, Jacken, Blusen und keine Schuhe. Auch keine Schals oder Tücher.

Warum? Ich habe genug. Mehr als genug. Wie sich der eine oder andere vielleicht erinnert, hatte ich in meinem Beitrag „Aller Anfang ist schwer“ geschrieben, dass ich bei mir die Kon Marie-Methode (Magic Cleaning) nicht angewendet habe, sondern immer so nach und nach aussortiert habe und dies nach wie vor tue.

Dazu gehe ich beim Saisonwechsel immer wieder die Sachen durch, die eingemottet werden sollen und überlege, ob das Teil noch zu mir passt. Bei Zweifeln kommen die Sachen in eine Kiste in meinem Schrank. Wenn ich den Inhalt in der nächsten Saison nicht vermisse, oder noch keinen anderen Verwendungszweck (Verwandlung) dafür gefunden habe, kommen sie in die Flohmarkt- oder Spendenkiste. Hier die Ausbeute aus 2015 – ein closed case sozusagen:

closed case

Nun ist es aber so, dass es nicht nur reicht zu schauen, was man kauft und welche Sachen man hat, die Hauptsache ist der Verzicht. Ergo der Vorsatz, keine Kleider mehr zu kaufen und die derzeitigen einfach aufzutragen, wenn sie denn nicht in der Spendenkiste landen. Und da ich einen klassischen, mancher würde sagen, konservativen Stil habe, geraten die Kleidungsstücke auch nicht wirklich aus der Mode.

Das dauert so seine Zeit, da Kleidung erstaunlicherweise – je nach Qualität – recht lange hält. Im letzten Jahr kamen auf diese Weise zum Beispiel unter anderem drei Blusen zusammen, die beide in etwa neun Jahre alt waren. Jede für sich wohlgemerkt. Ein Blick in den Schrank (Ihr kennt ja das Foto) zeigt, dass immer noch genug da sind.
Alternativ bieten sich Tauschbörsen an. Hat da jemand Erfahrung? Würde mich interessieren.

Eine Ausnahme gibt es dann doch und das ist der Ersatz. Sprich: Sind die Socken durch und ich habe kein weiteres, alternatives Paar mehr in der Schublade, dann wird nachgekauft. Beim Nachkauf achte ich auf Qualität und nicht so sehr auf den Preis, da diese Anschaffungen erstens länger halten und die Erfahrung zeigt, dass man teure Sachen wert schätzt, während man Billigwaren leichter mal den Laufpass gibt.

Zudem gehe ich, wenn, dann einkaufen. Im realen Leben, meine ich damit. Man kommt raus und unter Leute. Online-Shopping ist unbefriedigend. Die Kleider sehen auf dem Bildschirm meist besser aus als das, was dann zuhause ankommt. Vom Verpackungsmüll mal ganz abgesehen. Second Hand ist selbstverständlich noch besser als neu kaufen. Klappt aber logischerweise nicht mit allem. Wäsche, Socken fallen mir da ad hoc ein.

Erstaunlicherweise kostet es wirklich nur am Anfang einen starken Willen, nicht schwach zu werden. In den ersten beiden Monaten bin ich oft in Geschäfte und habe Sachen anprobiert und dann musste ich mir immerzu sagen: „Du hast sowas Ähnliches schon. Du brauchst nichts. Du hast genug. Sei zufrieden.“

Inzwischen interessieren mich Klamottenläden nur noch als nettes Schaufenster-Shopping-Erlebnis. Wenn überhaupt. Und ich bin schon fast genervt, wenn ich tatsächlich etwas kaufen muss aufgrund Verschleiß. Viel lieber setze ich mich in ein Café und schaue den Leuten zu, wie sie sich mit ihren Tüten und Taschen abschleppen und freue mich über meinen doppelten Gewinn. Zeit und Geld.

Apropos Geld: Denke es ist nur recht und billig, wenn ich mal ein paar Zahlen offen lege. Wie man sehen wird, habe ich auf ziemlich großem Fuße gelebt. Das gebe ich gerne zu. Wie gesagt, ich gehöre zu der Mittelschicht, der es gut geht und die es sich leisten kann, sich Gedanken über Nachhaltigkeit und Ethik zu machen. Zudem ich schon immer sehr auf Qualität bedacht, was vielleicht den einen oder anderen Euro erklärt. Hier meine Bilanz:

Zeitraum Kosten pro Monat
2009-2014 € 221,97
2015-April 2016 € 104,90

Ich muss gestehen, die aktuellen Kosten finde ich noch immer zu hoch, glaube aber, dass meine Bilanz nächstes Jahr wesentlich besser aussehen wird, da ich in 2015 mehr oder weniger meine gesamte Lingerie aussortiert habe und ein paar Sportsachen hinzu kaufen musste. Wie gesagt: Verzicht muss nicht heißen, dass man in Sack und Asche durch die Welt wandelt. Auch nicht unten drunter.
Trotzdem: Eine Ersparnis von ca. € 1.400,00 in einem Jahr. Davon kann man eine Menge Kaffee trinken und noch viele andere schöne Dinge machen.

Somit wäre das Kapitel Kleidung beendet. Weiter würde es laut Plan mit Lebensmitteln gehen. Ich habe mich aber entschlossen, den Bereich Kosmetik und Hygieneartikel aus der Sparte „Gegenstände des täglichen Lebens“ vorzuziehen, weil es vom Gefühl her besser hier passt. Und bevor wir starten, gestatte ich mir ein bis zwei Tage Verzicht und lege eine analoge Pause ein. Denn während der letzten Woche war mein Motto:

Küche

Und das trifft nicht nur auf die Küche zu.
Also dann, vor der action erst mal Pause!
Eure Kerstin

P.S.: Manch einer wird sich vielleicht fragen, woher ich die Zahlen so genau weiß. Tja, ich bin wohl doch recht konservativ. Ich führe nämlich ein Haushaltsbuch. Ziemlich penibel. Seit 2009. Aber Vorsicht für Nachahmer: Da kann einem hin und wieder ganz anders werden.

Tag 30: Fünf-Wochen-(Urlaubs)plan

Tag 30Kaum zu glauben, es ist tatsächlich vollbracht. Also, heute noch. Dann ist das Projekt 30 Tage Schreiben fertig. Fühlt sich komisch an. Aber komisch gut. Und hier mein Fünf-Wochen-Plan:

Woche 1:
Essen (Gans, Ente, Fondue, Plätzchen, Stollen – alles, was Weihnachten so hergibt) und nichts tun (geht mit dem vollgefressen Wanst ja dann auch gar nicht). Vor allem kein Internet. Ich muss dringend meinen häuslichen Pflichten nachkommen, die sich während der letzten dreißig Tage in katastrophale Zustände verwandelt haben.

Woche 2:
Essen (Raclette, Fondue, Schmalzgebäck- alles, was Silvester so hergibt) und nichts tun (geht mit dem noch vollgefresseneren Wanst auch gar nicht). Vor allem kein Internet. Allerdings muss ich mein Tatortaktivitäten wieder aufnehmen, da auch diese während der letzten dreißig Tage sträflich vernachlässigt wurden. Ansonsten lautet der feste Vorsatz, mir keine guten Vorsätze vorzunehmen. Vor allem keine Schreibprojekte, die eine tägliche Abgabefrist haben.

Woche 3:
Ab sofort ist Schluss mit Essen und dem Nichtstun. Bleibt mir auch gar nichts anderes übrig, da Kühlschrank leer und Waage am Anschlag. Wobei: Eine weitere Woche ohne Internet und Schreiben kann nicht schaden. Mal sehen, ob ich noch immer unter Nachwehen in Bezug auf das aktuelle Projekt leide.

Woche 4:
Ich glaube, ich lege eine Überraschungswoche ein, lasse einfach alles auf mich zukommen und sehe, was passiert.

Woche 5
Nicht verzweifeln, dass schon wieder der erste Monat des neuen Jahres vorbei ist. Nicht grämen, dass nach Abzug aller Versicherungsprämien Ebbe auf dem Konto herrscht. Nicht künstlich aufregen, wenn das bevorstehende Zwischenzeugnis des jugendlichen Mitbewohners mal wieder viel Nachsicht und Wohlwollen verlangt. Statt dessen einfach freuen – da werde ich schon was finden, hoffentlich – und einen Tag Erholung einplanen. Sauna. Massage. Oder einfach raus in die Natur. Der Frühling fühlt sich schon ganz nah an.

Klingt schon fast wie Urlaub. Schön. Ich freu mich drauf.

 

Na, dann bis irgendwann, Kerstin

Tag 20: Zeitvertreib

Tag 20Wer hier zufällig zum ersten Mal hinein stolpert: Die Frage bezieht sich auf Tag 19. So viel vorweg. Tja, und alle anderen können gern auch noch mal den gestrigen Beitrag nachlesen. Da steht die Antwort im Grunde ja schon drinnen: Die Zeit ist einfach noch nicht da, wo sie sein soll.

Ändern lässt sich das auf herkömmliche Art und Weise freilich nicht. Ich könnte nun entweder eine Zeitreise in die Zukunft buchen oder „mal eben Zigaretten holen“ gehen – sprich, aus dem Staub machen. Da a) ja keine Option ist, also, was meinen Wissenstand, der durchaus begrenzt ist, wie ich gern zugebe, betrifft und b) mir keiner abnehmen würde, da ich nicht rauche, fallen beide Theorien aus. Würde mich auch nicht glücklich machen. Viele Theorien sind eben nur in der Theorie verlockend. In die Praxis umgesetzt, verliert sich so mancher Reiz recht schnell.

Also heißt es abwarten und Tee trinken. Geduldsamkeit üben und die Zeit lebenswert machen. So könnte ich zum Beispiel die Bibel und den Koran lesen. Den Buddhismus und Hinduismus entdecken. Vielleicht auch den Katechismus. Das Studium heiliger Schriften war schließlich schon immer ein hervorragender Zeitvertreib.

Während meiner Lehrzeit gab es eine Dame, die in der Telefonzentrale saß. Das war so ein halbgläserner Kasten, einem Bankschalter nicht unähnlich. Vor einem befand sich ein riesiges Pult mit Knöpfen und Lämpchen und Schaltern. So manches futuristische Raumschiff wurde sicherlich dieser Schaltzentrale nachempfunden. Doch spannend und abwechslungsreich war die Arbeit nicht im Geringsten. Im Gegenteil, es geradezu einschläfernd. Und die Zeiger der Uhr schienen auch mehr zu schlafen als sich vorwärts zu bewegen. Wir Azubis durften die Zeit daher nutzen und den Lehrstoff lernen oder unser Ausbildungsheft führen. Leider hat das nicht wirklich geholfen und war nicht minder langweilig. Besagte Dame hatte ja nun keine andere Aufgabe, als Anrufe zu empfangen und zu verbinden. Gelangweilt hat sie sich allerdings nie. Sie hat nämlich das Telefonbuch – ja, damals waren wir noch sehr analog unterwegs – gelernt oder gelesen. So genau haben wir das nie heraus gefunden. Jedenfalls hat sie immer die Einträge so leise vor sich her gesagt. Fast mantramäßig. Irgendwie unheimlich war es auch, vielleicht sogar ein bisschen verrückt, aber anscheinend für sie das Mittel, die Zeit in ihre Schranken zu weisen. Vielleicht hat auch sie darauf gewartet, sich ihren Wunsch zu erfüllen.

Gut, also zu Telefonbüchern werde ich nicht greifen. Keine Sorge. Davor kann man durchaus noch die Schriften sämtlicher Philosophen durcharbeiten und sich dann an die Werke der klassischen Literatur machen. Das sollte für den Anfang reichen. Wenn ich es mir so recht überlege, es gibt noch so viel zu erleben, bevor ich meinen Wunsch in die Tat umsetzen kann. Da macht mir das Warten fast nichts aus. Und Warten kann ja auch was Schönes sein.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 12: Parallelwelt

Tag 12Schade, wenn ich gestern gewusst hätte, was heute die Frage ist, dann hätte ich vielleicht für Tag 11 einen anderen Artikel geschrieben. Das mit der Pubertät hätte so gut gepasst. Wirklich schade. Nun gut, es liegt in der Natur des Menschen und ich hoffe, aller anderen Lebewesen und überhaupt auch, dass wir Entscheidungen nicht rückgängig machen können, in dem wir die Uhr einfach zurück drehen. Wir können uns in einer ähnlichen Situation nur anders entscheiden. Von daher könnte ich nun wirklich die restlichen achtzehn Fragen genau durchlesen, um nicht wieder da zu sitzen und zu sagen: ‚Warum hast Du das schon bei Tag 12 geschrieben? Das hätte doch nun viel besser gepasst.’

Nun gut. So ist das nun mal. Also, welche Erlebnisse gehören wohl noch zu jenen, bei denen ich aus voller Überzeugung behaupten kann: ‚Schluss. Aus. Vorbei. Und komm bitte nicht wieder.’? Das ist wirklich schwer.

Manchmal bin ich schon abends froh, dass der Tag vorbei ist, wenn mein jugendlicher Mitbewohner mal wieder jeden Wortwechsel in eine endlose Diskussion verwandelt und meinen Argumenten vollkommen resistent gegenüber ist. Einfach so. Von Anfang bis Ende. Und wenn dann endlich Ruhe ist und ich auch zur Ruhe komme, denke ich: ‚Morgen machst Du das besser.’ Nur, um am nächsten Morgen bei der kleinsten Kleinigkeit gleich wieder in die Luft zu gehen.

Manchmal war ich auch schon froh, wenn die Bergwanderung vorbei war, weil ich stundenlang im Regen/Schnee/Nebel umher gelaufen bin. Nur um am Abend dann gleich zu schauen, welchen Gipfel ich beim nächsten Mal erklimme.

Manchmal weiß ich sogar schon im Voraus, dass ich froh sein werde, wenn etwas vorbei ist. Zum Beispiel, wenn ich zur Zahnreinigung muss. Schrecklich. Das geht durch Mark und Bein. Trotzdem mache ich dann brav wieder einen neuen Termin aus.

Und manchmal ertappe auch ich mich an Silvester dabei, dass ich froh bin, das alte Jahr hinter mir zu lassen und hoffe, im neuen würden sich die Dinge positiver entwickeln. Nur dass dies nichts mit Jahreszahlen zu tun hat, wird mir meist dann auch gleich an Neujahr klar. Aber probieren kann man es ja mal.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nein, eigentlich bin ich bei gar nichts froh, dass es vorbei ist. Also richtig froh. Klar habe ich unzählige Entscheidungen getroffen, die zu unglücklichen Erlebnissen geführt haben, die ich nicht unbedingt nochmals erleben möchte. Aber ich bereue es auch nicht. „Nicht das Gute, das man mir getan hat, Nicht das Schlechte, Das Alles ist mir relativ egal“, sang schon Édith Piaf in ihrem großartigen Chanson. Gehört ja auch irgendwie zu mir. Und wenn ich auch nur eine Entscheidung rückgängig machen könnte, dann wäre ich heute nicht hier, sondern in einem Paralleluniversum. Wie bei „Zurück in die Zukunft“ oder „Der Anschlag“. Man ändert nur ein Ereignis und schon gerät die Welt aus den Fugen. Also das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Dann lieber so. Echt und live und in Farbe.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

P.S.: Interessanterweise wurde „Non, je ne regrette rien“ auch in dem Film „Inception“ verwendet, bei dem es ja unter anderem um vergangene Entscheidungen und Parallelwelten im weitesten Sinne geht.