Der zufällige und alltägliche Zauber

Es gibt ja Zufälle, die gehören sozusagen zum alltäglichen Handwerk. Zum Beispiel wurde ich vor ein paar Tagen von dem jugendlichen Mitbewohner in eine endlos ausufernde Gesprächsrunde, das Wort „Diskussion“ hat er sich verbeten, über Aktien und Wertpapiere, Broker und die Börse im Allgemeinen verwickelt. Klar, ist ja total normal, dass jugendliche Mitbewohner sich für solch hochkomplexe Mechanismen interessieren. Quasi aus dem Nichts heraus.

Nach gut zwei Stunden war ich so weit, dass ich den Joker „Ich bin eine Mutter, holt mich hier raus“ gezogen habe. Leider bin ich nur bis zum Schlafzimmer gekommen. Was den Nachwuchs nicht von seinem Redeschwall abgelenkt hat. Gut, irgendwann boten meine Gesprächsrundenbeiträge („Keine Ahnung.“ „Ich weiß es nicht.“ „Kann ich Dir nicht sagen.“) nicht mehr die nötige Grundlage für weiteren Redebedarf und der jugendliche Mitbewohner hat von mir abgelassen.

So weit, so gut. Und nun zu dem Punkt, an dem der Zufall ins Spiel kommt. Ich greife zu meiner Lektüre, die ich just an dem Abend aus dem Stapel ungelesener Bücher gezogen habe und fange an zu lesen: „Die ganze Welt ist aus dem Lot, auch wenn es die meisten Leute noch nicht bemerkt haben. Bis jetzt wirkt alles normal, aber Serge spürt ihn beim Atmen, den schwachen Hauch des Irrsinns in der Luft. Es ist acht Uhr morgens am Montag, dem 1. September 2008, die Londoner Börse hat gerade geöffnet, und um ihn herum rotieren die Trader längst.“ Genau, das meine ich mit Zufällen, die irgendwie zum alltäglichen Handwerk gehören. Kennen wir alle.

Was ist aber mit den Zufällen, bei denen dann doch höhere Zauberei mit im Spiel zu sein scheint? Wie hoch ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass ich aus zweimal dreizehn Zetteln die zwei herausziehe, die vom Grundgedanken her identisch sind? Von was ich rede? Kurz und knapp: Von den Rauhnächten. Dazu ein kurzer Einschub, was es mit den Wünschen auf sich hat.

Also, zu Beginn der Rauhnächte schreibt man dreizehn Wünsche auf kleine Zettel, faltet diese zusammen, zieht in jeder Rauhnacht einen und verbrennt diesen bzw. übergibt ihn damit an die guten Geister zur weiteren Bearbeitung – sprich Wunscherfüllung. Nach zwölf Rauhnächten bleibt ein Zettel übrig und das ist der Wunsch, um den man sich das kommende Jahr über selbst kümmern muss.

Der eine oder andere erinnert sich. 2017 ist der Wunsch „Draußen die Natur genießen“ übriggeblieben (siehe Loslassen und Neuanfang). Für 2018 hatte ich wieder dreizehn Wünsche in die Waagschale geworfen und wollte schon fast den gleichen wieder aufschreiben, weil er und seine Verwirklichung so schön waren. Doch dann habe ich ein bisschen variiert. Es wurde wieder geräuchert und gezündelt und mit jedem Tag stieg die Spannung, welche Aufgabe die Geister für mich übriglassen würden. Tja und was soll ich sagen?

Wunschzettel

Eben, ganz genau, ich weiß, dass kann doch jetzt wirklich kein Zufall mehr sein. Also, keiner der zum alltäglichen Handwerk gehört. Ich habe mir lange Zeit den Kopf darüber zerbrochen, wie das wohl sein kann und bin zu folgendem Schluss gekommen: Die Geister wissen, welchen Wunsch sie guten Gewissens in der Schale lassen und einem auferlegen können. Andersrum könnte man auch sagen: Nach zwölf Rauhnächten und ständigem Geistertreiben, haben die Geister einfach keine große Lust mehr auf draußen und aktiv sein.

Wie heißt es bei Theodor Fontane so treffend: „Der Zauber steckt immer in Detail.“ Womit wir wieder beim alltäglichen Handwerk der Zufälle wären, denn dieser Spruch steckte am Boden meiner Wunschkerze, die ich während der Rauhnächte entzündet habe. Wer hätte das gedacht.

Nein, keine Angst, ich werde die nächsten zwölf Monate nicht wieder eine Zusammenfassung im Rückblick auf die Rauhnächte machen. Ich muss aber zugeben, dass die vergangenen zwölf Monate durch die Rauhnächte reichhaltiger waren und ich vieles bewusster registriert habe, mich öfter mal aus dem Alltag herausgenommen und nach innen geblickt habe. Insofern werde ich mich an dem Ritual der Rauhnächte noch hoffentlich viele Jahre erfreuen. Und wer weiß, über was für zauberhafte Zufälle ich dabei noch so schmunzeln werde, während mir der schwache Hauch des Irrsinns entgegenweht, wenn wieder einmal eine dieser total normalen Gesprächsrunden eröffnet wird.

 

Eure Kerstin

Kindergeburtstag

Geburtstage sind was ganz Besonderes. Das kann jeder einmal im Jahr an sich selbst testen. Eltern sogar zwei- oder mehrmals, denn der Geburtstag des Nachwuchses ist fast noch aufregender als der eigene. Das fängt schon mit dem Dekorieren des Geburtstagstisches, dem Backen des Geburtstagskuchens und dem Aufstellen der Kerzen an. So ab dreißig Lichtern wird es mit dem Tablett und Anzünden schwierig und unter Umständen auch langsam nicht mehr erwünscht sein, aber dann sollte der Nachwuchs ja auch schon längst ausgezogen sein. Morgens schleicht man sich dann ins Kinderzimmer und singt das Geburtstagsständchen, denn das Glückskind liegt meist schon vor lauter Aufregung seit Stunden wach im Bett. Es folgen Liebkosungen und leuchtende Augen beim Geschenkeauspacken und zum Frühstück gibt es Kuchen.

Wird aus dem Kind ein Teenager, dann läuft das in etwa so ab: Beim Versuch, die inzwischen stattliche Anzahl an Kerzen auf dem Tablett zu platzieren und anzuzünden, ruft das Geburtskind: „Kann ich aufstehen? Ich muss mal.“ Gut, das war jetzt irgendwie anders geplant, aber morgendlichen Blasendruck kennt man ja aus eigener Erfahrung. Nicht schön. Nun gut, dann muss es also schnell gehen. Kerzen an, Tablett jonglieren und singen. Ein leichtes Grinsen huscht über das Gesicht des übernächtigten Geburtstagskindes – man muss schließlich um Mitternacht die gechatteten Glückwünsche der Freunde checken – bevor es ins Bad entschlüpft. Ewigkeiten vergehen.

Den Kuchen zum Frühstück gibt es natürlich trotzdem. Dekoriert mit Glückskeksen statt buntem Naschwerk. Doch davon später. Das Geschenkeauspacken ist dann auch eher nüchtern, da es diesmal nichts zum Auspacken gab. Nicht, weil wunschlos glücklich (ha, selten so gelacht), sondern weil das mit dem Alter ein immer schwierigerer Entscheidungsprozess zu werden scheint, der sich zunehmend in die Länge zieht. Auf ein zartes Nachfragen ca. vier Wochen vor dem Freudentag, was denn so auf der Wunschliste stehe, kommt erst mal gar nichts und dann folgen alle zwei Tage andere Wünsche, die mal größer, mal teurer, mal bei-Dir-piepst-wohl sind.

Der diesjährige Wunsch ließ schon im Vorfeld extrem lange auf sich warten, so dass ich dann doch etwas nervös wurde. So ganz ohne Geschenk will man ja als Eltern auch nicht da stehen. Und mit einem Kuchen und vielen Kerzen kann man bei der Jugend keinen Staat machen. Das kommt auf den Posts in den sozialen Netzwerken gar nicht gut und ist völlig uncool. Zum Glück konnte der jugendliche Mitbewohner seine Gedanken und Wünsche doch noch bündeln und dann einen fast vollständigen Satz formulieren: „Shoppen.“ „Ja, und hast Du Dir schon mal so überlegt, was Du alles einkaufen möchtest?“ „Schuhe. Klamotten halt.“ „Und welche Geschäfte hast Du Dir da so vorgestellt?“ „Weiß nicht.“ Wie gesagt, man darf den Bogen nicht überspannen. Die gedankliche Arbeit im Vorfeld ist mit Sicherheit sehr anstrengend und Details sind auch nicht so wichtig, wie man als Erwachsener manchmal denkt.

Statt Party diesmal also der Trip in die Stadt, der dann schon fast an eine Schnitzeljagd erinnert: Neun Geschäfte in guten zweiten Stunden. Aber was tut man nicht alles für das eine Paar Schuhe. Und die Unterhosen, deren großflächige Werbung zu meiner Zeit noch für Aufsehen sorgte. Und Klamotten, mit denen man auch ungewaschen und unausgeschlafen hip rüber kommt. „Shopping Queen“ ist nichts dagegen. Und, es war trotz knappem Zeitplan noch ein Kaffee für die gestresste Begleitung drin. Aber auch nur deswegen, weil die nämlich unter akuter Blasenschwäche litt und dringend mal wohin musste.

Gut, so ein Geburtstag ist ja schließlich kein Kindergeburtstag. Das verlangt allen Beteiligten einiges ab – einschließlich der Kreditkarte. Ich glaube, da steht ein Besuch bei dem Bankberater meines Vertrauens bevor. Andererseits hatten wir so viel Spaß, dass es jeden Cent wert war, das Budget so maßlos zu überziehen.

Und zu den Glückskeksen wäre noch ergänzend zu sagen: Drei wurden am Morgen nebst Kuchen verspeist. „Es erwartet Sie eine Reise.“ – Check. „ Freuen Sie sich auf schöne Stunden.“ – Check. „Absolute Höchstform. Sie können Berge versetzen.“ – Check. Alles richtig gemacht. Happy Birthday, Lieblingskind! Und bleib wie Du bist.

 

Eure Kerstin (Mami)

Tatort des Monats Mai

Vorwort @ alle Verklemmten, Sockenträger, Licht-aus-Fetischisten, Verschämten, Das-man-nicht-Prediger: Das hier ist nix für Euch!

Seelenfunkeln hat mit Ihrem Beitrag „Happy Masturbation Month“ die Frage nach dem Lieblingsspielzeug gestellt. Und ich bin dann in meiner Schublade nachschauen gegangen. Tja, leider rappelt da nichts mehr. Kaputt, das schöne Ding.

Tatort: Schlafzimmer.Karton

Tatbestand: Spielzeug von Mae B (den Rest überlasse ich Eurer Phantasie).

Tatortsäuberung: Kann man das eigentlich auf dem Wertstoffhof entsorgen? Oder einfach in die Tonne damit? Könnte ja mal nach einer Reparatur fragen. Das wäre bestimmt der ultimative Spaß (bzw. die Ersatzbefriedigung), wenn ich damit auftauche und den Deckel lüpfe

Nun muss eine neue Kiste her, damit es wieder rappelt

P.S.: Wer trotz Warnung beim Vorwort noch immer hier ist: Mutig! Da scheint ja noch Hoffnung zu bestehen. Und zur Belohnung das Video mit ein paar Anregungen.

 

Tag 20: Zeitvertreib

Tag 20Wer hier zufällig zum ersten Mal hinein stolpert: Die Frage bezieht sich auf Tag 19. So viel vorweg. Tja, und alle anderen können gern auch noch mal den gestrigen Beitrag nachlesen. Da steht die Antwort im Grunde ja schon drinnen: Die Zeit ist einfach noch nicht da, wo sie sein soll.

Ändern lässt sich das auf herkömmliche Art und Weise freilich nicht. Ich könnte nun entweder eine Zeitreise in die Zukunft buchen oder „mal eben Zigaretten holen“ gehen – sprich, aus dem Staub machen. Da a) ja keine Option ist, also, was meinen Wissenstand, der durchaus begrenzt ist, wie ich gern zugebe, betrifft und b) mir keiner abnehmen würde, da ich nicht rauche, fallen beide Theorien aus. Würde mich auch nicht glücklich machen. Viele Theorien sind eben nur in der Theorie verlockend. In die Praxis umgesetzt, verliert sich so mancher Reiz recht schnell.

Also heißt es abwarten und Tee trinken. Geduldsamkeit üben und die Zeit lebenswert machen. So könnte ich zum Beispiel die Bibel und den Koran lesen. Den Buddhismus und Hinduismus entdecken. Vielleicht auch den Katechismus. Das Studium heiliger Schriften war schließlich schon immer ein hervorragender Zeitvertreib.

Während meiner Lehrzeit gab es eine Dame, die in der Telefonzentrale saß. Das war so ein halbgläserner Kasten, einem Bankschalter nicht unähnlich. Vor einem befand sich ein riesiges Pult mit Knöpfen und Lämpchen und Schaltern. So manches futuristische Raumschiff wurde sicherlich dieser Schaltzentrale nachempfunden. Doch spannend und abwechslungsreich war die Arbeit nicht im Geringsten. Im Gegenteil, es geradezu einschläfernd. Und die Zeiger der Uhr schienen auch mehr zu schlafen als sich vorwärts zu bewegen. Wir Azubis durften die Zeit daher nutzen und den Lehrstoff lernen oder unser Ausbildungsheft führen. Leider hat das nicht wirklich geholfen und war nicht minder langweilig. Besagte Dame hatte ja nun keine andere Aufgabe, als Anrufe zu empfangen und zu verbinden. Gelangweilt hat sie sich allerdings nie. Sie hat nämlich das Telefonbuch – ja, damals waren wir noch sehr analog unterwegs – gelernt oder gelesen. So genau haben wir das nie heraus gefunden. Jedenfalls hat sie immer die Einträge so leise vor sich her gesagt. Fast mantramäßig. Irgendwie unheimlich war es auch, vielleicht sogar ein bisschen verrückt, aber anscheinend für sie das Mittel, die Zeit in ihre Schranken zu weisen. Vielleicht hat auch sie darauf gewartet, sich ihren Wunsch zu erfüllen.

Gut, also zu Telefonbüchern werde ich nicht greifen. Keine Sorge. Davor kann man durchaus noch die Schriften sämtlicher Philosophen durcharbeiten und sich dann an die Werke der klassischen Literatur machen. Das sollte für den Anfang reichen. Wenn ich es mir so recht überlege, es gibt noch so viel zu erleben, bevor ich meinen Wunsch in die Tat umsetzen kann. Da macht mir das Warten fast nichts aus. Und Warten kann ja auch was Schönes sein.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 19: Geduldsprobe

Tag 19Danny Kaye hat einmal gesagt: „Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.“ Mich würde interessieren, was Danny Kaye, der 1987 verstorben ist, heute noch hinzu fügen würde. Oder vielleicht auch ändern. Denn dass Geld nichts mehr wert ist, wird mir beim allmonatlichen Kassensturz klar, wenn ich Einnahmen und Ausgaben gegenüberstelle. Gerade erst wurde meine Vermutung durch die aktuellen Inflationsraten untermauert. 2,3% mehr für Lebensmittel. Dass die Energiepreise gefallen sind, ist schön, aber hat vielleicht mal jemand nach draußen gesehen? Mitte Dezember und noch immer an die 10°C. Klar, dass man bei so einem Wetter auf seinem Energievorrat hocken bleibt. Das Angebot bestimmt schließlich die Nachfrage.

Gut, das sollte ja eigentlich gar nicht mein Thema sein heute, aber bei den meisten Wünschen scheitert es sehr wahrscheinlich des Öfteren am Geld. Schwein gehabt, kann ich da nur sagen. Denn, der eine oder andere hat es mitbekommen, mein Wunsch ist es ja, so was wie ein Zigeuner/Hippie/Aussteiger zu werden. Da braucht man nicht so viel. Wer schon mal sein Hab und Gut in einem Rucksack oder auch Koffer untergebracht hat, weiß, wie leicht man sich von Dingen trennt, wenn man diese mit sich herum schleppen muss und sie nicht überlebenswichtig sind. Aus Erfahrung kann ich sagen, da wird mal erst recht zum Krümmelkacker, wenn man nicht schon vorher einer war.

Geld ist bei mir also nicht unbedingt das Problem. Bares ist zwar irgendwie immer Mangelware und Aktien traue ich schon von Haus aus nicht. Gold, hm, also mein Zahngold habe ich bis dato immer gespendet. Also auch Fehlanzeige. Schmuck: Leider wurde mir das bisschen, was ich besessen habe, vor ein paar Jahren geklaut. Ach ja, falls der/die Einbrecher das hier lesen: Ich hätte gern die Tiffany Kette, den Swarovski Kristallanhänger und die Opalohrstecker zurück. Die vermisse ich wirklich sehr. Tja, bleiben noch Grundstücke. Und bevor jetzt irgendwelche Heiratsschwindler und andere zwielichtige Gestalten auf dumme Gedanken kommen: Nein, ich besitze nur eine Wohnung und die gehört zur Hälfte auch noch der Bank. Also vergesst es.

Gut, vielleicht ist Geld ja doch ein Problem. Ich will das aber mal positiv sehen. Schließlich ist die Umsetzung des Planes ja erst in 5-10 Jahren so weit. Theoretisch kann da noch ein Lottogewinn ins Haus flattern. Das Problem ist eher ein anderes. Nämlich die Zeit und die Frage: Wie soll ich nur so lange durchhalten? Wo ich doch am liebsten jetzt und sofort und gleich losziehen würde. Das ist für mich eine echte Geduldsprobe. Nichts für ungeduldige Zappelphilippe. Was ist da eigentlich die weibliche Bezeichnung? Gut, ich hoffe jedenfalls, dass sich das Warten lohnt.

Neulich verkündete mein Chef voller Stolz, dass er nun zig Jahre an einen Deal hingearbeitet hätte, um ihn nun endlich zum Abschluss zu bringen. Ich meinte dann: „Derjenige hat eben nicht damit gerechnet, dass Sie so hartnäckig sind.“ Woraufhin er: „Glauben Sie mir, auch für mich ist das nicht immer einfach.“ Da mussten wir beide herzlich lachen. Wie recht er doch hat.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 17: selbstverständlich

Tag 17Also, eigentlich finde ich die Frage ziemlich doof. „Das versteht sich doch von selbst“, hätten meine Eltern wohl früher gesagt. Richtig. So sehe ich das auch. Menschen, die mir wichtig sind, behandele ich automatisch pfleglich und mit der gebührenden Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Anstand und Achtung heute keine Tugenden mehr und die Frage hat ihre Berechtigung. Frei nach dem Motto: „Alle denken immer nur an sich. Nur ich, ich denk an mich.“

Hatte ja schon mal an Tag 4 die Behauptung aufgestellt, dass ich leicht egozentrisch veranlagt bin. Könnte ja sein, dass sich dieser Wesenszug im Laufe der letzten Woche zunehmend ausgeprägt hat.

Unter Umständen verstehe ich auch einfach den Sinn nicht. Mag sein.

Um es kurz zu machen: Mir fallen da nur zwei Dinge ein:

1. „Innteerrneet!“, würde der jugendliche Mitbewohner ausrufen. (Seine unverständige Erziehungsberechtigte hat nämlich da eine Zeitsperre eingebaut und muss sich des Öfteren rechtfertigen, dass dies nichts mit der Liebe gegenüber dem Teen zu tun hat)

2. Meine lieben Freunde aus nah und fern, ich weiß, ich könnte mich öfter mal melden.

Also, so bei näherer Betrachtung kann ich noch einen dritten Punkt hinzu fügen:

3. Wer das jetzt hier liest und das Gefühl hat, dass ich ihr/ihm ruhig mal (wieder) zeigen könnte,dass sie/er mir wichtig ist, der melde sich einfach. So kurz vor Weihnachten will ich mal großzügig sein und noch ein paar Wünsche erfüllen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Tag 11: Jeder Tag ist ein neuer Anfang

Tag 11Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer hat alles bei dieser Frage zuerst an eine negative Erfahrung gedacht?

Ist doch komisch, oder? Oder ist das typisch Deutsch? Immer erst mal alles Schlechte nach oben kehren. „German Angst“, wie die Welt das nennt. Dabei bin ich grundsätzlich ein Optimist und kann auch in der miesesten Lage noch Licht sehen. Selbst wenn es nur das Fünkchen Hoffnung ist und der Glaube, dass es zu irgendetwas schon gut sein wird.

Ich muss noch kurz einfügen, dass ich mir die Fragen morgens immer durchlese, um schon mal meinen Denkapparat auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Deswegen habe ich mir also heute morgen anstatt Frühstück Gedanken gemacht: ‚Welche positiven Erinnerungen kannst Du mit dieser Frage in Verbindung bringen?’

Zuerst habe ich mir der Idee gespielt, etwas über die erste große Liebe zu schreiben und welch romantische Flausen mir damals durch den Kopf und das Herz gingen und wie unschuldig ich noch in jedweder Hinsicht war. Wie unbeschrieben das Blatt im Buch des Lebens. Wie groß die Hoffnungen. Wie flatternd der Herzschlag und wie prickelnd die Küsse.

Aber sehne ich mich wirklich danach zurück, nochmals sechzehn zu sein? Nochmals gefangen in der Pubertät? In einem Körper, der mit dem eines Models nur das Geschlecht gemein hat? Nochmals in ständigem Wettstreit mit sich und der Welt? Überlebensgroß zwischen den Spielsachen im Kinderzimmer und unbedeutend klein im Reich der Erwachsenen. Weder Fisch noch Fleisch, wie eine Freundin immer sagt. Herrje, nie im Leben sehne ich mich danach. Die Unbeschwertheit und Sorglosigkeit ja, aber alles andere? Nee, danke.

Also habe ich weiter nachgedacht, was mich wirklich glücklich macht und wo ich mich nach nichts sehne als dem Jetzt. Na, erraten? Richtig: Der Berg ruft. Dabei ist mir natürlich meine Alpenüberquerung eingefallen. Aber ich konnte beim besten Willen nicht einen bestimmten Punkt nennen, der besonders heraus sticht. Jeder Moment war auf seine Weise richtig. Auch all die anderen Wanderungen stehen dem Traumpfad in nichts nach. Ich sehne mich nach allen zurück.

Doch dann hatte ich es. Der erste Schritt. Das ist der Punkt, an den ich mich zurück sehne. Nochmals Weg und Karte überprüfen, den Blick nach vorne/oben richten, das Gepäck festschnallen, tief durchatmen und los. Noch alles vor einem, aber schon voller Freude. Am Anfang stehen. Und das gilt dann für (fast) alles: Vom ersten Schritt ins Leben bis hin zum ersten Schritt jeden Morgen jeden Tag.

Na, dann bis morgen, Kerstin