Im Land der Zahlen

Ich bin ja kein großer Mathematiker und rechnen gehört wahrlich nicht zu meinen Stärken, sondern ist sogar eine ausgesprochene Schwäche, ich habe sogar mal während einer Matheprüfung neunzehn minus eins in den Rechner eingetippt, weil ich so verunsichert war. Aber für dumm verkaufen lasse ich mich ungern.

Als ich neulich beim Autohändler mein Auto aus dem Winterschlaf habe wecken lassen, hatte ich darum gebeten, dass man sich bitte den Wischwassertank ansehen möge, da dieser irgendwie leckt und nein, ich bin nicht zu blöd, diesen aufzufüllen.

Beim Abholen dann: „Einmal Reifenwechseln und wir haben die Schläuche am Wischwassertank wieder befestigt. Die waren locker. Das macht dann €170,00.“ Ich glaube, die Maske wirkt sich auch auf mein Hörvermögen aus, denn irgendwie hatte ich für den Reifenwechsel mit Einlagern und Waschen während der letzten zehn Jahre immer so einen Betrag von €70,00 vor Augen. Nun, es wird ja alles teurer. Irgendwie müssen auch alle die Verluste dieser Krise wieder reinholen: Industrie, Wirtschaft, Handel und Staat gleichermaßen. Die Zeche zahlt der Verbraucher, das war mir schon klar. Aber muss das denn gleich so offensichtlich sein?

Könnten Sie mir bitte nochmal sagen, was der Reifenwechsel kostet?“ „Mm, €70,00.“ Wie gesagt, meine Rechenkünste sind ziemlich begrenzt, aber das kriege selbst ich hin: „Sie wollen mir also sagen, dass Sie für das Festschrauben von zwei Schläuchen €100,00 berechnen?“ „Äh.“ Ah, die Dame am Schalter scheint auch kein Rechengenie zu sein. „Da muss ich mal den Meister fragen.“ Gut, ich bin gespannt.

Also, wir mussten die Stoßstange abmontieren, damit wir an die Schläuche kommen.“ Oh bitte, ich fühle mich wirklich zusehends verschaukelt von einer Industrie, die alles immer und immer mehr so konstruiert, dass sich jeder am Endverbraucher eine goldene Nase verdient. Demnächst muss ich dann ein neues Auto kaufen, nur weil der Leuchtmittelaustausch so teuer ist, dass es sich nicht rechnet, oder was? „Ja, aber €100,00 finde ich schon ein bisschen viel.“ „Nein, es sind ja nur €70,00.“ Das macht es jetzt irgendwie nicht wirklich besser. Und ich sehe schon, das mit der niederen Mathematik kriegen selbst wir drei zusammen nicht hin, was vielleicht einfach an der zu geringen Sauerstoffzufuhr unter den Masken liegen mag. Vielleicht hilft es ja, wenn ich einfach mal die Rechnung schwarz auf weiß sehe. Manchmal traut man seinen Augen ja doch mehr als den Ohren.

Also bezahle ich.

Rechnenübung

Tja, was soll ich sagen. Es mögen vielleicht so ungefähr €70,00 auf der Rechnung ausgewiesen sein, aber wenn ich die Mehrwertsteuer, von einem Kollegen liebevoll Märchensteuer genannt, hinzurechne, dann sind es eben doch fast €100,00. Denn soweit ich mich erinnern kann, besteht für Konsumenten nicht die Möglichkeit, diese irgendwo abzusetzen. Im Land der Zahlen sind wir wohl Freigeister und deswegen ist der Meister Kfz-Mechaniker geworden und ich nicht Mathematikprofessorin an der Uni.

Ach ja, dass der Wischwassertank mal eben für schlappe €10,00 aufgefüllt wurde, hat man geflissentlich verschwiegen beziehungsweise einfach gemacht, Kundenservice sozusagen. Eine Autowäsche, so wie früher, also im Herbst letzten Jahres, wäre mir lieber gewesen und hätte einen deutlich besseren Eindruck hinterlassen. Nun, wollen wir mal nicht kleinlich sein, irgendeiner muss ja die Wirtschaft ankurbeln und der „armen“ Autoindustrie auf die Räder helfen.

Die Ohnmacht der Zahlen

Zahlen begleiten uns ja ein Leben lang. Bisweilen sehr zu meinem Missfallen, denn ich bin so gar nicht der Mathematiker. Mit der Krise nun treten diese an vielen Stellen nochmals mehr in den Vordergrund, sei es in Fallzahlen oder in Form eines Schirmes. Beides lässt mich zunehmend benommen zurück und während ich noch versuche, mir die Anzahl der Nullen vor Augen zu führen, flattern schon die neuesten Statistiken herein.

Vor fast zwei Monaten, als alles irgendwie erst so richtig ins Laufen kam, habe ich einen Artikel gelesen, in dem es um die Zunahme der weltweiten Armut ging. Wohlgemerkt der absoluten Armut, denn es scheint da mehrere Stufen zu geben, wenn es um die Berechnungsgrundlage geht: Arm, ärmer, am ärmsten.

Tagesgeld

Zur absoluten Armut gehört man, wenn einem am Tag weniger als $1,9 zur Verfügung stehen. Dollar 1,90? Selbst, wenn ich das jetzt mal in Euro umrechne, wird da keine Mahlzeit draus, drei schon gleich gar nicht. Ich frage jetzt auch besser nicht, wie, wenn überhaupt, man mit diesen Mitteln wohnt sowie etwas am Leibe trägt. Genauso wenig weiß ich, wie groß die Differenz zur nicht absoluten Armut ist. Reden wir hier von Cents oder ganzen Dollars? Im Grunde macht es wohl auch keinen Unterschied, denn selbst wenn es $5,00 am Tag sind, übersteigt das meine Vorstellungskraft, was so mancher Mitmensch erleiden muss.

Die weltweite Armut ist unmittelbar mit dem Weltwirtschaftswachstum verknüpft. Ist klar. Ein Minus auf der Wirtschaftsseite ein Plus auf der Armutsseite bedeutet, wohingegen ein Wirtschaftsplus nicht unbedingt ein Minus, also einen Rückgang der Armut nach sich zieht, was das Ganze dann doch wieder nicht wirklich klar macht. Und überhaupt ist auch die Rechnung Minus = Plus nicht 1:1 anwendbar, denn ein globales Wachstumsminus von 1% bedeutet eine Steigerung derer, die in Armut leben, um 1,6 % – 3%. Eigentlich kein Wunder, dass Mathe nicht mein Ding ist, das ist doch irgendwie unlogisch. Wo bleiben denn da die Konstanten? Obwohl, derzeit werden gerne ja auch immer mal wieder andere Faktoren zu ein und derselben Berechnung herangezogen. Gern wird auch einfach anders gezählt und schon verschiebt sich der Wert auf der Richterskala.

Doch das ist gar nicht mein Punkt. In dem Artikel, wie gesagt, das war vor 6-7 Wochen, hieß es, dass man aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Rezession mit einem weltweiten Einbruch der Wirtschaft von 1,9% ausgehe. Im Umkehrschluss bedeutet das also eine Zunahme von 35-65 Millionen Menschen, die in die absolute Armut abrutschen. Eine ziemliche Spanne, die nicht ganz unerheblich ist, wie finde ich. Da scheinen letztlich doch mehrere Variablen mit im Spiel zu sein, die nur Eingeweihten zum inneren Kreis zugänglich sind.

Mittlerweile nun wurden entweder die Taschenrechner der Analysten getauscht und/oder die haben eine neue Version mit mehr Datenvolumen bekommen, denn aus dem Minus von 1,9% sind so im Vorbeigehen 5,0% geworden. Die Prognose auf der anderen Seite der Gleichung liegt somit bei einem Zuwachs von 92-171 Millionen Menschen, die von weniger als $1,90 pro Tag leben müssen.

Ganz ehrlich, das macht mich nicht nur benommen, sondern erfüllt mich schlichtweg mit Ohnmacht. Wie diese Rechnung, wenn die Frage, ob linear oder exponentiell geklärt ist, aussieht, wenn wir noch länger zu viel Zeit haben, um dann auch noch die Glaskugeln alle mal so richtig zu polieren, will ich eigentlich gar nicht wissen. Und was passiert, wenn die Wirklichkeit mit den nackten, absoluten Zahlen um die Ecke kommt, möchte ich mir lieber schon gleich dreimal nicht vorstellen. Denn wenn ich es richtig verstanden habe, geht es bei dieser Hochrechnung nur und ausnahmslos um die Auswirkungen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie, ohne weitere Einflüsse, ohne Zusatzfaktoren, ohne den ganz „normalen“ Verlauf.

Das Schiff ohne Kapitän

Wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen, ist der Kapitän für gewöhnlich derjenige, der noch immer wie ein Fels in der Brandung auf der Brücke und am Ruder steht und versucht zu retten, was zu retten ist.

Dass der Kapitän von den Ratten über Bord geworfen wird, kommt wenn, dann eher in Piratenfilmen vor. Und dann geschieht es dem Kapitän meist zurecht. In der modernen Fassung gibt es das manchmal auch in Unternehmen, in denen kurzsichtige Ratten sich an ebensolchen Strategien versuchen.

Als dritte Möglichkeit gibt es da auch noch den Kapitän, der zum Wohle seiner Mannschaft freiwillig auf Amt und Würden verzichtet. Dabei fällt mir immer ein Bericht in der Sonderbeilage der FAZ ein, die ich im Urlaub am Gardasee als Teenager zu lesen bekam. Dabei ging es um die Kapitulation Japans 1945 und die Stimme des Kranichs, also die Rede von Kaiser Hirohito, in der er sein Volk auffordert „das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden“. Nach mehr als zweitausend Jahren musste Japan erstmals eine so allumfassende Niederlage hinnehmen. Der Kaiser, so heißt es in vielen Berichten, hätte die Geschichte seines Landes durchaus anders schreiben können, wenn er denn mehr getan hätte, als stets zu Diensten zu sein.

Doch anders als die Ratten so mancher Firma, ließ man dem Kaiser, wenn auch nicht die Macht, so doch das Amt und vor allem die Würde, was letzten Endes dazu führte, dass Japan innerhalb von vier Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Weltmacht wurde.

Nun, das bringt mich wieder zu jenem Punkt, an dem die Ratten den Kapitän über Bord werfen und ihm dabei dann auch noch selbst die Aufgabe übertragen wird, der Mannschaft seinen Rücktritt zu verkünden. Und so mag es der Mannschaft ganz ähnlich ergangen sein wie dem japanischen Volk damals, als es die Stimme des Monarchen zum ersten Mal überhaupt vernahm: In der sich ausbreitenden Stille hätte man den Flügelschlag eines Kranichs hören können. Die Rede mag nicht ganz so kunstvoll gewesen sein, dafür umso unmissverständlicher. Ab sofort ist das Schiff ohne Kapitän. Stets zu Diensten und auch noch stets mehr als nur Dienst getan, können also ebenso zur Niederlage führen. Dem betretenen Schweigen folgt die Schockstarre. Und fortan taumelt das Schiff führerlos, von Ratten befehligt, die Mannschaft vom schlingernden Kurs orientierungslos, durch die Meere der Wirtschaft, von Weltmacht keine Spur.

Konferenz

Im Andenken an einen wunderbaren und stolzen Kapitän möchte ich es mit den Worten des amerikanischen Generals Douglas MacArthur sagen, dem seinerzeit Kaiser Hirohito seinen Rücktritt anbot und gleichzeitig die Konsequenzen vollends auf sich nahm: „Einen Mann, der einmal so hoch stand, nun so erniedrigt zu sehen, schmerzt mich.“ Und so wie MacArthur wusste, dass er „dem ersten Gentleman Japans gegenüber stand“, so weiß ich, dass der letzte Gentleman soeben das Büro verlassen hat.

 

Eure Kerstin