Das neue Reisen, 7. Etappe: Der Widerspruch in uns

img_0365Das Tor zur Hölle befindet sich gleich im ersten Stock. Nahezu lautlos gleite ich in die Küche.

Von oben kein Laut. Geschafft. So früh am Morgen genieße ich die Ruhe bei einer Tasse Tee, während die Gedanken noch den Träumen der letzten Nacht nachhängen. Ich greife nach dem Wasserkocher, der sich sträubt und nur widerwillig seinen Deckel öffnet. „Du musst leise sein“, flüstert er mir zu. Aus dem Wasserhahn fließt das kühle Nass, gluckst und gurgelt: „Du musst leise sein.“ Ich starte das Signal zur Zündung und schon brodelt es, was das Zeug hält. „Pst, nicht so laut“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch.

Doch dann öffne ich Schränke und Schubladen. Die Kuchengabeln schmeißen sich schützend vor die Löffel und bedrohen mich mit ihren Zinken, während die Tassen um die Vorherrschaft buhlen und im Chor „Nimm mich, nimm mich mit“ singen.

Den Atem anhaltend, ein ängstlicher Blick in Richtung Obergeschoß. Die Luft zittert und vibriert.

Wie Nebelschwaden zieht der Tee durch die Wohnung. Es duftet nach Morgen und Frische und Freiheit. Das Licht bricht sich und formt einen Regenbogen über dem Küchentisch. Eine Insel inmitten der Hektik des Alltags. Vor mir ein Buch, in das ich eintrete und bisweilen gerne nicht nur verweilen, sondern bleiben möchte. In andere Welten versunken, rühre ich in der Teetasse. Kleine Wirbel lassen die sich auflösenden Kandissplitter tanzen und das Geräusch des auf Porzellan treffenden Löffels durchbricht die Ruhe. Akustische Schwingungen breiten sich aus und tropfen vom Tischrand auf den Boden, bevor sie in weiter Ferne eine Flutwelle entfachen.

Die Welt vor dem Küchenfenster nimmt Farbe an. Das Leben streckt sich, um dem Tag die Hand zu reichen. Der fahrende Gemüsehändler verkündet Ankunft und Angebot per Lautsprecher und Glockengeläut. Türen spucken ihre Bewohner nach draußen. Stimmen, bereit, der Stille ein Ende zu bereiten. Ein Vorgeschmack auf das Panorama der menschlichen Schwächen. Ein Versprechen, dass es nur eines Wortes bedarf, um Freude, Glück, Vertrauen, Zuversicht, Nähe und Liebe in Missgunst, Egoismus, Streit, Angst, Distanz und Einsamkeit zu verwandeln.

Ein scheinbar unstillbarer Hunger, immerzu nach dem einen Widerspruch in uns und dem des Gegenübers zu suchen, um ihm dann mit allem zu begegnen, was Wunden schlägt.

Das Monster im ersten Stock reißt die Rollläden hoch und durch den Türspalt ergießen sich grelle Strahlen ins Treppenhaus. Raubtierfütterung.

Tag 1: Gewohnheiten und Widersprüche

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und voller Widersprüche. Vor nicht mal einem Monat sind meine alten Tagebücher dem Feuer zum Opfer gefallen. Gewollt, möchte ich hier betonen. Nun bin ich über ein kleines Heft gestolpert: „30 Tage Schreiben“. Vor Urzeiten war dies einmal eine Beilage in der Zeitschrift „Flow“ und damals hatte eine Mitbloggerin dieses Experiment auf ihrem Blog veröffentlicht. Leider kann ich nicht mehr finden, wer das war. Es ist wirklich ein sehr großes Internet da draußen. Trotzdem danke für den Tipp seinerzeit. Ich fand die Idee ansprechend und bin dann gleich los, um das Heft zu erwerben.

Seitdem lag das 30-Tage-Tagebuch in meiner Schreibtischschublade. Gleich neben meiner Geschenkekartei (aber das ist ein anderes Thema). Und da Weihnachten bekanntlich nur noch ein paar Tage – 30 – entfernt ist, bin ich bei der Suche nach der Geschenkekartei auf das Heft gestoßen und dachte mir: Das machst Du jetzt! Dann ich es wenigstens erledigt!

Nicht gerade die vorbildlichste Einstellung, aber manchmal brauche ich eben auch einen sanften Schubs. Mal sehen, ob ich mich daran gewöhnen kann, 30 Tage lang jeden Tag etwas mehr oder weniger Sinniges zu produzieren. Ich habe schon mal gelinst. Es sieht nicht so schwer aus. Jeden Tag eine Frage. Das sollte zu schaffen sein.

Tag 1Tja, was macht man/ich so an einem Montag: Morgens ärgern, wenn der Wecker klingelt und das Wochenende mal wieder mit zwei Tagen einfach zu kurz war. Aus dem Grunde überspringe ich den Part mit Aufstehen…Arbeit usw. und starte erst, nachdem ich wieder in die heimeligen Hallen meines Zuhauses zurück gekehrt bin.

Halt, vorher war ich noch schnell einkaufen und habe u.a. eine Tüte Chips gekauft. Die musste ich gleich nach meiner Ankunft verstecken, da ansonsten der jugendliche Mitbewohner sich ihrer bemächtigt hätte. Allein essen macht dick, ich weiß. Vielleicht erweise ich mich zu späterer Stunde großzügig, nachdem man mir heute ein paar Zensuren präsentiert hat, die mich zwar nicht zu Hochsprüngen verführt haben, aber auch ganz passabel waren, wenn man bedenkt, dass das Leben eines Teenagers wirklich zu stressig ist, als dass man noch Zeit zum Lernen hätte (aber auch das ist ein anderes Thema).

Also: Heim gekommen, Chips versteckt, Feuerchen gemacht – schön kuschelig ist es. Mit meiner derzeitigen Lektüre vor den Ofen gesetzt und gehofft, dass das Buch endlich aus sein möge. Auch so eine Angewohnheit von mir: Ich kann Bücher, selbst wenn sie schrecklich sind, einfach nicht unvollendet zur Seite legen. Okay, stimmt so nicht ganz. Es gibt so zwei bis drei, die ich tatsächlich weg gelegt habe.

Nach drei Kapiteln habe ich die Leserei unterbrochen und den Entschluss gefasst, mit dem 30-Tage-Tagebuch zu beginnen und den Computer hochgefahren. Beim Aufrufen von WordPress wurde mein schlechtes Gewissen recht laut, da ich schon seit einem Monat meinen Reader nicht mehr bearbeitet habe. Also, erst mal das nachgeholt und nahezu alle Artikel gelesen.

Nun wäre eigentlich Zeit fürs Abendessen. Gewohnheit ist schließlich ein sehr starker Trieb. Hunger übrigens auch. Nun will ich aber ungedingt noch schnell den Beitrag posten. Also, was mache ich noch heute? Abend essen. Mal sehen, was der Kühlschrank und Vorrat noch so hergibt, da ich ja nun den Blog schreiben musste und keine Zeit hatte, etwas vorzubereiten. Was passt eigentlich gut zu Chips?

Was noch? Vielleicht gönne ich mir noch etwas Zeit vor dem Ofen mit dem schrecklichen Buch und einer guten Tasse Tee.

Na, dann bis morgen. Kerstin