Blätterwald

Neulich war Toilettenpapier im Angebot. Nicht einfach nur Toilettenpapier, sondern jenes, welches vor so ziemlich 1 ½ Jahren als einziges noch zu haben war. Damals, als mir das Leben als ein merkwürdiger Ort vorkam (Link).

Ich stehe im Supermarkt vor dem Regal. Toilettenpapier, soweit das Auge reicht und in allen erdenklichen Ausführungen. Und ich denke: Ist das wirklich erst 19 Monate her? Es kommt mir gleichzeitig unendlich länger und wie gestern vor.

Das passiert mir seit einiger Zeit immer öfter. Meine Erinnerung spielt mit mir und gaukelt mir weit zurückliegende Ereignisse als jüngste Vergangenheit vor. Und ich frage mich auch, ob ich mir die Zeit von damals zurückwünsche. Eine Zeit, die irgendwie aus dieser gefallen schien und ebenso Aufbruch wie Stillstand beinhaltete. Ein Limbo im Universum.

Neulich las ich den Satz von F. Scott Fitzgerald: „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer 3 Uhr morgens. Tag für Tag.“ Wer schon einmal nachts um 3 Uhr unfreiwillig aufgewacht ist und aufgrund Kopfkinos und Gedankenwälzen nicht wieder einschlafen konnte, weiß wovon ich rede. Wie dunkel es um diese Uhrzeit sein kann und dass die wahre Geisterstunde genau dort, am Tor zu den eigenen Seelenabgründen, beginnt.

Mit abwesenden Gedanken verharre ich vor dem Regal, greife nach verschiedenen Packungen und ertappe mich dabei, wie ich die Blattzahl vergleiche. In Relation zum Preis setze.

Was, wenn jedes Blatt ein Monat, eine Woche, ein Tag in meinem Leben wäre? Was ist die ausreichende Anzahl an Blättern, die ein Leben ausmachen? Wie viele Blätter braucht es, um glücklich zu sein?

Möchte ich ein Leben, weichgespült mit Kamillenblüten? Übertüncht mit Lavendelduft? Oder lieber blütenrein weiß? Steril? Wie viele Lagen brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Wie viele Lagen braucht es, um einen zu beschweren, einzuengen? Jeden Aufprall zu dämpfen?

Vielleicht das recycelte? Das Leben als endlose Wiederholung aufgewärmter Episoden. Von Mal zu Mal etwas unansehnlicher, abgenutzter, grauer. Wie viel ist es wert, das Leben? Sind manche mehr wert als andere? Die Rolle meines Lebens? Oder ein Leben von der Rolle? Aufgewickelt, sich langsam entfaltend, Fahrt aufnehmen mit jeder Umdrehung schneller werden. Zum Ende hin verknittert, faltig und zerrissen. Und was, wenn beim letzten Blatt einfach noch so viel Leben da ist?

Irgendwie ist das Leben noch immer ein merkwürdiger Ort. Was es das am Ende vielleicht sogar schon immer?

Gemischte Gefühle

Neulich hat eine Freundin per WhatsApp geschrieben, dass um 21 Uhr die Kirchenglocken läuten würden und wir doch alle eine Kerze anmachen sollten. Bis zu dem Zeitpunkt kannte ich nur das Singen für die Menschen im Gesundheitswesen und das Klatschen für diejenigen, die den Laden am Laufen halten bzw. in anderen systemrelevanten Sparten tätig sind. Oder umgekehrt.

Das mit der Kerze war mir neu und ich habe es ehrlich gesagt auch nur deswegen gemacht, weil die Bitte von meiner Freundin kam. Inzwischen weiß ich nun, dass die Kerze für alle Verstorbenen steht und freue mich im Nachhinein, dass ich in dem Fall doch mitgemacht habe. Wenn auch mehr aus persönlichen Gründen denn aus Solidarität.

Kerze

Ansonsten sehe ich diese Akte der Wertschätzung mit gemischten Gefühlen. Ja, ich finde es wichtig und vor allem wirklich schön, dass wahrgenommen wird, was Krankenschwestern, Ärzte, PflegerInnen, KassiererInnen, Paketboten etc. tagtäglich durchmachen. Eine Leistung, die bis vor kurzem noch nicht einmal als solche gewürdigt wurde und schon gar nicht honoriert.

Heute sind wir also einen Schritt weiter, aber geändert hat sich doch eigentlich nichts, wenn noch immer Menschen, die Hilfe leisten, angepöbelt und/oder bedroht werden und im Supermarkt Beschwerden an der Tagesordnung sind.

Ich bin bestimmt kein Gutmensch, um dieses „schöne“ Wort mal zu benutzen, und generell nicht besser als der Großteil der Gesellschaft und genauso alltagsblind in meiner Wahrnehmung, aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass Dienstleistung ganz allgemein als selbstverständlich hingenommen und obendrein noch mies bezahlt wird. Meine Mutter hat es einmal, als ich mich für einen elterlichen Zuschuss bedankt und gleichzeitig für meine monetäre Unselbständigkeit entschuldigt habe, so auf den Punkt gebracht: „Wenn ich gewusst hätte, dass Du so schlecht bezahlt werden würdest, hätte ich Dir davon abgeraten.“ Und meine Tante, die eine leidenschaftliche Ärztin war, hat, als ich wie wohl viele Mädchen mit dem Beruf der Krankenschwester liebäugelte, mir ein Praktikum im Krankenhaus ermöglicht und gleichzeitig die Betreuer instruiert, nur die schlimm(st)en Sachen zu zeigen, damit ich den Wunsch erst gar nicht weiter verfolge. Hat funktioniert und ich kann die Bilder von vor 40 Jahren noch immer in Farbe abrufen.

Nun bin ich also gespannt, was aus dem Singen und Klatschen einmal wird, wenn so etwas wie Normalität wieder an der Tagesordnung ist. Denn vom Zuspruch und symbolischen Gesten wird die Arbeit nicht leichter und erst recht nicht besser und angemessen vergütet. Und just lese ich, dass der Handelsverband fordert, die anstehende Lohnerhöhung im Einzelhandel doch bitte aufgrund der Krise bis zum Jahresende aufzuschieben. Wie gesagt, geändert hat sich nichts und ich befürchte, das wird so bleiben.

 

P.S.: Noch ein Hinweis in eigener Sache. Meine Beitragsfrequenz werde ich mit dem Rückgang der Verdopplungsraten dem Trend anpassen und ein bisschen langsamer machen. Denn trotz augenscheinlicher Verlangsamung habe ich so gar nicht das Gefühl, dass es ruhiger wird, aber das ist eine andere Geschichte.