Heute ist die beste Zeit

Vor ein paar Tagen zeigte das Thermostat morgens nur knapp über 0°C an. So kalt, dass ich mit ziemlich blutleeren Fingern und Füßen, weil ohne Socken, vom Fahrrad gestiegen bin. Es lässt sich nicht leugnen, die Sonne verlässt die nördliche Hemisphäre. Und auch nicht aufhalten. Die Erde verschiebt ihre Achse.
Schon vorbei. Der Sommer. Viel zu schnell. Gerade erst habe ich mich an das wohlig warme Gefühl auf meiner Haut gewöhnt. Und nun soll schon Herbst sein? Ich bin noch nicht so weit.
Die Sonnenbrille und Sandalen gegen Mütze, Handschuhe, geschlossene Schuhe mit Socken austauschen? Statt bunter Kleider Einheitsgrau? Jetzt schon? Nein, ich bin definitiv noch nicht so weit.
Die Nachbarn haben sich bereits mit Holz für die kalte Jahreszeit eingedeckt und ich kann die Heizungsleitungen surren hören. Es ist frostig. Es wird Zeit. Ich aber brauche noch Zeit.

Und so ziehe ich noch vor Sonnenaufgang los und fange den Sommer und das Licht ein. Denn heute ist die beste Zeit. 

Dämmerung

Dämmerungslicht

 

Sonnenaufgang

Sonnenlicht

 

Gegenlicht

Licht und Schatten

Zwielicht

Zwielicht

Südlicht

Fernlicht

Lichstspiel

Lichtspiel

Eure Kerstin

Ohne Befund

Von Zeit zu Zeit versuche ich es mit dem Glauben. Ja, genau. Dieses „richtige“ Christentum mit seinen Lehren und Weisheiten.

Heute zum Beispiel habe ich die Bibel gelesen. Also, die Kurzfassung. Sozusagen, um zu testen, ob da Buch der Bücher mir taugt und ich mich vielleicht einmal an die Originalausgabe wagen sollte.

BibelstundeIm Eilschritt durch mehrere Jahrtausende. Vieles kannte ich natürlich schon. Schließlich habe ich bereits eine recht lange Laufbahn als Heide hinter mir und da kann man sich nicht immer nur drauf ausruhen. Man muss auch hin und wieder über den Tellerrand hinaus schauen. Und ich schwöre, ich habe es wirklich versucht.

Das fing in der bayerischen Grundschule an. Da war ich erst evangelisch. Das fand ich so toll, dass ich diese Gesinnung beim Schulwechsel in der dritten Klasse steif und fest vertreten habe. Meine Mutter musste damals das Missverständnis aufklären und ihr bekenntnisloses Kind durfte bleiben.

Und da ich schon immer allem Neuen offen gegenüber war, war ich dann eben katholisch. Auch das fand ich super. Bis zu dem Zeitpunkt, als aus mir ein Exempel wurde und ich nicht mit der Klasse in die Kirche durfte und statt Note nur noch eine Teilnahmebemerkung im Zeugnis erhielt. Allerdings, die Arbeiten musste ich mitschreiben.

Später dann wurden die Nicht-Christen in den Ethikunterricht strafversetzt. Den Bekennern war es einfach nicht mehr zuzumuten, Gott mit uns zu teilen. Und damit die Strafe auch spürbar war, fand dieser in den Nachmittagsstunden statt. Solch geballtes, unchristliches Gedankengut durfte auf keinen Fall während der regulären Schulzeit sein Unwesen treiben. Wohlgemerkt wir waren sieben von etwa hundert und wir haben nicht nur über Gott, sondern auch über die Welt geredet.

Von da ab wollte ich eigentlich nur noch das glauben, was ich für richtig hielt. Fortan war also mein Status „ohne Bekenntnis“, den ich bei Wechsel des Wohnortes und/oder anderen Formularen im betreffenden Feld eingetragen habe.

Irgendwann wurde ich vom Bearbeiter eines Antrages gefragt, was denn „o.B.“ sei? Ob das für „ohne Befund“ stehen würde? Tja, Religionszugehörigkeit als Krankheit. So hatte ich das noch nie gesehen.

Vielleicht war es aber auch gerade andersherum gemeint. Bei mir ist einfach nichts zu finden. Meine Seele ist ein ruheloser Geist. Um das festzustellen, versuche ich also immer wieder mal mit dem Glauben. Ich gehe in Kirchen, setze mich auf einen Platz und lasse die ganze Atmosphäre auf mich wirken. Ich lese, was andere in ihrem Glauben bestärkt. Letztes Jahr war ich sogar zu Ostern in Rom. Okay, das war Zufall und fast schon eine Qual, weil es vor Menschen nur so gewimmelt hat und ich eigentlich nicht so auf Massen stehe.

Und heute eben die Bibel. Nach meinem Ausflug in die Welt der Horoskope, Wahrsagerei und Naturlehren in den letzten Tagen, empfand ich das nur als gerecht. Jeder hat eine Chance verdient.

Tja, leider scheint die Zeit bei mir dafür immer noch nicht gekommen. Vielleicht ist sie auch schon vorbei. Oder wird nie sein. Ich und Gott, wir werden nicht wirklich warm miteinander. Aber ein Leben ohne Befund hört sich irgendwie nach etwas Unvollständigem an. Von daher suche ich einfach weiter. Die Welt hat schließlich so viel zu bieten.

Eure Kerstin

Fremde Freunde

Karte Nr. 24: „Lassen Sie neue Menschen in Ihr Leben: Organisieren Sie ein Kennenlern-Essen: Laden Sie Ihre Freunde ein- und jeder darf jemanden mitbringen, den die anderen noch nie getroffen haben.“

Falls sich jemand wundert, warum der neue Beitrag schon jetzt erscheint: Ich kürze das Ganze hier mal ab: Ich will keine neuen Leute kennen lernen! Genauer gesagt, ich habe im letzten Jahr für meine Begriffe genug neue Menschen getroffen.

Ralf: Auf einem Seminar getroffen. Er ist im Grunde jemand, den ich attraktiv finden könnte. War mal erfolgreicher Geschäftsmann. Ständig unterwegs in Asien und der Welt. Bis er sich die Frage stellte, was aus seinem Leben, welches er sich mal erträumt hatte, geworden ist. Also hat er kurzerhand seinen hochdotierten Posten gekündigt. Nun fährt er einen 18-Jahre alten Polo, von dem er nicht weiß, ob er die nächste TÜV-Prüfung schafft und geht jeden Tag mindestens eine Stunde nach draußen. Ein Luxus, wie er sagt, den er nicht mehr missen möchte. Er etabliert sich gerade als Life-Coach und zweifelt aber noch, ob er tatsächlich anderen mit ihrem Leben helfen kann. Seit er nicht mehr in der Tretmühle steckt, fliegen ihm die Ideen nur so zu. Ich hoffe, wir bleiben weiterhin in Kontakt. Die Gespräche sind hochgradig inspirierend.

Herr Schmitt: War auch auf dem Seminar. Hat sich gerade selbständig gemacht. Als Achtsamkeitstrainer und Stressmanager. Auf sich achten ist sein Thema. Bietet in dem Zusammenhang Wanderungen an. Ist ziemlich fit für sein Alter. Früher war er Pazifist. Heute ist er Mormone und Monarchist. Absolut faszinierende Persönlichkeit. Wörter wie „eigentlich“, „gar nicht so schlecht“, „im Grunde“ sollte man aus dem Wortschatz streichen. Ebenso alles, was einen selbst in negativem Licht erscheinen lässt. Auch in diesem Fall würde mich eine Fortsetzung freuen. Es geht doch nichts über eine Pause im Alltag, bei der man unterm Gipfelkreuz philosophische Gedanken austauscht und mitten auf der Bergwiese Qi-Gong praktiziert. Mit jemandem, den man siezt. Manche Dinge sind so surreal, dass sie nur das wahre Leben hervorbringen kann.

Susan: Über interpals.net kennen gelernt. Wir führen also eine Brieffreundschaft übers Internet. Das hat so seine Tücken. Schließlich kann man nie so ganz sicher sein, ob der andere einem nicht einen riesengroßen Bären auftischt. Am Ende entpuppt sich die „Freundin“ als der eigene Nachbar. Auf der Website wird eindringlich vor Betrügern und dergleichen gewarnt. Man muss sich eben überlegen, was man preisgibt. Aber gut: Ich will hier mal Gnade vor Recht walten lassen. Susan wohnt in Kanada. Da denke ich immer an eine Baumfällersiedlung und/oder eine Stadt am Wasser. Jedenfalls rau und viel Natur. Sie sammelt Puppen. Also landestypische Puppen. Denke da immer an Käthe Kruse. Ist Lehrerin und ziemlich resolut. Vertritt ihre Ansichten. Finde ich gut. Und es erstaunt mich, wie einfach es ist, sich mit wildfremden Menschen anderer Kulturen, über persönliche Probleme zu unterhalten. Eine tolle Bereicherung. Würde mich zwar wohl gegen ein persönliches Treffen aussprechen, aber so ist es gut.

Antje: Auch über interpals.net kennen gelernt. Wir schreiben uns allerdings richtige Briefe. Einfach toll. Ich freue mich jedes Mal, wenn in meinem Briefkasten ein echter Brief für mich ist. Meist reiße ich ihn noch im Flur auf und lese ihn im Stehen. Antje wohnt in den Niederlanden. Ja, auch hier habe ich die typischen Bilder vor mir. Und vielleicht würde ich bei einer Reise in unser Nachbarland sogar einen Besuch ins Auge fassen. Aber das entscheide ich, wenn es soweit ist. Oft frage ich mich, wie sie all ihre Aktivitäten unter einen Hut bekommt. Sie lernt Gitarre, macht eine Ausbildung zur Fußpflegerin, aber eher so in Richtung Massage. Daneben ist sie begeisterte Radfahrerin. So richtig mit einem Rennrad. Ach ja, Familie hat sie natürlich auch.

Michi und Schorsch: Zwei auf einen Streich. Echte Waldschrate. Bei einer Rast in den bayrischen Voralpen kennen gelernt. Also, ich habe gerastet und die beiden haben Weidezäune aufgestellt. Als sie zu mir gekommen sind, konnte ich ihnen leider nur Wasser und kein Bier anbieten. Sie haben sich gewundert, dass eine Frau so ganz allein durch die Berge wandert. Tja, mich wundert es immer, dass sich die Leute über so was wundern. Wir sind dann zusammen auf der Hütte eingekehrt. Also, sie sind eingekehrt und ich habe für eine Nacht Quartier bezogen. Wir haben uns über den Wandel der Zeiten unterhalten. Michi meinte, er fände es nicht gut, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kämen und ich dachte schon: Jetzt geht das los. Aber: Er meinte dann, man sollte besser in den Ländern den Menschen helfen, damit sie dort bleiben können. Ziemlich fortschrittlicher Ansatz für einen Waldschrat. Schorsch hat immer wieder meine wie er sagte „zarten“ Hände genommen. Fasziniert, dass es wohl Menschen gibt, die nicht wie er zig Narben und Schwielen vom Arbeiten haben. Schorsch hat eine Alm mit Pferden. Ergo die Weidezäune und bietet nebenbei noch Kutschfahrten an. Er ist so ein richtiger Almöhi. Mit langem, weißem Bart. Michi hat einen Hut, an dem Zweie und Federn stecken. Einen der Zweige steckt er einfach in die Blumenvase, die auf dem Tisch steht. Später, als Schorsch schon zu seinem „Weibi“ weiter ist, sitzt Michi vor seinem dritten Bier, erzählt mir bestimmt zehn mal, dass er jetzt noch zwei Stunden zu seiner Hütte hat, wo er die Hirsche dann beobachten wird. Er hat noch einen Schnaps im Rücksack. Für später. Nein, er sei kein Alkoholiker. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so fällt es mir doch schwer, nach unzähligen Wiederholungen seiner Geschichten noch Aufmerksamkeit zu zeigen. Komme mir vor wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“. Nachdem es schon anfängt zu dämmern, kann ich ihn überzeugen, dass er nun doch langsam wirklich gehen sollte, wenn er denn noch zwei Stunden Weg vor sich hat. Er gibt mir dann seine Karte. Ziemlich lustig, wenn man bedenkt, dass heute schon Bergbauern Visitenkarten haben. Ich könne mich ja mal melden. Abends, weil tagsüber ist er unterwegs. Also Abends. Leider oder zum Glück fällt die Karte aus meinem Buch und als ich wieder zuhause bin, bin ich eigentlich ganz froh, dass mir diese Verantwortung abgenommen wurde.

Thomas: Auf meinem Weg von München nach Venedig kennen gelernt. Seines Zeichens Heiler. Durch Handauflegen hat er wohl den einen oder anderen geplagten Wanderer kuriert. Ein ziemlich lustiger Typ, der ziemlich unglaubliche Geschichten von Tierbegegnungen, Wiedergeburt und anderen spirituellen Weisheiten auf Lager hatte. Erst als er mich, wie ich es empfunden habe, als Opfer auserkoren hatte (vielleicht, weil ich von Anfang an nicht wie gebannt an seinen Lippen hing), war es nicht mehr so lustig. Angeblich bin ich für meine Eltern ein „Unfall“ gewesen und so gar nicht geplant. Ebenso war er der Ansicht, dass ich selbst nur Mutter geworden bin, damit ich nicht mehr arbeiten muss. Am Ende unserer Reise waren wir auf einem Hof gemeinsam mit einer kleinen Gruppe essen. Nachdem er die Tiere dort nicht mit seinen Gedanken beeinflussen konnte, hat den Gänsen auf den Schnabel gehauen und nach der angriffslustigen Katze mit dem Fuß getreten. Beim Abendessen hat er den Wein mit seinem Geist „besprochen“. Keine Ahnung, ob das bei anderen Eindruck macht, aber ich knabbere noch immer an seinen Worten und finde, dass man solche Scharlatane nur schwer wieder aus seinem Kopf kriegt. Ich hoffe, die anderen, denen er ins Gewissen geredet hat, hatten mehr Glück.

Maria: Ist Vermieterin eines winzigen Bed & Breakfast in Belluno in Italien. Eigentlich stellt sie ganz einfach zwei Ihrer Zimmer (Arbeits- und Schlafzimmer) für Gäste zur Verfügung, während sie dann im Wohnzimmer schläft. So habe ich sie auch kennen gelernt. Also, eigentlich hatte mich ihr Gast am Busbahnhof angesprochen, als ich dort etwas verloren mit meinem Rucksack im Regen stand. Erst fand ich die Idee nicht so verlockend, da ich mich nach der langen Wanderung eher auf einen Wellnesstempel mit Bad und weichen Bett und allem drum und dran gefreut hatte. Aber bei €25,00 Übernachtungsrate inklusive Frühstück bin ich von meinem Plan abgewichen. War schließlich auch nur für eine Nacht und so musste ich nicht erst lange suchen. Maria ist Übersetzerin. Wir haben uns beim Frühstück über die Gegend unterhalten und sie hatte irgendwo, irgendwie Kontakt zu einem der Autoren im „Bergsteiger“, der demnächst einen Bericht über die Belluneser Dolomiten heraus bringen sollte. Als ich dann wieder zuhause war, habe ich nach der Ausgabe Ausschau gehalten. Und siehe da: Nur einen Monat später konnte ich ihr diese schicken. Seitdem schreiben wir uns Briefe und Postkarten. Mittlerweile unterrichtet sie in Frankfurt und vermietet ihre Zimmer nur noch im Sommer an Touristen. Auch eine Art, sein Leben zu bereichern.

Apropos Postkarten: Wer auf Postkarten aus aller Welt ohne weitere Verpflichtung steht, sollte es mal bei postcrossing.com versuchen. Man lernt die Absender flüchtig kennen und kann sich an den schönen Motiven erfreuen. Das Aussuchen der passenden Karte ist immer ein Vergnügen.

Viel anders wäre ein Abend mit den fremden Freunden meiner Freunde wohl auch nicht verlaufen.

Karte Nr. 25: „Werden Sie durch Fehler stark: Sie haben vergessen, eine Mail zu beantworten oder morgens verschlafen? Suchen Sie keine Entschuldigungen und stehen Sie zu Ihrem Maleur. Daraus entsteht wahre Kraft.“ Tja dann: Augen auf bei Fehlerwahl! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Noch ein Hinweis: Alle Namen sind selbstverständlich geändert, um die Privatsphäre zu schützen.

 

 

Gedankenkarussell

Karte Nr. 22: „Sie sehen das große Ganze: Zoomen Si sich in Gedanken ein Stück von der Erde weg. Blicken Sie dann auf Ihre Alltagssorgen hinunter- die scheinen jetzt winzig klein zu sein.“

Tja, leider bin ich schon wieder spät dran. Was soll ich da sagen? Also, selbstverständlich hatte meine Raumfähre Verspätung. Und, ich musste um einiges weiter reisen, um einen Gesamteindruck der Situation zu bekommen. Scheint, meine Alltagssorgen nehmen übermäßig viel Platz ein. So viel, dass die Raumstation noch immer zu nah dran war und ich einen Abstecher zum Mond machen musste, um von meinen vielen kleinen Problemen zu entfliehen. Die Verbindung war ziemlich schlecht. Zudem sorgte das Limit meiner Kreditkarte dafür, dass ich meinen Aufenthalt beenden musste. Andererseits wäre ich sonst mit Sicherheit noch immer dort. Daher also die Verspätung.

Gut, nachdem ich nun zurück bin, kann ich ganz ehrlich sagen, dass es wahr ist: Sobald man ein Stück weg ist und dann zurück blickt, erscheinen alle Ängste und Sorgen nichtig und klein zu sein. Erkannte im übrigen auch schon Reinhard Mey als er „Über den Wolken“ unterwegs war. Man fragt sich, warum um alles in der Welt man sich immerzu in solchem Maße aufregt und aufreiben läßt. Warum nur nehme ich alles so ernst? So persönlich? Warum lasse ich mich von meinen Problemen, die gemessen an dem Unglück der Welt, gar keine wirklichen Probleme sind, so runterziehen? Ja, genau so ist es. Doch, sobald man den Alltag hinter sich lässt, entspannt man. Einfach sein. Ein wahrhaft wundervoller Ort, um das Gedankenkarussell unbeschwert zu genießen.

EntspannungsinselDas Problem ist nur, irgendwann muss man zurück kommen. Egal. Und die Sorgen warten bereits am Gepäckband, um einen zu begrüßen.

Liebe Leser, nun ist es soweit: Die letzte Wohlfühlkarte. Bereit? Karte Nr. 23: „Sie fühlen sich geborgen: Sammeln Sie Berührungen und Zärtlichkeiten. Umarmen Sie Ihre Freunde, halten Sie Händchen, berühren Sie die Kollegen zustimmend an der Schulter. Oder gönnen Sie sich eine Massage.“ Ja, das hört sich nach einem würdigen Ende für diese Kategorie an. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

CO²-neutraler Blog: Ich mach mit!

Tolle Sache. Danke Christine für den Hinweis auf die Aktion von Macht’s grün, der Umweltaktion von kaufDA in Kooperation mit „I plant a tree“, bei der pro Blog, der mitmacht, ein Baum in Deutschland gepflanzt wird.

Ziel ist es, die Atmosphäre durch die Pflanzung eines Baumes im Schnitt um 5kg CO² pro Jahr zu entlasten und natürlich Deutschland noch grüner zu machen. Ein normaler Blog verursacht jährlich etwa 3,6kg CO² und . Damit neutralisiert ein Baum die CO²-Emissionen eines Blogs.

Tja, nun habe ich inzwischen auch einen Buchblog. Für den werde ich dann wahrscheinlich in meinem Garten einen Baum pflanzen und mich an seinem Grün erfreuen, während ich in einem Buch lese.

Wer auch gerne teilnehmen möchte – so geht’s:

  1. Bericht über Aktion posten + Button einfügen
  2. E-Mail an CO2-neutral@kaufda.de über Blogpost schicken
  3. KaufDa pflanzt einen Baum für den eigenen Blog

Eure Kerstin

Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Kleidergeschichten

Karte Nr. 17: “’Sie fühlen sich unschlagbar: Tragen Sie Ihr schönstes Kleid und genießen Sie die Blicke. Ein normaler Tag wird so zu etwas Besonderem – und jeder kann es sehen.“

Kleiderschrank

Zuerst wollte ich nur das Bild veröffentlichen und jeder könnte sich seine eigene Geschichte dazu denken. Ich hatte wirklich einen schlechten Monat. Wetter, Arbeit, Familie, Freunde, Leben, das ganze Paket. Mag sein, dass es an der Jahreszeit liegt. Unter Umständen liegt es auch an mir. Wer weiß? Alles, was ich weiß ist: Ich habe mich nicht unschlagbar gefühlt. Und ich habe auch keine Blicke kassiert. Ich denke: Was ist nur verkehrt mit dieser Welt? Was stimmt mit mir nicht? Vielleicht waren es die falschen Kleider. Vielleicht bin ich blind. Vielleicht gibt es keine normalen Tage mit normalen Menschen mehr. M. sagt immer, dass mir Kleider stehen. Hm.

Ich habe versucht, mich zu erinnern, welches Kleid ich wann getragen habe. Schlussendlich haben alle Kleider eine Vergangenheit und eine Geschichte.

Da ist das Spitzenkleid, dass ich zusammen mit einen Freund gekauft habe, als wir einen spontanen Ausflug ans Meer gemacht haben. Das blaue Sweatshirtkleid mit der Kapuze, das ich während des Italienurlaubes immerzu anhatte, als ich eine kleine Hütte gemietet hatte und eine solch riesige Melone auf dem Markt gekauft habe, die ich nicht aufessen konnte, bevor sie schlecht wurde. Das lange, rote Trägerkleid mit den Punkten, das grüne Samtkleid und das rote Dirndl – allesamt für Hochzeiten angeschafft, auf die ich nicht keine große Lust hatte, aber trotzdem hingehen musste. Das blaue Seidenkleid mit den Pailletten, ein Impulskauf, der noch immer auf eine geeignete Gelegenheit wartet. Die kurze, schwarze Seidentunika mit den rosa und lila Quadraten, die ich bei einer Städtetour abends in der Bar anhatte, während der Klavierspieler sein Bestes gab. Das lange, schulterfreie Abendkleid, welches ich für eine Silvesterparty erworben habe, auf die ich dann nicht gegangen bin. Das enge, lila Jerseykleid, in dem ich so gern an Couchtagen rumgammel. Das graue Dirndl, ausgesucht für eine Firmenveranstaltung. Das schwarze A-Linien-Kleid mit dem weißen Grafikmuster, für das ich Ewigkeiten nach einem Shirt zum Drunterziehen gesucht habe. Die verschiedenen Strickkleider in grau, braun und hellgrün, die sich so gut auf der Haut anfühlen und einfach bequem sind. Das weiße Strandkleid, das ich in Ägypten während des all-inclusive Urlaubes in dem schicken 5-Sterne-Hotel getragen habe. Das blaue Blusenkleid, das ich gern im Garten anhabe. Das Safarikleid, welche bis dato noch nie auf einer Safari war. Das graue Leinenkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt und dem Schlitz, das man ohne Unterrock nicht ausführen kann. Das Wickelkleid mit den weißen und rosa Blumen, welches so gut zu den silbernen Riemchenschuhen passt. Das beige Etuikleid, das ich nur anziehe, wenn es mehr als 30°C sind und ich eine gewisse Bräune habe – also einmal im Jahr.

Aber eigentlich will ich gar nicht in Erinnerungen schwelgen. Weil dann müsste ich wohl mein Hochzeitskleid aus dem Kleidersack holen und endlich entscheiden, was ich damit anfange. Irgendwie hat es mir nie so richtig gepasst. Aber wie jede Braut bildete ich mir ein, ein Kleid ausgesucht zu haben, welches ich später nochmals anziehen könne. Und habe vom Stil her ein Jackie-Kennedy-Kleid ausgesucht. Vermutlich sollte ich es einfach ändern lassen und einfärben. Et voilà: Der perfekte Cocktaildress. Nur schade, dass ich nie zu irgendwelchen Cocktailempfängen gehe.

Glücklicherweise steht Halloween vor der Tür und ich kann mein Hexenoutfit aus der Versenkung holen. Zusammen mit der silbergrauen Perücke und dem langen Umhang. Und wenn ich die Hakennase mit der Warze trage, kann ich sicher sein, dass ich zumindest dann den einen oder anderen Blick erhalte. Bis dahin ziehe ich das unverschämt teure, bodenlange graue Kleid, welches gerade erst seine Kleidergeschichte beginnt, weil neu, und spiele Aschenputtel.

Nr. 18. Was mache ich nur? Ich brauche dringend ein bisschen Ordnung in meinem Leben. Daher ist eine Sinneskarte wohl eine gute Wahl: „’nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“  Herrje, ich fühle mich schon jetzt überfordert und brauche beim besten Willen keine zusätzlichen Herausforderungen für meinen wirren Gedankenhaushalt. Na denn. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin