Von wüst zu ernüchternd kreativ

Traumzeichenstunde. Oder so etwas in der Art. Die Dozentin des Kurses zur kreativen Selbstentfaltung will mit uns ein Experiment machen. „Der magische Kubus“ (wer den schon kennt, weiß ja schon jetzt, was für ernüchternde Erkenntnisse da am Ende des kreativen Schaffensprozesses einen vor den Kopf stoßen. Alle andere dürfen gern jetzt Papier und Stift bereitlegen). Dabei geht es in erster Linie und auch später nicht um unsere zeichnerischen beziehungsweise malerischen Talente. Sagt sie. Viel entscheidender ist am Ende das innere Bild. Sagt sie. Na, da bin ich mal gespannt.

Wir befinden uns in der Wüste. Sogleich sehe ich flirrende Luftspiegelungen, kann die Hitze förmlich spüren und auch den schon leicht trockenen Mund. Am Horizont türmen sich endlose Sanddünen, hier und da ragen Gebirge und Steinwüsten auf – ein Meer ohne Wasser und darüber der gleißende Sonnenball. Ein paar zarte Pflanzen, es sind wohl dürre Gräser, platziere ich auch noch, schließlich lebt die Wüste wie man weiß.

Dann kommt der Kubus. Ein Würfel, mitten in der Wüste. Irgendwie wie bei „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber das war ein Monolith und kein Kubus und das war auch mit Computern im Weltraum und so und eher düster als magisch. Ich denke an Zelt, Oase, Wassertrog, Haus, irgendwas. Egal, ich platziere ihn einfach erst mal in der Mitte. Eigentlich ist er etwas zu klein geraten, um präsent zu sein, wo es doch um den magischen Kubus geht. Nun ja, verziere ich ihn einfach. Mit Bretterleisten, Verschlägen und Schlössern. Eine Kiste in der Wüste. Eine Schatzkiste? Und dann denke ich, dass so eine Kiste eigentlich auf ein Kamel gehört, welches gemächlich durch die Wüste stapft und seine Fracht dabei sanft hin und her schaukelt. Ein Wüstenschiff. Okay, das Kamel sieht aus wie eine Mischung aus Ente, Elefant und Esel. Aber, es geht ja um das innere Bild.

Nächster Punkt auf der magischen Reise ist eine Leiter. Gut, eine Leiter, um auf das Kamel zu steigen. Das funktioniert. Doch mein Kamel ist ja schon gesattelt und beladen, fertig zum Abmarsch. Noch ist es an einen Pflock angebunden, ein Kamelhaufen zeugt davon, dass es schon etwas länger dort verharren muss, aber nun scheint es doch bald los zu gehen mit der Karawane. Also brauche ich einen Beduinen, der die Leiter gerade wegträgt.

„Und nun ein Pferd“, verkündet die Kursleiterin. Herrje, das Kamel ist schon eine Zumutung für die Augen. Also Menschen, Tiere, das sind alles Dinge, bei denen ich maltechnisch total versage. Ein Kubus, ja das ist kein Problem, Etwas mit klaren Linien und möglichst unbelebt. Und irgendwie soll das Pferd in der Nähe sein. Jedenfalls in meinem Bild, bilde ich mir ein. Da ist aber kein richtiger Platz mehr. Vielleicht, wenn ich nur das Hinterteil oder den Schweif male. Wie es gerade das Bild verlässt. Nein, der Beduine ist ja schon am Davonlaufen. Dann nur den Kopf. Genau. Und das Pferd trinkt gerade aus einem Trog. Die Idee hatte ich doch eigentlich für den Kubus. Ein Brunnen, aus dem ein Pferd/Kamel trinkt. Muss eben noch ein Behälter her. Gar nicht so schlecht.

„Als nächstes befindet sich irgendwo ein Sturm“, meint unsere Kursleiterin. Wüste plus Sturm, ja, das ist jetzt endlich mal etwas, das Sinn macht. Ein Sandsturm. Ein Riesending. Ganz am Horizont, aber gewaltig. Kilometerhohe Türme aus aufgewirbeltem Sand, die sich vor die Sonne schieben. Sehr schön.

Letzter Punkt auf der Reise sind Blumen. Prima, das habe ich ja mit den vier kleinen Grasbüscheln schon gleich am Anfang abgehakt. Die Wüste lebt, ist aber karg. Mehr als diese Art der Vegetation gibt der Boden einfach nicht her.

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Ja, doch so betrachtet, ist es ganz gut geworden. Nicht schön, aber selten und auch ein bisschen kreativ, finde ich. Ein Kabinett der wüsten Schaffenskraft. Bis dann die Auflösung kommt:

  1. Der Kubus bin ich
  2. Die Leiter sind meine Freunde
  3. Das Pferd ist mein Partner
  4. Der Sturm sind Hindernisse und Probleme
  5. Die Pflanzen sind Kinder
  6. Die Wüste ist die Welt

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße:

  1. Ich selbst bin also abgehoben, man könnte schon auf hohem Ross sitzend sagen, wenn es denn kein Kamel wäre. Vielleicht verstecke ich mich auch, während jemand anderes die Last meiner Person (er)tragen muss. Zudem bin ich verschlossen und vernagelt.
  2. Meine Freunde wenden sich ab und verlassen mich gerade.
  3. Mein Partner ist nicht so ganz im Bilde und mit Trinken beschäftigt. Zum Glück ist wenigstes der Kopf und nicht das Hinterteil anwesend. Die psychologische Deutung möchte ich nicht mal ansatzweise hören.
  4. Die Probleme ziehen gerade am Horizont auf, nehmen mir die Sicht und das Licht und sind schon jetzt überdimensioniert.
  5. Tja, und die Kinder sind kurz vor dem Verdursten, völlig unterernährt – ob nun real oder im übertragenen Sinn will ich mir gar nicht erst ausmalen – und nur ziemlich zaghaft wahr zu nehmen.
  6. Was soll ich sagen, meine Welt ist recht schemenhaft, fast schon skizzenhaft, und zeigt sich in einem unklaren, ungekannten Terrain.

Da tröstet es auch nicht, dass die Dozentin uns mit auf den Weg gibt, dass kreativ sein eben auch bedeutet, dass man etwas neu schaffen kann, wenn es einem nicht gefällt. Doch selbst ein farbiger Anstrich würde dem ganzen keine wirklich positive Note verleihen.

Nun fristet das kreative Werk vorerst also sein Dasein als ziemlich traurige Reflexion meines inneren Weltbildes. Vielleicht auch als Mahnung, hin und wieder über den Rand des eigenen Horizontes hinweg zu sehen und die feinen Sandkörner im Getriebe des Lebens nicht zu einem handfesten Motorschaden werden zu lassen. Denn schließlich könnte der Beduine die Leiter auf das Kamel weiter rechts laden und zusammen mit dem Pferd den Sandsturm umgehen. Und was die Kinder betrifft: Ich bin mir sicher, dass gleich rechts, da wo das andere Kamel wartet, eine Oase ist und die Karawane auf ihren Reisen immer wieder vorbeikommt und sich daran erfreut, dass es neben ihnen noch andere Lebewesen gibt, die mit dem bisweilen lebensfeindlichen und wüsten Klima der Welt zurechtkommen.

 

Eure Kerstin