Die Ohnmacht der Zahlen

Zahlen begleiten uns ja ein Leben lang. Bisweilen sehr zu meinem Missfallen, denn ich bin so gar nicht der Mathematiker. Mit der Krise nun treten diese an vielen Stellen nochmals mehr in den Vordergrund, sei es in Fallzahlen oder in Form eines Schirmes. Beides lässt mich zunehmend benommen zurück und während ich noch versuche, mir die Anzahl der Nullen vor Augen zu führen, flattern schon die neuesten Statistiken herein.

Vor fast zwei Monaten, als alles irgendwie erst so richtig ins Laufen kam, habe ich einen Artikel gelesen, in dem es um die Zunahme der weltweiten Armut ging. Wohlgemerkt der absoluten Armut, denn es scheint da mehrere Stufen zu geben, wenn es um die Berechnungsgrundlage geht: Arm, ärmer, am ärmsten.

Tagesgeld

Zur absoluten Armut gehört man, wenn einem am Tag weniger als $1,9 zur Verfügung stehen. Dollar 1,90? Selbst, wenn ich das jetzt mal in Euro umrechne, wird da keine Mahlzeit draus, drei schon gleich gar nicht. Ich frage jetzt auch besser nicht, wie, wenn überhaupt, man mit diesen Mitteln wohnt sowie etwas am Leibe trägt. Genauso wenig weiß ich, wie groß die Differenz zur nicht absoluten Armut ist. Reden wir hier von Cents oder ganzen Dollars? Im Grunde macht es wohl auch keinen Unterschied, denn selbst wenn es $5,00 am Tag sind, übersteigt das meine Vorstellungskraft, was so mancher Mitmensch erleiden muss.

Die weltweite Armut ist unmittelbar mit dem Weltwirtschaftswachstum verknüpft. Ist klar. Ein Minus auf der Wirtschaftsseite ein Plus auf der Armutsseite bedeutet, wohingegen ein Wirtschaftsplus nicht unbedingt ein Minus, also einen Rückgang der Armut nach sich zieht, was das Ganze dann doch wieder nicht wirklich klar macht. Und überhaupt ist auch die Rechnung Minus = Plus nicht 1:1 anwendbar, denn ein globales Wachstumsminus von 1% bedeutet eine Steigerung derer, die in Armut leben, um 1,6 % – 3%. Eigentlich kein Wunder, dass Mathe nicht mein Ding ist, das ist doch irgendwie unlogisch. Wo bleiben denn da die Konstanten? Obwohl, derzeit werden gerne ja auch immer mal wieder andere Faktoren zu ein und derselben Berechnung herangezogen. Gern wird auch einfach anders gezählt und schon verschiebt sich der Wert auf der Richterskala.

Doch das ist gar nicht mein Punkt. In dem Artikel, wie gesagt, das war vor 6-7 Wochen, hieß es, dass man aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Rezession mit einem weltweiten Einbruch der Wirtschaft von 1,9% ausgehe. Im Umkehrschluss bedeutet das also eine Zunahme von 35-65 Millionen Menschen, die in die absolute Armut abrutschen. Eine ziemliche Spanne, die nicht ganz unerheblich ist, wie finde ich. Da scheinen letztlich doch mehrere Variablen mit im Spiel zu sein, die nur Eingeweihten zum inneren Kreis zugänglich sind.

Mittlerweile nun wurden entweder die Taschenrechner der Analysten getauscht und/oder die haben eine neue Version mit mehr Datenvolumen bekommen, denn aus dem Minus von 1,9% sind so im Vorbeigehen 5,0% geworden. Die Prognose auf der anderen Seite der Gleichung liegt somit bei einem Zuwachs von 92-171 Millionen Menschen, die von weniger als $1,90 pro Tag leben müssen.

Ganz ehrlich, das macht mich nicht nur benommen, sondern erfüllt mich schlichtweg mit Ohnmacht. Wie diese Rechnung, wenn die Frage, ob linear oder exponentiell geklärt ist, aussieht, wenn wir noch länger zu viel Zeit haben, um dann auch noch die Glaskugeln alle mal so richtig zu polieren, will ich eigentlich gar nicht wissen. Und was passiert, wenn die Wirklichkeit mit den nackten, absoluten Zahlen um die Ecke kommt, möchte ich mir lieber schon gleich dreimal nicht vorstellen. Denn wenn ich es richtig verstanden habe, geht es bei dieser Hochrechnung nur und ausnahmslos um die Auswirkungen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie, ohne weitere Einflüsse, ohne Zusatzfaktoren, ohne den ganz „normalen“ Verlauf.

abgespeist und angebissen – die Lebensmittelfrage

In meiner Bilanz vom letzten Jahr lagen die Kosten nach der Umstellung auf regionale, saisonale Bioprodukte pro Monat ja bei knappen €500,00 und ich hatte damals auch schon gesagt, dass dies nicht 100% Lebensmittelkosten, sondern vielmehr Lebenshaltungskosten sind. Nach einem Jahr sind diese leicht angestiegen und summieren sich mittlerweile auf €540,00 pro Monat. Das mag an diversen Preissteigerungen und der nicht ganz astreinen Buchhaltung liegen. Haupttreiber sind, und das ist nicht gehässig oder so gemeint, wohl aber eher die beiden männlichen Mitesser. Für beide gilt: Fleisch ist mein Gemüse. Für mich: Ein Kampf gegen Windmühlen.

Der jugendliche Mitbewohner hat zudem so etwas wie Appetit entwickelt und kann mitunter auch schon mal eine ganze Packung Eis und/oder ein halbes Toastbrot wegputzen. Vor allem seit er seinen Körper stählt und auf irgendwas zwischen Zac Efron und Arnold Schwarzenegger hinarbeitet. Was irgendwie mit dem Konsum von Fertigprodukten nicht so ganz konform geht. Hoffe nur, dass für den Geist bei der Diät noch genug Brennstoff abfällt. Jedenfalls ist das Wachstum in beiden Segmenten gerade in vollem Gange und zumindest die Körpergröße übersteigt inzwischen die der Ernährerin. Der erforderliche Futternachschub macht eine Budgeterhöhung unausweichlich, was für mich absolut okay ist, das Kind soll ja kein Zwerg bleiben – weder körperlich noch geistig. Nur an der Einstellung – Hunger, essen, jetzt – müssen wir noch arbeiten, da dabei allzu oft der Griff zu Pizza und Konsorten erfolgt.

Beim Einkauf orientiere ich mich zusehends um: Der wöchentliche Großeinkauf wird schon mal auf mehrere Tage und Märkte verteilt. Zunehmend auch auf Wochenmärkte. Zu sehr stört mich, dass so viele Obst- und Gemüsewaren fernab von Europa nach Deutschland importiert werden. Einfach, weil vielleicht die Produktion von Kartoffeln in Peru und Zwiebeln aus Ägypten billiger ist als im heimischen Grund und Boden. Hinzu kommt, dass die meisten Bioprodukte dann auch noch aufwendig verpackt beziehungsweise gar nicht im offenen Verkauf verfügbar sind. Zum Beispiel Fleisch, Wurst und Käse. Also ist die logische Folge der Gang zum Wochenmarkt oder auf die umliegenden Hofverkaufsstellen.

Eine Überlegung wert wäre es noch, jeden Tag einzukaufen. Und zwar immer nur den Tagesbedarf, also was man an dem Tag isst. So wird man nicht verleitet, Großpackungen einzuladen und mehr als man verbrauchen kann, also dann letzten Endes unter Umständen wegschmeißt. So gesehen in einem Beitrag über Minimalismus, der gerade im Fernsehen lief. In wie weit das praktikabel ist, sei dahingestellt. Mir fehlt da ein bisschen die Spontanität, wenn beispielsweise der jugendliche Mitbewohner plötzlich noch einen Freund mitbringt oder man auf einmal Lust auf Gemüse anstatt Brotzeit hat. Der Zeitbedarf ist natürlich auch nicht ganz ohne. Aber so ganz verwerfen möchte ich den Ansatz nicht. Vielleicht mal im Urlaub ausprobieren.

Das Problem der Reste ist mittlerweile so gut wie perfektioniert und es passiert äußerst selten, dass ich tatsächlich etwas wegschmeißen muss. Den schwarzen Peter bekommt, leider, der jugendliche Mitbewohner, der oftmals nach dem Motto „haben-will“ sich Sachen wünscht, die er dann doch nicht mag und ich schon von Haus aus nicht. Oder weil der Rest Steak vom letzten Grillabend nach 24 Stunden im Kinderzimmer wieder Anzeichen von Leben zeigt. Aber das mit der Größe, vor allem der geistigen, hatten wir ja schon.

Zum Abschluss nochmals ein paar Fakten aus dem Buch „Glücklich ohne Geld“ von Raphael Fellner zum Nachdenken:

1.      50% der produzierten Lebensmittel werden weggeschmissen bzw. gar nicht erst geerntet, weil sie nicht der Norm entsprechen. Hochgerechnet würden die produzierten Lebensmittel 14 Milliarden Menschen ernähren.

2.      1/3 aller produzierten Kalorien werden in der Tierindustrie verbraucht. 2011 wurden 98% der Sojaproduktion, 50% der Getreideernte und 40% des Fischfangs zu Tierfutter verarbeitet.

Das macht einen – mich – sehr nachdenklich. Und das ist noch human ausgedrückt. Die Antwort auf Punkt 1 kann nur sein: Regional und direkt vom Erzeuger einkaufen. Alternativ gibt es eine Website „Etepetete“, die sich genau diesem Problem annimmt. Bei Punkt zwei kann die Lösung nur der Verzicht sein. Und das muss definitiv nochmals beim nächsten Grillabend auf den Tisch gebracht werden, Männer!

Lebensmittel

Es gibt also gerade im Bereich Lebensmittel so viele Möglichkeiten. Genau deswegen macht es mir besonders Spaß, immer wieder nach anderen und neuen Wegen Ausschau zu halten und zu experimentieren, so dass sich hier noch so einiges tun wird.

Weiter geht es mit dem lieben Haushalt. Also dann, action!

Eure Kerstin

Wenn das Leben drückt

Vor ein paar Tagen waren der jugendliche Mitbewohner und ich beim Schuhkauf. Im Gegensatz zu meinen Füßen wachsen die des Nachwuchses nämlich noch. Nicht zu knapp. Und daher gehört der Schuhkauf eher zu den regelmäßig sich wiederholenden, notwendigen Übeln als den Genussmomenten im Tagesablauf. Vor allem wenn es um Sportschuhe für den Schulsportunterricht geht und nicht um trendige Sneaker, mit denen man vor den Freunden Staat machen kann. Auch deshalb, weil die Geldgeberin nicht bereit ist, für Schuhe, die einmal pro Woche für 1,5 Stunden getragen werden, den Rest des Monats bei trocken Brot und Wasser zu darben.

Also wurde, als wir vor den schier endlosen Regalen mit Modellen in allen nur erdenklichen Farben und Ausführungen standen, die Ansage getätigt: „Denk dran, die sind nur für den Sportunterricht, also bitte nicht mehr als €100.“ Der jugendliche Mitbewohner lässt seinen Blick schweifen und bleibt an einem Modell hängen, das er schon mehrmals in verschiedenen Größen getragen und für gut befunden hat. Die wären gut. Prima, denke ich, das ging ja schnell. Einverstanden. Seine Größe ist zwar nicht da, aber der freundliche Verkäufer hat das Damenmodell passend da. Perfekt und man kann beim besten Willen den Unterschied zwischen der weiblichen und männlichen Variante nicht erkennen, wenn es denn überhaupt eine gibt.

Tja, leider kommt man zu dem Schluss, dass der Schuh nicht steif genug ist und eher ein richtiger Hallenschuh benötigt wird. Schade, da geht der schnelle und problemlose Einkauf dahin. Also gut, gehen wir auf die andere Seite des Regals. Schließlich sind wir extra in das erste Sportgeschäft am Platze gegangen, um nicht nur zwischen Streifen und Raubtieren entscheiden zu müssen.

Die Marke der Handballer hat es ihm angetan, wobei gleichzeitig betont wird, dass die Füße eigentlich dafür zu schmal seien. „Ja, dann macht es ja keinen Sinn“. Doch mein Einwand wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert, denn ich muss ihn noch dreimal wiederholen, bevor man sich anderen Optionen zuwenden kann. Der Verkäufer und ich preisen verschiedene Paare an. Einmal ist es die falsche, sprich uncoole, Marke, dann nicht die richtige Farbe (zu viel weiß/grün/blau etc.) oder: „Nein, mit denen habe ich mir meine Fersen kaputt gemacht.“ Ach wirklich? Davon höre ich heute zum ersten Mal. Und so geht es weiter. Der noch immer freundliche Verkäufer und ich tauschen vielsagende Blicke aus.

Irgendwann kommt der Vorschlag der Generation Minecraft, dass wir ja welche im Internet kaufen könnten. „Also, ich bestelle jetzt nicht 10 Paare, um am Ende dann vielleicht zufällig ein passendes zu finden“, entgegne ich und denke: Nur über meine Leiche. Wer holt und bringt denn die Pakete von/zur Post, die nur zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten geöffnet ist?

Der eine oder andere ahnt es schon. Nichts passte zu den Füßen und den Anforderungen ständiger pubertierender Stimmungsschwankungen. Sichtlich genervt von der Woche als Mutter, kam dann abends beim Sport die Erleuchtung als die Yogalehrerin das Thema der Stunde wie folgt erklärte: „In letzter Zeit sprechen mich viele an, dass ihr Leben irgendwie nicht passt.“

Stolperstein

Da wurde es mir schlagartig klar: Das Leben drückt. Immer mal wieder. Wie ein Schuh. Die Druckstellen tun weh und lassen einen missmutig werden und schlechte Laune entwickeln. Jeder Schritt schmerzt, wenn der Schuh zu klein ist. Ebenso wie das Leben, wenn es zu eng ist. Und ebenso wie mein Leben oft und an vielen Stellen blaue Flecken hinterlässt, so passt auch das sich wandelnde Leben des jugendlichen Mitbewohners nicht mehr in die Hülle des Kindes und noch nicht in die des Erwachsenen. Auf der Suche nach dem Platz im Leben, muss man viele Schuhe probieren, bis das eine Paar dabei ist, mit dem man durch das Leben oder auch nur durch den Sportunterricht laufen kann, ohne ständig ins Stolpern zu geraten.

Eure Kerstin

Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich

„Das Bruttosozialprodukt sagt nichts über das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus.“, so schreibt Florin Opitz in seinem Buch „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das stimmt ja auch irgendwie. Wenn ich Ressourcen spare, Dinge repariere und wiederverwerte statt neu zu kaufen, dann konsumiere ich nicht und trage auch nicht zum Wohlstand bei. Rein in der Theorie natürlich. Mein ökologischer Fußabdruck wird kleiner und das Maß aller Dinge, das Bruttosozialprodukt sinkt. Ich bin eine Wachstumsbremse.

Jeden Tag konsumieren wir 55 Kilogramm:

  • Wasser
  • Strom
  • Zahnpasta, Seife und alle Dinge zur persönlichen Pflege
  • Benzin
  • Nahrung
  • Kleidung
  • Dinge, die zur Herstellung von durch uns konsumierte Sachen gehören (Rohstoffe, Produktion, Transport)

Unser ökologischer Fußabdruck hat die Ausmaße eines Monsters. 1,8 Hektar wären wünschenswert, 2,7 Hektar ist das momentan weltweite Ist, jeder Deutsche verbraucht 4,6 Hektar.
Höchste Zeit, die Schuhe auszuziehen und mal nachzurechnen. Ich habe auf der Seite des Umweltbundesamtes meine Daten eingegeben.  

BilanzSo ganz zufrieden bin ich da noch nicht. Aber das Ergebnis ist auch nicht 100% individuell korrekt, weil einige Daten mit Durchschnittswerten hinterlegt sind. Z.B. beim Kaufverhalten gibt es nur die Abstufung „sparsam“, „durchschnittlich“ und „großzügig“. Doch immerhin bekommt man ein Gespür für die eigene Spur, die man auf diesem Planeten hinterlässt. Passt der Schuh, oder ist da noch Luft? Ganz klar, es kostet Kraft, seinen Weg zu gehen und Verzicht kostet:

  • Man muss sich aufraffen und anfangen
  • Nachdenken und das immer wieder
  • Energie, denn Denken strengt an
  • Mut haben und sich behaupten
  • Seine Komfortzone verlassen und agieren
  • Willensstärke beweisen und sich anstrengen
  • Unbequem sein und seine eigene Bequemlichkeit aufgeben

Geld kostet es nicht. Und Zeit gewinnt man am Ende auch. Und wer weiß, Wunder gibt es immer wieder und vielleicht befinden wir uns wirklich schon auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Wie Nico Paech würde ich mir wünschen, dass auch die Unternehmen diesen Weg einschlagen und umdenken. Schließlich gibt es auch ohne ständiges Ankurbeln der Konsumgesellschaft jede Menge zu tun: Instandhaltung, Reparaturdienstleistungen, Umgestalten, Renovieren, Designer, Dienstleistungen, Vermittler. Alles sinnvolle, zukunftsweisende und krisensichere Jobs.

„Die Freiheit, man selbst zu sein, ist die größte Freiheit überhaupt“, so schreibt es Rachel Ward.

Damit schließe ich erst mal mein Projekt „Verzicht kostest“ ab und verabschiede mich in die Sommerpause. Ganz offline und mit offenem Blick für meine Umwelt.

Also dann, bis zum nächsten Mal.

Eure Kerstin