Zeitreisen in die Vergangenheit: Ungelebte Augenblicke

Vorwort: Ein sehr persönlicher Text, den ich schon einmal bei einem Literaturprojekt veröffentlichen durfte und hier nun leicht abgeändert als Zeitreise. Passend zum heutigen Tage und aus einer meiner schwersten Zeiten.

Ich sehe sie dort liegen. Das unschuldig weiße Laken bedeckt ihren ausgezehrten Körper. Unter dem Tuch senkt und hebt sich der Brustkorb mechanisch und überdimensional auf und ab. Ich trete an ihr Bett und blicke in ihre Augen. Leblos starren sie – weit offenstehend – zur Decke. Ein gefühlloser Blick ins Nirgendwo. Um sie herum Instrumente und Apparate unaussprechlichen Ausmaßes. Unmengen von Schläuchen sind auf ihrem Körper verteilt, ragen aus ihrem Mund, enden in Kanülen, die in ihre Arme führen. Gleich einer Riesenkrake, liegt sie – bewegungslos gefesselt – in deren Umarmung. Der Anblick raubt mir den Atem.

Mein Vater, der neben mir steht, schlägt sich die Hände vor das Gesicht und ich habe Angst, dass er zusammenbricht. Fest lege ich meine Hände auf seine Arme und führe ihn fort von diesem unerträglichen Anblick, der auf immer in mein Gedächtnis eingebrannt sein wird.

Auf dem Flur reißt er sich den übergestreiften Kittel vom Leib und versucht, seine Tränen in Griff zu bekommen. Ich würde ihn so gern in die Arme nehmen, doch er will keinen Trost. Wohl auch aus Furcht, weich zu werden und seinen Schmerz nicht mehr beherrschen zu können.

Der Arzt versucht, uns Erklärungen zu liefern: Er möchte keine Hoffnungen machen, aber auch keine Schwarzmalerei betreiben. Im Grunde könne er eigentlich gar nichts sagen, nur, dass man diese ganzen Maßnahmen nicht vorgenommen hätte, wenn es hoffnungslos wäre. Dann lässt er uns dort stehen, auf dem kalten und grausamen Flur der Intensivstation. In meinen Gedanken ist jegliche Ordnung verloren gegangen. Später kann ich mich an keinen einzigen aus diesen Momenten mehr erinnern. Nur die Fragen, die bleiben: Warum? Wieso? Weshalb? Warum? Warum? Und nochmals: Warum?

Dann flüchten mein Vater und ich – so scheint es beinahe – auf die Straße, die uns mit ihrem Lärm und Treiben erdrückt. So sitzen wir im Auto. Wortlos, sprachlos, gefühllos. Aus irgendeinem wirren Gedankengang heraus erinnert sich mein Vater an die Dinge, die er für sie ins Krankenhaus gebracht hat und er bittet mich, diese zu holen. Und so lasse ich ihn allein und gehe.

Tränen der Verzweiflung steigen in mir auf. Ich stehe im Fahrstuhl. Neben der Zahl neun leuchtet in dicken Buchstaben „Intensivstation“. Ich zögere. Ich will nochmals zurück gehen, sie für mich ganz allein haben und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie brauche, noch immer. Neben all den Dingen, die ich später bitter bereuen werde, gehört auch dazu, dass ich es nicht getan habe, dass ich nicht nochmals zurück gegangen bin.

Auf ihrem Krankenzimmer angelangt, räumen die Schwester und ich ihren Schrank aus. Ihr Bett ist verwaist und kalt. Ich komme mir wie eine Grabschänderin vor, die die letzten Habseligkeiten eines Menschen an sich nimmt. Ich stopfe sämtliche Dinge in einen Leinenbeutel, lege den Bademantel darüber und greife nach der Handbörse. Die Schwester berichtet mir, dass sie ihren Schmuck in die Börse gelegt hat. Nun nehme ich ihn an mich. Zwei goldene Ketten, mit Anhängern aus Bergkristall und Hämatit. Sie und ihre Steine. Ein ganzes Sammelsurium hat sie sich angelegt. Alle Steine haben eine Bedeutung. Sie heilen, beschützen und schützen. Sie bewahrt sie in einem kleinen Säckchen auf und ist ständig auf der Suche nach neuen. Eigentlich hätte ich auch erwartet, ihre Ringe zu finden. Sie fehlen.

Es ist eiskalt und der schneidende Wind bläst durch meinen Mantel. Wir sitzen am Tisch. Vor uns zwei Teller mit Essen. Ich schaue meinem Vater zu, wie er es – gleich mir – aus reiner Pflicht und ohne Geschmack zu sich nimmt. Er sieht alt aus. Seine kurz geschorenen Haare lassen die Kopfhaut durchscheinen und betonen sein gegerbtes Gesicht. Seine Hände zittern. Die Adern pulsieren dick und bläulich auf seinem Handrücken. Ich erinnere mich an meine Jugend: Oft foppte er mich, wenn ich eine Erzählung mit den Worten ‚ein alter Mann’ anfing, und er dann fragte, wie alt er denn sei, der alte Mann, und ich überlegte und antwortete, dass er wohl um die vierzig gewesen sei, worauf er diesen besonderen Blick aufsetzte und meinte, dass er dann wohl so alt wie er wäre. Aber mein Gefühl sagte mir, dass diese Gleichung nicht stimmen konnte. Mein Vater war, seit ich denken kann, ohne Alter. Während ich und alles um mich herum an Jahren zunahm, so blieb er doch scheinbar immer derselbe. Nie hätte ich ihn als alt bezeichnet. Doch jetzt: Jetzt sah ich es. Ich konnte neben ihm gehen und ihm dabei fast in die Augen sehen, seine Schultern umfasste ich leicht mit meinen Armen und seine Füße und Hände hatten längst nicht mehr diese Größe.

Ich fühle ihren Schmuck in meinen Taschen. Ich nehme die Ketten heraus und lasse sie durch meine Finger gleiten. Meine Hände riechen nach dem Desinfektionsmittel des Krankenhauses. Steril und nach Tod. Ich bekomme diesen Geruch nicht von meiner Haut. Er setzt sich fest und bleibt haften. In meiner Nase, in meinem Inneren konserviert. Krampfhaft umschließe ich sie und habe Angst, sie loszulassen. In meinen Gedanken entgleitet sie mir, sobald ich den Griff lockere. Ich rede mit ihr, beschwöre sie, festzuhalten am Leben.

Ich sitze im Zug nach Hause. Mein bleiches Gesicht spiegelt sich im Fenster wider. Irgendwann leuchtet an meinem Telefon auf, dass ich eine Meldung habe. Einer meiner Freunde möchte wissen, wie es ihr geht. Die Menschen sind seltsam, fragen danach, wie es dem anderen geht und haben doch nur Kraft für die eigenen Empfindungen. Eine Floskel ohne Bedeutung, die nur dazu dient, die selbst aufgestellten Vermutungen bestätigt zu sehen und den anderen zu quälen, indem er seinem Zustand Worte verleiht und erst durch das gesprochene Wort, diesem Wahrheit zuspricht.

Ich sitze an meinem Tisch. Die Arbeit der vergangenen Woche liegt vor mir. Ich sortiere meinen Tag, plane meine Termine. Als meine Kollegin den Anruf meines Vaters durchstellt, sind meine Gedanken fest in der Welt der Arbeit, so dass ich keine Chance habe, zu reagieren. „Deine Mutter ist gestorben.“ Ende. Der Fall nimmt kein Ende und das Loch hat keinen Boden. Irgendwann ist nur noch das pure Nichts. Mein Herz hört auf zu schlagen. Unheimliche Stille breitet sich in meinem Körper aus. Wie ein Fels liegt es in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, einen Fremdkörper in mir zu haben, den es gilt, zu bekämpfen und zu vernichten. Mein Körper schnürt mich ein und wird lange Zeit die einzige Schutzhülle für meine Seele sein. Ich schließe meine Augen und tauche in mein Inneres. Mein Blick weicht jedem aus, der versucht, einzudringen und so bleibt der Weg zurück unerreichbar.

Mein Vater hat Tee gekocht. Einsam sitzen wir beisammen. Mein Vater zeigt mir den Text, den er für die Trauerkarten verfasst hat. Ich lese ihn wie in Trance. Mein Gehirn nimmt alles auf und lässt es fallen. Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit der nächsten Wochen brennt sich in mir fest. Ich sitze in meiner Höhle am Ende des langen Falls – Dunkelheit um mich herum – und die Ereignisse senken sich herab, versperren den Ausgang, rauben mir das Licht und die Luft zum Atmen. Irgendwann kehrt Stille ein. Das Haus schläft und seine Bewohner haben sich mit ihrem Schmerz zurück gezogen in ihre Einsamkeit. In das Wohnzimmer scheint silbriges Mondlicht. Ich sitze auf dem Sofa, starre nach draußen und zähle die Schneeflocken, die im Licht der Straßenlaterne still zu Boden sinken. Ich fühle mich entsetzlich einsam. Ein Stück meines Herzens ist verstummt. Tränen kullern über mein Gesicht. Ich hasse sie für das, was sie mir angetan hat. Wieso hat sie nicht gekämpft? Warum hat sie so einfach aufgegeben?

Der Reif friert zu Kristallen, die sich über die Landschaft breiten. Groß und weiß tut sich das Krankenhausgebäude vor mir auf. Bedrohlich und dunkel blicken die Fensterfronten herunter. Nein, ich will dort nicht hinein, ich will nicht diesen Geruch von Leid und Verfall und Schmerz an und in mir haben. Eine Schwester weist mir den Weg in das Wertsachenbüro für Verstorbene. Geschäftiges Treiben um mich herum. Teilnahmslos nehme ich ihre letzten Dinge entgegen. Ein goldener Ehering und der Diamantring, den mein Vater ihr geschenkt hat, als ich geboren wurde. Ich ziehe sie auf die Ketten, die ich noch immer bei mir trage.

Die Kälte dringt langsam durch meine Kleider. Eine Kerze brennt ruhig und friedlich vor sich hin. An meinem Finger trage ich den Diamantring. Die Ketten um meinen Hals. Meine Gedanken sind wie ausgebrannt. Mein Leben gleicht einem Labyrinth. Jeden Tag wache ich auf und spüre den Verlust. Der Schmerz erdrückt mich. Ich fühle mich gebrochen und gebeugt. Immer wieder glaube ich, die Last nicht tragen zu können. Meine Hände greifen ins Leere, während ich falle. Mein Körper spürt die Risse und Wunden schon längst nicht mehr. Ich begrabe allen Zorn und alle Tränen in mir. Wer könnte es schon ertragen? Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man Freud’ und Leid’ teilen kann. Unglück macht einsam. Ich verschließe meine Seele. Krachend ist das Tor zum Leben ins Schloss gefallen.

Ich sitze in einer Kirche. In einer Stadt, die ich nicht einmal kenne. Ist es wirklich schon drei Jahre her, dass Du gestorben bist, und mir auf alle Ewigkeit die Chance geraubt hast, „Hallo Mama“ zu rufen, wenn ich nach Hause komme, in ein Haus, dem nun die Seele fehlt und das keinen Schutz mehr vor der Welt bietet. Wie konnte ich nur all’ die Augenblicke ungenutzt vorbeiziehen lassen, in dem kindlichen Glauben, dass es so etwas wie Zeit gibt.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Stromausfall

Im Radio höre ich, dass ein Mensch durch seinen Tod den gesamten Zugverkehr zum Erliegen gebracht hat.
Totaler Stromausfall.

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Ich denke: Gerade bist Du aus dem Haus gegangen. Unsere Probleme lösen sich doch gerade. Nein: ICH denke, dass sie sich lösen. Du, so unbekannt für mich. Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Meine Identität verschwindet in der Flut meiner Gedanken. Ich sitze. Irgendwo. Ich bin allein. Ich flüchte in meine Welt. Das Leben da draußen ist zu schwer für mich. Ich drehe mich im Kreis. Ich öffne meine Augen, um zu sehen. Ich sehe Menschen, die leben. Sie gehen durch meine Welt und leben. War es nicht mal anders? War ICH nicht mal anders?
Stromausfall.
Wir hatten eine Chance. Eine gute und große. Ich habe aufgehört, zu denken. Die Illusion meiner Welt bricht zusammen. Ich bin in der Welt der anderen gefangen. Ich bin allein. Du hast meine Welt mitgenommen und gibst sie weiter an sie. Welches Recht hatte ich nur, diese Chance zu verspielen? Ich sehe uns immer noch. Am Anfang. Ich sehe nur den Anfang. Ich sehe Dich, wie das Glück Dich berührt. Ich habe es festgehalten, dieses Bild. Es steht auf dem Nachttisch.
Stromausfall.
Danach beginnt das Mühen. Ich sehe nichts. Du suchst mich. Die ganze, lange Zeit habe ich die Augen geschlossen. Sinnlos geträumt. Ohne Dich. Das erste Zeichen sehe ich, als unsere Zeit verloren geht. Gefangen in meinen Gedanken dachte ich, die Zeit besiegen zu können. Was bedeutet schon Zeit? Und in Wirklichkeit besiegte ich Dich.
Stromausfall.
Der Weg zu Dir ist nicht mehr da. Wenn ich jetzt in Dein Gesicht blicke, suche ich verzweifelt nach dem Glück. Ich bin aufgewacht. Ich habe meine Grenze gesehen. Der Zugang, den Du in meine Welt gefunden hattest, ist mir versperrt. Ich dachte, wir finden den Anfang, wenn wir einander hätten. ICH habe gedacht. Gedacht: Warst Du nicht schon aus meiner Welt verschwunden, als ich diesen Schritt tat?
Stromausfall.
Schon wieder Scherben. Meine Scherben. Sie schwimmen in meinem Herz. Meine Tränen tragen sie nach draußen. Jeder Schritt auf ihnen tut weh. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Ich spüre nur den Schmerz. Schon lange.
Stromausfall.
Ich quäle mich. Briefe, Gedichte, Fotos, Gedankenfetzen. Gibt es ein Leben danach? Wenn Du es nicht bist, der sein Leben eintauscht gegen die Ruhe des Todes, was ist dann meine Aufgabe? Du sagst, das Leben geht weiter. Alle sagen das. In meiner Welt löscht nichts das Feuer.
Stromausfall.
Hast Du eine Ahnung von meiner Verzweiflung? Hast du eine Ahnung von meinem Schmerz? Wie würdest Du den Schmerz ertragen, wäre ich an Deiner und Du an meiner Stelle? Mein Schmerz ist auch Anklage. Warum hast Du mich nicht vor den Spiegel meiner Seele geführt? Warum hast Du mich so oft allein gelassen? Gefangen. Angekettet. Hilflos. Ohne Dich habe ich keine Energie, meine Welt zu verstehen. Diese Welt ist so klein und eng.
Stromausfall.
Wie hoch sind Deine Ideale? Es wird schwieriger. Ich fange an, um mich zu schlagen. Wer bin ich? Ich wage keinen Schritt. Ich bin allein mit meinen Gedanken, die ausbrechen wollen. Was willst Du? Was willst Du wirklich?
Stromausfall.
Der Tod: Inzwischen bin ich der Ansicht, dass es der einzige Ort ist, an dem absolute Ruhe herrscht. Stille. Alle Gedanken und Gefühle verstummt. Vielleicht ist dies das Glück. Ein Nichts. Kein Raum. Keine Zeit. Keine Endlichkeit. Am Ende ist es im Leben nicht möglich, Frieden zu finden. Ich sehe in Deine Augen. Darin liegt mein Frieden. Wer also bin ich?
Stromausfall.

Lage(r)gespräche 2.0

Inzwischen ist die Lage im heimischen Lager bisweilen doch recht angespannt und zuweilen kurz vor der Eskalation, denn sowohl meine Nerven als auch Zurechnungsfähigkeit schwinden so nach und nach.

Lagergespräche

Wir erinnern uns, in den Lage(r)gesprächen wurde beschlossen, dass nur noch einmal die Woche eingekauft wird und auch nur das, was auf dem Zettel steht. Schnitzel waren gewünscht.
„Morgen gibt es Schnitzel. Alles klar?“
„Mmph“
Einen Tag später
„Mami, was gibt es zu essen?“
„Schnitzel, habe ich Dir doch gestern schon gesagt.“
„Ach ja. Lecker.“
Etwa eine halbe Stunde später
„Mami, was gibt es eigentlich heute zum Essen?“
„Das gleiche wie vor einer halben Stunde: Immer noch Schnitzel.“
„Stimmt. Manchmal erschreckt es mich schon, wie wenig ich Dir zuhöre.“

Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Man muss nur daran glauben.

***

„Mami, morgen gehe ich beim B. Basketball spielen.“
„Du weißt schon, dass Basketball jetzt nicht gerade ideal ist, so von wegen Abstandsregel und Kontakt nur mit Menschen aus demselben Haushalt und so. Nicht, dass es da Ärger mit den Nachbarn gibt, weil als Bruder gehst Du ja jetzt nicht durch.“
„Dann sage ich einfach, ich bin der Cousin. Aus Italien.“
„Super Idee, aber wenn das GSG9 Team bei mir anruft, werde ich jeglichen Verwandtschaftsgrad abstreiten.“

***

„Mami, Du musst mir helfen. Der Lehrer für mein Seminar will morgen einen Videocall machen. Ich brauche eine Ausrede, warum ich nicht teilnehmen kann.“
„Wieso?“
„Na, weil ich nichts getan habe und es nicht kann.“
„Ja, und jetzt?“
„Brauche ich eine Ausrede, sonst würde ich Dich ja nicht fragen.“
„Sag ihm die Wahrheit.“
„Ich kann sagen, dass ich keine Kamera habe.“
„Ja, genau, der ist doch nicht doof. Ihr habt alle ein Handy mit Kamera.“
„Ich kann sagen, dass die kaputt ist.“
„Das ist aber doch gelogen und dann darfst Du die nächsten Tage/Wochen aber auch die nicht benutzen. Und am Ende kommt sowas immer raus. Das ist doch Mist. Seit Wochen sage ich immer wieder…“ (Alle Eltern wissen, wie der Satz weitergeht)
„Dann hole ich jetzt den Hammer und mache die Kamera kaputt. Dann ist es nicht gelogen.“
„Du willst ein €800,00 Handy kaputt machen, nur damit Du eine Ausrede hast?“
„Ja. Was soll ich denn sonst machen?“
„Die Wahrheit sagen!“

Die Diskussion war natürlich sehr viel länger und intensiver als sich das hier wiedergeben lässt. Letzten Endes hat der jugendliche Mitbewohner noch so viel Restverstand besessen, das Richtige zu tun, wofür ich wirklich dankbar bin, weil so langsam auch meine Denkfabrik den Geist aufgibt.

***

„Mami, haben wir noch Eis da?“
„Nein, aber ich hatte Dir vorhin ja vorgeschlagen, dass wir mal vor die Tür gehen könnten und dann ein Eis essen gehen?
„Ja, ich wollte ja auch ein Eis.“
„Nein, Du wolltest, dass ich Dir eins mitbringe.“
„Ich konnte nicht mit, ich habe keine Socken mehr.“
„…“

Hilfe, ich bin eine Mutter, bitte holt mich hier raus!

***

Und noch ein Wiederholungstäter aus der Erstfassung der Lage(r)gespräche:
„Mami, ich bin mir sicher, dass Augustiner irgendwas aus China bekommt.“
Oh bitte, das ist ja wie bei ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘. „Kronkorken vielleicht. Oder Hefe…“, schlage ich unbedacht vor.

Ja, genau, das ist es, deswegen herrscht hier Notstand, weil die ganzen Brauereien die deutsche Hefe weghamstern. Ihr könnt das lassen, das Oktoberfest fällt eh dieses Jahr aus.

P.S.: Das war vor der offiziellen Verkündung. Super, jetzt kann ich auch noch Hellsehen.

***

„Mami, eigentlich wäre es doch jetzt ganz einfach, einen Terroranschlag zu verüben.“
Hust, also am liebsten würde ich das Gespräch gleich hier und jetzt beenden und Hausarrest für die nächsten Wochen verordnen (halt, den haben wir ja schon), aber als verantwortungsvoller Erziehungsberechtigter komme ich dem Bildungsauftrag natürlich nach.
„Also, wenn man es auf eine Einzelperson abgesehen hat, ja, dann wäre die aktuelle Situation vielleicht von Vorteil. Ansonsten macht es ja wohl wenig Sinn, weil an prominenten Plätzen niemand ist und es keine Großveranstaltungen gibt. Da käme dann nur ein Supermarkt in Frage.“
„Supermarkt passt doch. Stell Dir mal die Schlagzeile vor: ‚5000 Rollen Klopapier und 3 Kunden in die Luft gesprengt‘.“

Ja, ich kann das tatsächlich vor mir sehen. Schrecklich, was mit dem Verstand nach fünf Wochen Kontaktverbot und Abstandsregeln und überhaupt passiert. Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal Klopapier einkaufen. Und einen Kasten Bier, bei dem ich die Hefe extrahiere. Vielleicht lässt sich auf diesem Wege auch ein Flaschengeist finden, der mir drei Wünsche erfüllt. Ach was, einer würde mir schon reichen. Also ein Wunsch, der Flaschengeist ist ja quasi die Grundvoraussetzung. Ok, beenden wir das lieber, bevor wir wirklich noch staatlichen Besuch (tragen die eigentlich auch Mund- und Nasenschutz unter ihrer Vermummung?) bekommen.

***

Hinweis zum Bild: Es frage mich bitte niemand, wie man a) auf das Wort „Müdigkeitserscheinung“ kommt und b) woran man diese erkennt, wenn der Verfasser schläft. Ich war/bin schon ohnedies völlig von den Socken (also da sind die abgeblieben), dass die Worte „bitte“ und „danke“ Verwendung gefunden haben, was aber vielleicht auch als Bestechung gelten kann, wenn man den Nachsatz bezüglich Frühstück liest.

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

…dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.

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Und im Grunde fehlen mir seit einiger Zeit auch die Worte und jetzt nur umso mehr. Das Gefühl eines vakuumierten Zustandes lässt sich nicht bestreiten. Und ganz nebenbei wird das gewohnte Leben aus den Angeln gehoben.

Es gehört Mut dazu, sich besonnen zu benehmen, solidarisch zu sein, den eigenen Egoisten in die letzte Bussitzreihe zu verweisen. Es gehört auch Mut dazu, sich tagtäglich mit den Fakten auseinander zu setzen und dem eigenen Instinkt klare Vorgaben zu machen. Sich nicht anstecken zu lassen. Nicht vom Virus. Dem echten und dem der Panikmache.

In Zeiten wie diesen wird einem nur allzu klar, dass die Menschheit evolutionstechnisch noch immer in der Steinzeit lebt und es nur drei Arten gibt, mit der Gefahr des angreifenden Löwens fertig zu werden. Weglaufen, Verstecken oder Kämpfen.

Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, zu welcher Gattung ich gehöre, vielleicht gehören möchte. Noch immer versuche ich, mich, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Kein guter Ausgangspunkt, um zu überleben. Zumindest was den Löwen anbelangt.

Daran muss es auch liegen, dass ich doch nun tatsächlich zu lila Klopapier greifen musste. Mit Lavendelduft. Wer bitte kauft sowas? Gut, offensichtlich nur Verzweifelte, die nicht rechtzeitig bei der Vorratshaltung aufgepasst haben und nun beim täglichen Gang an ihre eigene Unzulänglichkeit auch noch im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer Nase drauf gestoßen werden.

Gestern las ich, was auf den Listen andere Nationen so ganz oben steht: Fleisch, Waffen, Wein, Kondome, Medikamente, Zitrusfrüchte, Brot, die fremdländische Variante von Kölnisch Wasser und Marihuana. Im Gegensatz zu Klopapier und Mehl hört sich das bei weitem besser an und vor allem nach Dingen, die einem die eigenen vier Wände nicht ganz so trostlos erscheinen lassen, wenn diese den maximalen Radius der eigenen Bewegungsfreiheit darstellen.

Das Leben ist wahrlich ein merkwürdiger Ort.

 

P.S.: Als Lektüre, sei es in Quarantäne oder aus welchen Gründen man dieser Tage auch daheim ist, sehr zu empfehlen.