Zeitreisen in die Vergangenheit: Ungelebte Augenblicke

Vorwort: Ein sehr persönlicher Text, den ich schon einmal bei einem Literaturprojekt veröffentlichen durfte und hier nun leicht abgeändert als Zeitreise. Passend zum heutigen Tage und aus einer meiner schwersten Zeiten.

Ich sehe sie dort liegen. Das unschuldig weiße Laken bedeckt ihren ausgezehrten Körper. Unter dem Tuch senkt und hebt sich der Brustkorb mechanisch und überdimensional auf und ab. Ich trete an ihr Bett und blicke in ihre Augen. Leblos starren sie – weit offenstehend – zur Decke. Ein gefühlloser Blick ins Nirgendwo. Um sie herum Instrumente und Apparate unaussprechlichen Ausmaßes. Unmengen von Schläuchen sind auf ihrem Körper verteilt, ragen aus ihrem Mund, enden in Kanülen, die in ihre Arme führen. Gleich einer Riesenkrake, liegt sie – bewegungslos gefesselt – in deren Umarmung. Der Anblick raubt mir den Atem.

Mein Vater, der neben mir steht, schlägt sich die Hände vor das Gesicht und ich habe Angst, dass er zusammenbricht. Fest lege ich meine Hände auf seine Arme und führe ihn fort von diesem unerträglichen Anblick, der auf immer in mein Gedächtnis eingebrannt sein wird.

Auf dem Flur reißt er sich den übergestreiften Kittel vom Leib und versucht, seine Tränen in Griff zu bekommen. Ich würde ihn so gern in die Arme nehmen, doch er will keinen Trost. Wohl auch aus Furcht, weich zu werden und seinen Schmerz nicht mehr beherrschen zu können.

Der Arzt versucht, uns Erklärungen zu liefern: Er möchte keine Hoffnungen machen, aber auch keine Schwarzmalerei betreiben. Im Grunde könne er eigentlich gar nichts sagen, nur, dass man diese ganzen Maßnahmen nicht vorgenommen hätte, wenn es hoffnungslos wäre. Dann lässt er uns dort stehen, auf dem kalten und grausamen Flur der Intensivstation. In meinen Gedanken ist jegliche Ordnung verloren gegangen. Später kann ich mich an keinen einzigen aus diesen Momenten mehr erinnern. Nur die Fragen, die bleiben: Warum? Wieso? Weshalb? Warum? Warum? Und nochmals: Warum?

Dann flüchten mein Vater und ich – so scheint es beinahe – auf die Straße, die uns mit ihrem Lärm und Treiben erdrückt. So sitzen wir im Auto. Wortlos, sprachlos, gefühllos. Aus irgendeinem wirren Gedankengang heraus erinnert sich mein Vater an die Dinge, die er für sie ins Krankenhaus gebracht hat und er bittet mich, diese zu holen. Und so lasse ich ihn allein und gehe.

Tränen der Verzweiflung steigen in mir auf. Ich stehe im Fahrstuhl. Neben der Zahl neun leuchtet in dicken Buchstaben „Intensivstation“. Ich zögere. Ich will nochmals zurück gehen, sie für mich ganz allein haben und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie brauche, noch immer. Neben all den Dingen, die ich später bitter bereuen werde, gehört auch dazu, dass ich es nicht getan habe, dass ich nicht nochmals zurück gegangen bin.

Auf ihrem Krankenzimmer angelangt, räumen die Schwester und ich ihren Schrank aus. Ihr Bett ist verwaist und kalt. Ich komme mir wie eine Grabschänderin vor, die die letzten Habseligkeiten eines Menschen an sich nimmt. Ich stopfe sämtliche Dinge in einen Leinenbeutel, lege den Bademantel darüber und greife nach der Handbörse. Die Schwester berichtet mir, dass sie ihren Schmuck in die Börse gelegt hat. Nun nehme ich ihn an mich. Zwei goldene Ketten, mit Anhängern aus Bergkristall und Hämatit. Sie und ihre Steine. Ein ganzes Sammelsurium hat sie sich angelegt. Alle Steine haben eine Bedeutung. Sie heilen, beschützen und schützen. Sie bewahrt sie in einem kleinen Säckchen auf und ist ständig auf der Suche nach neuen. Eigentlich hätte ich auch erwartet, ihre Ringe zu finden. Sie fehlen.

Es ist eiskalt und der schneidende Wind bläst durch meinen Mantel. Wir sitzen am Tisch. Vor uns zwei Teller mit Essen. Ich schaue meinem Vater zu, wie er es – gleich mir – aus reiner Pflicht und ohne Geschmack zu sich nimmt. Er sieht alt aus. Seine kurz geschorenen Haare lassen die Kopfhaut durchscheinen und betonen sein gegerbtes Gesicht. Seine Hände zittern. Die Adern pulsieren dick und bläulich auf seinem Handrücken. Ich erinnere mich an meine Jugend: Oft foppte er mich, wenn ich eine Erzählung mit den Worten ‚ein alter Mann’ anfing, und er dann fragte, wie alt er denn sei, der alte Mann, und ich überlegte und antwortete, dass er wohl um die vierzig gewesen sei, worauf er diesen besonderen Blick aufsetzte und meinte, dass er dann wohl so alt wie er wäre. Aber mein Gefühl sagte mir, dass diese Gleichung nicht stimmen konnte. Mein Vater war, seit ich denken kann, ohne Alter. Während ich und alles um mich herum an Jahren zunahm, so blieb er doch scheinbar immer derselbe. Nie hätte ich ihn als alt bezeichnet. Doch jetzt: Jetzt sah ich es. Ich konnte neben ihm gehen und ihm dabei fast in die Augen sehen, seine Schultern umfasste ich leicht mit meinen Armen und seine Füße und Hände hatten längst nicht mehr diese Größe.

Ich fühle ihren Schmuck in meinen Taschen. Ich nehme die Ketten heraus und lasse sie durch meine Finger gleiten. Meine Hände riechen nach dem Desinfektionsmittel des Krankenhauses. Steril und nach Tod. Ich bekomme diesen Geruch nicht von meiner Haut. Er setzt sich fest und bleibt haften. In meiner Nase, in meinem Inneren konserviert. Krampfhaft umschließe ich sie und habe Angst, sie loszulassen. In meinen Gedanken entgleitet sie mir, sobald ich den Griff lockere. Ich rede mit ihr, beschwöre sie, festzuhalten am Leben.

Ich sitze im Zug nach Hause. Mein bleiches Gesicht spiegelt sich im Fenster wider. Irgendwann leuchtet an meinem Telefon auf, dass ich eine Meldung habe. Einer meiner Freunde möchte wissen, wie es ihr geht. Die Menschen sind seltsam, fragen danach, wie es dem anderen geht und haben doch nur Kraft für die eigenen Empfindungen. Eine Floskel ohne Bedeutung, die nur dazu dient, die selbst aufgestellten Vermutungen bestätigt zu sehen und den anderen zu quälen, indem er seinem Zustand Worte verleiht und erst durch das gesprochene Wort, diesem Wahrheit zuspricht.

Ich sitze an meinem Tisch. Die Arbeit der vergangenen Woche liegt vor mir. Ich sortiere meinen Tag, plane meine Termine. Als meine Kollegin den Anruf meines Vaters durchstellt, sind meine Gedanken fest in der Welt der Arbeit, so dass ich keine Chance habe, zu reagieren. „Deine Mutter ist gestorben.“ Ende. Der Fall nimmt kein Ende und das Loch hat keinen Boden. Irgendwann ist nur noch das pure Nichts. Mein Herz hört auf zu schlagen. Unheimliche Stille breitet sich in meinem Körper aus. Wie ein Fels liegt es in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, einen Fremdkörper in mir zu haben, den es gilt, zu bekämpfen und zu vernichten. Mein Körper schnürt mich ein und wird lange Zeit die einzige Schutzhülle für meine Seele sein. Ich schließe meine Augen und tauche in mein Inneres. Mein Blick weicht jedem aus, der versucht, einzudringen und so bleibt der Weg zurück unerreichbar.

Mein Vater hat Tee gekocht. Einsam sitzen wir beisammen. Mein Vater zeigt mir den Text, den er für die Trauerkarten verfasst hat. Ich lese ihn wie in Trance. Mein Gehirn nimmt alles auf und lässt es fallen. Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit der nächsten Wochen brennt sich in mir fest. Ich sitze in meiner Höhle am Ende des langen Falls – Dunkelheit um mich herum – und die Ereignisse senken sich herab, versperren den Ausgang, rauben mir das Licht und die Luft zum Atmen. Irgendwann kehrt Stille ein. Das Haus schläft und seine Bewohner haben sich mit ihrem Schmerz zurück gezogen in ihre Einsamkeit. In das Wohnzimmer scheint silbriges Mondlicht. Ich sitze auf dem Sofa, starre nach draußen und zähle die Schneeflocken, die im Licht der Straßenlaterne still zu Boden sinken. Ich fühle mich entsetzlich einsam. Ein Stück meines Herzens ist verstummt. Tränen kullern über mein Gesicht. Ich hasse sie für das, was sie mir angetan hat. Wieso hat sie nicht gekämpft? Warum hat sie so einfach aufgegeben?

Der Reif friert zu Kristallen, die sich über die Landschaft breiten. Groß und weiß tut sich das Krankenhausgebäude vor mir auf. Bedrohlich und dunkel blicken die Fensterfronten herunter. Nein, ich will dort nicht hinein, ich will nicht diesen Geruch von Leid und Verfall und Schmerz an und in mir haben. Eine Schwester weist mir den Weg in das Wertsachenbüro für Verstorbene. Geschäftiges Treiben um mich herum. Teilnahmslos nehme ich ihre letzten Dinge entgegen. Ein goldener Ehering und der Diamantring, den mein Vater ihr geschenkt hat, als ich geboren wurde. Ich ziehe sie auf die Ketten, die ich noch immer bei mir trage.

Die Kälte dringt langsam durch meine Kleider. Eine Kerze brennt ruhig und friedlich vor sich hin. An meinem Finger trage ich den Diamantring. Die Ketten um meinen Hals. Meine Gedanken sind wie ausgebrannt. Mein Leben gleicht einem Labyrinth. Jeden Tag wache ich auf und spüre den Verlust. Der Schmerz erdrückt mich. Ich fühle mich gebrochen und gebeugt. Immer wieder glaube ich, die Last nicht tragen zu können. Meine Hände greifen ins Leere, während ich falle. Mein Körper spürt die Risse und Wunden schon längst nicht mehr. Ich begrabe allen Zorn und alle Tränen in mir. Wer könnte es schon ertragen? Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man Freud’ und Leid’ teilen kann. Unglück macht einsam. Ich verschließe meine Seele. Krachend ist das Tor zum Leben ins Schloss gefallen.

Ich sitze in einer Kirche. In einer Stadt, die ich nicht einmal kenne. Ist es wirklich schon drei Jahre her, dass Du gestorben bist, und mir auf alle Ewigkeit die Chance geraubt hast, „Hallo Mama“ zu rufen, wenn ich nach Hause komme, in ein Haus, dem nun die Seele fehlt und das keinen Schutz mehr vor der Welt bietet. Wie konnte ich nur all’ die Augenblicke ungenutzt vorbeiziehen lassen, in dem kindlichen Glauben, dass es so etwas wie Zeit gibt.

Zeitreisen in die Vergangenheit: Stromausfall

Im Radio höre ich, dass ein Mensch durch seinen Tod den gesamten Zugverkehr zum Erliegen gebracht hat.
Totaler Stromausfall.

img_1344
Ich denke: Gerade bist Du aus dem Haus gegangen. Unsere Probleme lösen sich doch gerade. Nein: ICH denke, dass sie sich lösen. Du, so unbekannt für mich. Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Meine Identität verschwindet in der Flut meiner Gedanken. Ich sitze. Irgendwo. Ich bin allein. Ich flüchte in meine Welt. Das Leben da draußen ist zu schwer für mich. Ich drehe mich im Kreis. Ich öffne meine Augen, um zu sehen. Ich sehe Menschen, die leben. Sie gehen durch meine Welt und leben. War es nicht mal anders? War ICH nicht mal anders?
Stromausfall.
Wir hatten eine Chance. Eine gute und große. Ich habe aufgehört, zu denken. Die Illusion meiner Welt bricht zusammen. Ich bin in der Welt der anderen gefangen. Ich bin allein. Du hast meine Welt mitgenommen und gibst sie weiter an sie. Welches Recht hatte ich nur, diese Chance zu verspielen? Ich sehe uns immer noch. Am Anfang. Ich sehe nur den Anfang. Ich sehe Dich, wie das Glück Dich berührt. Ich habe es festgehalten, dieses Bild. Es steht auf dem Nachttisch.
Stromausfall.
Danach beginnt das Mühen. Ich sehe nichts. Du suchst mich. Die ganze, lange Zeit habe ich die Augen geschlossen. Sinnlos geträumt. Ohne Dich. Das erste Zeichen sehe ich, als unsere Zeit verloren geht. Gefangen in meinen Gedanken dachte ich, die Zeit besiegen zu können. Was bedeutet schon Zeit? Und in Wirklichkeit besiegte ich Dich.
Stromausfall.
Der Weg zu Dir ist nicht mehr da. Wenn ich jetzt in Dein Gesicht blicke, suche ich verzweifelt nach dem Glück. Ich bin aufgewacht. Ich habe meine Grenze gesehen. Der Zugang, den Du in meine Welt gefunden hattest, ist mir versperrt. Ich dachte, wir finden den Anfang, wenn wir einander hätten. ICH habe gedacht. Gedacht: Warst Du nicht schon aus meiner Welt verschwunden, als ich diesen Schritt tat?
Stromausfall.
Schon wieder Scherben. Meine Scherben. Sie schwimmen in meinem Herz. Meine Tränen tragen sie nach draußen. Jeder Schritt auf ihnen tut weh. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Ich spüre nur den Schmerz. Schon lange.
Stromausfall.
Ich quäle mich. Briefe, Gedichte, Fotos, Gedankenfetzen. Gibt es ein Leben danach? Wenn Du es nicht bist, der sein Leben eintauscht gegen die Ruhe des Todes, was ist dann meine Aufgabe? Du sagst, das Leben geht weiter. Alle sagen das. In meiner Welt löscht nichts das Feuer.
Stromausfall.
Hast Du eine Ahnung von meiner Verzweiflung? Hast du eine Ahnung von meinem Schmerz? Wie würdest Du den Schmerz ertragen, wäre ich an Deiner und Du an meiner Stelle? Mein Schmerz ist auch Anklage. Warum hast Du mich nicht vor den Spiegel meiner Seele geführt? Warum hast Du mich so oft allein gelassen? Gefangen. Angekettet. Hilflos. Ohne Dich habe ich keine Energie, meine Welt zu verstehen. Diese Welt ist so klein und eng.
Stromausfall.
Wie hoch sind Deine Ideale? Es wird schwieriger. Ich fange an, um mich zu schlagen. Wer bin ich? Ich wage keinen Schritt. Ich bin allein mit meinen Gedanken, die ausbrechen wollen. Was willst Du? Was willst Du wirklich?
Stromausfall.
Der Tod: Inzwischen bin ich der Ansicht, dass es der einzige Ort ist, an dem absolute Ruhe herrscht. Stille. Alle Gedanken und Gefühle verstummt. Vielleicht ist dies das Glück. Ein Nichts. Kein Raum. Keine Zeit. Keine Endlichkeit. Am Ende ist es im Leben nicht möglich, Frieden zu finden. Ich sehe in Deine Augen. Darin liegt mein Frieden. Wer also bin ich?
Stromausfall.

Spurensuche – Zweiklang

Die ersten Erinnerungen. Kindheit, die nicht auf Celluloid gebannt ist.

Die Freude, durch den Aufprall abrupt und jäh beendet, eine Platzwunde nach sich ziehend, eine verblassende Narbe hinterlassend.

Die Wut, die sich Luft machen will und mit dem Tritt in die im Klee sitzende Biene in Lächerlichkeit auf der Zuschauerseite umschlägt.

Der Übermut, der eine Brandwunde am Oberschenkel verursacht, effekt- und mitleidhaschend mit einem Schal verbunden, der durch sein Kratzen mehr quält als die Ursache.

Der Ehrgeiz, durch einen Sturz gestoppt, der mit einer Spritze entlohnt wird, die aufgeschürften Knie voller Dreck und Rollsplit als Trophäe.

Der Versuch, Blindsein zu erfahren, scheitert und endet mit einem deutlichen Muster auf der Stirn, der Scham im Gedächtnis.

Die Ohnmacht, nach dem Fall, von der alkoholgetränkten Gesellschaft im Nachbarzimmer verspottet und hinweggewischt.

Die Begeisterung, beim Klettern mit sprinklernassen Füßen, die keinen Halt finden und im Absturz in der Gartenharke landen, welche eine sommerlange Entzündung beschert.

Die Träumerei, dabei vom Weg abkommend und über Weidenzweige stolpernd, die blutige Wunden, getränkt in Salzwasser, verursacht.

Erinnerungen, die sich nur in dieser Form wiederfinden. Ein Abdruck, der bleibt. Doch dann gibt es noch die Erinnerungen, die die Seele berühren, ihr zusetzen. Narben, die weitaus nachhallender, nachhaltiger, tiefer sind und sich nicht in Einklang mit der Erinnerung bringen lassen.

Die Neugier, gleichgültig ausgebremst und unterdrückt.

Das Vertrauen, achtlos angenommen und ausgenutzt.

Die Liebe, missbraucht und sorgfältig eingeschlossen.

Zweiklang.

Das Gesetz der Strasse

Im Netz und den Gesprächen wird ja zur Genüge über Regeln, Vorschriften und Maßnahmen gesprochen und diskutiert. In anderen Ländern war und ist das sicherlich nicht anders. Es gibt immer Parteien und unterschiedliche Ansichten. Und es gibt Einsichtige und Uneinsichtige.

Und davon handelt die Geschichte, die mir die Bäckersfrau just erzählte als es noch begrenzt möglich war, sich in gastronomischen Einrichtungen zu treffen.

Im Bäckereicafé sitzen zwei ältere Damen, Stammkunden, oder wie sie sich ausdrückte „Alte Schachteln“, also ganz eindeutig Mitglieder der Risikogruppe. Die beiden hatten wohl Vorsichtsmaßnahmen getroffen und saßen mit Abstand zueinander am Tisch. Das Gespräch, wie eben so viele oder fast alle dieser Tage, dreht sich um die aktuellen Umstände.

„Diese dummen Jugendlichen. Die sitzen alle am Baggersee rum.“ Die Bäckersfrau kann nicht anders und schaltet sich in das Gespräch ein. „Also, wenn ich mich hier so umschaue, sind hier genauso Unvernünftige anzutreffen.“ Die Damen fühlen sich ganz offensichtlich angegriffen und inmitten der Servicewüste gelandet. Eine Diskussion im Generationenkonflikt bahnt sich an. Unmut macht sich breit, das Ganze eskaliert.

„Wollen Sie uns etwa hier rausschmeißen?“

„Nein, das kann ich erst um 15 Uhr, Sie sollten aber schon darüber nachdenken, ob das so richtig ist für Sie, hier zu sitzen.“

„Ja, also wissen Sie, zuhause da kriegt man ja einen Lagerkoller.“

„Wenn aber nun alle so denken, dann kommt die Ausgangssperre.“

„Ja dann, dann dürfen wir ja auch nicht mehr.“

„Und genau wegen dieser dummen, dummen Menschen bekommen wir noch die Ausgangssperre.“

Die Bäckersfrau ist sich sicher: Die beiden werden wohl nicht mehr kommen. Auch nach der Aufhebung der Ausgangsbeschränkung nicht.

Ein Verlust für das Geschäft. Ein gesellschaftlicher wohl nur bedingt, denn wenn jeder nur an sich denkt, herrscht das Gesetz der Straße. Zivilcourage einmal anders. Schade, dass ich da nicht dabei war.

Curfew

Und wegen dieser dummen, dummen Menschen wurden die Ausgangsbeschränkungen gerade um zwei Wochen verlängert. Traurig, ich dachte, die menschliche Gesellschaft wäre schon weiter.

Wie gewonnen so zerronnen

Wenn am Wochenende mal wieder die Zeit umgestellt wird, dann ist sozusagen alles wieder beim Alten. Die Frage, ob man die Zeiger vor oder zurück stellen muss beschäftigen die Gesellschaft (muss das wirklich sein?) und deren Mitglieder (wie war das noch mal?). Bei Alten auch deshalb, weil ja die Winterzeit eigentlich diejenige ist, welche die „richtige“ Zeit ist. Doch was ist schon richtig? Und was ist schon richtig, wenn es um die Zeit geht? Wer kann denn bitteschön tatsächlich sagen, was die Zeit überhaupt ist, außer einem Instrument, mit dem wir die Vergänglichkeit messen? Im weitesten Sinn also Geschichte schreiben, indem wir diese in einen Zeitrahmen pressen.

Dabei sind unsere heutigen Diskussionen gar nicht neu, bis vielleicht auf die Tatsache, dass jeder seine Sichtweise kundtut und alle mitreden. Denn bis in das 19 Jahrhundert war es noch so, dass mehr oder weniger jedes Dorf seine eigene Zeit hatte. Mal lebte nach dem Stand der Sonne. Richtig, zwölf Uhr ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Es gab eine Zeit in Berlin und eine „Münchner Zeit“, die sicherlich eng mit dem Weißwurstessge- und verbot zusammenhängt. Richtig, 12 Uhr ist, wenn es keine Weißwürste mehr gibt.

Erst 1893 wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit(zone) eingeführt und schon 1916 wurde an dieser herumgedoktert und mit der Sommerzeit experimentiert. Und das immer wieder. Von 1947-1949 gab es sogar eine zusätzliche Hochsommerzeit von Mitte Mai bis Ende Juni. Doch dann kam das Wirtschaftswunder und man hatte wohl keine Zeit mehr, sich mit der Zeit zu befassen.

1980, eher auf Druck der europäischen Nachbarn denn aus Eigeninitiative, kam die Sommerzeit. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war Ostersonntag und meine Eltern waren mit mir irgendwohin im Auto unterwegs. Ich dachte immerzu, das ist doch komisch, dass es jetzt schon 10 Uhr statt 9 Uhr ist, denn die Welt hatte sich irgendwie so gar nicht verändert, aber alles fühlte sich anders an, fast schon befremdlich. Damals allerdings war uns der Sommer und seine Zeit nur bis Ende September zugeteilt. Seit 1996 haben wir einen Monat dazu gewonnen und stellen nun die Uhren erst Ende Oktober wieder zurück.

Dieses Hin- und Hergespringe scheint dem heutigen Zeitgeist doch sehr entgegen zu kommen, möchte man meinen. Ständig auf dem Sprung. Mal gewinnt man, mal verliert man und die Routine gleicht für einen kurzen Augenblick dem Chaos. Und auch der Gedanke, dass der Sommer nie enden möge, ist nur allzu nachvollziehbar.

Zeit

Doch die Zeit ist immer gleich. Man kann sie nicht verändern. Sie lässt sich nicht einsparen, nicht gewinnen und sie verschwindet auch nicht. Stehlen oder gar fressen lässt sie sich schon gleich überhaupt nicht. Kurzum, die Zeit ist so gesehen die einzige Konstante. Sie war schon immer da und musste auch nicht geschaffen werden. Nicht mal von Gott. Vielleicht ist auch deshalb so faszinierend und unerklärlich. Wie heißt es doch so schön bei „Momo“ von Michael Ende:

„Es gibt ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigstens denken darüber nach. Die meisten Menschen nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Eure Kerstin

Das brennende Haus

Vor einem guten Jahrzehnt befand sich mein Lebensmittelpunkt nicht unweit des San-Andreas-Grabens und wer schon mal ein Erdbeben erlebt hat, weiß, dass neben dem komischen Gefühl auch eine leichte Verunsicherung zurück bleibt, ob es das nächste Mal auch so glimpflich ausgehen wird. Wohlgemerkt ich rede hier von den wirklich kleinen Erdstößen, bei denen selbst die Kaffeetasse noch auf dem Tisch bleibt.

Nun, die Naturgewalt vor meiner Haustür hat mich damals trotz der einen oder anderen kaputten Kaffeetasse jedenfalls nicht weiter beunruhigt. Erst nach dem 11. September gab es dann tatsächlich die von der Regierung empfohlene Notfalltasche mit Wasser, Vorräten, Taschenlampe, Zelt usw. neben der Tür.

So ändern sich die Zeiten. Hatte der Mensch früher Angst vor der Natur, so sind es nun die eigenen Mitmenschen und deren Gewalt, vor denen man sich fürchtet.

Das wurde ganz besonders deutlich, als die Bundesregierung 2016 die Empfehlungen für den Notfall aktualisiert herausgegeben hat. In unseren unruhigen Zeiten wurden sogleich allerlei Spekulationen und Szenarien diskutiert und verbreitet. Tja, was soll ich sagen, ich habe mich kurzzeitig anstecken lassen und zwei extra Kisten Wasser und einen Liter H-Milch gebunkert. Okay, das war echt ziemlich unsinnig, aber hat mich komischerweise beruhigt. Wie einfach man doch manipulierbar ist und es dann auch noch im Selbstversuch funktioniert.

Im Hinblick auf meine diversen Beiträge zu Verzicht und Ausmisten  kam neulich bei Tisch die Frage auf denselben, was ich wohl im „Notfall“ mitnehmen würde. Der Notfall dahingehend, dass ich meinen festen Wohnsitz und das geregelte Leben aufgebe. Und Mitnehmen im Sinne von Andenken, die mir so viel bedeuten, dass ich das extra Gewicht in Kauf nehme, ohne einen wirklichen Nutzen daraus zu ziehen. Mir sozusagen Halt geben und in manch trüber Stunde für Aufhellung sorgen. Theoretisch gesehen.

Die Qual der Wahl war und ist gar nicht so einfach. Im ersten Moment sagt man vielleicht: „Ich brauche nichts von all meinen Sachen.“ Und dann schweift der Blick über die Habseligkeiten und man rafft gedanklich schnell die Teile zusammen, welche einen festen Platz im Herzen beanspruchen. Schließlich fällt man ins Grübeln und dann beginnt das Abwägen zwischen sentimentaler Erinnerung und Ballast.

Was bleibt?
1.      Der Verlobungsring meiner Mutter, den ich geerbt habe.
2.      Der Ring, der ein Geschenk zur Geburt meines Sohnes war.
3.      Die goldene Kette mit der Hand Fatimas. Eigentlich geht es um den Anhänger, der während eines nahezu sündhaft teuren Urlaubs, den ich mir nach den Erbstreitigkeiten gegönnt habe, gekauft wurde. Die Kette hat eine andere Geschichte, passt aber auch und geht in die selbe Richtung.
4.      Ein Fotoalbum. Ich besitze da eines, in dem sind ganz viele verschiedene Bilder aus meinem Leben.
5.      Ein Buch. Deutsche Volksmärchen. Märchen kann man immer lesen und vorlesen, auch wenn es mehr eine kindliche Lektüre ist. Aber es steckt viel Wahrheit in den Geschichten und zur Not lässt ich der Band, der wirklich auch optisch sehr hübsch ist, als Tauschobjekt einsetzen – so wie bei Hans im Glück.

Eine sehr eigenwillige Liste. Ja, stimmt. Und bis auf die letzten beiden trägt sich alles an der Frau, also fällt nicht allzu sehr ins Gewicht. Nummer fünf war am schwierigsten, da die Entscheidung schwer war. Ob das nun an den unzähligen, wirklich guten Büchern in meinem Haus liegt, oder an meiner Leseleidenschaft lasse ich mal dahingestellt.

Ach, und sollte der Notfall nicht ganz so drastisch ausfallen und Raum für Luxus bieten, kämen noch folgende Gegenstände hinzu:
6.      Mein Kuscheltier aus Kindheitstagen. Ja, da steh ich zu.
7.      Das von meinen Sohn geflochtene Armband, welches mich auf diversen Wanderungen schon begleitet hat. Und bitte, ein Junge, der „Schmuck“ bastelt, das verdient eine extra Erwähnung und Würdigung.
8.      Meine Lieblingstasse mit Winnie Puh, die ich in Disneyland erstanden habe, denn der Bär und seine Freunde besitzen einen absolut hintergründigen Humor und die Geschichten zeigen, zu was die menschliche Phantasie fähig ist.
9.      Den Seidenschal mit dem traumhaften Muster, den meine Tante mir von einer ihrer Reisen mitgebracht hat.
10.   Die Coachtasche. Ein Geschenk zum Geburtstag, der gleichzeitig der Start in ein neues Leben war. Hey, und außerdem, irgendwie muss ich ja den ganzen Krempel transportieren.

So würde ich das jetzt mal stehen lassen. Ich denke, die Ägypter wären ganz zufrieden mit meiner Liste der Grabbeigaben. Ok, ist etwas weit hergeholt, aber vom Ansatz her stimmt die Überlegung. Was macht mich aus und unverwechselbar? Selbst der jugendliche Mitbewohner musste diese Frage unlängst im Kunstunterricht bildlich darstellen. Und auf seiner Liste beziehungsweise Zeichnung waren ein Turnschuh (also einer von diesen hippen Tretern, die mehr an einen Pantoffel erinnern), ein Schlüsselbund mit Fotoanhänger und ein Edding. Das weiß ich so genau, weil ich bei der Fertigstellung mit Hand anlegen musste. Genau, das Thema hatten wir schon mal (Ungenau gewünscht): Das Kind den Tränen nah, weil die Hausaufgabe zeitlich einfach nicht im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten zu schaffen war und die Erziehungsberechtigte ihren Erziehungsauftrag über Bord geworfen hat, und mal wieder die allerliebste Mutter gewesen ist. Wichtig ist ja eigentlich auch nur, dass selbst der Nachwuchs schon ganz klar Dinge beziffern kann, die seiner Persönlichkeit entsprechen und ihm viel bedeuten. Auch wenn sich das in dem Alter schnell ändert. Zum „Überleben“ taugt weder seine noch meine Aufzählung etwas.

Nachdem mir die H-Milch inzwischen zweimal versauert ist, bin ich wieder zur Normalität übergegangen und horte neben den üblichen Vorräten nichts. Man sieht, wir alle leben in wahrhaft paradiesischen Zeiten. Von Hamsterkäufen und Notfallkoffern weit entfernt. Und nachdem ich mir die persönliche Checkliste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe besorgt hatte, ist mir erst so richtig klargeworden, wie naiv und unsinnig meine bisherigen Bemühungen in diese Richtung waren. Im Übrigen unterscheidet sich die Ausgabe 2016 nicht wesentlich von der Version 2005 – auch irgendwie ein Zeichen.

Allerdings, mit dem dort propagierten Notfallpaket kann man nicht mal eben was auch immer aufgeben, sondern ist gezwungen, im brennenden Haus auszuharren und seine Katastrophenhabseligkeiten zu verteidigen. Gegen wen oder was auch immer. Für mich die denkbar schlechteste Alternative im Fall der Fälle. Dann doch lieber „nur“ ein paar Erinnerungsstücke, die im Rucksack Platz finden und in schweren Zeiten Zuversicht vermitteln. Ich denke, dahingehend unterscheide ich mich nicht von anderen Menschen, egal aus welcher Epoche und aus welchen Beweggründen die ihre Sachen gepackt und losgezogen sind.

Eure Kerstin

P.S.: Wir haben im Übrigen eine Zwei für das Kunstwerk erhalten

Tatort des Monats September

Ich glaube, das ist eine Premiere: Ein ungeplanter, unfreiwilliger Tatort.2016_09

 Tatort: Irgendwo auf dem Weg zwischen Büro und Bahnhof.

 Tatbestand: Schal (leider nur ein Tatortfoto verfügbar)

Tatortsäuberung: Erübrigt sich sozusagen. Leider. Da ich den Zug erreichen musste und mal wieder auf den letzten Drücker (das mache ich noch schnell fertig) aus dem Büro gestürmt bin, wurde bei gefühltem Tempo 50km/h mit dem Fahrrad die Verspätung wett gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste, wie ich am Bahnhof feststellen musste. Natürlich blieb keine Zeit mehr, um zurück zu fahren. Und wie erwartet blieb auch die spätere Inspektion nach der Rückkehr erfolglos. Sehr schade und traurig. Der Schal war wirklich schön und kuschelig. Warum es immer die Lieblingsdinge sind, die man verliert, ist mir ein Rätsel. Nun wird der Staffelstab eben an einen anderen Schal weitergegeben. Sind ja noch genug da, wie ich beim Blick in die Schublade feststellen konnte.