Eine Frage der Definition

Seit ein paar Jahren versuche ich ja für mich einen Weg zu finden, umweltverträglicher zu leben. Die Betonung liegt auf versuchen, denn wenn man jahre-, ach was, jahrzehntelang in der Konsumwarenwelt der Industrieländer verbracht hat, dann ist eine Umerziehung – selbst, wenn diese eigenständig und vernünftig ist – gar nicht so einfach, wo doch das Angebot an allem bei weitem größer ist als die Nachfrage jemals sein könnte. Insofern bin ich mal mehr, mal weniger inkonsequent konsequent und das entweder aus, ich muss es leider zugeben, Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit.

Wer schon länger auf meinem Blog dabei ist, erinnert sich vielleicht an diverse Beiträge zu dem Thema, die hier auch nachzulesen sind. Als Resümee der letzten zwölf Monate kann ich sagen, dass sich eindeutig zu viele Neukäufe in meinem Kleiderschrank befinden. Die Strategie von Robert Wringham „Kaufen Sie nichts, was man nicht essen kann“ (Buch: Ich bin raus) bete ich mir zwar mantramäßig immer wieder vor, aber eben nur mit mäßigem Erfolg und mit dem Beten tue ich mich als bekennender Atheist ja ohnehin sehr schwer. Zum Ausgleich des schlechten Gewissens wurden und werden immer zwei Teile aus dem Bestand genommen, um dann verkauft und/oder verschenkt zu werden. So reduziert sich wenigstens auch gleich der Gesamtbestand der Besitztümer.

Als Schuldigen, wenn man so will, wurde mein Frustlevel identifiziert. Wir kennen das ja irgendwie alle auf die eine oder andere Weise: Man ist unglücklich, mit den Nerven am Ende, eben frustriert und gönnt sich dann etwas, meist irgendetwas ohne große Vor- und Nachgedanken als Entschädigung. Sozusagen die berühmte „Chicken Soup for the Soul“, denn bei körperlichen Krankheiten wird ja gern Hühnersuppe als Allheilmittel eingesetzt und warum sollte es solch ein Pendant nicht auch für das Gemüt geben. So war die Hühnersuppe für die Seele nach dem gleichnamigen englischen Buch also in meinem Fall wider besseres Wissen ein erhöhtes Kaufverhalten im Textilhandel. In Zeiten der persönlichen Krise und des Umbruchs neige ich gern mal dazu, meinen Kummer damit zu zudecken. Nun gilt es Schadensbegrenzung zu betreiben und einen Kurswechsel zu vollziehen.

Die guten Nachrichten bzw. Fortschritte: Die sogenannten Wisch- und Wegtücher sind zu 99% aus meinem Haushalt sozusagen weggewischt worden. Lediglich der Nachwuchs darf eines für seinen proteinhaltigen Pausensnack mitnehmen und bei Überschwemmungsgefahr im Kinderzimmer zum Einmalhandtuch greifen. Ansonsten sind inzwischen alte Küchentücher zum Zelltuchersatz umfunktioniert worden. Ebenso ausgemustert wurde die Nuss-Nougat-Creme (Stichwort Palmöl). Manche Gewohnheiten aus Kindheitstagen sollten durchaus hin und wieder überdacht werden und ich stelle mir die Frage, ob auch schon in den 70er und 80er Jahren das Rezept derart umweltunverträglich war.

Neulich meinte mein Professor, man könne ja eh nichts ändern, wohingegen ich dem ganz klar widersprechen muss: Klar, ich allein kann das Verhalten der Menschen im Umgang mit der Natur und den Ressourcen natürlich nicht ändern, aber ich kann mein Verhalten ändern und auch wenn es nur der Tropfen auf den heißen Stein ist, so ist es vielleicht am Ende derjenige, der das Fass nicht zum Überlaufen bringt. Und hin und wieder muss man mit gutem Beispiel voran gehen. Selbst der jugendliche Mitbewohner hat begriffen, dass Wasser trinkfertig aus dem Wasserhahn kommt und man es nicht abgefüllt (plus Anlieferung) aus dem Regal nach Hause und wieder zum Laden zurück karren muss. Gut, das mag, wenn es mit der Wasserverschmutzung so weitergeht, bald ein Gesundheitsrisiko sein, aber dann ist eben wieder ein Kurswechsel angesagt.

Beim Thema Ernährung dachte ich ja immer, ich wäre schon ziemlich gut, doch wenn ich mir ernsthaft die Frage stelle, ob ich ein Tier, das ich esse, auch töten würde, dann kommen mir sehr, sehr starke Bedenken und ich zweifele an meiner bisherigen Einstellung, dass biologisch und regional genug ist. Im Grunde müsste ich also nicht nur Vegetarier, sondern sogar Veganer werden, wenn ich es so betrachte.

Es ist sicher keine Entschuldigung, aber als Familienmitglied einer fleischlastigen Wohngemeinschaft ist das schier unmöglich und unter Umständen auch ökologisch und ökonomisch gar nicht so sinnvoll – von wegen, doppelt kochen, Resteverwertung usw. Ohnehin stellt sich ja immer auch die Frage, bis zu welchem Punkt man sich selbst optimieren möchte. Schließlich definiert mich auch mein, wenn man so will, Fehlverhalten als Mensch und ist Teil meiner natürlichen Intelligenz. Aber zumindest einen Schritt weiter geht es immer und so steht für mich ab sofort Fleisch in Reinform nur noch einmal in der Woche auf dem Speiseplan. Das mag keine Wahnsinnsverbesserung meines ökologischen Fußabdruckes sein, aber es geht ja wie gesagt auch um den steten Tropfen und da gehen wir Menschen wie alles auf Erden den Weg des geringsten Widerstandes.

Darüber hinaus meinte der Kollege meines Professors, er würde den Begriff der Nachhaltigkeit durch Verantwortung ersetzen. Zu schwammig und diffus sei dieser und man würde allzu gern dazu tendieren, eine romantische Vorstellung der schönen, geordneten Welt damit zu verbinden. Während hingegen Verantwortung immer eine Entscheidung eines Einzelnen ist, die er/sie nicht abgeben kann und von daher selbst tragen muss. Ja, da bin ich absolut d’accord. Neben der Ansicht ist eben vieles eine Frage der Definition.

Schlussendlich danken möchte ich meinem Professor doch auch: Für die aktuellen und interessanten Vorlesungen zur Umweltethik und die Empfehlung zahlreicher Bücher zum Thema Umwelt, Ethik und Nachhaltigkeit, die ich gern an meine Leserschaft weiterreiche.

Buchliste

Einen neuen Beitrag wird es dann spätestens in 2019 geben. Eure Kerstin

quergelegt und abgerechnet – die Verzichtsfrage 2.0

„In today’s materialistic culture, many people believe material things can solve emotional problems. But […] retail therapy does not work. Instead, it is more likely to make your problems worse […] In today’s culture, material goods have become substitutes for deep and genuinely meaningful human desires and questions. […] Instead of trying to understand who we really are, […] instead of giving up on material goods, we just keep buying more.” (James Wallman, “Stuffocation”)

Wenn man so wie ich irgendwo in der Mitte des Lebens steht, dann ist es ganz normal, sich mit dem bis dahin geführten Leben auseinander zu setzen. Früher oder später taucht dann die Frage auf: Das kann doch einfach nicht alles gewesen sein, oder? Mid-Life Crisis, Wechseljahre, Burn Out, nennt es wir Ihr wollt, davon wird es jedenfalls nicht besser, kann ich aus Erfahrung sagen. Nun, in Bezug auf die Gesellschaft lässt sich diese Frage eins zu eins übernehmen: Unsere Konsumwirtschaft kann doch einfach noch nicht alles gewesen sein, wozu die Menschen in der Lage sind, oder? Dazu die ganze Evolution? Das soll der Höhepunkt der menschlichen Entwicklung sein?

Es lohnt durchaus, einmal oder auch mehrmals, sich diese Frage zu stellen. Die Antworten werden auch nicht immer die gleichen sein. Und genauso ist es mit dem nachhaltigen Leben. Es gibt kein ultimatives Modell, da sich die Lebensumstände immer wieder ändern und es bringt nichts, wenn man sich einen Weg auferlegt, der einen unglücklich macht. Das musste selbst Thoreau feststellen, der in der Einsamkeit der Natur sein Heil gesucht hat, dann aber innerlich einsam war.

Manchmal muss man auch mehrere Wege ausprobieren. In seinem Buch „Stuffocation“ beschreibt James Wallman verschiedene Modelle. Vom mittelmäßig entschleunigten, zum einfacheren bis hin zum erlebnisreichen Lebensmodell. Oder auch Robert Wringham, der in seinem Ratgeber „Ich bin raus“ sich seiner Fesseln von Arbeit, Konsum und Verzweiflung entledigt und ein freies Leben führt. „Nichts, was man kaufen kann, hilft uns dabei, ein besserer oder ein freierer Mensch zu werden“, schreibt er.

Dafür ist es eben zum einen wichtig, Bilanz zu ziehen und zum anderen dann auch die Freiheit, die man anstrebt zu definieren. Schließlich sollte man ungefähr wissen, wohin die Reise geht, damit man in die richtige Richtung startet.

Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Nur ein Gefangener hat die Möglichkeit, sich zu befreien. Wer also den Ausstieg aus dem Konsum, der Tretmühle oder anderen einengenden Lebenssituationen plant, kann dies nur von innen heraus tun. In dem Zusammenhang empfehle ich die Lektüre „Ich bin raus“ von Robert Wringham und „Stuffocation“ (leider nur auf Englisch) von James Wallman. Beide Bücher haben mich mit ihren Thesen und Ansichten wahrhaft ge- und entfesselt und jede Menge Stoff für das Projekt Verzicht 2.0 und noch viele andere Gedanken geliefert.

Was bleibt, ist die Frage: Weniger Ballast? Und die Antwort: Auf alle Fälle! Vor allem gedanklich bin ich freier. Und wenn man erst mal soweit ist, dann ist man der Konsumfalle – work-hard, play-hard, spend-a-lot – schon mal entkommen und hat die Kraft, auch alles andere voran zu bringen.

Koffer

Hin und wieder werde ich zukünftig auf meinem Blog hier weiter zum Thema Verzicht und Nachhaltigkeit berichten, es gibt ja auch immer noch den Tatort, aber ob ich in 2018 nochmals das Projekt in der Form aufgreife, kann ich derzeit noch nicht sagen.

Jetzt heißt es erst mal, Verzicht auf action!

Eure Kerstin

P.S.: Sogar mein Horoskop passt da perfekt. Na, dann ein schönes Wochenende und einen guten Start in die zweite Jahreshälfte.

Horoskop

 

umgedacht und aufgestellt – die Wohnungs- und Haushalts bzw. Lebenswegfrage

Erinnert sich der eine oder andere noch an die Inventurliste aus Armee der Energieslaven?
1 Fernseher, 1 DVD-Player, 2 Radios, 1 Radiowecker, 1 Stereoanlage, 1 Computer, 2 1 Laptops, 1 MP3-Player, 2 Handys, 1 Telefon, 1 Spielkonsole, 1 PSP, 1 Gameboy, 2 Digitalkameras, 1 Staubsauger, 1 Waschmaschine, 1 Trockner, 1 Mikrowelle, 1 Kühlschrank, 1 Kaffeemaschine, 1 Kaffeemühle, 1 Toaster, 1 Wasserkocher, 1 Mixer, 1 Küchenmaschine, 1 Rührstab, 1 Saftpresse, 2 Föns*, 2 1 elektronische Zahnbürsten, 1 Lockenstab, 1 Glätteisen, 1 Set beheizbare Lockenwickler, 1 Nähmaschine, 1 Bügeleisen.

Richtig, die durchgestrichenen Energiesklaven haben die Wohnung verlassen und sind, falls noch nicht veräußert, vorerst in den Keller gezogen, wo sie auf den Flohmarkt/Verkauf warten. Das * bedeutet, dass ein Exemplar in dem derzeit vorhandenen zweiten Haushalt deponiert ist und auf die Zukunft = Verkauf wartet. Die Kaffeemühle hat ein Bleiberecht bis ich einen manuellen Ersatz gefunden habe. Die Energiesklaven in kursiv sind angezählt (bei den Radios/Kameras jeweils 1 Exemplar), heißt, die werden kurzfristig bis mittelfristig das kuschelige Zuhause gegen eine neue Bleibe eintauschen müssen. Anstelle der Kaffeemaschine kommt ein kleiner Italiener zum Einsatz.

Tut mir leid, Moni, aber der Kaffee schmeckt seit einiger Zeit komisch. Keiner sagt jetzt was, bitte. Entkalken und andere Kapseln haben keinen Erfolg gezeigt, wahrscheinlich liegt es also doch an mir. Die Tante führt gegenüber dem jugendlichen Mitbewohner, wenn dieser beim Essen mal wieder etwas verweigert, auch immer an, dass der Geschmack sich ändert, wenn man älter wird. Eventuell besteht in beiden Fällen Hoffnung.

Apropos jugendlicher Mitbewohner: Wie man sieht, hat er ganz schön ausgemistet. Gleichstand, wenn ich es so grob überschlage. Gut gemacht, Großer!
Was hat sich sonst im Haushalt getan?
Geschirr, Besteck und Küchenutensilien sowie Bettwäsche und Handtücher und nicht zu vergessen Möbel und Einrichtungsgegenstände warten so gesehen auf den Auszug des jugendlichen Mitbewohners und darauf, was davon dieser dann für würdig erachtet, in seinen eigenen Hausstand mitzunehmen. Die Sache mit der Aussteuerkiste ist natürlich nach wie vor ein Thema. Bis es denn so weit ist, dauert es ja noch und bis dahin fällt mit Sicherheit (hoffentlich) auch noch das eine oder andere Stück der natürlichen Auslese zum Opfer.

Bei den Staubfängern, die sich als solche den Wohnraum mit mir teilen, handelt es sich ja fast durchgängig um Memorabilien mit sentimentalem Wert. Wer hätte das gedacht? Für jeden anderen also schlichtweg Killefit, Schnickschnack, Krimkrams, Nippes, Tüddelkram, Kokolores – Staubfänger eben. Manchmal bin ich kurz davor, mich von den handfesten Erinnerungen zu trennen, schließlich sind diese ja in meinem Kopf viel lebendiger vorhanden, und dann lasse ich es doch, weil ich keinen Sinn darin sehe, diese zu verbannen, solange sie mich nicht explizit stören, belasten oder sich etwas an der Wohnsituation ändert. Insofern darf sich dieser Ballast damit rühmen, dass er mir so viel bedeutet, dass ich derzeit keine Hand an ihn anlege, sollte sich allerdings auch nicht zu sicher fühlen, denn in Wirklichkeit ist er einfach nur geduldet bis zum Tag X.

Ein paar Worte zum Tag X: Der Lebensweg und damit die Frage nach dem Zuhause, ist, was mich betrifft, noch nicht abgeschlossen. Als Weltenbummler und Zigeunerin in spe, wird dies in einer unbestimmten Zukunft ein ganz anderes Abenteuer. Es gibt mehrere Pläne (A und B und C, vielleicht auch noch weitere Varianten, mal sehen), die derzeit im Raum und zur Diskussion stehen. Und dann wäre ich versucht, ein Experiment zu machen: Alle meine „sieben“ Sachen in Umzugskisten packen und so lassen. Und erst dann, wenn ich etwas brauche, aus der Kiste holen. Ohne Einschränkung. Nach einem Monat steht so ziemlich fest, was man letztendlich benötigt und auch nutzt. Die Herausforderung besteht dann natürlich darin, sich vom Rest ohne Abschiedsschmerz zu trennen.

Andererseits kamen Gedanken dieser Art erst vor einigen Tagen beim Frühstück zur Sprache. Und wenn ich mir jetzt und hier so vorstelle, ich würde meine vier Wände gegen das Vagabundenleben eintauschen, dann kann ich nicht auf Anhieb sagen, welche Dinge tatsächlich weiterhin in meinem Besitz bleiben sollten und ob ich nicht vielleicht sogar in der Lage wäre, mich restlos von allem zu trennen. Andererseits, beschwören kann ich es auch nicht. Es bleibt also abzuwarten, welche Wege das Leben einschlägt.

Ach ja, zwei Neuzugänge in punkto Stromfresser sind auch zu vermelden – leider: Ein iPad und das elektronische Buch. Ja, ich weiß, sagt nichts! Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Es waren Geschenke. Gut gemeint, das ich will einfach mal unterstellen, aber unüberlegt, wenn man mich kennt. Das iPad wird alle paar Tage mal zu Rate gezogen. Und das eher aus Bequemlichkeitsgründen, weil schneller startet als der PC. Das E-Book ist ein anderes Thema.

Aber dazu mehr im nächsten Kapitel.
Also dann, action!

Eure Kerstin

 

Verzicht kostet – ein Jahr danach

Vor einem guten Jahr habe ich hier über mein Projekt „Verzicht kostet“ berichtet und wie jeder von uns weiß, gehört zu jedem Projekt auch ein sogenanntes Tracking, eine Nachverfolgung des Erfolgs oder unter Umstände auch Misserfolgs.

Von daher möchte ich das Thema gern nochmals aufgreifen und die einzelnen Kategorien Kleidung, Lebensmittel, Gegenstände des täglichen Lebens sowie Hobbies und Luxusartikel einer Prüfung unterziehen, was ja eher einer Prüfung meiner eigenen Vorsätze entspricht. Und ich bin gespannt, ob und was sich geändert hat. Sozusagen „Verzicht kostet 2.0“.

Wir erinnern uns, angefangen hatte alles im April 2016 mit „Wie alles anfing“. Am Ende waren die Koffer und das Leben schön bunt und ich konnte für mich doch einen gewissen Erfolg verbuchen (Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich).

 Gepäck

Nun also die Frage: Geht das noch besser? Vielleicht mit etwas weniger Gepäck und vor allem Ballast?

 Koffer

 

Also dann, action!

Eure Kerstin

Gummistiefelweg

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik „Leseecke“.
Inspiriert vom örtlichen Schreibwettbewerb und weil heute Weltglückstag ist, habe ich einfach mal meine Geschichte eingesandt.

Direkt hinter dem Haus war das Moor. Und wenn er abends mit der Arbeit auf dem Hof fertig war, saß er auf der Bank neben der Eingangstür und blinzelte in den Sonnenuntergang. An Regentagen blickte er mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Moor und sah den Nebeln zu, wie sie über die Landschaft zogen. Im Winter hielt er eine dampfende Tasse in Händen, um sich zu wärmen und bisweilen erschauderte er beim Anblick der bizarren Formen, die Eis und Schnee geformt hatten. Was wohl hinter dem Moor war, fragte er sich, wenn er so dasaß und den Horizont absuchte. Ob es dort ein Meer gab? Einen Fluss vielleicht? Oder Berge? Sein ganzes Leben hatte er immer nur darüber gegrübelt, es aber immer dabei belassen.

Der Frühling kam und verscheuchte die trübsinnigen Gedanken. Zu viel Arbeit gab es, um sich weiter Träumereien und Hirngespinsten hinzugeben. Am Abend setzte er sich wie immer auf die Bank und blickte in Richtung Moor. Die Sonne stand schon tief, so dass er die Hände vor die Augen halten musste, um die tanzenden Lichter am Horizont zu erspähen. Und dann stand sie auf einmal vor ihm. Ihr Gesicht lag im Dunkeln als er aufblickte. „Ist ja ganz schön weit draußen hier“, sagte sie. Und als er sie nur weiter stumm anblickte: „Kann ich vielleicht heute Nacht hier irgendwo schlafen? Heute schaffe ich es sicher nicht mehr im Hellen über das Moor.“ Er stand auf und ging ins Haus. Und dann kam er wieder heraus. Aber sie war noch da. Stand da mit ihrem Rucksack und verdreckten Kleidern. „Also, was ist? Kann ich bleiben? Du hast mich schon verstanden, oder?“ Sie sah ihn fragend und zugleich unsicher an. Er schluckte ein paar Mal und räusperte sich. „Ja, also, neben der Stube ist noch ein Zimmer….“ „Prima“, fiel Sie ihm ins Wort und ging an ihm vorbei ins Haus.

Später half sie ihm in der Küche und erzählte, dass sie auf dem Weg nach Finnland sei. Voller Staunen folgte er ihren Worten. Finnland, das war unvorstellbar weit weg und klang nach Freiheit und Leben. Er kannte nur den Hof und die Stadt mit ihren Straßen und Geschäften und den Menschen, die dort lebten. Viel Kontakt hatte er nie gehabt. Zu laut und hastig war ihm immer alles erschienen. Und seine Freunde, die ihn besuchten, waren meist voller Ungeduld, wenn er mit ihnen auf der Bank saß und über das Moor und was dahinter wohl sein mochte, sinnierte. „Ist doch egal“, sagten sie oft, „Was soll da schon sein? Ist halt ein Moor und dann ‘ne Stadt. Oder irgendwas halt. Komm‘, lass uns in die Stadt fahren und feiern.“ Und wenn er dann wieder auf seinem Hof war, auf der Bank saß und über das Moor schaute, fragte er sich, ob da vielleicht auch jemand saß und genau wie er darüber nachdachte, was denn wohl auf der anderen Seite wäre. Und ob es eine Stadt wie seine wäre. All das erzählte er ihr. „Tja, keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Morgen gehe ich durch das Moor und dann immer weiter. Bis nach Finnland.“

Am Morgen lag er in seinem Bett und dachte über den Traum nach, den er gehabt hatte. Da war ein Mädchen gewesen. Mit einem Rucksack. Das wollte nach Finnland. Zu Fuß. Durch das Moor. Einfach so. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein schöner Traum war das gewesen. Und dann stand sie auf unvermittelt in seinem Zimmer. „Also, ich muss jetzt los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.“ Und dann war sie auch schon wieder weg. Er rappelte sich auf und stolperte, die Bettdecke verfing sich in seinen Füßen. Als er vor die Tür trat, hatte sie schon ihren Rucksack auf den Schultern. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und dann zog sie los. Direkt in Richtung Moor. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Fast sah es aus, als ob sie tanzend durch das Moor hüpfte. Und irgendwie war ihm ihr Winken nicht wie ein Abschied, sondern wie eine Einladung erschienen. Finnland, das war ja verrückt. Er schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.

Und plötzlich musste er lachen. Er ging in die Küche, wickelte Brot, Wurst und Käse in ein Tuch und verstaute alles in seinem Leinensack. Vor der Tür holte er tief Luft. Ein herrlicher Tag. Die Luft war klar und er fühlte sein Herz schlagen als er so durch das Moor lief. Unter seinen Gummistiefeln hörte er es glucksen und der Boden gab nach und in seinen Fußabdrücken bildete sich ein kleiner See mit dunklem Wasser. Irgendwann wich das Moor einer Wiese, auf der man noch die Spuren des Winters erkennen konnte. Der lehmige Boden war matschig und er sank immer wieder mit den Gummistiefeln tief ein, blieb stecken und musste den Schuh mühsam aus der Erde ziehen. Er stapfte weiter, seine Schuhe schwer und voller Dreck. Dann erblickte er einen Weg, den in einen Wald führte. Und am Ende konnte er gerade noch sehen, wie sie darin verschwand. Er zog die nutzlosen Gummistiefel aus und fing an zu rennen.

Treibgut – Lokalzeit

Während meines nun doch schon recht langen Projektes zum Thema Verzicht – ok in letzter Zeit war ich etwas nachlässig mit den Berichten – hat mich besonders das Buch „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens beeindruckt. Seine Ansätze zum entschleunigten, analogen Leben sprechen mir so richtig aus der Seele. Vielleicht bin ich auch deswegen im Moment mehr offline unterwegs. Sozusagen live und in Farbe.

Die zunehmende Digitalisierung raubt mir schlichtweg allzu oft den Atem. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühle mich ständig getrieben, immer schneller und effizienter zu funktionieren, nur um überhaupt Schritt halten zu können. Andre Wilkens zieht da eine schöne Parallele zur industriellen Revolution und bezeichnet unser Zeitalter als das der digitalen Revolution – eine Revolution auf Speed, denn während die industrielle Revolution 200 Jahre dauerte, spielt sich die digitale in einem Zeitraum von 25-30 Jahren ab. Kein Wunder also, dass Verschnaufen nicht drin.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Bildschirmgesellschaft zu werden. Mal schnell etwas googlen ersetzt das gute, alte Lexikon und wir verlassen uns zunehmend auf technische, digitale Instrumente statt auf unsere eigenen biologischen Fähigkeiten. Dabei sind wir den Rechnern dieser Welt haushoch überlegen. Kein Instrument kann echte Kreativität produzieren. Mitgefühl, Schönheit, Sinn, Chaos, Individualität, Überraschung und Unvollkommenheit, all das vereint sich in nur einem einzigen Menschen. Jeder für sich auf seine persönliche und einzigartige Weise. Kein Algorithmus kann es mit uns aufnehmen.

Doch mit jedem Klick generieren wir einen digitalen Fingerabdruck unserer Persönlichkeit. Wir werden berechenbarer. Und irgendwann weiß unser digitaler Sklave die Frage, noch bevor wir sie stellen. Dann ist es nicht mehr weit und nicht wir entscheiden, sondern werden entschieden und letztendlich zum automatisierten Konsumenten. Als Bezahlung dienen unsere persönlichen Daten, die wir den Monopolisten der digitalen Welt frei Haus liefern. Das hat, man möchte es kaum glauben, Apple-Chef Tim Cook 2014 sogar selbst bestätigt: „Wenn ein Online-Service kostenlos ist, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt.“

Schon jetzt sitzt der Durchschnittsmensch 6,5 Stunden pro Tag in gebückter Haltung vor einem Bildschirm und unser aktivstes Körperteil sind die Finger. Mit einem Klick treffen wir Entscheidungen, die wir im realen Hier und Jetzt vielleicht erst mal überdenken würden. Höchste Zeit also, sich nicht mehr immer und überall in die Karten schauen zu lassen. Querdenken ist bei mir angesagt. Weg vom Gaspedal. Schließlich beschleicht mich oft genug das Gefühl, das Leben rauscht an mir vorbei und meine Wünsche und Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Da bleibt dann nur den Stecker ziehen und sich mal treiben lassen. Ganz ohne digitalen Stress und auf den Taktschlag der inneren Uhr hören.

Klar, analog unterwegs zu sein, ist mitunter teurer: Ein handgeschriebener Brief kostet mehr als eine E-Mail, ein gedrucktes Buch ist teurer und schwerer als die E-Book-Ausgabe. Und ein persönliches Treffen kostet Geld und weitaus mehr Zeit als ein Chat über Facebook. Man muss es sich also leisten können, analog zu handeln. Dagegen nicht digital zu sein kann man sich nicht mehr leisten. Das kann jeder nur für sich entscheiden. Beim ICH anfangen. Ganz individuell.

Das funktioniert im Übrigen nicht mit einem Mausklick. „Soziale Veränderungen lassen sich nicht durch eine Fingerbewegung herbeiführen“ und „wenn Du etwas tun willst, benutze mehr als einen Finger“, sagt Andre Wilkens. Solche Entscheidungen kosten Energie. Aber wer das Gefühl hat, der Burnout wartet bereits an der nächsten Ecke, kann auch bestätigen, dass Disziplin eine große Rolle spielt. Wer von allem zu viel hat, der muss eine Wahl treffen. Wer ständig rennt, dem geht irgendwann die Puste aus. Manchmal kann man gewisse Strukturen alleine nicht ändern. Dann sollte man aussteigen, bevor der Druck stärker als man selbst ist, und der inneren Leere mit sozialen und persönlichen Zielen gegensteuern. Anspruch

Nur durch Verzicht lässt sich der Zeitdruck vermindern und ein Gleichgewicht wieder herstellen. „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen.“ (Ghandi)
 Mal sehen, ich denke, ich werde die Strömung nutzen und anlanden und zum Schluss noch eine Art Fazit schreiben. Also dann, action!

Eure Kerstin

Konflikte und Kompromisse

Neben den ganzen Schwierigkeiten, die einem die Lebensmittelindustrie in Punkte Nachhaltigkeit so in den Weg legt, kommen die persönlichen und familiären Konflikte hinzu. Und die sind oft weit schwieriger zu handhaben als das bewusste Einkaufen.

Fangen wir mal mit meiner persönlichen Konfliktsituation an: Das wäre der Zeitfaktor. Wer wie ich ebenfalls eine 40+ Stundenwoche hat und einen jugendlichen Mitbewohner, der weiß, wovon ich rede. Da können Stunden, die man für sich irgendwo abzwackt, schon mal zu überlebenswichtigen Schatzkästchen werden. Also schließt man einen Kompromiss. Mit der Zeit und dem Gewissen. Für mich heißt das: Ein großer Wocheneinkauf (mit kleinen Ausnahmen) im Supermarkt um die Ecke (der ein wirklich umfangreiches Angebot hat).

Einmal pro Woche einkaufen, das ist natürlich, was Frische angeht, nicht so ganz unproblematisch. Ein Salat, den ich am Samstag kaufe, wäre am Donnerstag sicherlich nur noch als Kompost- und Schneckenfutter zu gebrauchen. Hier kommt der Plan, den ich gestern kurz erwähnt hatte, ins Spiel. Ohne Essenplan bzw. eine Vorstellung davon funktioniert das System nicht. So lassen sich auch viele Nahrungsmittel besser kombinieren und in verschiedene Gerichte/Mahlzeiten integrieren und es bleibt weniger übrig. Wichtig ist, dass man sich an den Plan hält und nicht noch dies und das mitnimmt, weil es gerade im Angebot ist oder so lecker aussieht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Absoluter Wunsch wäre es natürlich, sich auf dem Markt mit allem einzudecken. Aber der bietet logischerweise auch nur Marktware an, so dass ich dann noch zusätzlich in den Supermarkt müsste. Ein sogenannter plastikfreier Markt, oder einer, der Nahrungsmittel lose verkauft, wären super. Der nächste ist aber 30 Kilometer weg. Aus meiner Sicht lohnt sich das nicht aufgrund der Fahrweges. Im Moment nehme ich das zähneknirschend hin, aber ich arbeite an einer Lösung, weil ich mich damit mittelfristig nicht abfinden will. Wie sagt Andre Wilkens so schön: „Alternativen zu haben ist der Kern der Freiheit.“ Absolut.

Im Supermarkt kommt wie gesagt nur Bio bzw. regionales, saisonales Bio in den Korb. Das klappt soweit ganz gut, weil der Markt eben entsprechend sortiert ist. Hat aber seinen Preis. 500g regionaler Zucker kosten so 2,50€ und 1kg Mehl 2,80€. Das Bio-Huhn schlägt mit gut 10€ für 500g zu Buche. Als Konsequenz bleibt im Zweifel, weil vielleicht zu teuer, dann nur der Verzicht und es gibt eben nur einmal die Woche Fleisch, was auch noch gesünder ist.

Unser Land

Neben dem persönlichen Konflikt, kommt dann die Herausforderung Supermarkt hinzu. Wer gestern aufgepasst hat, hat vielleicht bemerkt, dass nur Fisch in die mitgebrachte Box kommt. Von Fleisch stand da nichts. Genau. Schwierigkeit Nummer eins: Heutzutage sind die meisten Fleischwaren bereits abgepackt in der Kühltheke. Da mache ich immer einen großen Bogen drum herum. Leider gibt es das Bio-Flesch nur fertig abgepackt, aber ich frage immer wieder, ob es nicht auch Bio an der Theke gibt. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

Auch will man meine Box an der Theke nicht annehmen. Zuerst hieß es ,aus hygienischen Gründen wäre das nicht möglich. Dann habe ich mich schlau gemacht und gelernt, dass die Box einfach oben auf der Theke stehen bleiben muss, dann gelte das Argument nicht mehr. Gesagt, getan. Dann war die Aussage, dass das nicht ginge, weil von wegen Bon für die Kasse und so. Also, im Grunde wollte man mir unterstellen, dass ich die Ware in meine Tasche packe und nicht an der Kasse vorzeige. Ist so meine Vermutung. Aber ich war schon vorbereitet und konnte kontern, dass es beim Brot auch funktionieren würde. Woraufhin mein Stoffbeutel mit dem aufgeklebten Bon sehr genau begutachtet wurde. „Ja, also, das muss ich aber erst mit der Marktleitung abklären“, war dann die Antwort. Schön, nun frage ich also regelmäßig nach Bio-Fleisch und ob das mit der Marktleitung schon geklärt ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Das kostet Kraft und Mut, weil man sich eben nicht einfach abspeisen lässt. Beim Fischmann muss ich mir auch immer anhören, dass man den Fisch nur widerwillig in meine Box bettet, weil diese aus Plastik ist und keine Luft dran kommt. Ja, aber sie ist auslaufsicher und zuhause wird das arme Tier befreit. Und dann muss ich immer bestätigen, dass dies innerhalb der nächsten halben Stunde passiert. Nur so nebenbei: Der Fischmann wickelt den Fisch immer in zwei Lagen beschichtete Folie und dann in eine Tüte. Ich bin ja kein Fisch, aber da könnte ich ebenso wenig atmen. Wie gesagt, es kostet Kraft, gegen den Strom zu schwimmen. Es fühlt sich aber auch immer wie ein klitzekleiner Sieg an, wenn man einen Zug getan hat und merkt, dass es vorwärts geht.

Für die familiären Konfliktsituationen und die dazugehörigen endlosen Kompromissverhandlungen schreibe ich einen extra Beitrag. Den gibt es morgen, denn ich muss mich an den Essenplan für die nächste Woche machen und allein das ist Stoff für unzählige Konflikte.

Essensplan

 Also dann, action!
Eure Kerstin