Tag 27: Tauschgeschäfte

Tag 27Das hört sich irgendwie negativ an, finde ich. Und wirklich etwas aufgeben muss ich gar nicht. Ich tausche lediglich ein Leben gegen ein anderes. Eventuell muss ich mich auf dem Weg dahin bei dem einen oder anderen einschränken, aber auch das ist kein Verzicht, sondern Zielstrebigkeit.

Erst neulich hat der jugendliche Mitbewohner damit gedroht, dass mein Handy in der Toilette landen würde, wenn ich den Computer konfisziere. Woraufhin meine Freundin, die Zeuge der alltäglichen Auseinandersetzung wurde, meinte, dass das für mich ja keine Strafe wäre. Ganz genau: Ich könnte ganz gut ohne leben. Bis vor zwei Jahren hatte ich noch nicht mal ein Smartphone, wobei ich das mit dem Schlausein bisweilen arg bezweifele.

Natürlich nutze ich das Handy auch zu anderen Dingen, als zum Telefonieren bzw. Nachrichten schreiben: Wenn ich mir mal die Wettervorhersage für bestimmte Berge und Gegenden anzeigen lassen möchte. Oder um meine Lesewunschliste zu pflegen, was ebenso gut mit einer handschriftlichen Sammlung möglich ist. Aber dann wird es schon recht spärlich. Ich habe keine Spiele oder Gadgets. Musik kommt bei mir aus dem Radio. Mich würde dahingehend fast brennend interessieren, wie das Teen reagieren würde, wenn ich sämtlichen technischen Gerätschaften einfach den Saft abdrehe.

Nicht falsch verstehen, ich bin ein Fan der technischen Errungenschaften des täglichen Lebens. Licht, Heizung, Waschmaschine, Spülmaschine, Staubsauger – das sind alles ganz wunderbare Erfindungen, die ich nicht im geringsten missen möchte. Und auf gar keinen Fall will ich im Mittelalter oder in der Vergangenheit leben. Aber für meine Begriffe sind wir bald an dem Punkt, an dem die Maschinen das Kommando übernehmen. Da würde ich dann ganz gern vorzugsweise nicht in der ersten Reihe sitzen.

Von daher stellt sich für mich die Frage, was es mir wert ist, erst gar nicht. Schließlich ist es ja meine Entscheidung. Keiner zwingt mich. Keiner hält mich ab. So muss ich auch nicht abwägen, sondern nur ein Tauschgeschäft eingehen.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin

Lebensmut

Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“

Ich gehöre nicht zu den mutigen Menschen. Ganz im Gegensatz zu meinem Sternzeichen mache ich mich gern klein und unscheinbar. Meine Lieblingsfarbe ist grau und auch ansonsten pflege ich eher einen eremitenhaften Lebensstil. Da scheint bei der Sternenkonstellation irgendetwas gehörig schief gelaufen zu sein, denn als Widder sollte ich eigentlich immer in vorderster Reihe stehen. Sozusagen mit dem Kopf durch die Wand und allezeit vorweg. Obwohl in einer Zeit groß geworden, in der es schon fast zum guten Ton gehörte, für und/oder gegen irgendetwas seine Stimme zu erheben, habe ich an noch keiner Demonstration oder Kundgebung teilgenommen. Politisch und gesellschaftlich gesehen bin ich genügsam bis mit-allem-einverstanden und nehme eben alles, wie es kommt. Ich gehe wählen, mache pünktlich meine Steuererklärung, halte mich (fast immer) an die Geschwindigkeitsbegrenzung und trenne meinen Müll vorschriftsmäßig.

Mut bringt man ja im Allgemeinen auch eher mit heldenhaften Taten in Verbindung. Kein Mensch würde es als mutig ansehen, wenn ich z.B. einfach mit verbundenen Augen über die Straße ginge. Das wäre blöd, verrückt, dumm und ich ein Spinner. Aber eben nicht mutig.

Was nun, wenn ich mehr oder weniger gezwungen wäre, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen, weil ich z.B. damit ein Leben retten könnte? Wäre es dann Mut oder Angst, was mich zum Überqueren veranlassen würde?

Und was, wenn ich zufällig Zeuge davon wäre, wie jemand gezwungen wird, mit verbundenen Augen über die Straße zu gehen? Zivilcourage ist mutig. Den Mut zu haben, nicht weg zu schauen und gegen das Unrecht einzuschreiten. Und gleichzeitig ist es auch etwas leichtsinnig und gefährlich. Leider. Ich bin gewiss kein Held im herkömmlichen Sinne. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder: Würde ich einschreiten? Würde ich Hilfe holen? Ich wünschte, ich könnte mit absoluter Überzeugung sagen, wie ich reagieren würde. Und dass diese Reaktion mutig wäre. Diese Art von Mut kann man nicht trainieren oder testen.

Und überhaupt: Das tagtägliche Leben fordert bisweilen mehr Mut. Es gibt Tage, da muss ich all meinen Mut zusammen nehmen, um nicht einfach alles hinzuschmeißen und aus der Tretmühle des Lebens auszusteigen. Es kostet mich Überwindung, meine Pflichten zu erfüllen: Einkaufen, Kochen, Putzen, Aufräumen, Waschen. Und manchmal treibt mich nur mein schlechtes Gewissen an, das eine oder andere nicht ausufernd schleifen zu lassen.

Die Menschen machen mir manchmal Angst. Diese Unzufriedenheit mit allem und jedem. Dieses ständige Fordern nach mehr. Egoismus und Egozentrik scheinen immer mehr zuzunehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich wünschte, mich würde all das nichts angehen. Um ein Held zu sein, muss ich nicht besonders mutig sein, wohl aber, um das Leben zu meistern.

Nein, ich bin nicht allein essen gegangen. Ganz nach dem Motto: ‚Heute mache ich kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken’, hier eine kleine Aufstellung der Dinge, die mich keine Überwindung gekostet haben, weder heldenhaft mutig, aber herausfordernd und im Nachhinein vor allem ein Höllenspaß waren bzw. noch immer sind:

  • mit Zug durch Italien reisen
  • mit einem Koffer nach Spanien auswandern
  • einen kompletten Umzug mit einem Seat Marbella machen
  • am Strand übernachten
  • mit dem Auto 500km durch Ägypten fahren
  • mit zwei Koffern nach USA auswandern
  • den Beruf wechseln
  • allein in die Berge gehen
  • einen Blog starten
  • sesshaft werden und Eigentum erwerben

Ich finde, das zeugt doch von einer Menge Mut – Lebensmut. Und den kann man genauso wenig trainieren. Vielleicht aber ist er die perfekte Grundlage, um der Mutlosigkeit die Stirn zu bieten.

Neue Karte, neues Glück. Da ich mit dem Ausgang der letzten Powerkarte nicht so ganz glücklich bin, wage ich einen neuen Versuch und wähle nochmals die Powerkategorie: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“ Puh, das wird eine harte Nuss. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin