Die Sache mit der Perfektion

Ein guter Freund hat mir ein Buch zum Thema Coaching geschenkt. Darin heißt es in einem Text von Virginia Satir: „Es gibt auf der ganzen Welt keinen, der mir vollkommen gleich ist. Es gibt Menschen, die in manchem sind wie ich, aber niemand ist in allem wie ich. Deshalb ist alles, was von mir kommt, original mein: ich habe es gewählt. Alles, was Teil meines Selbst ist, gehört mir – mein Körper […], mein Geist und meine Seele mit allen dazugehörigen Gedanken und Ideen, […], meine Gefühle, gleich weder Art […]. Mir gehören meine Fantasien, meine Träume, meine Hoffnungen und meine Ängste. Mir gehören alle meine Siege und Erfolge, all mein Versagen und meine Fehler. […] Ich gehöre mir, und deshalb kann ich mich lenken und bestimmen. Ich bin ich, und ich bin o.k.“

Bezeichnenderweise hat das eine Frau gesagt, die so ganz nebenbei als eine der bedeutendsten Familientherapeuten gilt. Sie trifft bei mir da auf ziemlich fruchtbaren Boden. Als bekennende Perfektionistin tue ich mich sehr schwer damit, meine eigenen Unzulänglichkeiten als gegeben hinzunehmen. Alles muss funktionieren. Einschließlich mir. Vom Auto zum Kind bis hin zu Waschmaschine und Terminen. Und zwar nicht einfach nur funktionieren, sondern so, wie ich mir das zurechtgelegt und geplant habe. Das ist Schwerstarbeit und endet oftmals kurz vor dem Verzweifeln.

Alles hat seine Ordnung: Die großen Messer kommen immer in den Besteckkorb außen, während die kleinen Messer immer innen sind, wenn die Spülmaschine eingeräumt wird. Kein Wunder, dass der jugendliche Mitbewohner den Küchendienst boykottiert, wenn selbst dreckiges Besteck seine vordefinierte Ordnung haben muss.

Vor allem anderen muss ich funktionieren, am besten perfekt. Tagein. Tagaus. Man könnte jetzt lang und breit über die Ursachen dieser ungesunden Lebenseinstellung philosophieren, die sich mit Sicherheit hervorragend für eine Therapie eignet. Aus dem Grunde wahrscheinlich auch das Buchgeschenk. Sozusagen der Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich endlich mal loslassen soll. Doch an wem oder was messe ich mich eigentlich? Mich gibt es nur einmal. Ich habe noch nicht einmal Geschwister, die den gleichen Genpool vorweisen können und mit mir um die Gunst der Eltern hätten wetteifern können. Was also hindert mich? Wie heißt es so schön: Das größte Hindernis bist Du selbst. Ganz genau. Klar, wenn man die eigene Messlatte immer wieder ein paar Zentimeter anhebt, schafft man es nie drüber, auf die andere Seite, auf der immer die Sonne scheint und alles gut ist, so wie es ist.

Schon mal vom Gesetz der Resonanz gehört? Wir bekommen, was wir senden. Im Volksmund sagt man auch: Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es zurück. Auf meine Sache mit der Perfektion scheint dahingehend also irgendwo einen Punkt in mir zu geben, der der Meinung ist, dass ich nicht gut genug bin. Oder nur dann glücklich sein kann/darf, wenn ich perfekt bin. Ich frage mich: Wie schwachsinnig ist das denn bitteschön? Das erscheint selbst mir mehr als unsinnig.

Und dann erinnere ich mich an ein Beurteilungsgespräch, dass ein Vorgesetzter mit mir mal geführt hat und in dem er sagte: „Also ein ‚Sehr gut‘ gebe ich nie, denn Luft nach oben zur Verbesserung ist immer.“ Damals habe ich mir gedacht: Stimmt, es geht immer besser und mich noch mehr angestrengt, nur um beim nächsten Mal dann gesagt zu bekommen, dass ich mich gesteigert habe, aber ein ‚Sehr gut‘ würde er ja grundsätzlich nicht geben. Und so weiter eben. Tja, und heute? Heute denke ich: Was für eine wirklich bescheuerte Methode der Motivation ist das bitte? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch motivierter und vor allem über längere Zeit motivierter meine Arbeit erledigt hätte, wenn ich die Wertschätzung einer sehr guten Leistung erhalten hätte.

Der Punkt im Grunde ist doch der: Wir laufen ständig einem Ideal von uns hinterher, welches wir selbst geschaffen haben und immer kräftig füttern, während wir uns auf Diät setzen und uns nicht erlauben, nachzulassen. Also muss es heißen: Ich darf glücklich sein! Und im Übrigen: Ich bin nicht nur ok.

Eure Kerstin

Tag 3: Theater des Lebens

Tag 3Mensch…ganz einfach. Oder?

Reicht es heute noch, einfach nur Mensch zu sein? Oder brauche ich eine Rolle, um einen Wert zu haben? Um als Mensch quasi wahr genommen zu werden? Ist eine Rolle überhaupt genug in Zeiten, der es immer nur noch um schneller, höher, weiter geht? Was, wenn mir die Rollen, die meine Umwelt mir abstempelt, gar nicht gefallen? Und wie soll ich es nur jemals schaffen, allen Rollen gerecht zu werden?

Und doch. Ich bleibe dabei: Meine tägliche Rolle, ist es Mensch zu sein und das spiele ich nicht nur. Meine Bühne ist das Leben. Ohne Drehbuch und doppelten Boden.

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

P.S.: Interessanterweise habe ich bereits 2013 dazu einmal etwas geschrieben, bei dem es um meine Taglines ging. Ich gebe zu, der Beitrag entspricht nicht mehr so ganz meiner heutigen Sichtweise, aber auch das gehört zum Menschsein dazu. Sich weiter entwickeln und sich trotzdem treu bleiben.

Tatort Abstellraum, Tag 10

Vorweg ein Geständnis: In einem anderen Leben war ich Hexe. Damals habe ich allerlei „Hilfsmittel“ zum Beschwören der Geister hergestellt und mit abstrusen Ritualen meine Umwelt zu beeinflussen versucht. Heute mache ich das direkt und ohne Umschweife. Funktioniert auch nicht besser oder schlechter als die Sache mit der Zauberei.10 Tag

Tatort: Abstellraum, Dekokiste.

Tatbestand: Selbst geflochtenes Stoffband.

Tatortsäuberung: Am besten wäre, theatralisch verbrennen, auf einem Scheiterhaufen. Leider wird das meinen Nachbarn wohl eher weniger gefallen. Käme noch ein angemessenes Begräbnis in Frage, wenn nicht der Boden gefroren wäre. Wird daher in das, was es einmal war, zurück verwandelt. Bunte Geschenkbänder. Glücklicherweise ist demnächst Weihnachten und somit perfekt weiter verwertet.

Das Kind beim Namen nennen

Leseecke„Kennen Sie die Bedeutung Ihres Namens und warum Ihre Eltern diesen für Sie auswählten? Glauben Sie, er passt zu Ihnen?“

Wenn man so wie ich ein ganzes, halbes Leben mit seinem Namen einfach so dahinlebt, dann ist man manchmal ganz schön überrascht, was man so alles mit ein bisschen Nachforschen darüber erfährt.

Eigentlich konnte ich ja meinen Namen – Kerstin – in jungen Jahren nie so richtig leiden. Irgendwie fand ich ihn komisch. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch meine Eltern nicht gefragt, warum sie mir diesen Namen gegeben haben – aus Angst, dass dabei irgendwas Komisches bei rauskommt. Ich kannte niemanden, der auch so hieß, weder im Bekanntenkreis, noch irgendwelche bekannten Persönlichkeiten. Auch bin ich nicht mit einem Zweitnamen gesegnet, den ich als Ersatz hätte einsetzen können. Entweder waren meine Eltern mit der Namensfindung schon dermaßen überlastet, dass die Energie für einen zweiten nicht mehr reichte, oder aber die Streitereien in der Verwandtschaft ob des Zweitnamens wären so unschön gewesen, dass sie erst gar nicht den Versuch wagten. So sind mein Name und ich irgendwie immer allein geblieben.

Nun bin ich also der Frage nach der Bedeutung erstmals etwas intensiver nachgegangen. Bis dato hatte mich das nicht wirklich interessiert. Wahrscheinlich wieder die Angst, dass auch da was Komisches bei rauskommt. Klar war mir eigentlich nur, dass Kerstin ein eher nordischer Name ist. Skandinavisch um genauer zu sein. Allerdings ist der Ursprung griechisch. Von Christiane. Was wiederum die Christliche, die Gottestreue, die Gesalbte bedeutet. Oha, das war dann wohl doch eher Zufall, dass ich mit diesem Namen geendet bin, denn davon wurde in meiner Familie ja gleich gar nichts praktiziert. Bis auf das Singen von Weihnachtsliedern und den gelegentlichen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes gab es keine christlichen Berührungspunkte. Meine Mutter hatte hin und wieder sogar recht ketzerische Aussagen auf Lager. Sie war ein Kind der Nachkriegszeit und sehr geprägt von der Frauenbewegung. Gern lasse ich mich bisweilen auch zu der Aussage, dass man mich im Mittelalter sicherlich als Hexe verbrannt hätte, hinreißen. So viel zum Thema Gottestreue.

Wie man von Christiane schließlich auf Kerstin kommt ist mir zwar noch etwas unklar, aber die Vermutung, dass ich den Namen einer Modeerscheinung zu verdanken habe, liegt nahe. Kerstin zählte in der Zeit von zwischen 1960 und 1970 zu den zehn beliebtesten Namen. Die Popularität fiel unmittelbar mit dem damaligen Skandalfilm „Sie tanzte nur einen Sommer“ aus dem Jahre 1951 zusammen. Kerstin war der Name der weiblichen Hauptrolle. Ein Film, der seinerzeit Schlagzeilen auf Grund der Badeszene schrieb. Auch das Aufbegehren der Jugend gegenüber den Konventionen sorgte für Gesprächsstoff. Vielleicht habe ich es also auch ein bisschen dem rebellischen Wesen meiner Mutter zu verdanken, dass ich den Namen der am Ende bei einem Motorradunfall verunglückten Protagonisten, trage. In einer Zeit des Umbruchs als Zeichen, dass das Neue eine Chance braucht, um zu gedeihen und sich zu beweisen.

Dabei würde ich mich eher weniger auf der Seite derjenigen sehen, die einen Aufstand anzetteln. Bei meiner Recherche bestätigt sich diese Tatsache, denn mit dem Namen Kerstin verbindet man Wesenszüge wie freundlich, zuverlässig, intelligent, traditionell, lustig, sympathisch. Das hört sich doch alles recht positiv an. Genau so würde ich mich auch sehen. Etwas im Widerspruch steht die Tatsache, dass der Name eher mit Unsportlichkeit assoziiert wird, es aber mehr berühmte Sportlerinnen gibt, die Kerstin heißen als zum Beispiel Politikerinnen und Frauen in künstlerischen Berufen wie Schriftstellerinnen und Schauspielerinnen. Zumindestens wenn man den verschiedenen Internetplattformen Glauben schenken will.

Besonders abstrus sind diverse Spitz- und Kosenamen zu Kerstin. Es findet sich Keksi, Tinchen, Knasti, Kes, Klak, Kiste, Kirsche, Kerli. Keschi, Kex, um nur ein paar zu nennen. Da weiß ich gleich gar nicht, welcher nicht absolut grausig ist. Eventuell lässt sich das als Zeichen dafür deuten, dass der Name und die Trägerin eben keine Abkürzung/Verniedlichung brauchen. Ein Name, der ein bisschen nach Mittsommernacht, Freiheit und Eigenständigkeit klingt. Passt, würde ich sagen und meine Eltern haben dem Kind genau den richtigen Namen gegeben. Und den Rest mit der Gottestreue kriege ich dann schon noch hin. Jetzt, wo ich erfahren habe, dass mir sogar einen Namenstag, der 24. Juli, gewidmet ist, besinne ich mich vielleicht auch noch auf diesen Aspekt meines Namens. Immerhin habe ich noch ein ganzes, halbes Leben vor mir.

Eure Kerstin

Tagline – Wer oder was bin ich?

LeseeckeVorweg: Eigentlich sollte es hier mit Karte #4 weitergehen, aber nachdem ich mich im Laufe der letzten Wochen recht ausführlich mit dem Thema Bloggen beschäftigt habe, möchte ich zu meinem Experiment eine weitere Kategorie als Leseecke für andere Themen, die mich beschäftigen, hinzufügen. Ja, ich weiß, wenn ich nun mit einem neuen Thema anfange, wird es unter Umständen etwas verwirrend. Aber bei „The Daily Post“ werden hin und wieder so interessante Aufgaben an die Blogger gestellt, dass ich beschlossen habe, das ein oder andere Thema aufzugreifen. Kurze Hintergrundinfo für alle, denen „The Daily Post“ kein Begriff ist: Hierbei handelt es sich um eine Website von wordpress.com (bei der auch mein Blog registriert ist), auf der täglich Themen, Fragen und Aufgaben an alle Nutzer verteilt werden, die man dann über den eigenen Blog verarbeiten kann. Und dies ist eine der Aufgaben aus den letzten Wochen:

„Jeder benutzt bei seinen Einträgen verschiedene „Taglines“. Was wäre, wenn auch Menschen damit versehen wären? Was wäre Deine „Tagline“?“

Es stimmt, ich habe alle meine bisherigen Einträge mit Schlagwörtern versehen, von denen ich denke, dass sie den Artikel charakterisieren. Meine erste Eingebung dazu ist die Sendung „Was bin ich?“. Und im Speziellen Robert Lembke mit seiner Frage: „Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“ So ein Sendeformat würde heute wahrscheinlich keiner mehr anschauen. Völlig normale Menschen kommen rein, schreiben Ihren Namen an eine Tafel und machen ein typische Handbewegung. Dann versucht die Ratecrew mit Fragen den Beruf heraus zu bekommen. Bei jedem „Nein“ ist der Nächste dran und der Kandidat erhält 5 D-Mark. Jawohl, D-Mark, so lange ist das schon her. Und wenn ich mich recht entsinne, sogar noch vor der „neuen“ D-Mark. Damals, als noch der Herr mit der langen Lockenpracht auf dem 10-Mark-Schein war und die Dame mit dem überdimensionalen Haarnetz auf dem 20er. Maximale Gewinnchance bei Robert Lembke: 50 D-Mark. Schluss war, wenn das Schweinderl voll ist, also 10x Nein ergibt 50 D-Mark, oder der Beruf erraten wurde. Oft gab es noch eine Promirunde, bei der die Rater Schlafmasken aufsetzen mussten. Ein durch Spannung nicht zu überbietendes Format – nach heutigen Maßstäben wohlgemerkt. Denn ich glaube mich erinnern zu können, dass ich diese Sendung durchaus gern gesehen habe, was auch daran gelegen haben mag, dass es damals eh nur 3 Programme gab und eben das lief, was die Eltern sehen wollten. Vorbild war im übrigen die US-Show „What’s my line?“. Und das passt dann ganz gut zu meiner „Tagline“. Laut Übersetzungshandbuch, steht Tagline für Werbeslogan. Was also, wenn ich für mich Werbung machen müsste? Wie würde das aussehen, wenn….

… ich ein Haustier wäre: Treue Seele, beim Futter etwas wählerisch, sucht warmes, ruhiges Heim ohne Kinder mit viel Auslauf.

… ich eine Immobilie wäre: Schmuckes, zeitloses Hexenhäuschen, sichtgeschützt, sucht praktisch veranlagten Liebhaber, der gern auch mal selbst Hand anlegt.

… ich eine Bewerbung wäre: Vielseitige, zuverlässige und fleißige Biene mit Hang zum Perfektionismus sucht abwechslungsreiche Aufgabe und nette Kollegen.

…  ich ein Auto wäre: Robuster, wendiger und sportlicher Kleinwagen, günstig im Unterhalt, sucht flotten Fahrer für Wochenendfahrten ins Grüne.

…  ich ein Gericht wäre: Farbenfrohes Geschmackserlebnis mit süßer Note sucht experimentierfreudigen Genießer.

…  ich ein technisches Gerät wäre: Langlebiger, schlichter Begleiter, einfache Handhabung, sucht liebevollen Bediener.

…  ich ein Kleidungsstück wäre: Wandlungsfähiges, leicht konservatives Allroundtalent für jede Gelegenheit sucht ordnungsliebenden Träger, für den Körperpflege selbstverständlich ist.

…  ich eine Kontaktanzeige wäre: Lebenslustige, selbständige Mitvierzigerin, Nichtraucher, eher klein, sucht bodenständigen Mann mit ausgeglichenem Bankkonto. Kein Künstler.

…  ich ein Buch wäre: Wortgewandte, phantasievolle Lektüre sucht ebensolchen Träumer.

…  ich ein Gewächs wäre: Standortunabhängige, pflegeleichte Staude, Flachwurzler, sucht verantwortungsvollen Hobbygärtner.

Wie man sieht, geht es letztendlich weniger um die Frage, welches meine Eigenschaften sind und welche Schlagwörter unter meinem Namen stehen würden, als vielmehr um die Frage: Wer bin ich?

Eure Kerstin