Tatort des Monats September

Manche Projekte werden nicht besser, wenn man über ihnen brütet. Oder sie liegen lässt – für später.

Tatort: Schreibtisch.Tagebuch

Tatbestand: Tagebuch.

Tatortsäuberung: Die Idee mit dem Dankbarkeitstagebuch fand ich mal ganz gut. Weiter bin ich nicht gekommen. So ändern sich die Zeiten. Nun bin zumindest dankbar, dass ich es geschafft habe, mich davon zu trennen.

Das Sechszehntagetagebuch – Teil 2

Teil 1 gibt es hier und die Vorgeschichte hier.

Sonntag, Tag acht
Heute weiß ich eigentlich gar nicht, was das Beste war, denn der ganze Tag war einer voller Highlights. Vor ein paar Wochen bin ich auf dem Wendelstein gewesen und habe mit einem Freund „Wer bin ich gespielt“, wobei er auf die Zugspitze tippte. Tja, und irgendwie ist das hängen geblieben. Warum eigentlich nicht auf die Zugspitze? Tja, und eigentlich macht man so eine Tour ja nicht unbedingt im Winter, außer man ist eben so wie ich. Tja, und dann kam noch der perfekte Sonnentag hinzu.
Hier die Rangliste der Top drei:
Platz 3: Auf dem Weg rund um die Ehrwalder Alm waren unzählige Schneekanonen im Einsatz. Das war absolut surreal und ich kam mir vor wie in einem Science Fiktion Film als ich durch diese Landschaft aus künstlichen Schneefall und sich auftürmenden Schneebergen gelaufen bin.
Platz 2: Die perfekte Stille, der strahlendblaue und klare Himmel, der gleißende Sonnenschein auf der Schneedecke, keine einzige Menschenseele. Ganze 7,5 Stunden lang.
Platz 1 (Szene an der Bergstation): „Eine Talfahrt bitte.“ Leicht ungläubiger Blick: „Wie san Sie jetzt da rauf kemma?“ Lächeln: „Zu Fuß.“ Verdutzter Blick und Musterung von oben bis unten: „Ja, sauba.“ Priceless!

Zugspitze

Montag, Tag neun
Offene Fenster haben auch was Gutes. Man kann seine Sorgen und seinen Ärger einfach abstreifen und vor sich auf einen großen Haufen abschütteln. Dann öffnet man ein Fenster und wirft den gesamten Ballast einfach raus. „Was würdest Du tun, wenn Du keine Ängste hättest?“ Eine sehr gute Frage meiner Yogalehrerin. Wobei das Wort Angst ein Überbegriff für alles ist, was nicht Liebe ist. Wut, Trauer, Hass, Ärger, Sorgen, Verzweiflung. Von was und welchen Zwängen werden wir geleitet und lassen und einengen? Und warum lassen wir es zu? Das Beste war das Fallenlassen und von den „Guten Mächten“ aufgefangen zu werden.

Dienstag, Tag zehn
Die Ruhe, die irgendwann am Abend im Haus einkehrt, war das Beste. Wenn der eine Nachbar seinen Hobbykeller verlässt, die Haushaltsgerätschaften der anderen Nachbarn still sind und der eigene Nachwuchs endlich aufhört, sich stundenlang mit seinen Freunden über die besten Strategien beim Computerspiel lautstark zu unterhalten. Dazu ein Buch und heißen Tee. Eigentlich ist es gar nicht so schwierig, Entspannung zu finden und diese zu genießen.

Mittwoch, Tag elf
Das Beste heute: Der Sex. Eigentlich die Frauengespräche über Sex bzw. Männer an sich. Das Gekichere, das Gelächter, das Gegackere. So albern wie mit 14, dafür aber so unverblümt wie mit 44+.

Donnerstag, Tag zwölf
Das Beste wäre gewesen, wenn ich eine Schulter zum Anlehnen gehabt hätte. Ein schrecklicher Tag, an dem ich mal wieder diejenige war, bei der alles abgeladen wird. Mir kann man ja sämtliche Sorgen und Ärgernisse zumuten. Ich weiß immer zu helfen und immer einen Weg und immer einen guten Rat. Und so schaue ich aus dem Fenster und betrachte das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Reif, der sich über die Landschaft legt. Augen schließen und sich ganz weit weg träumen.

Freitag, Tag dreizehn
In Erinnerungen schwelgen. „Maybe, there’s a world where we don’t have to run..“

Samstag, Tag vierzehn
Das Beste waren die Donuts, die auf dem Rückweg aus der Stadt mitgenommen habe. Nach einem leicht anstrengenden Tag in der Münchner Innenstadt genau das richtige Seelenessen.

Donuts

Unmengen an Menschenmassen, voller Hetze und ohne Achtsamkeit und Rücksicht. Paare, die sich nichts zu sagen haben, welch Elend. Ich frage mich immer gern, warum es so kommt. Das ist doch meist so. Schweigen können lässt sich nur bei jemandem, dem man vertraut. Aber diese offensichtlich fehlende Anteilnahme hat doch mit Vertrauen nichts zu tun.

Sonntag, Tag fünfzehn

Noch knappe zwei Wochen bis Weihnachten. Insofern ist wohl das Beste heute, dass ich mittlerweile alle Geschenke habe. Im Groben weiß ich auch schon, was es zu Essen geben wird. Am liebsten wäre es mir, es wäre einfach der zweite oder dritte Januar und gut ist. Weihnachten und das ganze Drumherum trägt mittlerweile nur dazu bei, meine ohnehin angespannten Nerven nur noch weiter zu ruinieren.
Aber eigentlich war das Beste, dass die private Krise bei meiner Freundin anscheinend endlich eine Wendung zum Besseren nimmt. Endlich einmal gute Nachrichten. Seit Monaten belastet mich ihr Unglück, weil ich nicht weiß, wie ich ihr helfen soll. Mittlerweile so sehr, dass ich ihr meine Sorgen und Nöte gar nicht mehr aufhalsen will. Als Folge schnürt sich mir die Kehle zu. Ich habe ständig das Gefühl, nicht genug Luft zum Atmen zu haben und der Appetit ist mir grundlegend vergangen. Keine gute Kombination. Mal sehen, ob Weihnachten wenigstes zum Zunehmen taugt.

Montag, Tag sechszehn
Das Beste ist, dass diese elendigen sechszehn Tage vorbei sind. Nicht mehr darüber nachdenken müssen, was an dem Tag gut war. Von daher funktioniert diese Art von Therapie überhaupt nicht. Und das werde ich dem jungen Mann und Auftraggeber teuer bezahlen lassen. Der wird sich hüten, nochmals so eine Bestellung aufzugeben.

Ende
Eure Kerstin

Das Sechszehntagetagebuch – Teil 1

Da inzwischen die sechszehn Tage (zum Glück) der 16-Tage-Challenge vorbei sind und nun doch der eine oder andere Wunsch, ich möge meine Leser an diesen teilhaben, lassen an mich heran getragen wurde und auch bald Weihnachten ist, will ich mal nicht so sein. Also, los geht es.

Sonntag, Tag eins (27. November)
Das Beste heute war das Baumschmücken. Am ersten Advent wird bei mir immer der Weihnachtsbaum aufgestellt. Und dann freue ich mich die gesamte Vorweihnachtszeit an dem Licht und dem Glanz. Dafür fliegt er gleich nach Weihnachten auch wieder raus. Dann ist es genug. Zur Tradition des Baumschmückens gehört seit vielen Jahren die Weihnachts-CD von Michael Bublé. Die läuft dann in Endlosschleife. Und mitsingen tue ich natürlich auch. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Christbaum

Montag, Tag zwei
Das Beste heute? Yoga, was sonst. Wie gesagt, Yoga ist mehr als die Beine hinter den Kopf brezeln. Vor allem meine Lehrerin am Montag legt viel Wert darauf, dass Yoga in seiner vollen Bedeutung bei uns ankommt und behandelt immer wieder andere Themenblöcke. Derzeit ist es Prana. Prana heißt Atem/Atmen, aber auch Leben, denn Atem bedeutet Leben. Klar, wir können ca. drei Wochen ohne essen auskommen, drei Tage ohne Trinken, aber ohne Atmen schaffen es die meisten nicht mal drei Minuten. Atmen ist ja an sich etwas ganz Selbstverständliches über das wir nicht nachdenken. Erst wenn man sich bewusst darauf konzentriert, spürt man die feinen Vibrationen und Veränderungen. Lebensenergie.
Zur Übung gehört, dass wir die Gedanken quasi bewusst vom Körper trennen. Den Verstand in die Ecke stellen, sagt sie. Für mich immer absolute Schwerstarbeit. Mein Hirn ist irgendwie immer aktiv. Selbst wenn ich nachts mal aufwache. Peng, sofort fangen meine Gedanken an zu kreisen. Also gut, ich stelle meinen Verstand in die Ecke. Neben die Eingangstür. Dann kann er sicher sein, dass ich nicht ohne ihn gehe. Und so sage ich ihm das auch – ganz sanft: „Keine Angst, ich vergesse Dich nicht. Ich bin gleich hier und sehe Dich.“ Und dann fließt alles ganz von allein: Wohlige Wärme umhüllt mich. Mein Verstand blickt zu mir und meint: „Eine wirklich schöne Aura hast Du da.“

Dienstag, Tag drei
Das Beste heute war das Wärmebad vor dem Kamin, ein Ritual, das ich hin und wieder brauche, um die innerliche Glut anzufachen, bevor auch noch der letzte Funken Energie formlich ausgesaugt wurde. Zusammengerollt liege ich auf einem Bett aus Decken und das Feuer wärmt meinen Rücken. Dann will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und wünschte mir, ich könnte bis in alle Ewigkeit einfach so liegen bleiben.

Mittwoch, Tag vier
Das Beste heute war die Shoppingtour mit meiner Freundin. Wobei das Shopping dabei eigentlich Nebensache ist. Das Wichtigste sind die Gespräche, die zwischen Unterwäscheregal und Umkleidekabine stattfinden. Ehrliche Worte, manchmal mehr als kindisch, aber immer in dem Vertrauen, dass jedes Geheimnis und Geständnis bei der besten Freundin gut aufgehoben ist.

Donnerstag, Tag fünf
Heute war einer dieser Tage, an denen jedes Fenster mehr verspricht als alles andere. Zum Glück verschwindet irgendwann das Licht und die Fenster starren einen nur mit unendlicher Dunkelheit und Gleichgültigkeit an. Und zum Glück geht auch der längste Tag einmal zu Ende und die Nacht beginnt und endlich gibt es einen Funken Hoffnung. Auf wenigstens ein paar Stunden Ruhe, wenn die Sorgen im Schlaf kurzzeitig verstummen. Das Beste war die Wärmflasche, die mir ein bisschen Wärme und Geborgenheit geschenkt hat.

Freitag, Tag sechs
Freitag. Eigentlich sollte das ja schon reichen. Irgendwie ist alles gut, wenn es Freitag ist. Und Freitag und Yoga ist eigentlich nur noch durch Freitag und Yoga und Sauna zu schlagen. Das Beste dabei war der Moment nach der Sauna. Sich auf der Liege ausstrecken, den Herzschlag in jeder Faser des Körpers spüren. Das leichte Prickeln auf der Haut und der kühle Luftzug, der sanft über einen streicht. Na ja, so in etwa ist es zumindest in meiner Einbildung, denn die frische Luft kommt erst sehr viel später als ich draußen den nebenschwangeren Sauerstoff tief einatme.

Samstag, Tag sieben
Das Beste war die Vorfreude. Auf morgen.

 Im wahrsten Sinne des Wortes. Fortsetzung folgt.

Eure Kerstin

Die 16-Tage-Challenge

Einer meiner Freunde hat mich gebeten, während seines Urlaubes jeden Tag das Beste, was an diesem passiert ist, aufzuschreiben. Sechszehn Tage lang.

16-Tage-Tagebuch

Hauptsächlich, weil er sich Sorgen macht: Frauen mittleren Alters – sprich in der Mid-Life-Crisis und den Wechseljahren – neigen ja hin und wieder zu Übersprunghandlungen. Ich rede dann gern von offenen Fenstern und der schönen Aussicht aus solchen. Also hat er mir diese Bitte abgerungen. Wohlweislich und in vollen Bewusstsein, dass er mich damit an meiner wunden Stelle, dem Schreiben, trifft. Nun verlangt es quasi die Ehre, dass ich dem nachkomme. Eine Herausforderung, der ich nur schwerlich widerstehen kann. Sechszehn Tage lang.

Irgendwie erinnert mich das an jemanden, der mal ein Dankbarkeitsfototagebuch über ein Jahr hinweg geführt hat. Glaube, es gab da einen Blog, auf dem dann jeden Tag ein Foto war. So in etwa komme ich mir nun vor.  Nur, dass der Freund sich in der Dominikanischen Republik die Sonne auf den Wanst scheinen lässt, während ich hier bei miesem Wetter und in der Hektik der Vorweihnachtszeit mir nun das Hirn zermartern darf. Und dabei wollte ich nicht schon wieder so ein Projekt anfangen, bei dem ich jeden Tag geistige Höchstleistungen vollbringen muss.

Aber, der junge Mann wusste wohl ziemlich genau, was er tat. Wer mit Denken beschäftigt ist, kann nicht nach Fenstern und anderen Fluchtmöglichkeiten Ausschau halten. Und gleichzeitig zwingt er mich dazu, dass ich jeden Tag an ihn denke. Ein ganz schlauer Schachzug war das. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

 

Eure Kerstin

P.S.: Auch, wenn es sich sicherlich hervorragend für meinen Blog eignet, habe ich mich entschlossen, die Tagebucheinträge hier nicht zu posten. Nur falls jemand darauf spekuliert.

Tag 1: Gewohnheiten und Widersprüche

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und voller Widersprüche. Vor nicht mal einem Monat sind meine alten Tagebücher dem Feuer zum Opfer gefallen. Gewollt, möchte ich hier betonen. Nun bin ich über ein kleines Heft gestolpert: „30 Tage Schreiben“. Vor Urzeiten war dies einmal eine Beilage in der Zeitschrift „Flow“ und damals hatte eine Mitbloggerin dieses Experiment auf ihrem Blog veröffentlicht. Leider kann ich nicht mehr finden, wer das war. Es ist wirklich ein sehr großes Internet da draußen. Trotzdem danke für den Tipp seinerzeit. Ich fand die Idee ansprechend und bin dann gleich los, um das Heft zu erwerben.

Seitdem lag das 30-Tage-Tagebuch in meiner Schreibtischschublade. Gleich neben meiner Geschenkekartei (aber das ist ein anderes Thema). Und da Weihnachten bekanntlich nur noch ein paar Tage – 30 – entfernt ist, bin ich bei der Suche nach der Geschenkekartei auf das Heft gestoßen und dachte mir: Das machst Du jetzt! Dann ich es wenigstens erledigt!

Nicht gerade die vorbildlichste Einstellung, aber manchmal brauche ich eben auch einen sanften Schubs. Mal sehen, ob ich mich daran gewöhnen kann, 30 Tage lang jeden Tag etwas mehr oder weniger Sinniges zu produzieren. Ich habe schon mal gelinst. Es sieht nicht so schwer aus. Jeden Tag eine Frage. Das sollte zu schaffen sein.

Tag 1Tja, was macht man/ich so an einem Montag: Morgens ärgern, wenn der Wecker klingelt und das Wochenende mal wieder mit zwei Tagen einfach zu kurz war. Aus dem Grunde überspringe ich den Part mit Aufstehen…Arbeit usw. und starte erst, nachdem ich wieder in die heimeligen Hallen meines Zuhauses zurück gekehrt bin.

Halt, vorher war ich noch schnell einkaufen und habe u.a. eine Tüte Chips gekauft. Die musste ich gleich nach meiner Ankunft verstecken, da ansonsten der jugendliche Mitbewohner sich ihrer bemächtigt hätte. Allein essen macht dick, ich weiß. Vielleicht erweise ich mich zu späterer Stunde großzügig, nachdem man mir heute ein paar Zensuren präsentiert hat, die mich zwar nicht zu Hochsprüngen verführt haben, aber auch ganz passabel waren, wenn man bedenkt, dass das Leben eines Teenagers wirklich zu stressig ist, als dass man noch Zeit zum Lernen hätte (aber auch das ist ein anderes Thema).

Also: Heim gekommen, Chips versteckt, Feuerchen gemacht – schön kuschelig ist es. Mit meiner derzeitigen Lektüre vor den Ofen gesetzt und gehofft, dass das Buch endlich aus sein möge. Auch so eine Angewohnheit von mir: Ich kann Bücher, selbst wenn sie schrecklich sind, einfach nicht unvollendet zur Seite legen. Okay, stimmt so nicht ganz. Es gibt so zwei bis drei, die ich tatsächlich weg gelegt habe.

Nach drei Kapiteln habe ich die Leserei unterbrochen und den Entschluss gefasst, mit dem 30-Tage-Tagebuch zu beginnen und den Computer hochgefahren. Beim Aufrufen von WordPress wurde mein schlechtes Gewissen recht laut, da ich schon seit einem Monat meinen Reader nicht mehr bearbeitet habe. Also, erst mal das nachgeholt und nahezu alle Artikel gelesen.

Nun wäre eigentlich Zeit fürs Abendessen. Gewohnheit ist schließlich ein sehr starker Trieb. Hunger übrigens auch. Nun will ich aber ungedingt noch schnell den Beitrag posten. Also, was mache ich noch heute? Abend essen. Mal sehen, was der Kühlschrank und Vorrat noch so hergibt, da ich ja nun den Blog schreiben musste und keine Zeit hatte, etwas vorzubereiten. Was passt eigentlich gut zu Chips?

Was noch? Vielleicht gönne ich mir noch etwas Zeit vor dem Ofen mit dem schrecklichen Buch und einer guten Tasse Tee.

Na, dann bis morgen. Kerstin

Kindheit und Menschsein

Das Kind in uns geht zum Glück nie so ganz verloren. Und man kann nie wissen, wann einem dieses Kind begegnet. Plötzlich ist es da und wir werden mit Lichtgeschwindigkeit an Dinge erinnert, die wir vielleicht schon gar nicht mehr so genau in Erinnerung hatten.

Bei einer meiner Anfälle von Jetzt-wird-aber-aufgeräumt bin ich mal wieder über meine alten Tagebücher gestolpert, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten mit mir umziehen. In meiner Kindheit und auch Jugend, ja sogar bis vor ein paar Jahren war ich leidenschaftliche Autorin von Tagebüchern. Nicht immer durchgängig, aber immer mal wieder und für lange Phasen – vor allem natürlich, wenn ich mich neu verliebt oder unglücklich getrennt habe. Herrje, wusste gar nicht, wie leidensfähig ich war und was für schräge Nummern ich angestellt habe.

TagebücherWozu ich die aufhebe, kann ich eigentlich gar nicht so richtig sagen. Wahrscheinlich aus reiner Sentimentalität. Literarisch jedenfalls sind die absolut unbrauchbar. Peinlich berührt wäre ich sicherlich auch nur noch wegen der kindlichen Sorgen und Gedanken, die sich dem Leser bieten und nicht auf Grund des „tiefen“ Einblicks in mein Seelen- und Gefühlsleben, sollten die Tagebücher jemandem in die Hände fallen. Und wenn ich so ein bisschen darin blättere, dann denke selbst ich, dass dies ein völlig anderer Mensch geschrieben haben muss, so fremd kommen mir meine eigenen Gedanken vor.

Trotzdem sollten sie nicht unbedingt in meine Erbmasse einfließen, wenn ich denn irgendwann mal das Zeitliche segne. Was also tun? In die Papiertonne schmeißen käme mir dann doch zu schäbig vor. Im Garten vergraben kommt sicherlich auch nicht in Frage. Ist wahrscheinlich sogar verboten. Tja, also bleibt nur ein schöner Scheiterhaufen. Gesagt. Getan. Kamin an und rein damit. Schön kuschelig warm war es.

TagebücherUnd da ich neben meinem erwachsenen Ich auch das Kind neben mir hatte, blieb ein Exemplar verschont. Das erste seiner Art, welches ich im Sommer 1979 geschrieben habe. Damals war ich während der Sommerferien bei einer Freundin im Ausland zu Besuch. Da stehen so schöne Sätze drin wie:

Der Flug dauerte unendlos lang.“ – da weiß man ja gleich, wo das Sprichwort ‚Die Zeit verging wie im Fluge’ herkommt.

Vom See ab ging ein Fluss, der hatte zwei Stufen hintereinander. Dann ging es normal weiter.“ – was heißt hier normal? Gibt es einen Treppenfluss? Und was ist bitte ein normaler Fluss?

Heute Nachmittag sind wir wieder zum Strand gefahren. Und jedesmal ist es das gleiche, immer kommt die Flut rein.“ – na, raus würde ja auch keinen Sinn machen. Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Andere Uhrzeit anpeilen.

„…wir hatten eine mühsame Fahrt durch die Berge, bei der ich eingeschlafen bin.“ – gut, dass ich damals noch nicht fahren konnte, würde ich sagen.

„.. sind wir zu einer Lachszüchterei gefahren […[ wenn sie an der Stillen Stelle angelangt sind, liachen sie und dann sterben sie. Danach sind wir zu Mc Donald’s gefahren.“ – Kinder sind so herrlich direkt. Mahlzeit! Was ein Stille Stelle ist habe ich allerdings immer noch nicht begriffen. Gut, wer nicht weiß, wie man laichen schreibt bzw. was das ist, hat den anderen Teil unter Umständen auch nicht verstanden. Alle anderen Schreibfehler sind im Übrigen den Originalabschriften geschuldet.

„…haben wir leider keine Seehunde gesehen. Nämlich manchmal sieht man an einer bestimmten Stelle die Seehunde.“ – eine äußerst kluge Feststellung, wenn ich das mal so betonen darf. Liegt eventuell daran, dass wir nicht an der Stillen Stelle waren, sondern an einer bestimmten.

Am Schluss haben wir mit ungebrauchten Eisstielen, Ton, Wasserfarben und Kartoffeldruck Sachen gemacht.“ – ich hoffe mal ganz stark, ich habe dieses Erlebnis lediglich deswegen vergessen/verdrängt, weil die Sachen so grottenhässlich waren und nicht aus anderen Gründen, die vielleicht etwas mit Stillen Stellen zu tun haben.

Die Fähigkeit, das Kind in uns zu bewahren, macht uns aus. Menschsein ist einfach schön.

Eure Kerstin

Singletasking für die Seele

„Sie sind ganz bei der Sache: Versuchen Sie, dreimal auf Multitasking zu verzichten. Zum Beispiel zu essen, ohne zu lesen, zu telefonieren, ohne E-Mails zu checken, fernzusehen, ohne die Zeitung zu scannen.“

Um der Hektik des Sommers zu entfliehen, fiel meine Kartenwahl auf die Kategorie Komfort.

Erster Tag: Total versagt, auf ganzer Linie. Morgens Frühstück und Brotzeit gemacht, Tee gekocht, Kleid gebügelt, Wohnung gelüftet und das alles gleichzeitig. In der Arbeit habe ich es gleich gar nicht versucht. Das hebe ich mir für den Fall auf, dass ich es ansatzweise überhaupt schaffe. Tja, und nachmittags: Schwimmsachen packen, umziehen, Trinken, Bürotasche ausleeren, noch schnell etwas essen. Klar, Multitasking at its best!

Zweiter Tag: Heute mache ich es besser. Ganz bestimmt. Schließlich ist Wochenende. Aber schon kurz nach dem Aufstehen ist die Ruhe und der gute Vorsatz dahin. Schnell den Garten gießen, damit die Sonne nicht auch noch die letzten grünen Halme verbrennt, nebenbei Wäsche sortiert und Maschine neu gestartet. Dann frühstücken und Einkaufsliste schreiben. Samstagseinkauf, ich komme. Erst gegen Mittag kehrt langsam Ruhe ein, als ich am See entspanne. Allerdings lese, esse, trinke und unterhalte ich mich gleichzeitig. Und den anderen Badegästen und Spaziergängern schaue ich auch noch hinterher.

Dritter Tag: Sonntag, Tag der Ruhe. Von wegen! Bis Mittags schlage ich mich ganz gut. Immer schön der Reihe nach. Joggen, Duschen, Frühstücken, Lesen. Doch dann hole ich das Bügeleisen raus, um ein Kleid für morgen zu bügeln (diesmal mache ich es im Vorfeld, jawohl), stelle dann aber fest, dass der Saum sich stellenweise gelöst hat. Also, Nadel und Faden her. Dann fällt mir ein, dass ich den Rucksack noch ausbessern wollte. Also, Nähmaschine rausholen. Nebenbei wäre Mittagessen angesagt. Ups, schon 14 Uhr. Und ich habe um 14.30 Uhr eine Verabredung. Nun aber hurtig. Schnell packen, schminken und los. Abends dann wieder Entspannung, obwohl: TV an, E-Mails lesen und Haushaltsbuch führen zählt sicherlich als Multitasking.

Eine Woche später: Was soll ich sagen. Ein Reinfall. Bin etwas ratlos, wie ich mit dieser Herausforderung weiter komme. Im Grunde wäre ich ja mit einem Tag ohne Multitasking zufrieden. Bin ich tatsächlich so fremdbestimmt? Wie ein Fähnchen im Wind, oder besser noch Grisu, der Drache. Kennt den überhaupt noch jemand? Grisu wollte immer Feuerwehrmann sein. Ein Widerspruch schon in sich. Ein feuerspeiender Drache, der Feuer löschen will. Und irgendwie war es so auch. Immer wieder muss er seine versehentlich selbst entfachen Feuer löschen und schaffte es nie, Feuerwehrmann zu werden. Fast komme ich mir auch so vor. Als ob ich die „Brände“ selbst lege und dann versuche, alle gleichzeitig zu bekämpfen. Hin und wieder gibt es kurze Momente, bei denen es gelingt. Ok, ich arbeite weiter daran und übe mich im Singletasking.

Nach zwei Wochen: Zumindestens der Vorsatz ist jeden Tag da und immer wieder erinnere ich mich daran, nur auf eine Sache zu machen. Leider ist die Quote nach wie vor im einstelligen Bereich. Mag daran liegen, dass man gerade im Sommer jeden Sonnenstrahl ausnutzt, um sich draußen aufzuhalten. Im Winter ist es da doch eher gemütlicher. Man ist froh, auf der Couch zu sitzen, mit einer Tasse heißem Tee und den Schneeflocken beim Tanzen zu zuschauen. Ja, ich weiß, ich fantasiere. Liegt vielleicht an den Temperaturen, die gerade herrschen. Weiß nicht, was mir mehr zu schaffen macht: Die Hitze oder diese angebliche Komfortkarte.

Vier Wochen später: Nachdem ich die ersten beiden Wochen keine wirklichen Erfolge erzielen konnte, habe ich nun doch die Auflösung für Karte Nummer vier gefunden. Das Rezept lautet: Urlaub. Genauer gesagt: Hüttentrekking. Das mag jetzt erst mal nicht nach Urlaub und Erholung klingen. Aber, was den Verzicht auf Multitasking betrifft ist es das non plus ultra. Man kann gar nicht anders, als immer nur eine Sache zu machen und so setzt man jeden Tag einen Schritt vor den anderen. Möchte man die Aussicht/Landschaft bewundern, bleibt man stehen, da man sich ansonsten im günstigsten Fall aufgeschlagene Knie holt und im Schlechtesten den Berghang hinabfällt. Morgens steht man auf, macht sein Bett und packt seinen Schlafsack ein. Erstaunlich, was man alles nicht braucht, wenn man es erst mal selber tragen muss. Und nach drei Tagen kümmert es einen auch nicht mehr, ob die Frisur sitzt oder man das Shirt doch hätte wechseln sollen. Frühstück dient mehr der tatsächlichen Nahrungsaufnahme denn dem Genuss: Brot mit Marmelade, Käse oder Speck. Dazu Kaffee oder Milch. Das Gleiche wie gestern und das Gleiche wie morgen. Dann ein Blick auf die Karte und los geht es. Gleichmäßig, immer vorwärts. Mittags gibt es Obst, Wurst oder Käse und Brot. Manchmal gönnt man sich eine Suppe. Richtig, wie gestern und wie morgen. Mancher ahnt es schon: Das Abendessen bietet keine großen Überraschungen und variiert zwischen: Kaiserschmarrn, Omelett, Spiegeleiern und Rühreier mit und ohne Speck. Abends schaut man in die Karte und fragt nach dem Wetterbericht. Dann geht es schlafen. Ich bin sicher, das klingt alles mehr als langweilig. Aber es funktioniert. Jedes einzelne Aufgabe ist wichtig und verlangt volle Aufmerksamkeit. Alles hat eine Seele, die Multitasking wie selbstverständlich ausschließt.

Warum sind wir nicht in der Lage, diese Aufmerksamkeit tagtäglich aufzubringen? Sind die Aufgaben und unsere Mitmenschen es nicht wert? Sind wir einfach nicht fähig, immer nur einer Sache/Person 100% Aufmerksamkeit zu widmen? Kein Wunder, dass unsere Welt so damit beschäftigt ist, Aufmerksamkeit mit allem und jeden zu erregen. Und hier komme ich, und versuche der Seele das Multitasking abzugewöhnen.

Was ich noch gelernt habe – mal abgesehen davon, dass ich mehr Urlaub brauche? Man kann immer nur einem Weg folgen, um die nächste Hütte zu erreichen.

Hütte ist ein gutes Stichwort für Karte Nr. 5 (Sinnkarte): „Liebe zur Natur ist die einzige Liebe. die menschliche Hoffnungen nicht entäuscht“ Honoré de Balzac. Erleben Sie bewußt die Schönheit der Natur. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin