Beilagen oder was man von Romanhelden lernen kann

Mit dem Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Vor allem die Völlerei. Beginn der Fastenzeit. Und es kursieren heutzutage ganz verschiedene Ansätze, dies zu würdigen: Kein Alkohol, keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Auto, kein Handy usw. Für jeden ist da also etwas dabei. Man kann auch jährlich wechseln, dann wird es nicht so eintönig. So mache ich das für meinen Teil und zwar zwischen dem Verzicht auf Süßigkeiten und Fleisch. Einmal hatte ich sogar beides gleichzeitig versucht, musste mich aber nach zwei Wochen geschlagen geben. Mein Nervenhaushalt konnte dem Ansturm nicht länger standhalten. Dann stand nur noch Fleisch auf der Fastenliste.

Nachdem letztes Jahr Süßigkeiten dran waren, wird – logisch – dieses Jahr wieder Fleisch vom Speiseplan gestrichen. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, wäre für mich ohnehin ein fleischloses und glückliches Dasein absolut vorstellbar. Auch ganz ohne das Gefühl des Verzichtes.

Ganz anders die beiden Fleischesser am Essenstisch. „Fleisch ist mein Gemüse.“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Der Kinderarzt sagte einmal bei einer Untersuchung des schon damals gemüseverschmähenden vorpubertären Mitbewohners: „Na, wenigstens hat er keinen Eisenmangel.“ Wie immer im Leben, gibt es zwei Seiten die Sache zu betrachten.

Mahlzeit eins: Es gibt Gnocci mit Tomaten. „Sehr leckere Beilage“, meint der große Fleischesser. „Äh, das ist das Hauptgericht“, entgegne ich. „Wie gesagt, leckere Beilage“. Den Rest des Essens versuche ich mit nicht nahrungsrelevanten Themen zu füllen.

Mahlzeit zwei: Es gibt Kartoffeln mit kalten Fischvariationen. Das kommt gut an. Vor allem die Garnelen in Knoblauch. Die kommen auch noch nach Stunden gut an beziehungsweise wieder gut hoch. Und man hat obendrein auch noch am nächsten Tag etwas davon beziehungsweise die nicht fastende Bevölkerung.

Mahlzeit drei: Es gibt Gemüsecurry. Sehr lecker. Für die Fleischesser am Tisch habe ich ein Herz und sie bekommen dazu Hühnchen. Das dient auch einem gewissen Selbstschutz, denn seitdem es nur noch „Beilagen“ und hin und wieder Wassertiere auf den Teller schaffen, schauen mich beide zunehmend gierig an. Und der große Fleischesser behauptet ja auch standhaft, dass Geflügel kein Fleisch sei. Ich muss ihm unbedingt die nachfolgende Szene aus der Lektüre der Buchgesellschaft „Mord in der Maple Street“ von M.R.C. Kasasian einmal vorlesen:

„Sind Sie denn nicht hungrig?“ „Sehr sogar“, antwortete ich. „Aber ich wollte auf das Fleisch warten.“ „Haben Sie heute nicht genug Fleisch gesehen?“, fragte er. „Es wundert mich, dass Sie das Verlangen verspüren, sich noch mehr davon in den Mund zu stecken.“ […] „Wie können Sie die sterblichen Überreste einer jungen Frau als Fleisch bezeichnen?“ „Haut, Muskeln und Knochen.“ […] „Fleisch gemäß jedweger Definition.“ […] „Wie können Sie nur so gefühllos sein?“ „Sorgen Sie sich lieber um die Lebenden.“ […] „Und was den Vorwurf betrifft, ich sei gefühllos – wer von uns beiden ernährt sich denn von Toten?“

Beilagen

Irgendwann fange dann doch auch ich an die Tage zu zählen. Wenn ich für den Nachwuchs an der Fleisch- und Wursttheke stehe, ertappe ich mich dabei, dass ich neidisch auf die Kinder schaue, denen die Verkäufern ein Stück Wurst anbietet und ich atme tief ein, um meinen Heißhunger mit dem Geruch zu befriedigen. Noch zwei Wochen. Dabei ist es gar nicht so sehr das Fleisch an sich, welches ich gelüste, sondern die fleischigen Beilagen: Brot mit Wurst, Spiegeleier mit Speck, Nudeln mit Hackfleischsauce. Womit wir wieder bei den Beilagen wären. Tja, und irgendwann ist die Fastenzeit ja auch vorbei. Der erste Bissen in das teure Filetsteak, welches ich mir beim letzten Mal vor zwei Jahren geleistet hatte, war bei weitem nicht so sinnlich und betörend wie ich mir das vorgestellt hatte.

Dieses Jahr kam mir kurz vor dem Ende der Fastenzeit etwas so Kontraproduktives wie ein Urlaub dazwischen, bei dem ich mir gleich morgens ein Omelett mit Schinken gegönnt habe. Dazu Pancakes mit Ahornsirup und in Butter gebratenen Toast. Tausend Kalorien zum Frühstück und satt bis zum Abend. Ich glaube, etwas Leckeres habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte, vielleicht lag es aber auch an dem Alternativplan. Denn die Tage der Sünde habe einfach hinten drangehängt und es gab wieder Beilagen pur. Vor allem beim Treffen der Buchgesellschafter, denn schließlich ist der Romanheld aus obigem Ausschnitt vehementer Verfechter des fleischlosen Genusses. Und es war mindestens genau so lecker wie das Schinkenomelett.

 

Eure Kerstin

Tatort des Monats Februar

Der Mann an meiner Seite und ich haben einen Pakt geschlossen. In Bezug auf die bevorstehende Fastenzeit: Keine Süßig- und Salzigkeiten. Also, keine gekauften. Ein selbstgemachtes Dessert geht. Ein selbstgemachter Kuchen auch. Und wenn wir irgendwo auswärts essen, dann ist Nachtisch auch erlaubt.

Tatort: Küche.2017_02

Tatbestand: Schokoladenreste von Ostern bis Weihnachten.

Tatortsäuberung: Die Fastenzeit kann mitunter ganz schön lang werden. Besonders für Junkies wie mich, die Stress gerne mal mit allerlei Süßkram bekämpfen. Also wurden sämtliche Schokoladenreste eingeschmolzen und zusammen mit Corn Flakes zu Schokocrossies verarbeitet. Die gilt es jetzt bis Aschermittwoch zu vertilgen. Kein Problem würde ich sagen.

Nachtrag: Muss leider gestehen, dass die Reste inzwischen schon fast vollständig vertilgt wurden. Und zwar von mir allein. In der Folge plagen mich Bauchschmerzen. Zu Recht, meint der Mann. Danke, Liebling!

Seelenfutter

Karte Nr. 11: “Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereitet Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen.

Um es vorweg zu sagen: Nein, ich habe nicht zugenommen. Nur damit aus der Welt ist, bevor ich hier weiter mache. Und um die Wahrheit zu sagen, hatte ich sogar einige Schwierigkeiten mit dem Schlemmerpart. Nicht, weil Fastenzeit ist. Ich bin weiß Gott kein religiöser Mensch. So gesehen, habe ich in den letzten zwei, drei Jahren sogar in abgewandelter Form gefastet. Süßigkeiten zum Beispiel. Ich meine, es war letztes Jahr, als ich auf Fleisch und Süßigkeiten verzichtet habe. So zumindestens die Idee. Allerdings habe ich nach einer stressüberlasteten Arbeitswoche das mit den Süßigkeiten auf ein anderes Mal verschoben. Ohne Fleisch bis Ostern war dagegen kein so großes Problem wie ich anfangs meinte. Ein paar Tage vor Ostern war ich zum Essen im Steakhaus. Zuerst habe ich gezögert und dachte mir dann: „Ach, was soll’s. Wer weiß, wann ich wieder zu einem perfekt gegrillten Steak komme.“ Allerdings war ich ein bisschen enttäuscht. Ich hätte erwartet, dass ich so ein Aha-Erlebnis serviert bekomme. Nach dem Motto: „Wow, das schmeckt so teuflisch gut!“ Aber nichts dergleichen. Zyniker werden vielleicht nun sagen: „Tja, hättest Du mal bis Ostern gewartet.“ Aber, wie gesagt, um den religiösen Aspekt ging es mir dabei ja gar nicht. So, dieses Jahr mache ich also gar nichts. Süßigkeiten, Fleisch, egal, ich esse alles. Vielleicht wieder im nächsten Jahr.

Zurück zur Aufgabe: Meine größte Herausforderung ist, dass ich es nicht besonders mag, zu kochen, ohne zu wissen, dass jemand die damit verbundene Arbeit und Hingabe zu schätzen weiß. Allein in der Küche stehen, ist auch eher Pflicht denn Vergnügen. Und ich finde, Leidenschaft und Lust gehören zur Essenszubereitung einfach mit dazu, um aus einem Mahl Futter für die Seele werden zu lassen. Von daher fällt die Essensaufnahme in letzter Zeit eher unter notgedrungenes Übel und ich schenke ihr nicht allzu große Aufmerksamkeit. Weder beim Einkaufen noch beim Essen. Eigentlich schade, denn ich koche im Grunde ganz gern. Vielmehr läuft es eher so ab: Mal sehen, was Kühlschrank, Gefrierfach und Vorratsschrank so zu bieten haben und was sich daraus machen lässt. Und wie es aussieht, war genau das mein Ansatz bei dieser Karte. Hier also meine Dokumentation:

FrühstückFrühstück: Ich gebe zu, es sieht etwas ungewöhnlich, wenn nicht sogar ekelig aus, ist aber richtig lecker und erinnert mich ganz stark an meine Kindheit. Ein Sandkuchensandwich. Man nehme ein Schwarzbrot – Graubrot geht auch – mit Nuß-Nougat-Creme bestreichen und oben drauf ein Stück Sandkuchen. Marmorkuchen geht auch. So fängt der Tag gut an, eignet sich aber auch für fast jede andere Tageszeit.

 

MittagessenMittagessen: Weder gesund noch nahrhaft, keine Frage. Aber das war ja nicht der Sinn der Sache, wenn ich die Aufgabe richtig gedeutet habe. Mikrowellengemüse mit Kräuterbutter und eine Coke.

 

 

 

ZwischenmahlzeitNachmittag: Oh, fast hätte ich vergessen, ein Foto zu machen. Ursprünglich waren es vier Quarkbällchen. Aber die sind sooo klein. Und leicht. Und zart. Passt super zu Kaffee und/oder Tee. Oder als Nachtisch. Nur teilen ist manchmal nicht so einfach.

 

 

AbendessenAbendessen: Gebratene Barbarieentenbrust mit Mango. Ich liebe es. Die Kombination der krossen Ente mit der Süße der Mango. Unvergleichlich! Unwiderstehlich!

 

 

 

MitternachtssnackMitternachtssnack: Nachos mit Guacamole. Selbstgemacht. Die Guacamole, nicht die Nachos. Das Beste daran ist, dass man nie so genau weiß, wie es wird. Diesmal ziemlich scharf. Schätze, ich war etwas zu großzügig mit dem Tabasco.

 

 

Abschließendes Fazit: Wenigstens wurde die Vorgabe von fünf Portionen Obst und Gemüse eingehalten.

Dieser Monat verging fast wie im Fluge. Ich kann beinahe gar nicht glauben, dass eine neue Karte darauf wartet, gezogen zu werden. Diesmal Kategorie Sinn. „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“ Oh, oh, das wird lustig. Und das meine ich eher im sarkastischen Sinne. Da weiß ich gleich gar nicht, wen ich zuerst anrufen soll. Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal neues Seelenfutter. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin