Von Fluchten und Abgründen

In Zeiten innerer Unruhe und großen Zweifelns neige ich zur Selbstverstümmelung. So habe ich es für mich formuliert bzw. einen späteren Freund gegenüber einmal definiert als wir über unsere persönlichen Abgründe gesprochen haben. Und, um es gleich vorweg zu sagen, es hat rein gar nichts mit dem Verhalten, welches normalerweise diesem Begriff zugeschrieben wird, zu tun. Wenn ich von Selbstverstümmelung rede, dann ist das in meinem Fall eine übertriebene Art von etwas recht Banalem zu reden. Also, keine Angst, ich bin absolut nicht gefährdet.

Feuer

Er war im übrigen spielsüchtig, der Freund, was ja so gesehen keine körperlichen Konsequenzen nach sich zieht. Außer vielleicht Hunger, weil man kein Geld für Essen hat. Oder auch Müdigkeit, was dann doch wieder irgendwie körperlicher Natur wäre, aufgrund von Schlafentzug und folglich Konzentrationsschwächen. Nun ja, den Freund gibt es schon seit sehr langer Zeit nicht mehr und ich wünsche ihm nur bedingt alles Gute, da er mich seinerzeit so mir nichts dir nichts gegen eine andere Herzensdame ausgetauscht hat. Trotz der gegenseitigen Vertrautheit, was unsere seelischen Qualen anging. Und vielleicht bin ich deswegen auch noch nicht geheilt, was das betrifft.

Als ich besagte Unterredung mit dem Unglück kassieren und Weiterreichen desselben Spieler hatte, war ich gerade in der Phase, in der ich meiner Melancholie in Form von poetischen Wandmalereien Ausdruck verlieh. Also keine Graffitis oder so. Nein, ich habe damals ganz simpel selbst verfasste Gedichte im Stile von I-Ah aus „Pu, der Bär“ (sehr deprimierend) an meine Wände geschrieben, die ich dann im Falle eines Besuches hinter Bildern verschwinden ließ. Das war gar nicht so einfach. Schließlich mussten Wandtattoo und Tarngemälde größenmäßig harmonieren. Wo da die Selbstverstümmelung bei ist? Nun ja, jeden Tag mit den eigenen depressiven und deprimierenden Wortansammlungen konfrontiert zu werden, ist schon irgendwie eine Strafe. Einen Spiegel braucht es da fast schon nicht mehr, um zu sehen, wie mies es einem geht. Das Ganze entwickelte mit der Zeit einen gewissen Höhlencharakter. Und als dann der Auszug anstand, musste ich selbstverständlich dafür sorgen, dass mein geistiges Eigentum vom Eigentum des Vermieters getrennt wurde. Das grenzte dann tatsächlich an körperliche Folter, da dabei die Tapeten und Anstriche der letzten hundert Jahre von der Wand abfielen, die irgendwie auch mal in einen Kugelhagel verwickelt gewesen sein muss, was nach näherer Inspektion Löcher vom Bohren und Hämmern der besagten Jahrhunderte waren – hoffe ich zumindest.

Später dann hatte ich eine etwas körperlichere Phase und habe mir, huhu, Ohrringe stechen lassen. Ich bin eben doch ziemlich konservativ bis bieder und eine Memme. Das tat dann schon weh, aber offensichtlich nicht genug, denn kurz darauf folgte ein Tattoo. Diesmal ein echtes in Form einer, wie exotisch, Rose. Wie gesagt, konservativ und etwas bieder, Memme nicht mehr ganz so sehr. Da gibt es aber wenigstens keine Probleme von wegen Eigentumsverhältnissen und Besitzansprüchen. Und ebenso wenig ein Abdeckproblem, weil ziemlich intim. Das nun wieder tat so richtig weh und auch länger als 24 Stunden. Um es genau zu nehmen tut es auch heute, nach über einem Vierteljahrhundert noch immer weh und zwar immer dann, wenn ich auf der Suche nach einer passenden Vase bin. Wer jetzt an Rose und Vase und vielleicht irgendetwas Schlüpfriges denkt, weit gefehlt. Meine Mutter, irgendwoher muss meine konservative Einstellung ja herkommen, meinte seinerzeit, ich hätte mir für das Geld lieber eine schöne Vase kaufen sollen. Wie recht sie doch hatte, denn jedes Mal, wenn ich Blumen bekomme, muss ich feststellen, dass mir die passende Vase fehlt und so werde ich stets an die Schmerzen, welche mir der Tätowierer und der Tod meiner Mutter beigefügt haben, erinnert.

Heutzutage gehe ich bergsteigen. Am liebsten im frühen Morgengrauen, wenn die äußere Welt noch in Ordnung scheint und die Ruhe sich in mein gequältes Leben einschleicht. Ich bin nicht leichtsinnig, nein, ich weiß ziemlich genau, was Unachtsamkeit und ein falscher Schritt für Folgen haben können. Aber ich fordere viel, vor allem von meinem Körper. Dabei geht es nicht immer um den größtmöglichen Schwierigkeitsgrad und ich plane auch nicht, einen neuen Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Aber in Zeiten der inneren Unruhe und des Selbstzweifels scheinen die körperliche Grenzerfahrung sowie der nachfolgende Muskelkater die einzigen Möglichkeiten zu sein, dem eigenen Gefühlschaos eine Richtung zu geben, die nicht im Untergang liegt und von den seelischen Schmerzen ablenkt. Der Wanderpartner an meiner Seite weiß schon immer ganz genau, wenn mich etwas bedrückt und gibt mir ein Zeichen, dass ich einfach loslaufen soll. Er weiß, nach ein paar Hundert Höhenmetern wird mein Geist schon Ruhe geben und ich auf ihn warten. Meine Freunde schlagen mittlerweile lediglich einen Spaziergang vor, um mir zu signalisieren, dass sie auf gar keinen Fall auch nur ansatzweise den Versuch unternehmen werden, mit mir wandern zu gehen. Wobei die größte Gefahr immer nur dann lauert, wenn ich und der Berg allein aufeinandertreffen. Das mit der Gefährdung ist also so gesehen relativ, denn ein gewisses Suchtpotential ist natürlich vorhanden.

Jeder hat sein persönliches, selbstauferlegtes Joch zu tragen und bisweilen fühlen wir uns ja auch sehr wohl damit. Und auch wenn meine Art der Selbstverstümmelung keine Krankheit ist, so ist es doch auch eine Art von Sucht und ließe sich durchaus auch mit etwas so Gravierendem wie Alkoholismus vergleichen. Denn auch das ist eine Flucht aus der Realität. Der Unterschied besteht darin, dass man beim Alkoholrausch seine Sinne betäubt, um keine Schmerzen zu empfinden, während ich den Schmerz im Adrenalinrausch suche, um einen Sinn zu finden und die Kraft weiter zu machen.

Man mag sich fragen, warum ich vom Hobby des poetischen Philosophen zu des Müllers Lust abgestiegen bin. Nun, bei der Begegnung mit meinen Dämonen fehlen mir mittlerweile wohl einfach die Worte.

 

Eure Kerstin

Heimatkunde

Ich bin ein Kind meiner Eltern, ein Kind meiner Zeit.
Ich bin ein Weltenbürger. Das sage ich, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme bzw. wer ich bin. Das ist eine recht diffuse Sache und der Ursprung erschließt sich mir auch beim intensiven Nachdenken nicht vollends. Ich bin mir also nicht sicher, warum ich keinen Ort als meine Heimat bezeichne.

Wenn ich sage, ich bei ein Kind meiner Eltern, dann bedeutet das in diesem Zusammenhang, dass meine Eltern wohl den Grundstein für meine Ruhe- und Rastlosigkeit gelegt haben. Sie sind nämlich diverse Male umgezogen. Erst allein. Von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen. Und dann mit mir im Schlepptau. Von Niedersachsen nach Bayern, genauer gesagt Mittelfranken und von Mittelfranken nach Oberbayern und schließlich auch noch mal innerhalb der gleichen Stadt vom Ostteil nach Westen. Da können andere Mit-Erdenbürger mit Sicherheit mehr aufweisen, nichts desto trotz glaube ich, dass mit jedem Umzug der Geist geschult wird, mit Trennungen und veränderten Bedingungen zurecht zu kommen.
Die zweite Aussage, ich bin ein Kind meiner Zeit, fällt unmittelbar damit zusammen, dass meine Eltern das Wirtschaftswunderland Deutschland prägte und genossen haben, was sich unter anderem darin äußerte, dass wir viel gereist sind.

Zusammengefasst und als Ergebnis kommt dann so etwas wie meine Person dabei heraus. Ich wandele bereits ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten, habe auf zwei Kontinenten und in drei Ländern gelebt, in drei Bundesländern gewohnt, war in neun Städten (manche mehrfach) gemeldet und bin in meinem bisherigen bereits vierzehn Mal umgezogen. Ein Freund fragte mich mal, nachdem ich diese Aufstellung gemacht hatte, ob ich als Spion tätig sei und ob mein Name schon meiner wäre. Manchmal also lassen sich ganz unterschiedliche Schlüsse aus einem Leben ziehen. Wenn man etwas dabei lernt, dann effektives Packen und sich von Dingen und vor allem Menschen verabschieden. Was man vermisst, ist Heimat und das Gefühl, dazu zu gehören.

Vor einigen Jahren, nach einem misslungenen Neustart in einer norddeutschen Großstadt, eröffnete ich meiner Freundin, die ich im schönen Bayern zurück gelassen hatte, dass ich zurück käme und wenn sie, nach all dem Drama und dem Durcheinander und dem, was ich durchgemacht hätte, sich irgendwann in den Kopf die fixe Idee, weg zu ziehen, einpflanzen würde, ich sie persönlich umbringen würde. Genau das waren meine Worte: „Dann bringe ich Dich um!“ Woraufhin sie ganz seelenruhig erwiderte: „Nein, ich ziehe hier nicht weg. Meine Familie und meine Freunde sind alle hier.“

Noch immer bin ich eifersüchtig und neidisch auf diese Aussage. Und noch heute, fast fünfzehn Jahre später, bin ich die Heimatlose, der Flachwurzler, wie sie immer sagt. Und sie mein Ruhepol, der mich daran erinnert, dass Heimat kein Manko ist, sondern dem Leben Seele gibt. Und dass das Weltenbürgerdasein kein Widerspruch sein muss. Und irgendwie hatte auch meine Mutter es wohl vor sehr langer Zeit schon geahnt, dass ich immer wieder auf der Suche nach so etwas wie Heimat sein würde, als sie mir dieses kleine Geschenk machte, damit ich mich, wenn auch nicht physisch doch wenigstens gedanklich irgendwo zuhause fühle.

Heimat

Danke

 

P.S.: Nur um das klar zu stellen, ich bin eine absolut harmlose Seele und die Gutmütigkeit in Person und dass ich damals solch eine harsch Drohung ausgesprochen habe, lag einzig und allein an den Lebensumständen und meiner damit einhergehenden Verzweiflung und nicht daran, dass ich irgendwelche kriminellen Energien besitze.

Schatten der Vergangenheit

Ob es an den depressiv stimmenden Herbsttagen liegt, die den Winter einläuten oder an einer kosmischen Überschneidung verschiedener Ereignisse, kann ich im Moment noch nicht klar ausmachen, aber die Schatten der Vergangenheit holen mich derzeit mal wieder ein. Und das in ziemlich rasantem Tempo.

Angefangen hatte alles irgendwie mit dem Erzeuger des jugendlichen Mitbewohners, dem ich neulich am Telefon nahegelegt habe, es wäre doch ganz schön, wenn er zumindest hin und wieder auch mal meine Meinung einholen würde. An sich ein recht bescheidener Wunsch, aber mein Hirn hat daraufhin anscheinend die Schublade ehemaliger Liebhaber nicht richtig zugemacht, denn seitdem geistern diese durch mein Leben.

Amor und Psyche

Ich plaudere jetzt mal ein bisschen aus dem sehr persönlichen Beziehungsnähkästchen. Vor recht langer Zeit hatten ein Kollege und ich neben der beruflichen eine, wenn auch kurze, private Beziehung. Das ist jetzt eigentlich nichts Ungewöhnliches, schließlich finden ein Drittel der zwischenmenschlichen Beziehungen ihren Anfang während der Arbeitszeit. Oder eben auf einer der berüchtigten Weihnachtsfeiern.

Nun gehört mein Brötchengeber zu den Unternehmen, die in sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen die Zukunft sehen und so kam es, dass dem Status Ex-Lebensabschnittsgefährte nun auch der des zukünftigen Ex-Kollegen zu Teil wird. Da sind mir dann einige Dinge durch den Kopf gegangen, ihm anscheinend auch, denn prompt leuchtete am Tag nach Bekanntgabe auf meinem Display seine Telefonnummer.

Er: „Ich bin Opa geworden.“ Sie: „Aha. Schön.“ Er: „Wenn ich nächstes Jahr aufhöre, dann kann ich mit Dir wandern gehen.“ Sie (gedanklich): Hä?? Er: „Das hatte ich Dir ja damals versprochen.“ Sie (gedanklich): Echt? Wo war ich denn da? Er: „Du wolltest doch immer diesen Weg gehen.“ Sie: „Ja, Du weißt ja, wann Ferien sind.“ Also, jedenfalls war es ein ganz nettes Gespräch, auch wenn das jetzt hier nicht so aussieht, und wir haben neben ein paar Neuigkeiten auch die Handynummern ausgetauscht. Ja, ich weiß. Sagt nix!

Prompt kamen dann später auch die Opa-Bilder. Leider hatte ich meinen Part der Abmachung, im Gegenzug Bergbilder zu schicken, vergessen. Wobei ich da noch ein Hühnchen mit meinem Unterbewusstsein zu rupfen habe, wie mir scheint, denn normalerweise leide ich unter einem Elefantengehirn, das alles abspeichert. Obwohl, das mit dem gemeinsamen Wandern ist mir ja auch entfallen. Am nächsten Tag in der Arbeit landete dann prompt ein dezenter Hinweis per Mail in meinem Postfach. So, und nun kann sich jeder ausmalen, dass der vergangen geglaubte Liebhaber sich gerade ziemlich breit macht in meinen Gedanken und ganz realen Leben.

Das, was mich jedoch am meisten beunruhigt ist, dass ich nun immerzu an den Film „Freunde mit gewissen Vorzügen“ denken muss. Nur, keiner meiner Schatten ist Justin Timberlake. Bei weitem nicht. Ok, ich bin auch nicht Mila Kunis, aber das Anziehendste an dem heutigen Opa ist seine Stimme. Die ist ziemlich sexy. Der Rest, na ja. Da gab es andere. In solchen Momenten verfluche ich das menschliche Erinnerungsvermögen und das Internet. Ganz ehrlich. Früher hätte man gegrübelt und vielleicht bei Freunden ganz vorsichtig mal nachgehorcht, aber heutzutage tippt man den Namen einfach in die Suchmaschine und schon landet das Antlitz des Ex auf dem Bildschirm. Ich weiß, selbst schuld.

Meine ganz große Liebe, der berühmte Deckel zum Topf, breitet heutzutage doch tatsächlich sein ganzes Leben für jeden sichtbar im sozialen Netzwerk aus. Schwanke gerade noch, ob das egozentrisch und exhibitionistisch veranlagtes Eingebildetsein oder einfach nur doof ist. Und wo sich das Karussell in meinem Kopf schon mal in Bewegung gesetzt hatte, ist mir da gleich noch eine andere verflossene Schattengestalt erschienen. Meine Jugendliebe glänzte beim letzten Klassentreffen mit Abwesenheit, von daher wurde das Netz um Auskunft gebeten. Ich war echt schockiert, also bin schockiert: Was man ja als blind verliebter Teenager nicht glauben möchte, aber irgendwann sieht der unwiderstehliche Jüngling, für den man all die pubertären Streitigkeiten vom Zaun gebrochen hat, seinem Vater (trifft wahrscheinlich auch im Falle von weiblichen Jugendlieben und ihren Müttern zu) verdammt ähnlich und dann ist man doch ziemlich froh, dass der Held vergangener Tage mit seinem Pferd weiter gezogen ist beziehungsweise man ihm die Sporen gegeben hat.

Stellt sich die Frage, was nun? Und wie werde ich die Schatten los? Mein Hirn scheint in Bezug auf die Vergangenheit da ähnlich einer defekten Schallplatte (die älteren meiner Leser werden sich erinnern) immer wieder an einer Stelle hängen zu bleiben. Vielleicht hat ja jemand einen guten Tipp, wie man die Endlosschleife abschalten kann.

Eure Kerstin