Wenn das Leben drückt

Vor ein paar Tagen waren der jugendliche Mitbewohner und ich beim Schuhkauf. Im Gegensatz zu meinen Füßen wachsen die des Nachwuchses nämlich noch. Nicht zu knapp. Und daher gehört der Schuhkauf eher zu den regelmäßig sich wiederholenden, notwendigen Übeln als den Genussmomenten im Tagesablauf. Vor allem wenn es um Sportschuhe für den Schulsportunterricht geht und nicht um trendige Sneaker, mit denen man vor den Freunden Staat machen kann. Auch deshalb, weil die Geldgeberin nicht bereit ist, für Schuhe, die einmal pro Woche für 1,5 Stunden getragen werden, den Rest des Monats bei trocken Brot und Wasser zu darben.

Also wurde, als wir vor den schier endlosen Regalen mit Modellen in allen nur erdenklichen Farben und Ausführungen standen, die Ansage getätigt: „Denk dran, die sind nur für den Sportunterricht, also bitte nicht mehr als €100.“ Der jugendliche Mitbewohner lässt seinen Blick schweifen und bleibt an einem Modell hängen, das er schon mehrmals in verschiedenen Größen getragen und für gut befunden hat. Die wären gut. Prima, denke ich, das ging ja schnell. Einverstanden. Seine Größe ist zwar nicht da, aber der freundliche Verkäufer hat das Damenmodell passend da. Perfekt und man kann beim besten Willen den Unterschied zwischen der weiblichen und männlichen Variante nicht erkennen, wenn es denn überhaupt eine gibt.

Tja, leider kommt man zu dem Schluss, dass der Schuh nicht steif genug ist und eher ein richtiger Hallenschuh benötigt wird. Schade, da geht der schnelle und problemlose Einkauf dahin. Also gut, gehen wir auf die andere Seite des Regals. Schließlich sind wir extra in das erste Sportgeschäft am Platze gegangen, um nicht nur zwischen Streifen und Raubtieren entscheiden zu müssen.

Die Marke der Handballer hat es ihm angetan, wobei gleichzeitig betont wird, dass die Füße eigentlich dafür zu schmal seien. „Ja, dann macht es ja keinen Sinn“. Doch mein Einwand wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert, denn ich muss ihn noch dreimal wiederholen, bevor man sich anderen Optionen zuwenden kann. Der Verkäufer und ich preisen verschiedene Paare an. Einmal ist es die falsche, sprich uncoole, Marke, dann nicht die richtige Farbe (zu viel weiß/grün/blau etc.) oder: „Nein, mit denen habe ich mir meine Fersen kaputt gemacht.“ Ach wirklich? Davon höre ich heute zum ersten Mal. Und so geht es weiter. Der noch immer freundliche Verkäufer und ich tauschen vielsagende Blicke aus.

Irgendwann kommt der Vorschlag der Generation Minecraft, dass wir ja welche im Internet kaufen könnten. „Also, ich bestelle jetzt nicht 10 Paare, um am Ende dann vielleicht zufällig ein passendes zu finden“, entgegne ich und denke: Nur über meine Leiche. Wer holt und bringt denn die Pakete von/zur Post, die nur zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten geöffnet ist?

Der eine oder andere ahnt es schon. Nichts passte zu den Füßen und den Anforderungen ständiger pubertierender Stimmungsschwankungen. Sichtlich genervt von der Woche als Mutter, kam dann abends beim Sport die Erleuchtung als die Yogalehrerin das Thema der Stunde wie folgt erklärte: „In letzter Zeit sprechen mich viele an, dass ihr Leben irgendwie nicht passt.“

Stolperstein

Da wurde es mir schlagartig klar: Das Leben drückt. Immer mal wieder. Wie ein Schuh. Die Druckstellen tun weh und lassen einen missmutig werden und schlechte Laune entwickeln. Jeder Schritt schmerzt, wenn der Schuh zu klein ist. Ebenso wie das Leben, wenn es zu eng ist. Und ebenso wie mein Leben oft und an vielen Stellen blaue Flecken hinterlässt, so passt auch das sich wandelnde Leben des jugendlichen Mitbewohners nicht mehr in die Hülle des Kindes und noch nicht in die des Erwachsenen. Auf der Suche nach dem Platz im Leben, muss man viele Schuhe probieren, bis das eine Paar dabei ist, mit dem man durch das Leben oder auch nur durch den Sportunterricht laufen kann, ohne ständig ins Stolpern zu geraten.

Eure Kerstin

Tag 14: Stolpersteine

Tag 14Als Kind/Jugendliche bestand mein Lebensziel darin, Kinder zu haben. Ganz klassisch eben. Etwas später, als ich beruflich mit Kindern zu tun und auch schon die eine oder andere enttäuschte Liebe hinter mit hatte, erschienen mir Kinder eher hinderlich und ein neues Lebensziel war geboren: Die Welt sehen und Karriere machen. Tja, und dann war ich irgendwann plötzlich schwanger und stolperte in ein anderes Leben. Und hin und wieder ertappe ich mich noch heute dabei, dass ich über mein Leben stolpere, wenn der jugendliche Mitbewohner und meine eigenen Lebensziele sich irgendwie mal wieder auf den entgegensetzten Seiten der Weltkugel zu befinden scheinen.

Aber oft sind es eben die Kinder, welche zu Stolpersteinen werden, wenn man als Mutter beruflich weiterkommen oder auch einfach nur akzeptiert werden möchte. Niemand bewundert die Mutter, die es schafft, morgens ein oder mehrere Kinder mit Frühstück und Brotzeit zu versorgen und rechtzeitig zum Kindergarten zu bringen oder zur Schule zu schicken, um dann selbst frisch und voller Tatendrang pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. Wenn sie sich aber verspätet, dann hagelt es Blicke: ‚Ist wohl etwas überfordert mit ihren Aufgaben und dem Nachwuchs. Hat es irgendwie nicht im Griff. Schlecht organisiert.’ Wenn aber der Vater mal die morgendliche Routine übernimmt und dann verspätet zum Meeting erscheint, wird ihm anerkennend auf die Schulter geschlagen: ‚Was für ein toller Vater. Kümmert sich um den Nachwuchs, wie vorbildlich. Kann ja mal passieren.’ Wie kann es nur sein, dass sich seit meiner Kindheit nichts geändert hat an der klassischen Sichtweise, frage ich mich?

Unlängst erhielten alle Teilnehmer bei einem Seminar einen kleinen Stein, auf dem „Stolperstein“ geschrieben stand. Jedes Mal, wenn wir mit einem Projekt, einen Vorhaben oder einer Idee nicht weiter kämen, sollten wir den Stein nehmen und uns vor Augen führen, was uns zum Stolpern brachte. Meine Kollegin und Freundin meinte damals, dass sie es sich im Grunde gar nicht zu sagen traue, aber ihr Stolperstein seien die Kinder. Nämlich immer dann, wenn sie in der Arbeit noch etwas zu Ende machen wolle, aber die Kinder bereits auf dem Weg nach Hause wären, oder morgens aufgrund der Querelen zuhause sich selbst nicht rechtzeitig fertig machen können.

Da wusste ich, dass es dazu gehört, zu stolpern: Über Lebensziele, die scheitern oder erfolgreich sind oder immer mal wieder neu definiert werden. Und den Rest kriegen wir auch noch hin.

 

Na, dann bis morgen, Kerstin