Zeitreisen in die Vergangenheit: Zeitenwechsel

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an, eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat und wie wir nie werden wollten. Es ist Silvester 1999. Der Jahrtausendwechsel steht kurz bevor. In unserem Urlaubsresort wird das Galadinner serviert und alle, selbst die Angestellten, sind in ausgelassener Stimmung.

Mein Freund trägt einen dunklen Anzug, der seine Attraktivität noch unterstreicht, ich das Kleid aus Spitze und Seide, welches wir vor einer gefühlten Ewigkeit bei einem unserer Spontantrips in einer sündhaft teuren Boutique am Ostseestrand erstanden haben. Nur mit einer Kreditkarte und dem Cabrio waren wir mitten in der Nacht losgezogen, hatten am Strand engumschlungen dem Sonnenaufgang entgegengeblinzelt und dann abends ausgelassen getanzt, gefeiert und uns geliebt. Damals, als ich seine spontanen Gefühlsschwankungen noch aufregend fand. Konnte das wirklich alles erst ein paar Monate her sein?

Trotz afrikanischen, winterlich warmer Temperaturen ist es für mein Trägerkleidchen etwas zu kühl, oder liegt das an unser beider etwas unterkühlten Stimmung, und so kuschele ich mich in den hellgrauen, fast weißen Angora Bolero, der später Massen an Flusen auf seinem Anzug hinterlassen und für so viel Unmut sorgen wird, dass beide Seiten schmollend und bedrückt dem Jahreswechsel und der Zukunft entgegensehen.

Ein Jahr, das mehr Stoff geliefert hat, als man eigentlich bereit ist zu ertragen, geht zu Ende. Und auch gerade deswegen leisten wir uns diesen Urlaub, ja sind beinahe schon geflüchtet vor den Ereignissen, die wir daheim zurückgelassen haben. Während wir versuchen, die Stimmung nicht vollends kippen zu lassen, drehen sich meine Gedanken im Kreis.

Ein neues Millennium. Wie aufregend, ein Teil davon sein zu können. Mittendrin in der Aufbruchstimmung. Doch für uns scheint es kein Zurück aus diesem Gefängnis, welches jeder für sich und seine Gedanken und Gefühle gebaut hat, zu geben. Genauso wenig scheint ein Ausweg möglich. Dachten wir doch, wir könnten der Zeit entkommen anstatt ihr entgegenzutreten. Wäre dann nicht alles noch gut? Wäre ich dann nicht noch glücklich mit dem Mann mit gegenüber und an meiner Seite? Direkt vor mir. Das Glück zum Greifen nah. Im Grunde hatte ich es schon in den Händen.

Unser Tischgespräch schleppt sich mühsam dahin. Immer wieder schaue ich verstohlen auf die Uhr. Aus Angespanntheit, wohlwissend, dass mit dem Glockenschlag keine Erlösung eintritt, ich dann aber endlich und getrost ins Bett gehen könnte, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf und Erholung zu finden. Nicht daran denken zu müssen, dass er nach der Diagnose manisch-depressiv, auf dem Fensterbrett mit frei baumelnden Beinen gedroht hatte, zu springen, wenn ich ihn nicht lieben würde. Nicht daran denken zu müssen, dass der eigene Vater einen von sich stößt, weil man nun mal die Tochter der eigenen Frau ist. Nicht daran denken zu müssen, dass die Mutter dem Leben nichts mehr entgegen zu setzen hatte und ihre Sucht der einzige Weg war, dem allen zu entkommen.

Wir sitzen an unserem Tisch. Mein Freund und ich schweigen uns an. Nicht wie eines dieser Pärchen, das sich nichts mehr zu sagen hat, sondern weil wir wissen, dass schon lange vor dem Jahreswechsel ein unaufhaltsamer Zeitenwechsel begonnen hat, in dem ein Wir keine Zukunft hat.

Was von der achten Rauhnacht (1. Januar) übrigbleibt – August 2017

Der Januar als erster Monat des Jahres, ein Sinnbild für den Neuanfang. Ein neues Jahr, eine Fülle an Möglichkeiten und Chancen. Der August als das Pendant im Rauhnächtekalender, auch dieser steht im Zeichen der Fülle. Und das hat er absolut erfüllt. Eine Fülle an Eindrücken, Erlebnissen und Entdeckungen. So viel, dass ich noch immer den Wind, das Wetter und die Sonne in mir spüre.  

 Und natürlich auf das fast schon obligatorische Gipfelglücksbild.

 zGipfel

Der September und der Herbst sind mittlerweile schon ein ganzes Stück eingezogen, Zeit, ein bisschen in sich reinzuhorchen und inne zu halten. Bin gespannt, welche Weg meine Intuition gehen wird.

 

Eure Kerstin