Von wegen Kindergeburtstag

Wenn man von einer Aufgabe oder einem Vorhaben als Kindergeburtstag spricht, drückt man für gemein hin die damit verbundene geringe Anstrengung aus. Tut es sozusagen als leicht und mit links zu bewältigen ab. Ja, betrachtet den Aufwand bisweilen sogar so abschätzig, dass es diesen scheinbar gar nicht wert ist. Quasi aus der unbeschwerten Sicht eines Kindes.

Doch wer schon mal einen Kindergeburtstag ausgerichtet hat, weiß, dass dies bei weitem keine leichte Sache ist, die man so eben mal aus dem Ärmel schüttelt. Mit simplem Topfschlagen und Blinde-Kuh-Spiel ist der Meute der Kinder und deren Helikoptereltern heutzutage nicht mehr bei zu kommen. Auch hier geht es um das immer mehr, immer ausgefallener, um das noch größere Event. Als Mutter des jugendlichen Mitbewohners habe ich da so meine leidvollen Erfahrungen gemacht, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs.

Schon der erste Geburtstag war ein Highlight, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in Disneyland wahrscheinlich mehr Spaß hatte als der Dreikäsehoch. Aber das ist sehr subjektiv, denn das Ankuscheln an die plüschigen Disneyhelden unterließ ich aus Anstandsgründen, während das Geburtstagskind dies ganz ungeniert und aus vollen Halse lachend genoss. So wurde im nächsten Jahr gleich nochmals Disneyland besucht, vor allem, weil die Mama so viel Spaß hatte.

Geburtstag Nummer drei war etwas gemäßigter in den eigenen vier Wänden unter dem Motto Piratenparty. Deko, Musik und Spiele abgestimmt und als Krönung eine Pinata, dessen Beute logischerweise keines der Kinder entern konnte, da schlicht und ergreifend Kraft und Ausdauer fehlten. Irgendwann erbarmte sich eines der größeren, älteren Geschwisterkinder und hieb wild um sich schlagend auf die Schatzkiste, zum Glück kein Pony oder dergleichen ein, während die anwesenden Mütter ihre Kinder vor der Attacke in Sicherheit brachten.

Der vierte Geburtstag fand dann aufgrund ungenügenden Versicherungsschutzes und diverser familiärer Angelegenheiten ohne große Feier statt. Doch beim fünften Geburtstag haben wir wieder mitgemischt, diesmal eine Cowboy und Indianer Party. Das Wohnzimmer wurde entkernt, sprich nahezu alle Möbel in andere Räume verfrachtet, und dafür ein Zelt aufgestellt. Aus meinem Elternhaus habe ich seinerzeit sogar ein Rehfell und den Büffelschädel, der im Treppenhaus hing, geholt und bei mir installiert. Und nein, mein Vater ist weder Klein- noch Großwildjäger. Die Schatzsuche war eine Art Rallye. Die Kinder mussten dazu Steine in Form von in Papier gewickelten Telefonbüchern – keine Ahnung, wo ich damals die Menge ergattert hatte – erspielen, um damit den reißenden Strom, den Gehweg zum Garten, überqueren. Der Spaß, der mich voller Vorfreude auf diesen die kiloschweren Druckerzeugnisse schleppten und verpacken ließ, hielt sich in Grenzen. Der Schatz wurde innerhalb von Sekunden durch einen mutigen Sprung ins kühle Nass, den Gehweg, gehoben. Keine Ahnung, warum nur ich diese Phantasiewelt gesehen habe. Am Ende waren wohl alle froh, dass dieses unrealistische Possenspiel vorüber war.

So richtig ins Zeug gelegt habe ich mich dann für den sechsten Ehrentag. Piraten und andere Helden meiner Kindheit waren verpönt, die Zukunft hielt Einzug und das in Form einer Weltraumparty. Es muss wohl die Zeit der neueren Star Wars Filme gewesen sein, denn das Kind hatte einen Stormtrouperanzug und war der Faszination der unendlichen Weiten erlegen. Allerdings sind diese in einer Drei-Zimmer-Wohnung recht begrenzt, wenn man mal vom Kinderzimmer absieht, in dem Dinge einfach verschwinden und wenn überhaupt erst nach Lichtjahren wieder in die Umlaufbahn zurückkehren. Nun, das Wohnzimmer wurde diesmal einfach in die Kulisse mit eingebaut. Das Sofa war das Raumschiff, auf dem die Kinder wie Astronauten mit dem Rücken auf der Sitzfläche und mit hochgestreckten Füßen lagen. Der Raum wurde mit Laken, Tüchern und Folie abgetrennt. Die Einstiegsluke zum Raumschiff war ein kleiner Tritthocker. Vom Raumschiff führte eine Luftschleuse, eine von diesen Kriechröhren, auf den „Planeten“. Dort war eine Station, unser taupefarbenes Notfallzelt, aufgebaut und allerlei außerirdische Dinge, Fischernetz, Lichterkette, Wattebauschen etc., bevölkern Boden, Wand und Decke. Die Fenster waren mit Postern von Galaxien und Sternen beklebt, so dass es ziemlich schummrig war. Zum Glück war der Begriff der Knutschecke noch ohne Bedeutung für die Weltraumeroberer. Ich glaube mich erinnern zu können, dass allen vom ständigen Starten und Landen der Rakete flau im Magen wurde und man kurzerhand das Kinderzimmer ansteuerte, das am Ende einem Schlachtfeld glich. Die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen und zur Erde war dann mit viel Aufräumarbeit verbunden.

Inzwischen kann von Kindergeburtstag eigentlich nicht mehr die Rede sein und man möchte meinen, dass mit zunehmender Eigenständigkeit der Kinder der Aufwand in gleichem Maße abnimmt. Doch wenn heute eine Party ansteht, dann wünsche ich mir manchmal das damalige Chaos zurück. Nicht nur, dass ich zur frühmorgendlicher Stunde die Horde der Pubertiere zur Ruhe anhalten muss, nein, morgens wird dann ein Frühstück wie im Fünf-Sterne-Hotel erwartet, das ich frisch und munter auf den Tisch bringen darf, während sich die übernächtigten Gäste aus der Höhle des Kinderzimmers, welches genauso einladend aussieht wie riecht, schleppen. Die mühsam erlernte Sprache scheint dabei ebenso gänzlich im unendlichen Raum des Internets verschwunden zu sein wie der Geruchssinn, denn eine Büffelherde ist nichts dagegen.

Ist man dem Schicksal der zu veranstalteten Feier durch Verlagerung nach auswärts entkommen, ist die Freude allerdings nur von kurzer Dauer. Denn dann sitze ich am Küchentisch und hoffe, dass das Kind unbeschadet und nüchtern und selbständig nach Hause kommt, keinen Ärger mit der Obrigkeit verursacht und nicht in irgendwelchen Ärger hineingerät, vor der Geisterstunde daheim ist und den Geist aus der Flasche nicht zu sehr intus hat.

Wenn man also etwas als Kindergeburtstag bezeichnet, dann kann man das nur aus der Warte des Geburtstagskindes tun. Ach ja, und da wir gerade dabei sind, die nächste Feier verlegen wir wieder nach Disneyland, denn aus dem Alter, Anstand als Grund für irgendetwas anzuführen, bin ich jetzt dann bald raus.

Kindergeburtstag

Eure Kerstin

Rien ne va plus – drittes Kapitel

Monopoly

Nichts geht mehr. Das ist nun eher im übertragenen Sinne gemeint und so natürlich nicht ganz richtig. Denn irgendwas geht immer. Und anders sowieso. Aber der Titel passte so schön in die Reihe „Von nichts kommt nichts“ und das Motto Glückspiele.

Und ein persönlicher Blog ist ja fast immer ein Glückspiel. Mal läuft es gut, mal nicht so. Die Persönlichkeit bestimmt das Ergebnis. Dazu möchte ich gern Kafka zitieren: „Verbiege es nicht. Verwässere es nicht. Versuche nicht, es logisch zu machen. Ändere deine Seele nicht nach der Mode. Folge vielmehr gnadenlos deiner stärksten Obsession.“

Und in dem Punkt sind Spielbesessene und ich uns sehr ähnlich. Wenn uns erst mal eine Leidenschaft gepackt hat, dann lassen wir so schnell nicht locker. Und genau das mache ich jetzt. Also eigentlich mache ich das ja schon seit gut 2 ½ Jahren hier. Der Blog-Workshop, den ich vor einer Woche besucht habe (siehe auch Kapitel 1 und 2), hat meine Zweifel zwar nicht so ganz ausgeräumt, aber mich auch nicht so dermaßen demotiviert, dass ich nun einfach aufgebe.

Von daher probiere ich nun einfach mal ein bisschen was aus. Zum Beispiel habe ich mein Theme geändert. Ist noch nicht hundert Prozent ideal, aber immerhin ein Anfang. Was sagt Ihr dazu?

Und dann habe ich mir sagen lassen, dass man um Social Media nicht mehr herum kommt. Also gut, auch das probiere ich aus. Ergo musste eine Facebook-Seite her. Ich habe zwar leider noch keinen blassen Schimmer, was ich damit so alles machen kann/soll/muss, aber jedenfalls gibt es diese nun. Wer mal nachschauen möchte hier geht’s lang: https://www.facebook.com/alltagseinsichten

Ein erstes Zwischenziel, denke ich, wäre damit erreicht, wenn nicht sogar gewonnen. Die Galoschen des Glücks passen wunderbar und bei Los geht’s los. Glückspiel hin oder her.

 

Eure Kerstin

Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.

Toy Story – Spiel des Lebens

Leseecke„Was war Ihr Lieblingsspielzeug als Kind? Sehen Sie eine Verbindung zu Ihrem jetzigen Leben?“

Hier muss ich wirklich meine grauen Zellen aktivieren. Ist gefühlt schon eine (sehr) lange Zeit her, dass ich aus dem Kinderspielzeugalter raus bin. Wobei, Spielen ist ja im Grunde ein zeitloses Vergnügen und ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich voller Begeisterung Lego-Schlösser baue – vielleicht sogar mit noch mehr Enthusiasmus als so manches Kind. Mag eventuell auch daran liegen, dass Kinder heutzutage einfach ein Übermaß an Spielzeug zur Auswahl haben und sich so nie lange und ausgiebig mit nur einer Sache beschäftigen müssen. Bei mir war das noch etwas anders.

Meine Legosteine lagerten in einer dieser großen Waschmitteltonnen, die es damals gab und welche von meiner Mutter mit Folie beklebt wurde. Beim Suchen nach den passenden Steinen wurde diese dann hin und her gewälzt. Stundenlang musste meine Umwelt das schabende Geräusch der aneinanderstoßenden Plastikteile ertragen. Neben Legosteinen war ich ein großer Fan von Bauklötzen und in Kombination ließen sich gewaltige, wenn auch nicht architektonisch anspruchsvolle Gebilde erschaffen. Architekt oder etwas in der Richtung stand trotzdem nie auf der Wunschliste, wenngleich ich gern schöne Bauwerke aller Art betrachte und immer die Einrichtung anderer Leute unter die Lupe nehme. Dies könnte aber auch als Neugier durchgehen.

Ganz klar, da ich ein Mädchen bin, gehörten Puppen zur Standardausstattung. Die erste Puppe, die ich geschenkt bekam, war eine Babypuppe mit weichem Körper und Schmollmund. Brummi genannt, wie ich damals. Der Legende nach habe ich als Kleinkind gern ebenso geschmollt und daher meine Eltern dazu veranlasst, dieser Marotte mit einem Spiegelbild Abhilfe zu verschaffen. Hat funktioniert, würde ich sagen. Ich bin ein von Grund auf freundliches Wesen und kann Leute mit schlechter Laune schwer ertragen. Allerdings entdecke ich im Laufe der Jahre immer mehr Falten in meinem Gesicht, die mich stark an das grimmige Aussehen von Brummi erinnern. Hoffentlich eigne ich mir mit zunehmendem  Alter also nicht auch die andere Eigenschaft an und werde zum Griesgram. Des weiteren gehörten zwei dunkelhäutige Puppen zu meinem Hofstaat, was Anfang/Mitte der 70er Jahre mit Sicherheit recht ungewöhnlich war, was sicherlich an dem sozialen Gedankengut meiner Mutter lag. Ist  mir ja schon bei meiner Namensnachforschung aufgefallen. Heute kann ich von mir behaupten, dass ich anpassungsfähig und ein weltoffener Mensch bin. Ich liebe fremde Länder und Kulturen und lasse mich gern auf Menschen aller Couleur ein.

Ach ja, einen Monchichi hatte ich auch. Dass es die noch gibt, kann ich mir schwerlich vorstellen. Jedenfalls was das so eine Art Kreuzung zwischen Menschenbaby und Affe und/oder Bär. Lange Wimpern, blaue Augen und Sommersprossen, glaube ich. Einer der Daumen war zu einem Schnuller mutiert, den der Monchichi in den Mund nehmen konnte. Schlabberiger Körper mit kurzen Beinen und langen Armen, braunes Fell und auf dem Kopf ein kleiner Fellbüschel, der mit einer Schleife zum Zopf gebunden wurde. Das war die Mädchenversion. Jungs kamen ohne Schleife. Oha, wenn ich so darüber nachdenke, klingt das eher nach Dr. Frankenstein als nach kindlich gerechten Spielzeug. Wahrscheinlich daher meine Abneigung gegenüber Horrorfilmen.

Barbies, klar, hatte ich auch. Nach der Puppenphase. Genauer gesagt, eine sonnenstudiogebräunte, blonde Schönheit, eine mit langen, dunklen Haaren, eine Dunkelhäutige, ja auch hier wieder der Einfluss meiner Mutter, der ich kurzerhand die Haare schnitt, weil es einfach besser zu ihr passte, ein Kind und natürlich Ken. Sozusagen, Ken und seine drei Frauen. Wem das Kind gehörte und ob es Ken’s Tochter war, ist nicht so ganz klar gewesen. Ihn habe ich mal über Nacht auf der Heizung vergessen, danach waren seine Füße leicht verformt und von da an musste er ohne Schuhe leben, da diese ihm nicht mehr passten. Erklärt sicher mein etwas gestörtes Verhältnis zum männlichen Teil der Menschheit.

Lesen und Gesellschaftsspiele gehören zwar nicht so sehr in die Kategorie Spielzeug, zählen aber nach wie vor zu meinen liebsten Beschäftigungen und Vergnügungen. Bei Letzterem hatte mein Vater die Angewohnheit, mich grundsätzlich nicht gewinnen zu lassen, nur weil ich ein Kind war. Jeden Sieg, den ich errungen habe, war ein ehrlicher Sieg. Ich habe gekämpft und nicht aufgegeben. Eine wunderbare Lehre, die mir im Laufe meines Lebens viel Kraft und Willen verliehen hat.

Welches nun mein Lieblingsspielzeug war, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich erinnere mich allerdings sehr genau daran, dass ich immer gern auch mit Autos gespielt habe und mir  – zumindestens eine Zeit lang – nichts sehnlicher gewünscht habe als ein Go-Cart. Einer meiner Kindergartenfreunde hatte eines, während ich „nur“ ein Fahrrad besaß. Mann, wie war ich eifersüchtig und neidisch. Immer ist er damit wie irre über den Hof gesaust, hat Kurven gedreht und Vollbremsungen hingelegt. Offensichtlich was das selbst meiner feministisch angehauchten Mutter zu viel des Guten, denn dieser Wunsch blieb mir verwehrt. Dafür kann ich mich heutzutage für schicke und vor allem schnelle Autos begeistern. Vorausgesetzt, ich bin der Fahrer.

Wie gesagt, die Begeisterung für Dinge ändert sich mit der Zeit und ich bin vielmehr der Ansicht, dass es zu jeder Phase ein Spielzeug gibt, welches das Spielzeug ist. Was bleibt, ist die Erinnerung, Kind zu sein und sich in selbsterschaffenen, fantastischen Welten zu verlieren, die nur den eigenen Regeln folgen. Die beste Vorbereitung auf das Spiel des Lebens. Und dann liegt es an uns selbst, was wir daraus machen.

Eure Kerstin

Theorie des Urknalls

Ich glaube, den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, kennen wir alle. Irgendwann ist einfach der Punkt erreicht, bei dem man förmlich platzt. Nach dem Motto: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Ich bezeichne das als meine Theorie des Urknalls. Und vielleicht hatte das Universum ja auch irgendwann von dem Zustand des „Nichts“ genug und ist eben geplatzt.. Ok, ist jetzt nicht wirklich wissenschaftlich fundiert, aber wäre zumindestens menschlich.

Und so fing alles an (dazu muss ich ein bisschen ausholen): Vor einiger Zeit gab es bei einer typischen Frauenzeitschrift ein etwas anderes Kartenspiel als Beigabe. Es hieß irgendwas wie: „Glücklich in 30 Tagen“, oder so ähnlich. Das Kartendeck besteht aus je zehn Karten, die in die drei Kategorien: „Power, Sinn und Wohlfühlen“ eingeteilt sind und jeden Tag sollte man eine Karte ziehen und sich dann damit beschäftigen. Da ich zeitweise zu den Jägern und Sammlern gehöre, habe ich das Spiel erst mal aufgehoben.

Etwa zur selben Zeit hatte ich eine intensive Brieffreundschaft, bei wir einander die tollsten Geschichten geschrieben haben, wobei jeder am Ende seiner Geschichte dem anderen immer eine Frage gestellt hat, zu der dann der andere eine Geschichte erzählen musste. Irgendwann hat meine Brieffreundschaft sich immer mehr zurückgezogen – für mich ohne direkt ersichtlichen Grund.

Und mit diesem kleinen Exkurs wieder zurück zum Geschehen und direkt an den Punkt, an dem bei innerlich der Pegel langsam aber stetig anstieg, denn egal, mit welcher Geschichte ich das Postfach gefüllt habe und egal, wie provokant ich dabei war, die Reaktion blieb aus oder fiel so allgemein und nichtssagend aus, dass ich gleichzeitig traurig ob des drohenden Verlustes und wütend war. Da kam mir das Kartendeck wieder in Erinnerung und ich dachte mir: „Hm, vielleicht probiere ich mal etwas Neues. Vielleicht ist dieses Frage-/Antwortspiel ausgespielt und wir brauchen ein neues Spiel.“

Gesagt, getan. Dachte ich jedenfalls. Ich hatte einen tollen Plan: Ich ziehe die Karte während meine Brieffreundschaft die Kategorie bestimmt. Dann hat jeder einen Monat Zeit, die „Aufgabe“ in eine Story umzusetzen. Also, ich fand das spannend und konnte es kaum erwarten. Nicht so mein Gegenüber. Die erste Reaktion war ziemlich neutral: „Ja, wenn Du möchtest, ich mache mit.“ Kein: „Tolle Idee, das machen wir!“ oder „Das ist ja mal was ganz Anderes. Lass es uns probieren!“ Gut, ich weiß, dass es schwarz auf weiß immer anders ankommt, als man sich das oft ausmalt und jeder seinen aktuellen Gefühlszustand hinein interpretiert. Also, vielleicht habe ich es einfach falsch verstanden, aber so wollte ich das Ganze nicht machen. Zum Glück zwingen bringt eben auch nichts.

Da ich ein nachgiebiger und verständnisvoller Charakter bin, ist meine Schmerzgrenze relativ hoch. „Ok, war eventuell der falsche Zeitpunkt. Versuchen wir es ein andermal.“ So blieb das Kartenspiel erst mal weiter im Karton, aber die Idee hatte sich bei mir ziemlich festgesetzt. Und so kam es denn, dass ich den Urknall förmlich selbst produziert habe: Einerseits aus Frust, dass jemand im Grunde so feige ist, nicht mit der Wahrheit rauszurücken, obwohl man nur schriftlichen Kontakt hat. Was kann schon passieren, als dass die Freundschaft zerbricht, was sie auf Grund von der Selbstextraktion sowieso getan hat? Ist ja nicht wie bei Harry Potter, wo die Post einen anschreit. Was wäre wohl aus all den literarischen Brieffreundschaften der letzen hundert und mehr Jahre geworden, wenn einer der Schreiber sich so verhalten hätte? Sei es, wie es ist. Wie gesagt, in andere hineinschauen kann man nun mal nicht. Zweiter Verursacher, der für das Überlaufens verantwortlich war: Meine Neugier. Ob mir wohl zu jeder Karte etwas einfallen würde? Was konnten da wohl für Fragen/Aufgaben – ich weiß nicht, was – drauf stehen? Wird man wirklich gücklich(er) mit so was?

Die Antworten und die Entstehung des „Glücksuniversums“ gibt es beim nächsten Mal.

Eure Kerstin