aufgetankt und losgelassen – die Freizeitfrage

Neben Büchern mein Nummer eins Luxusgut. Denn die Zeit, die wir haben, kommt nicht mehr zurück. Es gibt immer nur das Hier und Jetzt. Doppeltes Glück, da ich einen Partner an meiner Seite habe, der dahingehend genauso tickt.

Dass Erlebnisse auf der Glücksskala ganz weit oben stehen, ist sicherlich jedem klar. Und das absolut Fantastische an ihnen ist, dass es ist im Rückblick auch völlig egal ist, ob diese im Moment des Geschehens positiv oder sogar so richtig mies negativ sind. Irgendwann wird aus dem Campingtrip, bei dem das Zelt erst von Krabbeltieren befallen und dann unter Wasser stand, eine Geschichte, über die man lacht und die man gerne weitererzählt. Mehrmals im Laufe seines Lebens. Mit ein paar Schuhen, die ein absoluter Fehlkauf waren, passiert so etwas nicht.

Jedes Erleben bereichert und prägt, während der Besitz materieller Dinge die Freiheit raubt, uns einengt und sogar zu vermehrtem Stress führen kann. Nachzulesen bei James Wallmann „Stuffocation“. Darin schreibt er so treffend: „Erinnerungen leben länger als Träume.“ Ganz besonders gilt das bei Träumen nach materiellen Dingen. Und Robert Wringham („Ich bin raus“) ergänzt diese Aussage noch: „Der Mensch ist nicht die Summe der Dinge, die er besitzt.“

2017 hat Freizeit im Sinne von draußen sein für mich einen ungleich höheren Stellenwert als die Jahre zuvor, denn in meinem Rauhnächteorakel war und ist genau das meine Aufgabe für dieses Jahr – die Natur draußen genießen. Wer meine Reihe „Was von den Rauhnächten übrigbleibt“ mitverfolgt, der mag den Eindruck haben, dass ich immerzu wie wild von einem Gipfel zum anderen stürme. Es gibt aber auch die wirklichen Naherholungsoasen. Wie ein Spaziergang durch die Stadt. Oder mit einer Decke zur nächsten Wiese ziehen und die Hasen am Waldrand beobachten. Oder eine Matratze in den Garten legen und den Wolken einen Namen geben. Wobei der Garten, gilt für Terrasse und Balkon gleichermaßen, an sich ja schon die Auszeit garantiert.

Es sind also meist die kleinen Dinge, die glücklich machen. Das spontane Kaffeetrinken mit der Freundin genauso wie Spieleabend mit dem Nachwuchs, wenn ich mal wieder eine Glückssträhne habe und der Gegenspieler es nicht glauben kann. Herrlich, natürlich auch, wenn das Blatt sich gegen mich wendet. Wie heißt es doch so schön: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Gerade, wenn die Gedanken an morgen und die Zukunft von Verunsicherung geprägt sind, ist es wichtig, sich auf den Moment zu besinnen. Die Seele baumeln lassen, runterkommen und ankommen. Das klappt gegenüber letztem Jahr schon viel besser und viel öfter. Auch wenn ich mir das auf die Fahne beziehungsweise den Rauhnächtewunschzettel schreiben musste, damit es regelmäßig an die Gedankenoberfläche gespült wird.

Insofern ist für mich jeder ausgegebene Cent bare Münze und es reut mich kein bisschen, dass die Kosten für meine freie Zeit, die mir gehört, seit Januar (inkl. Urlaub) um beinahe fünfzig Prozent gestiegen sind. Sie liegen damit in etwa auf einer Höhe mit den Lebenshaltungskosten an dritter Stelle meiner Ausgaben.

Schon mal von dem Buch/Film „Brewster’s Millions“ gehört? Darin muss der Held (das Buch stammt im Übrigen aus dem Jahre 1902!)) eine Millionen Dollar binnen eines Jahres ausgehen, um das ihm vermachte Vermögen zu erben. Und zwar so, dass er am Ende physisch nichts vorzuweisen hat. Na, klingelst? Yep, genau. Ich habe natürlich keine Millionen und das mit dem Erben habe ich gründlich vermasselt – anderes Thema. Aber, wenn mich das Leben genauso viel kostet wie das Erleben, dann würde ich sagen, alles richtig gemacht und der Jackpot gehört mir.

Was sich in dem einen Jahr noch so getan hat, darum geht es beim nächsten Mal. Also, dann action!

Eure Kerstin

P.S.: Noch ein Wort zu oben erwähnten Buch „Brewster’s Millions“: Interessanterweise wurden in den 1920ern in den USA wesentlich mehr Güter produziert als verkauft. Der Markt war gesättigt. Dies führte zu der Diskussion, weniger produzieren und dafür mehr Freizeit, oder den Verbrauch sprich Verkauf ankurbeln. Das Ergebnis kennen wir alle. Die Hand dafür ins Feuer legen, dass heute die Entscheidung eine andere wäre, würde ich allerdings nicht. 

Jede Reise hat einen Grund

Wo ich schon einmal mit dem Thema Reisen angefangen habe, liegt es nahe, dort anzuschließen. So der Plan.

Hütte des Glücks

Reisen ist ja wirklich toll und macht unendlich Spaß. Und „Zuhause ist es nicht immer am schönsten“, so zumindest das Motto einer Hotelkette. Die Deutschen sind ja bekanntlich Reiseweltmeister, aber ich glaube, dass das irgendwie mit unserem urzeitlichen Nomadentum zusammenhängt. Allerdings, so der heutige Anspruch, wenn wir schon unsere Komfortzone verlassen, dann bitte soll die auch genau so und 1:1 an unserem Reiseziel sein. Schließlich nehmen wir ja schon die beschwerlichen Reisestrapazen auf uns. Mehr kann man wirklich nicht von uns verlangen. Ja, wir sind nicht nur Weltmeister im Reisen, sondern auch im schlecht reden/machen und beschweren.

Leider fehlt mir dafür die geeignete Erklärung, woran das liegen könnte. Irgendwie kann ich es auch nicht nachvollziehen. Irgendetwas Positives lässt sich doch im Grunde jeder Situation abgewinnen, oder? Perfekt finde ich mitunter ziemlich langweilig. Ich meine, mein ganzer Alltag ist so gesehen durchgetaktet und perfektioniert, da sollte ich doch in meiner Freizeit froh um jedes unerwartete Ereignis sein. Endlich kann ich mal unter Beweis stellen, dass ich zu Recht die Krone der Schöpfung trage. Also die Spezies Mensch, nicht ich allein, falls jemand das falsch auffasst. Das können die Deutschen ja auch bisweilen recht gut.

Beim Reisen fällt mir Verzicht am schwersten, dafür macht es einfach so viel Spaß. Also, damit ich meine ich nicht den Komfort auf Reisen, sondern das Weltenbummeln an sich. Wobei. Letztes Jahr fand der Sommerurlaub direkt vor der Haus- bzw. Terrassentür statt, denn nachdem der jugendliche Mitbewohner mal wieder so eine Null-Bock-Einstellung hatte, sind wir einfach da geblieben, wo wir hingehören, obwohl ich den Verweigerer gern mal dahin schicken würde, wo der Pfeffer wächst, aber das ist eine andere Geschichte.

Alles frei nach dem Motto der ortsansässigen Wellness-Oase: „Warum denn in die Ferne schweifen, das Gute liegt Sauna“. Wir Deutschen haben schon einen komischen Humor, findet Ihr nicht?

Daheim

Am Ende fanden wir beide, es war eine gute Entscheidung. Während der Nachwuchs surfen war an der Costa del Web, habe ich einen Kreativkurs gemacht (die Wohnzimmerwand gestrichen, Entspannungsmalen/Mandalas), am Fitnessprogramm teilgenommen (Schwimmen im Badeweiher und Freibad, Radausflug in die Stadt und über Land, Rundlauf auf dem Trimm-Dich-Pfad) und mich gebildet (Lektüre und Telekolleg).

Und all-inclusive war es auch, denn das „gesparte“ Geld wurde dazu genutzt, um jeden Tag in einer anderen Restauration des örtlichen und umliegenden Gastronomieangebotes zu speisen. Das waren nahezu perfekte 2 ½ Wochen, denn die Zeit gehörte mir. Gut, nun war das Wetter natürlich ebenso perfekt. Jeden Tag Sonne von morgens bis abends. Bei Dauerregen hätte ich unter Umständen vielleicht doch noch die Koffer gepackt und wäre in ferne Gefilde geflüchtet.

Das gute, entschleunigte Leben hängt also nicht von Freizeit und Urlaub ab. Sondern davon, ob ich Herr über meine eigene Zeit bin und Dinge mache, die mir wichtig sind. Klar, wenn sich beides kombinieren lässt, um so besser. Von daher sind mir die Urlaube am liebsten, bei denen ich mit jedem Schritt mehr bei mir bin und das im sprichwörtlichen Sinne, denn „zu Fuß hält die Seele Schritt“ (im Übrigen ein ganz wunderbares Lesebuch für alle, die gern auf Schusters Rappen unterwegs sind oder davon träumen).

Reisen

Das war nicht immer so und wird mit Sicherheit auch nicht immer das Non-Plus-Ultra sein. Jede Reise hat einen Grund. Wichtig ist nur, diesen zu kennen. Für Leute, die ihr Gehalt als Schmerzensgeld empfinden ist jede Anschaffung ein Trostpflaster und somit eine Ersatzbefriedigung. Das kann keine noch so exotische und kostspielige Reise leisten.

Manche Reisen – oftmals die spannendsten – finden im Kopf statt. Daher geht es im nächsten Beitrag um Bücher.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

Küchenphilosophie

Vorwort: Vor ein paar Tagen, beim Werkeln in der Küche, habe ich die Geschichte von den drei Sieben des Sokrates im Radio gehört, in der Sokrates jemandem, der ihm etwas erzählen möchte, fragt, ob er dies zuvor durch die drei Siebe gesiebt habe. Das erste ist die Wahrheit. Das zweite die Güte. Das dritte die Notwendigkeit. Am Ende spricht Sokrates: „Wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so laß es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit“.

Auch wenn es so aussieht, als ob ich, mal abgesehen von meinen Tatortbeiträgen, derzeit nur faul am Küchentisch sitze und den Himmel betrachte, war ich die letzten Wochen nicht untätig. Trotz Schreiburlaub und Fastenzeit (hierzu später mehr).

Mein Buchbilanz beläuft sich auf stolze acht Exemplare. Daneben ist meine Nähmaschine wieder zum Vorschein gekommen, da ich kürzlich einen ganz tollen (neuen) Stoff- und Wollladen entdeckt habe. Zum Glück wurde meine neue Liebe durch den Budgetverantwortlichen unter meinen Schutzengel nicht zum (Geld)-Börsencrash. Dann habe ich noch Socken gestrickt und einen Pulli, den ich nach der Hälfte wieder aufgeribbelt habe und nun in eine Jacke umwandle. Und zu guter Letzt habe ich mich dann, weil ich ja noch nicht genug zu tun habe/hatte, für einen Französischkurs angemeldet. Hauptsächlich, um dem jugendlichen Mitbewohner zu zeigen, dass man sich Wissen selbst aneignen muss und es einem nicht einfach in den Schoß fällt.

Also, Urlaub ist was anderes, wenn ich das nun so betrachte. Und da komme ich dann wieder auf das Fasten zurück. Heutzutage gibt es ja neben den Klassikern wie Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol usw. ganz andere Dinge. Online-Abstinenz zum Beispiel. Dahingehend waren die letzten Wochen recht ernüchternd für mich. Denn meinen Blog betreibe ich seit Mitte 2013. Das macht in etwa gute 900 Tage mit 145 – 146, wenn ich diesen hier mitrechne – Beiträgen. Also im Schnitt alle sechs Tage einer. Mal mehr mal weniger.

Ich stehe da ja immer auf dem Standpunkt: Weniger ist mehr und Qualität statt Masse, obwohl ich meine Mit-Blogger, die ein weitaus höheres Pensum vorlegen, absolut bewundere. Ich schaffe das gerade mal für dreißig Tage. Danach brauche ich dann aber auch fünf Wochen Blog-Urlaub, wie man unlängst gesehen hat.

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich mir in letzter Zeit immer wieder die Frage gestellt habe, ob es für mich und die Welt da draußen noch Sinn macht, meinen Blog weiter zu betreiben. Klar, in erster Linie mache ich das für mich und weil es Spaß macht. Doch meine damaligen Beweggründe, diesen Abschnitt meines Lebens zu starten, sind mittlerweile null und nichtig und meist beschleicht mich auch das Gefühl, dass ich wirklich nur für mich schreibe und niemand so recht etwas mit meinen Küchenweisheiten anfangen kann.

Das soll keine Anklage gegen meine Leser und/oder Besucher sein, aber wenn die Kochrezepte, die ich auf dem Blog der Buchgesellschaft poste, mehr Gefällt-mir-Sternchen einheimsen als meine gedanklichen Einsichten, dann stelle ich mir durchaus die Frage, ob meinen Themen lediglich das Sieb der Wahrheit überstehen, darüber hinaus aber nicht einfach nicht gut, unwichtig und unnötig sind. Dann sollte ich unter Umständen in Erwägung ziehen, aktiv zu fasten. Und zwar Worte.

Nun ist aber Sokrates höchst wahrscheinlich weder als Philosoph geboren worden noch ist die Weisheit auch sicherlich nicht vom Himmel gefallen. Und ich schaue wirklich oft in den Himmel. Dem jugendlichen Mitbewohner habe ich das ja auch schon versucht klar zu machen. Gut, die Zeiten ändern sich, denn selbst Schnee ist da dieser Tage schwer auszumachen, aber das ist führt hier nun doch zu weit.

Also, ich werde jedenfalls nun an einem Workshop zum Bloggen teilnehmen und dann entscheiden, ob meine Küchenweisheiten die anderen Siebe auch passieren und vielleicht doch noch ein Küchenphilosoph aus mir wird.

 

Eure Kerstin

Tag 6: Erinnerungsvermögen, die Zukunft und unsinnige Wünsche

Tag 6„Wünschen kann man sich viel/alles“, das predige ich zumindest in regelmäßigen Abständen meinem jugendlichen Mitbewohner, wenn die Wünsche mal wieder größer als Ostern und Weihnachten zusammen sind. Oder schlichtweg Unsinn. Wohlgemerkt ist das nur meine Meinung. Irgendwie hoffe ich dann zuweilen auch immer, dass der Wunsch von einem noch unsinnigeren abgelöst wird, oder vergessen. Wo doch so ziemlich viel vergessen wird, wenn der Tag lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt ist.

In solchen Momenten versuche ich es gern auch mal mit Einfühlungsvermögen. Hatte ich auch so unsinnige Wünsche? Also, aus Sicht meiner Eltern wohlgemerkt. Was hatte ich überhaupt für Wünsche?

Sicherlich mehr als ein Leben hergibt. Ist sogar recht wahrscheinlich. Die meisten scheine auch ich vergessen zu haben, weil die Tage lang und das Erinnerungsvermögen begrenzt war. Und mit zunehmendem Alter nimmt es dann auch wieder ab. Die ersten Anzeichen kriege ich jeden Tag serviert, wenn der jugendliche Mitbewohner Stein und Bein behauptet, dass ich ihm irgendeinen unsinnigen Wunsch versprochen habe, während bei mir da eher ein ziemlich eindeutiges das-habe-ich-nie-im-Leben-so-gesagt erscheint. Aber gut, decken wir den Mantel des Schweigens auf diese unsinnige, zu nichts führende Endlosdiskussion.

Es ist natürlich nicht so, dass ich wunschlos glücklich bin. Bei Weitem nicht. Luft nach oben ist immer. Das weiß auch schon mein jugendlicher Mitbewohner, wenn er eine drei nach Hause bringt und ich dies nicht gleich als grandiosen Erfolg im Kalender markiere. Aber als zufrieden, so im Großen und Ganzen, würde ich mich schon bezeichnen. Klar, es zwickt mal hier (die Knie, der Rücken, was halt so zwicken kann) und es zwickt mal da (auf der Guthabenseite – sowohl beim Bankauszug als auch auf der Waage). Von so was lasse ich mich selten unterkriegen.

Aber soll das wirklich alles sein? Zufrieden. Das ist doch allerhöchstens eine drei. Ein Befriedigend. Richtig. Jede Menge Luft nach oben. Und in meinem Luftschloss sehe ich mich durch die Welt wandern. Das klingt jetzt so ein bisschen nach Aussteiger, Hippie oder Verweigerer. Aber so in etwa ist das wirklich mein Wunsch für die Zukunft. Meine Zukunft.

Angefangen hat alles mit einer Reportage über den Appalachian Trail, die ich zufällig im Winter 2010, hoffentlich lässt mich da mein Erinnerungsvermögen nicht im Stich, gesehen habe. Da wusste ich sofort: ‚Das machst Du!’ Seither habe ich unzählige Berichte gelesen und verfolge auch im Internet den einen oder anderen auf seinem Weg (siehe auch „Wo ich gerne lese“). Aber eigentlich hat es noch viel früher angefangen.

Vor bald sechszehn Jahren habe ich während einer schweren Zeit einen mittelalterlichen Roman über den Jakobsweg nach Santiago di Compostela gelesen. Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wie das Buch und/oder der Autor hieß (Erinnerungsvermögen), aber ich war absolut gefesselt. Damals dachte ich auch: ‚Das machst Du. Das hilft Dir, die Perspektive wieder gerade zu rücken. Neustart. Nach vorne schauen.’ Leider fehlte mir die Reife und ein gewisses Maß an Urvertrauen. Ja, so würde ich das heute sehen. Manch einer würde sagen: Angst. Ja, so kann man es auch nennen. Die Angst war größer als der Traum.

Wie gesagt, leider fehlte mir der Mut. Damals. Bereuen tue ich es trotzdem noch immer. Heute hätte ich die Reife und die richtige Einstellung. Aber heute würde ich den Pilgerweg nicht mehr gehen wollen. Zu voll. Zu viele Menschen. Das ist nicht (mehr) mein Ding.

Mit dem „neuen“ Wunsch soll mir das nicht passieren. Seither sage ich mir immer wieder: ‚Das machst Du! Je nachdem, was zuerst passiert: Der jugendliche Mitbewohner zieht aus, oder ich gehe in Rente. Dann packst Du Deinen Rucksack und bist weg. Sechs Monate lang. Aussteigen.’ Angst habe ich keine mehr. Der Wunsch ist größer als die Angst. Nur, dass ich am Ende nicht mehr zurück will, ist so meine Befürchtung. Von da an ein Vagabundendasein führe. Aber schließlich ist es ja meine Zukunft und da kann ich wünschen, was ich will. Egal, wie unsinnig das erscheinen mag.

Ich weiß, die Frage, warum so lange warten, ist berechtigt. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Kleiner Exkurs: Ich habe mich da eben an ein Lied mit Vagabund erinnert und musste dann gleich danach suchen. Herrje, ich bin wirklich alt. „Der lachende Vagabund“ ist aus dem Jahre 1958 und ich kann mich erinnern, dass das Lied in meiner Kindheit im Radio lief. Als wäre es gestern gewesen. Gut, schnell wieder zurück…. Ich werde ja nicht jünger/fitter. Und der Trail immer beliebter. Gerade wurde er auch noch verfilmt. Aber so groß der Wunsch auch sein mag, als Zigeuner durch die Welt zu reisen, ich bin mir ebenso meiner Verantwortung bewusst. Und das Planen und Träumen ist auch ganz schön. Und wenn es mich zu sehr zwickt, dann mache ich eine Wochenendtour. Das hilft bei der Perspektive: ‚Welch unsinnigen Wunschgedanken hast Du nur wieder gehabt, bei dem Wetter eine solche Tour zu starten.’ Und dem Erinnerungsvermögen: ‚Stimmt, so einen Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr.’

Na, dann bis morgen, Kerstin

Hilflosigkeit

Karte Nr. 23: „Sie fühlen sich geborgen: Sammeln Sie Berührungen und Zärtlichkeiten. Umarmen Sie Ihre Freunde, halten Sie Händchen, berühren Sie die Kollegen zustimmend an der Schulter. Oder gönnen Sie sich eine Massage.“

Kann ich hier eigentlich auch nach einem Joker fragen? Bin mir nicht sicher, ob das in den Spielregeln für dieses Kartenspiel vorgesehen ist.

Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, um die Aufgabe zu erfüllen. Berührungen, Zärtlichkeiten und in den Arm nehmen waren im Grunde kein Problem. Doch Geborgenheit: Fehlanzeige.

Und dabei liegt es mir eigentlich, Geborgenheit zu verbreiten. Bin ich doch jemand, der sich für alles und jeden begeistern kann. Es bedarf wenig, um mein Mitgefühl zu erlangen. Ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich mir oftmals als Kummerkasten meiner Umwelt vorkomme. Wahrscheinlich ziehe ich solche Dinge magisch an. Ähnlich der Lampe, um die die Mücken und Käfer kreisen. Gut, das ist jetzt nicht so der beste Vergleich, aber vom Bild her passt es.

Dabei sollte es mich doch glücklich machen, zumindest zufrieden, dass andere meinen Rat suchen und mich um Hilfe bitten. Warum also fühle ich mich nicht geborgen? Hilflosigkeit. Das wäre eher der Zustand, den ich empfinde.

Wobei wir wieder bei dem Joker wären, den ich gern einsetzen würde. Einfach den Zug mit einer blanken Karte, die für alles stehen kann, überspringen. Oder den schwarzen Peter weiterreichen. Doch an wen? Fehlt mir doch der zweite Spieler in diesem Spiel. Und genau das scheint mir oft das Problem zu sein: Auf meine Ratlosigkeit fehlen mir die Antworten.

Und so ich tappe immerzu in einem nebulösen Zustand herum. Es bleibt mir also nur, zu hoffen, dass eines Tages eine sanfte Brise die Schleier hinweg weht. Vielleicht ist aber auch ein Sturm, der alles zum Wanken bringt. Bis dahin werde ich freizügig und selbstlos weiterhin Umarmungen austeilen. In der Hoffnung, dass diese sich nicht irgendwann in eine Zwangsjacke verwandeln.

NebelDie letzte Wohlfühlkarte hat leider eher nicht zum Wohlfühlen beigetragen. Mal sehen, was in der Kategorie Power noch alles auf mich zukommt. Vier Karten verbleiben. Das wird ein aktiver Sommer. Karte Nr. 24: „Lassen Sie neue Menschen in Ihr Leben: Organisieren Sie ein Kennenlern-Essen: Laden Sie Ihre Freunde ein- und jeder darf jemanden mitbringen, den die anderen noch nie getroffen haben.“ Oha. Das wird entweder fantastisch oder eine Katastrophe. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

 

Eure Kerstin

 

 

Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.

Seelenfutter

Karte Nr. 11: “Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereitet Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen.

Um es vorweg zu sagen: Nein, ich habe nicht zugenommen. Nur damit aus der Welt ist, bevor ich hier weiter mache. Und um die Wahrheit zu sagen, hatte ich sogar einige Schwierigkeiten mit dem Schlemmerpart. Nicht, weil Fastenzeit ist. Ich bin weiß Gott kein religiöser Mensch. So gesehen, habe ich in den letzten zwei, drei Jahren sogar in abgewandelter Form gefastet. Süßigkeiten zum Beispiel. Ich meine, es war letztes Jahr, als ich auf Fleisch und Süßigkeiten verzichtet habe. So zumindestens die Idee. Allerdings habe ich nach einer stressüberlasteten Arbeitswoche das mit den Süßigkeiten auf ein anderes Mal verschoben. Ohne Fleisch bis Ostern war dagegen kein so großes Problem wie ich anfangs meinte. Ein paar Tage vor Ostern war ich zum Essen im Steakhaus. Zuerst habe ich gezögert und dachte mir dann: „Ach, was soll’s. Wer weiß, wann ich wieder zu einem perfekt gegrillten Steak komme.“ Allerdings war ich ein bisschen enttäuscht. Ich hätte erwartet, dass ich so ein Aha-Erlebnis serviert bekomme. Nach dem Motto: „Wow, das schmeckt so teuflisch gut!“ Aber nichts dergleichen. Zyniker werden vielleicht nun sagen: „Tja, hättest Du mal bis Ostern gewartet.“ Aber, wie gesagt, um den religiösen Aspekt ging es mir dabei ja gar nicht. So, dieses Jahr mache ich also gar nichts. Süßigkeiten, Fleisch, egal, ich esse alles. Vielleicht wieder im nächsten Jahr.

Zurück zur Aufgabe: Meine größte Herausforderung ist, dass ich es nicht besonders mag, zu kochen, ohne zu wissen, dass jemand die damit verbundene Arbeit und Hingabe zu schätzen weiß. Allein in der Küche stehen, ist auch eher Pflicht denn Vergnügen. Und ich finde, Leidenschaft und Lust gehören zur Essenszubereitung einfach mit dazu, um aus einem Mahl Futter für die Seele werden zu lassen. Von daher fällt die Essensaufnahme in letzter Zeit eher unter notgedrungenes Übel und ich schenke ihr nicht allzu große Aufmerksamkeit. Weder beim Einkaufen noch beim Essen. Eigentlich schade, denn ich koche im Grunde ganz gern. Vielmehr läuft es eher so ab: Mal sehen, was Kühlschrank, Gefrierfach und Vorratsschrank so zu bieten haben und was sich daraus machen lässt. Und wie es aussieht, war genau das mein Ansatz bei dieser Karte. Hier also meine Dokumentation:

FrühstückFrühstück: Ich gebe zu, es sieht etwas ungewöhnlich, wenn nicht sogar ekelig aus, ist aber richtig lecker und erinnert mich ganz stark an meine Kindheit. Ein Sandkuchensandwich. Man nehme ein Schwarzbrot – Graubrot geht auch – mit Nuß-Nougat-Creme bestreichen und oben drauf ein Stück Sandkuchen. Marmorkuchen geht auch. So fängt der Tag gut an, eignet sich aber auch für fast jede andere Tageszeit.

 

MittagessenMittagessen: Weder gesund noch nahrhaft, keine Frage. Aber das war ja nicht der Sinn der Sache, wenn ich die Aufgabe richtig gedeutet habe. Mikrowellengemüse mit Kräuterbutter und eine Coke.

 

 

 

ZwischenmahlzeitNachmittag: Oh, fast hätte ich vergessen, ein Foto zu machen. Ursprünglich waren es vier Quarkbällchen. Aber die sind sooo klein. Und leicht. Und zart. Passt super zu Kaffee und/oder Tee. Oder als Nachtisch. Nur teilen ist manchmal nicht so einfach.

 

 

AbendessenAbendessen: Gebratene Barbarieentenbrust mit Mango. Ich liebe es. Die Kombination der krossen Ente mit der Süße der Mango. Unvergleichlich! Unwiderstehlich!

 

 

 

MitternachtssnackMitternachtssnack: Nachos mit Guacamole. Selbstgemacht. Die Guacamole, nicht die Nachos. Das Beste daran ist, dass man nie so genau weiß, wie es wird. Diesmal ziemlich scharf. Schätze, ich war etwas zu großzügig mit dem Tabasco.

 

 

Abschließendes Fazit: Wenigstens wurde die Vorgabe von fünf Portionen Obst und Gemüse eingehalten.

Dieser Monat verging fast wie im Fluge. Ich kann beinahe gar nicht glauben, dass eine neue Karte darauf wartet, gezogen zu werden. Diesmal Kategorie Sinn. „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“ Oh, oh, das wird lustig. Und das meine ich eher im sarkastischen Sinne. Da weiß ich gleich gar nicht, wen ich zuerst anrufen soll. Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal neues Seelenfutter. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin