Vertauschte Rollen

Karte Nr. 21: „Sie sehen das Positive: Machen Sie einem Menschen ein Kompliment oder loben Sie jemanden, der es verdient hat. Sie werden erkennen, es tut Ihnen beiden gut.“

Wer aufgepasst hat, wird es bemerkt haben. Richtig, es sind zwei Monate seit der letzten Glückskarte vergangen. Ehrlich gesagt, war ich einfach nicht in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen und kurz davor, aufzugeben. Das mag jetzt etwas lächerlich klingen. Schließlich ging es ja „nur“ darum, jemandem ein Kompliment zu machen. Also dachte ich: Okay, versuche es weiter. Vielleicht kommt der richtige Zeitpunkt noch. Aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Nun ist es nicht etwa so, dass ich niemanden kennen würde, der kein Kompliment und/oder Lob verdient hätte. Aber irgendwie stecke ich da gerade in einer Krise und wenn ich nun die Aufgabe einfach nur mache, um sie als erledigt abhaken zu können, würde es wohl am Ziel vorbeigehen. Abwege vom Pfad des „Suchen und Finden des Glücks“. Was also tun? Die Karte ans Ende stellen und nochmals als letzte heraus holen? Sicherlich würde sie dann in meinem Hinterkopf immer herum geistern und langsam zu einem übergroßen Problemgeist heranwachsen. Der Gedanke, aufzugeben, schien sehr verlockend. Zu meiner bereits recht depressiven und gedrückten Stimmung gesellte sich eine hübsche Grippe, die ich aufgrund der Arbeitslast nicht richtig auskurieren konnte. Noch immer habe ich das Gefühl, dass mein Körper nach einer Auszeit förmlich schreit, um sich erholen zu können. Aber: Ich will mich nicht beschweren. Ich habe jede Menge Menschen, die mein Lob verdienen. Familie, Freunde, Kollegen. Eine ganze Reihe von guten Seelen, die mich unterstützen, aufbauen und verstehen. Wen also sollte ich auswählen? Würde ein einfaches „Danke, dass Du für mich da bist“ reichen, um den Effekt der Karte zu erzielen?

Ich werde das Ganze hier abkürzen. Während der letzten Wochen waren meine Freunde wahre Seelenretter. Sie versuchten, meine Stimmung zu heben, mich zu motivieren, mir zu helfen. Sie haben mir und meinen ständigen Beschwerden zugehört, so dass ich mich verstanden und besser gefühlt habe. Geachtet und beachtet. Es hat mir geholfen, nicht in Selbstzweifel zu ertrinken und aufzugeben. Sie haben mir gut gemeinte Ratschläge und Zuspruch erteilt. Und ich habe immer auf die eine oder andere Weise Danke für Deine Hilfe“ gesagt. Und genau so funktionierte die Aufgabe. Lediglich mit vertauschten Rollen und mit mir als Empfänger der Glückskarte.

Karte Nr. 22 (wie beschlossen, arbeite ich erst die noch verbliebenen Wohlfühlkarten ab): „Sie sehen das große Ganze: Zoomen Sie sich in Gedanken ein Stück von der Erde weg. Blicken Sie dann auf Ihre Alltagssorgen hinunter – die scheinen jetzt winzig klein zu sein.“ Hört sich nach einem guten Plan an. Na dann: Los geht’s! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Seelenfutter

Karte Nr. 11: “Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereitet Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen.

Um es vorweg zu sagen: Nein, ich habe nicht zugenommen. Nur damit aus der Welt ist, bevor ich hier weiter mache. Und um die Wahrheit zu sagen, hatte ich sogar einige Schwierigkeiten mit dem Schlemmerpart. Nicht, weil Fastenzeit ist. Ich bin weiß Gott kein religiöser Mensch. So gesehen, habe ich in den letzten zwei, drei Jahren sogar in abgewandelter Form gefastet. Süßigkeiten zum Beispiel. Ich meine, es war letztes Jahr, als ich auf Fleisch und Süßigkeiten verzichtet habe. So zumindestens die Idee. Allerdings habe ich nach einer stressüberlasteten Arbeitswoche das mit den Süßigkeiten auf ein anderes Mal verschoben. Ohne Fleisch bis Ostern war dagegen kein so großes Problem wie ich anfangs meinte. Ein paar Tage vor Ostern war ich zum Essen im Steakhaus. Zuerst habe ich gezögert und dachte mir dann: „Ach, was soll’s. Wer weiß, wann ich wieder zu einem perfekt gegrillten Steak komme.“ Allerdings war ich ein bisschen enttäuscht. Ich hätte erwartet, dass ich so ein Aha-Erlebnis serviert bekomme. Nach dem Motto: „Wow, das schmeckt so teuflisch gut!“ Aber nichts dergleichen. Zyniker werden vielleicht nun sagen: „Tja, hättest Du mal bis Ostern gewartet.“ Aber, wie gesagt, um den religiösen Aspekt ging es mir dabei ja gar nicht. So, dieses Jahr mache ich also gar nichts. Süßigkeiten, Fleisch, egal, ich esse alles. Vielleicht wieder im nächsten Jahr.

Zurück zur Aufgabe: Meine größte Herausforderung ist, dass ich es nicht besonders mag, zu kochen, ohne zu wissen, dass jemand die damit verbundene Arbeit und Hingabe zu schätzen weiß. Allein in der Küche stehen, ist auch eher Pflicht denn Vergnügen. Und ich finde, Leidenschaft und Lust gehören zur Essenszubereitung einfach mit dazu, um aus einem Mahl Futter für die Seele werden zu lassen. Von daher fällt die Essensaufnahme in letzter Zeit eher unter notgedrungenes Übel und ich schenke ihr nicht allzu große Aufmerksamkeit. Weder beim Einkaufen noch beim Essen. Eigentlich schade, denn ich koche im Grunde ganz gern. Vielmehr läuft es eher so ab: Mal sehen, was Kühlschrank, Gefrierfach und Vorratsschrank so zu bieten haben und was sich daraus machen lässt. Und wie es aussieht, war genau das mein Ansatz bei dieser Karte. Hier also meine Dokumentation:

FrühstückFrühstück: Ich gebe zu, es sieht etwas ungewöhnlich, wenn nicht sogar ekelig aus, ist aber richtig lecker und erinnert mich ganz stark an meine Kindheit. Ein Sandkuchensandwich. Man nehme ein Schwarzbrot – Graubrot geht auch – mit Nuß-Nougat-Creme bestreichen und oben drauf ein Stück Sandkuchen. Marmorkuchen geht auch. So fängt der Tag gut an, eignet sich aber auch für fast jede andere Tageszeit.

 

MittagessenMittagessen: Weder gesund noch nahrhaft, keine Frage. Aber das war ja nicht der Sinn der Sache, wenn ich die Aufgabe richtig gedeutet habe. Mikrowellengemüse mit Kräuterbutter und eine Coke.

 

 

 

ZwischenmahlzeitNachmittag: Oh, fast hätte ich vergessen, ein Foto zu machen. Ursprünglich waren es vier Quarkbällchen. Aber die sind sooo klein. Und leicht. Und zart. Passt super zu Kaffee und/oder Tee. Oder als Nachtisch. Nur teilen ist manchmal nicht so einfach.

 

 

AbendessenAbendessen: Gebratene Barbarieentenbrust mit Mango. Ich liebe es. Die Kombination der krossen Ente mit der Süße der Mango. Unvergleichlich! Unwiderstehlich!

 

 

 

MitternachtssnackMitternachtssnack: Nachos mit Guacamole. Selbstgemacht. Die Guacamole, nicht die Nachos. Das Beste daran ist, dass man nie so genau weiß, wie es wird. Diesmal ziemlich scharf. Schätze, ich war etwas zu großzügig mit dem Tabasco.

 

 

Abschließendes Fazit: Wenigstens wurde die Vorgabe von fünf Portionen Obst und Gemüse eingehalten.

Dieser Monat verging fast wie im Fluge. Ich kann beinahe gar nicht glauben, dass eine neue Karte darauf wartet, gezogen zu werden. Diesmal Kategorie Sinn. „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“ Oh, oh, das wird lustig. Und das meine ich eher im sarkastischen Sinne. Da weiß ich gleich gar nicht, wen ich zuerst anrufen soll. Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal neues Seelenfutter. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tag der Abrechnung – Wie man sich mehr Raum verschafft

Etwas über einen Monat ist es her, dass ich Karte Nr. 8 gezogen habe: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“

Seitdem war ich schwer mit Aufräumen beschäftigt. Und wie. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Was mir dabei alles in die Hände gefallen ist, kann unter „Wie man sich mehr Raum verschafft“ nachgelesen werden. Habe ich nun mehr Platz? Sicherlich. Ebenso sicher werde ich meine Augen weiterhin offen halten, um erstens weiter das Gerümpel in Schach zu halten und zweitens erst gar nicht mehr so viel Schnickschnack anzuhäufen. Soweit der Plan.

Habe ich auch mehr Platz für meine Seele? Hm, fraglich. Denken wir doch bei Ballast eher an den emotionalen Ballast, die man durch eine simple Aufräumaktion nicht so einfach los wird. Das Problem mit derartigen Erinnerungsträgern ist auch, dass wir diese bisweilen sogar ganz gut leiden können. Zum Beispiel ein Schal – Geburtstag- oder Jahrestagsgeschenk: Im Grunde tragen wir den Schal gern, weil er kuschelig und schön ist, werden aber auch gleichzeitig an etwas erinnert, das wir gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. Was passiert, wenn wir uns dann doch von dem Gegenstand trennen? Ein Schal lässt sich vielleicht einfacher „verschmerzen“ als vielleicht ein Möbelstück, welches nun auch noch einen leeren Platz hinterlässt, der uns obendrein und zusätzlich an das Fehlen eines solchen erinnert. Also muss unter Umständen ein Ersatz gefunden und angeschafft werden. Wie erfolgreich mag ein solcher Austausch wohl sein? Würde ich nicht automatisch nach etwas dem Original sehr Ähnlichem suchen und mich dann fast schon gezwungener Maßen mit einer unzureichenden Kopie abgeben, die ich dann nur bedingt gut finde? Oder wage ich etwas total Neues? Etwas, was womöglich im ersten Moment überhaupt nicht mein Stil ist.

Und was passiert mit solchen Erinnerungsstücken, die neben dem immateriellen Wert einen tatsächlichen haben? Schmuck – ein Klassiker. Wenn ich diesen verkaufe und mir etwas davon gönne, eine Massage beispielweise, kann ich diese dann auch genießen? Oder ich kaufe ein Gemälde. Muss ich dann beim Betrachten vielleicht ständig daran denken, was den Erwerb möglich gemacht hat?

Das Problem ist, je älter man wird, um so mehr seelischer Ballast häuft sich an, von dem man sich eventuell (noch) nicht bereit ist zu trennen.

Selbstverständlich schaffen wir uns auch selbst Dinge an, die wir mit Erinnerungen belegen. Vielleicht gerade weil es uns seelisch schlecht geht, kaufen wir etwas als Ersatzbefriedigung. Vielleicht eine Kaffeetasse. Kann diese es jemals zur Lieblingstasse schaffen oder fristet sie im hinteren Teil des Schrankes ein ewiges Schattendasein? Was passiert mit Dingen, die aus einem bestimmten Anlass bzw. mit einer gewissen Absicht in unserem Besitz sind? Ein Beispiel: Ich habe mir vor Jahren, aus Freude über eine neue Wohnung, um das Glück noch zu verstärken bzw. zu erhalten, einen sogenannten Lucky Bamboo gekauft. Er hatte Wasser und stand am Fenster. Mehr braucht so ein Glücksbringer eigentlich nicht, wenn ich die Gebrauchsanweisung richtig gelesen habe. Dann aber wurde in meine Wohnung eingebrochen. Ein Anti-Glückfall sozusagen. Wo war der Bambus, möchte ich gern wissen? Im Grunde hätte ich ihn nach dieser Aktion wahrscheinlich kurzerhand rauswerfen sollen. Aber nein, ich habe ihn behalten und seitdem zieht er mit mir durch die Welt. Und das wohl eher, da ich schon fast Angst habe, noch mehr Unglück anzuziehen, sollte ich mich von ihm trennen. Nun aber kommt das Paradoxe: Ich kümmere mich nur sehr nachlässig um die Pflanze, da ich dem grünen Stängel noch immer böse bin wegen des Einbruchs. Heißt das nun, dass ich damit weiteres Unglück herauf beschwöre oder war der Lucky Bamboo am Ende von Anfang an nur ein Unglücksrabe im Schafspelz und ich hätte ihn damals schon zu Kleinholz verarbeiten sollen? Was, wenn nun das Unglück mein ständiger Begleiter ist? Und wenn ja, wie werde ich es los?

Zurück zur Bilanz und dem Tag der Abrechnung für Karte Nr. 8. Neben all den materiellen Dingen habe ich es schließlich doch noch geschafft, etwas Seelensäuberung zu betreiben, bei dem mir der Zufall zu Hilfe kam. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Handy lediglich dafür benutzen, wofür es geschaffen wurde: Zum Telefonieren. Gut, hin und wieder ist auch die eine oder andere SMS dabei. Vielmehr mache ich damit nicht. Von daher besitze ich ein recht altertümliches Modell mit Tasten. Ich habe keine Apps zum Errechnen der perfekten Eierkochzeit und ich kann keine Musik damit hören. Tja, man könnte sagen, ich behandle mein Handy fasr ebenso nachlässig wie den Bambus. Zumindestens sieht es recht mitgenommen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es passt in die Hosentasche ohne diese auszubeulen und in eine kleine Abendhandtasche. Allerdings mangelt es an Eleganz und inzwischen auch Funktionalität. Mit Klebeband wurde unlängst das Display zum Durchhalten bewogen. Die Ecken haben sich schon vor längerer Zeit bei diversen Abstürzen verabschiedet. Und vor kurzem muss die im Gerät eingebaute Antenne einen Knacks abbekommen haben, da ich zusehends und immer öfter nur Notrufe absetzen hätte können. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Christkind hatte Erbarmen oder Mitleid oder Angst um mein Seelenheil und mir großzügigerweise unter den Weihnachtsbaum ein schickes Smartphone gelegt. Während ich die alte SIM-Karte in das neue Handy eingelegt habe, bin ich über meine Kontakte gestolpert. Viele von denen kann ich schon gar nicht mehr als Kontakt bezeichnen, da bereits seit Jahren ein solcher nicht mehr besteht oder auch noch nie bestand, wenn es sich um vom Mobilfunkunternehmen vorinstallierte Nummern handelt. Manch einer war mit drei verschiedenen Handynummern versehen. Andere wiederum wurden mal für berufliche Zwecke benötigt. Und einige haben sich tatsächlich aus meinem Leben verabschiedet oder ich mich aus ihren. Und so habe ich das alte Handy gespendet, obwohl ich glaube, dass selbst Bedürftige mein Angebot ausschlagen werden. Und mit dem alten Handy habe ich mich nun von vielen seit langem überflüssigen und ungenutzten Telefonnummern getrennt. Dabei sind mir jede Menge schöne Erinnerungen durch den Kopf gegangen und ich bei jedem Löschen habe ich einen Abschiedsgruß mit auf den Weg gesandt. Und wen es interessiert: Die Eierkochapp wird auch jetzt nicht bei mir Einzug halten, denn da halte ich es wie Loriot und koche die nach Gefühl oder mit der guten alten Eieruhr.

Bleibt noch die Vorschau auf die neue Aufgabe. Passend zum energiegeladenen Vormonat eine Powerkarte: „Seien Sie mutig. Tun Sie etwas, das Sie Überwindung kostet – gehen Sie zum Beispiel abends allein zum Essen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer Zeitung, sondern beobachten Sie bewusst die Leute. Herausforderungen durchbrechen die Routine und fördern die Lebenslust.“ Na dann, Prosit Neujahr und bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und für den Bambus werde ich einen Freund kaufen. Schließlich ist keiner gern allein. Und vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken.

Spieglein, Spieglein…

Leseecke„Wenn ich in den Spiegel schaue, dann…“

Ich glaube, Frauen und Frauen in meinem Alter im Besonderen, tendieren dazu, diesen Satz negativ zu beenden: Falten, graue Haare, fahle Haut, Pickel, mattes Haar, Augenringe, um nur mal ein paar Dinge zu nennen. Also, ein schwieriges Thema. Schon bei Schneewittchen war der Spiegel der Grund allen Übels. Immer gibt es ein Bild, das schöner/besser ist als wir: Die neue Mitarbeiterin im Team, die Schauspielerin aus dem letzten Film, die Frau uns gegenüber im Bus, die Werbeikone. Doch welches Bild habe ich von mir? Bin ich am Ende selbst die böse Stiefmutter, die ständig ihre Schönheit hinterfragt und ihrer Jugend hinterher trauert?

Es heißt ja immer, Frauen verbringen viel Zeit vor dem Spiegel. Dieses Vorurteil kann ich guten Gewissen so erst mal nicht bestätigen. Klar schaue ich morgens und abends in den Spiegel, aber wirklich sehen tue ich mich nicht. Der Blick zielt meist immer nur Details: Schminke auflegen, Haare frisieren, Zahnseide benutzen, Outfit kontrollieren. Fertig. Selten, dass ich meine Aufmerksamkeit dem Ganzen widme. Oder einen zweiten Blick riskiere. Riskieren ist das richtige Stichwort. Warum ist das eigentlich so? Versuchen wir durch das Nicht-im-Spiegel-Betrachten unser Bild von uns zu konservieren? Ähnlich einem Dorian Grey, der sich verzweifelt an seine jugendliche Schönheit klammert, während sein wahres Ich immer mehr zu einer Fratze wird? Sind wir so von äußeren Einflüssen manipuliert, dass wir an unserem Äußeren nichts Gutes mehr entdecken können?  Schon mal versucht, das eigene Spiegelbild anzulächeln? Ich will nicht behaupten, es ist unmöglich, aber in den meisten Fällen wirkt es doch recht unnatürlich, eigentlich schon gezwungen. Viel einfacher scheint es tatsächlich Grimassen zu ziehen. Würde also auch bedeuten, dass wir uns leichter tun, eine Kunstfigur von uns zu erschaffen, als ohne Maske aufzutreten. Trete wir also mit der Fratze auf, während wir unser wahres Ich verbergen?

Man sagt ja auch, die Augen seien die Spiegel zur Seele. Was bedeutet es also, wenn ich mir schon selbst nicht mehr so richtig in die Augen schaue? Und was sagt dies über meine Beziehung zu anderen aus? Kann ich dann überhaupt noch anderen Menschen in die Auge schauen und sie in meine? Oder ist meine Seele am Ende so verkommen, dass es mir vor meinem eigenen Anblick graut? Was ist aus mir geworden? Der eine oder andere kennt vielleicht folgende Liedzeile: „Now the face that I see in the mirror, more and more is a stranger to me, more and more I can see there’s danger, in becoming what I’ve never thought I’d be.” Werden wir uns vielleicht mit der Zeit immer fremder? Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mein Spiegelbild sehe und mir dann meine Mutter entgegenschaut. Als Kind habe diese Ähnlichkeit nicht wahrgenommen, ja sogar bisweilen ansatzweise verleugnet. Nie konnte ich ihre Züge erkennen. Und nun sind sie da. Unverkennbar. Ob es mir Angst macht? Nein, im Grunde empfinde ich es als beruhigend, zu wissen, dass man sein Erbe mich sich trägt und am Ende vielleicht auch weitergibt.

Und so spiegelt sich in meinem Bild ein ganzes Leben. Zu jedem „Makel“ gibt es eine Geschichte, voll mit Gefühlen und Erlebnissen. Und wenn ich neben all den Fragen genau hinschaue, dann kann ich sagen: Ja, das bin ich und ich bin gut so wie ich bin?

Eure Kerstin