Untiefen

Die Untiefen der menschlichen Seele. Abgründe in ruhiger See.

Misstrauen, Gier, Hass und Gewalt wabern unter der Oberfläche, an der jeder Wellengang kratzt. Ein ganzes Universum für sich.

Je stärker der Wind, der uns entgegenweht, desto mehr tritt zu Tage, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Was wir dem Gegenüber entgegen zu setzen bereit sind und haben.

Je wütender der Sturm uns entgegenbläst, umso unbarmherziger die Untiefen, an denen wir drohen auf Grund zu laufen. Die eigenen Abgründe, die wie Ertrinkende unermüdlich an die Bordwand geworfen werden.

Verzweifeltes Umherirren und mit zerfetzten Segeln Navigieren, um zu retten, was zu retten ist. Steuerlos. Ruderlos. Ziellos.

Unermesslicher Schmerz, der auf den Schaumkronen tanzt. Peitschende Schläge, die sich in die Haut brennen, eine freiliegende, blanke Seele, die an Land gespült wird, zurücklassend.

Spurensuche – Einklang

Die Zeit in den Bergen ist eine andere.

Sie hinterlässt Spuren.

Körperliche.

Wenn die Anstrengung die Grenzen der Leistungsfähigkeit einfordert.

Vor allem aber seelische.

Energiegeladen.

Der Folgetag, geprägt von den Nachwirkungen.

Atmen.

Nachklang des eigenen Rhythmus.

Alle Geräusche scheinen ausgeblendet.

Die Welt, ein stiller und friedlicher Kosmos.

Nichts erschüttert den Geist.

Undurchdringlich.

Der Körper. Durchlässig. Getragen von der Luft und den Elementen.

Unantastbar.

Im Inneren Ruhe.

Einklang.

Das neue Reisen, 8. Etappe: Das Bonuszimmer

img_0365Paradiese sind gemeinhin ja meist und derzeit um ein Vielfaches nahezu unerreichbar und vorzugsweise in weiter Ferne. Das „kleine“ Paradies dagegen findet sich gern mal vor der Haustür in Form eines Balkons oder wie in meinem Fall Gartens.

Ein Luxus, der in diesen Zeiten dem einen oder anderen als unbezahlbar gilt, wenn die eigenen vier Wände mal wieder zu eng werden und der Freiheitsdrang unermesslich. Das Bonuszimmer mit täglich wechselnden Farben. Ein kostenfreier Tapetenwechsel inklusive Frischeluftdusche.

Der eigene Garten, eine Oase vor allem für die Seele. Denn dieser ist immer auch ein Spiegelbild des Besitzers und noch viel mehr der Gesellschaft und der Beziehung des Menschen zur Natur.

Wir kennen alle die streng geometrischen Gärten hochherrschaftlicher Paläste, die sinnbildlich die Macht und Unterordnung der Natur demonstrieren. Erst mit der Aufklärung wurde die Natur im Garten als Gemälde inszeniert, die sich noch immer in den vielfältigen Anlagen in Britannien finden lassen. Nach den beiden Weltkriegen dann war der Garten ein reiner Nutzgarten und diente der Lebensmittelversorgung. Und in den 60er und 70er Jahren beherrschten grüne Rasenflächen und Sandkästen das Bild. Der Wunsch nach möglichst wenig Arbeit verwandelte den Garten in einen Wohngarten. Offene Grundrisse für eine offene Gesellschaft. Doch seit den 80er Jahren rückt zusehends der Wunsch nach einem Einklang mit der Natur in den Vordergrund.

Was also sagt der Garten über einen und das eigene Innenleben sowie das Verhältnis zur Natur aus?

Nun, bei meinem Naturflecken inmitten der Straßenschluchten erkennt das geschulte Auge sogleich, dass das Prinzip der Chaostheorie folgt. Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander an Nutzpflanzen, bunten Insektenimbissen und unzählige Augenweiden. Alles wuchert und wächst, scheinbar ohne Plan entlang der Zaun- und Gehweggrenzen und nur mit dem Ziel, zu wuchern und zu wachsen. Eine völlig durcheinander gewürfelte Seele. Verloren im Strom der Gezeiten.

Doch der Blick bleibt hängen. Jede Pflanze, jede Blume, jeder Strauch, jeder Stein, alles hat seinen Platz, seine Aufgabe. Exoten und Einheimische in trauter Nachbarschaft. Inseln in einem rastlosen Meer einer zerklüfteten Seele.

Der wilde, ungestüme Geist manifestiert sich in Farben, Formen und dem Zusammenspiel. Unendliche Gedankenfreiheit, die sich in den Formationen verfängt. Anker, die einen erden.

Und wie sich der Mensch ändert, so ändert sich der Garten. Ein beständiger Prozess von Entstehen und Vergehen, Aufblühen und Vertrocknen, Neubeginn und Rückzug. Ein Über-Sich-Hinauswachsen ob der Vielfalt an Szenarien, in denen lediglich die eigene Vorstellungskraft die Grenzen des Möglichen bestimmt. Denn das Bonuszimmer als Quelle ist unerschöpflich.

Das neue Reisen, 2. Etappe: Der Fremde in meiner Wohnung

img_0365Schon in dem Moment als ich die Tür aufschließe, weiß ich, dass er wieder da ist. Und so sicher wie das Amen in der Kirche, sitzt der Tod am Küchentisch und liest seelenruhig die Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, die meine Nachbarin mir immer in den Briefkasten steckt.

„War es Dir mal wieder zu laut, zu voll und zu viel Chaos bei Dir?“, frage ich ihn. Er blickt auf und nickt. „Gut, aber bring nicht wieder die ganzen unglücklichen Seelen mit hierher. Die letzten verstecken sich immer noch in den Lampen und lassen sich nicht zum Gehen bewegen. Wenn Du alles bei mir ablädst, dann herrschen hier bald ebensolche Zustände wie bei Dir und Du weißt, das mag ich nicht. Es gibt Regeln und Ordnung.“ „Ok“, kommt es kleinlaut hinter der Zeitung hervor.

Und so vergehen die Tage. Der Tod streift des Nachts umher und geht seinen Geschäften nach, während ich versuche, dem Fremden und seinem Treiben keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.

„Hast Du Sorgen?“, fragt er mich. „Du siehst müde aus.“ „Eins sage ich Dir, wenn Du mir mit einer Deiner Ideen kommst…“, zische ich ihn an. „Ich wollte nur nett sein. Weißt Du, ich koche heute mal“, schlägt der Tod vor. Und so wird auch das zur Routine. Der Tod steht am Herd. Dann räumt er auf.

Und schon bald gibt es kein Entrinnen mehr vor seinem Putz- und Ordnungswahn. „Nimm einen Untersetzer“, sobald ich mich mit der Tasse Tee in der Hand nach einem Platz umsehe. „Das gibt sonst Flecken“, ruft er noch hinterher. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleiche, um seiner Pedanterie zu entgehen. Ja, bisweilen lasse ich sogar bewusst Sachen liegen, trage Dreck herein. Alles erscheint mir fremd und als ob dies nicht meine Wohnung wäre, fühle ich mich plötzlich als Eindringling.

„Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.“ Der Tod umhüllt sich mit Dunkelheit. „Du kannst nicht einfach alles an Dich reißen und meine Ordnung neu ordnen. Mein Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr sicher hier.“

In den folgenden Tagen sehe ich ihn nur selten, doch irgendetwas verändert sich. Ich spüre es, kann es aber nicht fassen. Irgendetwas anderes, neues Fremdes nistet sich ein. Zur Rede gestellt, meint er nur, er würde seine Sachen regeln.

Und dann passiert es: Eines Abends sitze ich auf der Couch und plötzlich schaut die Stehlampe mich an und blendet mir ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick ist der Spuk vorbei und ich denke, dass ich mir das vielleicht eingebildet habe. Doch als ich später aus dem Badezimmer komme, kauert der Tod zitternd unter meinem Bett. „Die Seelen“, flüstert er. Ich beuge mich zu ihn hinunter. „Sie haben einen Weg gefunden.“ Noch immer verstehe ich nicht. Und dann erzählt er, dass er beim Aufräumen wohl etwas unvorsichtig war und nun die Lichter an immer neuen Stellen und unvorhergesehen auftauchen, sich wie Irrlichter durch das Mobiliar fressen. Mal hinter dem Kühlschrank, wenn man ihn öffnet. Dann flammen im Bücherregal Blitze auf und unter der Kommode flackert es. Das Schlüsselloch leuchtet, wenn die Außenbeleuchtung angeht. „Lass uns doch einfach die Lampen alle aus der Wohnung bringen“, schlage ich vor. „Wir haben Kerzen und der Kamin gibt auch Licht.“

Seine Augen funkeln. Er hat verstanden. Der Tod nimmt mich in seine Arme, die Zeit bleibt stehen und die Unendlichkeit beginnt.

 

P.S.: Vielen Dank an die beste aller Freundinnen für die wundervolle Inspiration und an den einfachen Mann, der mich tagtäglich herausfordert, Grenzen in Wege zu verwandeln.

Von Fluchten und Abgründen

In Zeiten innerer Unruhe und großen Zweifelns neige ich zur Selbstverstümmelung. So habe ich es für mich formuliert bzw. einen späteren Freund gegenüber einmal definiert als wir über unsere persönlichen Abgründe gesprochen haben. Und, um es gleich vorweg zu sagen, es hat rein gar nichts mit dem Verhalten, welches normalerweise diesem Begriff zugeschrieben wird, zu tun. Wenn ich von Selbstverstümmelung rede, dann ist das in meinem Fall eine übertriebene Art von etwas recht Banalem zu reden. Also, keine Angst, ich bin absolut nicht gefährdet.

Feuer

Er war im übrigen spielsüchtig, der Freund, was ja so gesehen keine körperlichen Konsequenzen nach sich zieht. Außer vielleicht Hunger, weil man kein Geld für Essen hat. Oder auch Müdigkeit, was dann doch wieder irgendwie körperlicher Natur wäre, aufgrund von Schlafentzug und folglich Konzentrationsschwächen. Nun ja, den Freund gibt es schon seit sehr langer Zeit nicht mehr und ich wünsche ihm nur bedingt alles Gute, da er mich seinerzeit so mir nichts dir nichts gegen eine andere Herzensdame ausgetauscht hat. Trotz der gegenseitigen Vertrautheit, was unsere seelischen Qualen anging. Und vielleicht bin ich deswegen auch noch nicht geheilt, was das betrifft.

Als ich besagte Unterredung mit dem Unglück kassieren und Weiterreichen desselben Spieler hatte, war ich gerade in der Phase, in der ich meiner Melancholie in Form von poetischen Wandmalereien Ausdruck verlieh. Also keine Graffitis oder so. Nein, ich habe damals ganz simpel selbst verfasste Gedichte im Stile von I-Ah aus „Pu, der Bär“ (sehr deprimierend) an meine Wände geschrieben, die ich dann im Falle eines Besuches hinter Bildern verschwinden ließ. Das war gar nicht so einfach. Schließlich mussten Wandtattoo und Tarngemälde größenmäßig harmonieren. Wo da die Selbstverstümmelung bei ist? Nun ja, jeden Tag mit den eigenen depressiven und deprimierenden Wortansammlungen konfrontiert zu werden, ist schon irgendwie eine Strafe. Einen Spiegel braucht es da fast schon nicht mehr, um zu sehen, wie mies es einem geht. Das Ganze entwickelte mit der Zeit einen gewissen Höhlencharakter. Und als dann der Auszug anstand, musste ich selbstverständlich dafür sorgen, dass mein geistiges Eigentum vom Eigentum des Vermieters getrennt wurde. Das grenzte dann tatsächlich an körperliche Folter, da dabei die Tapeten und Anstriche der letzten hundert Jahre von der Wand abfielen, die irgendwie auch mal in einen Kugelhagel verwickelt gewesen sein muss, was nach näherer Inspektion Löcher vom Bohren und Hämmern der besagten Jahrhunderte waren – hoffe ich zumindest.

Später dann hatte ich eine etwas körperlichere Phase und habe mir, huhu, Ohrringe stechen lassen. Ich bin eben doch ziemlich konservativ bis bieder und eine Memme. Das tat dann schon weh, aber offensichtlich nicht genug, denn kurz darauf folgte ein Tattoo. Diesmal ein echtes in Form einer, wie exotisch, Rose. Wie gesagt, konservativ und etwas bieder, Memme nicht mehr ganz so sehr. Da gibt es aber wenigstens keine Probleme von wegen Eigentumsverhältnissen und Besitzansprüchen. Und ebenso wenig ein Abdeckproblem, weil ziemlich intim. Das nun wieder tat so richtig weh und auch länger als 24 Stunden. Um es genau zu nehmen tut es auch heute, nach über einem Vierteljahrhundert noch immer weh und zwar immer dann, wenn ich auf der Suche nach einer passenden Vase bin. Wer jetzt an Rose und Vase und vielleicht irgendetwas Schlüpfriges denkt, weit gefehlt. Meine Mutter, irgendwoher muss meine konservative Einstellung ja herkommen, meinte seinerzeit, ich hätte mir für das Geld lieber eine schöne Vase kaufen sollen. Wie recht sie doch hatte, denn jedes Mal, wenn ich Blumen bekomme, muss ich feststellen, dass mir die passende Vase fehlt und so werde ich stets an die Schmerzen, welche mir der Tätowierer und der Tod meiner Mutter beigefügt haben, erinnert.

Heutzutage gehe ich bergsteigen. Am liebsten im frühen Morgengrauen, wenn die äußere Welt noch in Ordnung scheint und die Ruhe sich in mein gequältes Leben einschleicht. Ich bin nicht leichtsinnig, nein, ich weiß ziemlich genau, was Unachtsamkeit und ein falscher Schritt für Folgen haben können. Aber ich fordere viel, vor allem von meinem Körper. Dabei geht es nicht immer um den größtmöglichen Schwierigkeitsgrad und ich plane auch nicht, einen neuen Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Aber in Zeiten der inneren Unruhe und des Selbstzweifels scheinen die körperliche Grenzerfahrung sowie der nachfolgende Muskelkater die einzigen Möglichkeiten zu sein, dem eigenen Gefühlschaos eine Richtung zu geben, die nicht im Untergang liegt und von den seelischen Schmerzen ablenkt. Der Wanderpartner an meiner Seite weiß schon immer ganz genau, wenn mich etwas bedrückt und gibt mir ein Zeichen, dass ich einfach loslaufen soll. Er weiß, nach ein paar Hundert Höhenmetern wird mein Geist schon Ruhe geben und ich auf ihn warten. Meine Freunde schlagen mittlerweile lediglich einen Spaziergang vor, um mir zu signalisieren, dass sie auf gar keinen Fall auch nur ansatzweise den Versuch unternehmen werden, mit mir wandern zu gehen. Wobei die größte Gefahr immer nur dann lauert, wenn ich und der Berg allein aufeinandertreffen. Das mit der Gefährdung ist also so gesehen relativ, denn ein gewisses Suchtpotential ist natürlich vorhanden.

Jeder hat sein persönliches, selbstauferlegtes Joch zu tragen und bisweilen fühlen wir uns ja auch sehr wohl damit. Und auch wenn meine Art der Selbstverstümmelung keine Krankheit ist, so ist es doch auch eine Art von Sucht und ließe sich durchaus auch mit etwas so Gravierendem wie Alkoholismus vergleichen. Denn auch das ist eine Flucht aus der Realität. Der Unterschied besteht darin, dass man beim Alkoholrausch seine Sinne betäubt, um keine Schmerzen zu empfinden, während ich den Schmerz im Adrenalinrausch suche, um einen Sinn zu finden und die Kraft weiter zu machen.

Man mag sich fragen, warum ich vom Hobby des poetischen Philosophen zu des Müllers Lust abgestiegen bin. Nun, bei der Begegnung mit meinen Dämonen fehlen mir mittlerweile wohl einfach die Worte.

 

Eure Kerstin

Von Weißkitteln und anderen Dingen, die nicht von dieser Welt sind

Es wirken mit:Mystik

  • Nackte und nüchterne Tatsachen
  • Die Freundin und die Liebe
  • Eine Banane und ein Bounty
  • Weißkittel und andere überlebensgroße Gestalten

Unlängst durfte ich vier Tage im Krankenhaus zubringen. Also, nicht auf einmal, sondern schön verteilt auf kleine Häppchen. Das hatte mehrere Vorteile: Ich konnte jeweils nicht lange nachdenken, sondern wurde direkt und unmittelbar mit allem konfrontiert. Und ich habe nahezu zwei Bücher in dieser Zeit gelesen. „Der raffinierte Mr. Scratch“ (444 Seiten) und „Die Bücherdiebin“ (586 Seiten). Von daher weiß Ich nun, dass es einen Unterschied zwischen dem Tod und dem Teufel gibt und dass beide sehr, sehr menschlich sind und ein großes Herz haben. Vielleicht nicht die beste Lektüre, wenn man sich an Orten rumtreibt, an denen Dinge sich mitunter zwischen Leben und Tod bewegen. Andererseits wäre das selbst für mich doch ein bisschen zu mystisch gewesen.

Bis zu jenen schicksalhaften vier Tagen, war ich in bisherigen meinem Leben nur dreimal in Folge von Verletzungen im Krankenhaus und einmal zur eigenen Geburt und der des Nachwuchses. An das das erste Mal erinnere ich mich nicht mehr. Da muss ich so vier oder fünf gewesen sein und mein schon damals ausgeprägter Sturkopf schloss unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Türstock, der als Sieger hervorging und mir eine Platzwunde bescherte, die genäht wurde. Tja, ob es daran lag, dass ich mich gern erinnern oder die Sturheit meines Schädels zu einem späteren Zeitpunkt nochmals testen wollte, kann ich nicht so genau sagen, aber jedenfalls wurde das Experiment in ähnlicher Konstellation wiederholt. Doch leider zog mein Kopf auch beim zweiten Mal den Kürzeren, so dass ich heute zwei Narben als Trophäen auf der Stirn trage. Beim dritten Mal durfte ich mir eine Tetanusspritze in den Allerwertesten jagen lassen, die dafür sorgte, dass ich mein aufgeschürftes Knie völlig vergaß, weil ich so damit beschäftigt war, eine schmerzfreie Sitzposition zu finden, die erträglich war.

Und nun also das: Vier Aufenthalte in zehn Tagen. Als sich bei Nummer drei der erste Schock über die Tatsache, dass ich neben meiner ersten OP auch noch gleich die Premiere einer Vollnarkose erleben beziehungsweise verschlafen darf, gelegt hatte, fragte ich mich insgeheim schon, ob ich dafür den „richtigen“ Tag ausgesucht hatte. Schließlich war es der Todestag meiner Mutter. Aber das wäre dann selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Auf dem Monitor kann ich meinen Herzschlag sehen, der wie ein aufgeschreckter Schmetterling wild in meiner Brust flattern und den ich verzweifelt mit sanften Bildern und Atemübungen versuche, zu beruhigen. Selbst die Schwester blickt ein paar Mal sorgenvoll in meine schreckgeweihteten Augen. Der diensthabende Anästhesist versichert mir, dass sie „ein ganz tolles Schlafmittel“ haben und sie „gut auf mich aufpassen“ werden. Wenn man mit einem rasenden Puls und völlig nackt und seit fast zwanzig Stunden nüchtern, also fast am Verhungern, auf einem Gitterbett liegt und mit zig Dioden und Schläuchen verkabelt ist, wirkt das nicht gerade vertrauenserweckend. Der Schmetterling in meiner Brust sorgt dafür, dass ich das Rauschen meines Blutes bis in die Haarwurzeln fühlen kann. Und dann sehe ich mich auf einer Bank vor meiner Hütte in den Bergen Hand in Hand mit dem Mann an meiner Seite sitzen, während die letzten Sonnenstrahlen durch das Tal vor uns ziehen. Und dann ruft jemand unsanft meinen Namen. Und noch mal. Tja, so brutal kann die Wirklichkeit sein und so schnell sind zwei Stunden vorbei. Der beste Schlaf, den ich seit Ewigkeiten hatte. Alles andere wäre selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Noch etwas wacklig auf den Beinen, vor allem aber leicht benebelt im Kopf, holt mich meine Freundin später ab. Keine drei Stunden nach dem Eingriff. Ein Segen und zugleich Fluch der modernen Medizin: Ambulant versorgt und zuhause auskurieren. Für mich heißt das auch, die Mutterrolle in gewohnter Weise ausfüllen. Doch später dann, als es ganz still um mich herum ist, sitze ich auf der Küchenbank, genieße ich die Banane, die mir meine Freundin fürsorglich eingepackt hat und das Bounty, welches ich mir immer bei besonderen Bergtouren und dann als Gipfelbelohnung gönne. Ein bisschen Mystik tut manchmal eben ganz gut.

Eure Kerstin

 

P.S.: Das Buch „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ kann ich nur jedem empfehlen. Auch ohne Krankenhaus. Die beiden im Text genannten Lektüren natürlich auch.

 

 

Von Krähen und Kranichen – oder: Saunastammtisch

Früher oder später sind wir alle auf der Suche nach Erleuchtung. Und bevor jetzt jemand die Augen verdreht und das als esoterischen Quatsch abtut, hier geht es um nackte Tatsachen.

Mein Seelenleben versuche ich mit dreimal die Woche mit Yoga ins Gleichgewicht zu bringen. Atmen, den Atem fließen lassen, Chakren (Energiezentren/Ebenen) aktivieren. Doch von der Erleuchtung bin ich meilenweit getrennt. Shiva, der im Kopf sitzt und das Männliche verkörpert, hat mich fest im Griff. Shakti, das Weibliche und der Gegenpol, liegt faul irgendwo am Ende meiner Wirbelsäule (Kundalini), auf der die Chakren sitzen, rum und beschäftigt ich mit was weiß ich. Soviel zur Theorie.

Yoga

Meine Yogalehrerin sagt immer: „Was wir hören, denken und tun, muss nicht das Gleiche sein.“ Womit sie absolut recht hat. Wer schon mal Power Yoga mit schnellen, abwechselnden Abfolgen gemacht hat, weiß wie schwierig das sein kann, wenn nebenbei auch noch der Atem völlig unbeschwert fließen soll. Ja, Yoga kann echt anstrengend sein. Körperlich und geistig.

Bei einer meiner Yogastunden herrscht ein Männeranteil von 50% und mehr. Ich denke, das sagt so einiges über den Anspruch und den Level aus. Die Sache mit der Erleuchtung rückt da immer etwas in den Hintergrund, die Männer sind doch eher am Sport als an der inneren Ausgeglichenheit interessiert. Nicht zu vergessen das Highlight, der nachfolgende Saunabesuch. Im schummrigen Dunkel lassen sich vortrefflich Stammtischparolen ausrufen und politische Ereignisse kommentieren. Da bekommt der Begriff „hitzige“ Diskussion einen ganz neuen Blickwinkel. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Herren wegen des Sports oder des Aufgusses vor die Haustür gehen. Könnte auch eine Kombination aus beidem sein. „I train, because I want to look good naked“, hat mir mal jemand auf meine Frage, warum er am Marathontraining teilnimmt, geantwortet. Shiva, der eine ziemlich wilde Socke gewesen sein soll, zwinkert mir zu.

Ohne Fleiß kein Preis, und so üben wir regelmäßig Asanas, die den männlichen Yogis aufgrund der ungleichen Muskelkraftverteilung eher leichter fallen. Mit dazu gehört die Krähe. Und wie der Name schon sagt, handelt es sich da eher um eine gedrungene Kauerform, als denn etwas Leichtes und Anmutiges. Ich gebe zu, ich kämpfe seit Anbeginn mit der Stellung, die ein hohes Maß an Gleichgewicht und Stabilität und ziemlich viel Kraft in den Unterarmen und Handgelenken verlangt. Doch auch nach zig Versuchen, kann ich immer nur verstohlene, neidische Seitenblicke nach rechts und links werfen, während ich selbst recht unelegant nach vorne kippe und jedes Mal – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Fresse zu fallen drohe. Shiva, die wilde Socke tanzt und lacht.

Im anschließenden Saunagang werde ich dann gern mal aufs Korn genommen: „Hast ganz schön gewackelt heute.“ Haha, sehr witzig. Überhaupt werden die wenigen Frauen, die sich in den männlichen Hexenkessel wagen, ganz genau beäugt. Nach dem Motto, wer zuerst zuckt, hat verloren. Und solange noch keine Frau die Saunahölle verlassen hat, harren die Männer schnaufend und lamentierend aus – wobei sie gern unauffällig eine Stufe weiter nach unten rutschen.

Doch neulich hieß es: Mach mir den Kranich! Ausgehend von der gleichen Ausgangshaltung – einer Hocke – streckt er sich gen Himmel. Das klappt auf Anhieb und beflügelt mich geradezu. Die Knie ruhen in den Achseln, während die Zehen dem Nachbarn zuwinken. Euphorie macht sich breit und ich bin der Erleuchtung schon dicht auf den Fersen. Na ja, symbolisch zumindest. Shakti klettert die Chakren der Kundalini empor und lächelt Shiva zu, während meine ewig kreisenden Gedanken wie Schmetterlinge davon flattern.

In der Sauna dann: „Du hältst es aber ganz gut aus“, als ich nach 15 Minuten noch keine Anstalten mache, das Feld zu räumen. „Flach atmen hilft“, ist meine Antwort. Und in Gedanken füge ich hinzu: Tja, aus einer Krähe wird eben auch bei 90°C und im Halbdunkel kein Kranich.

 

Eure Kerstin

 

 

Ohne Befund

Von Zeit zu Zeit versuche ich es mit dem Glauben. Ja, genau. Dieses „richtige“ Christentum mit seinen Lehren und Weisheiten.

Heute zum Beispiel habe ich die Bibel gelesen. Also, die Kurzfassung. Sozusagen, um zu testen, ob da Buch der Bücher mir taugt und ich mich vielleicht einmal an die Originalausgabe wagen sollte.

BibelstundeIm Eilschritt durch mehrere Jahrtausende. Vieles kannte ich natürlich schon. Schließlich habe ich bereits eine recht lange Laufbahn als Heide hinter mir und da kann man sich nicht immer nur drauf ausruhen. Man muss auch hin und wieder über den Tellerrand hinaus schauen. Und ich schwöre, ich habe es wirklich versucht.

Das fing in der bayerischen Grundschule an. Da war ich erst evangelisch. Das fand ich so toll, dass ich diese Gesinnung beim Schulwechsel in der dritten Klasse steif und fest vertreten habe. Meine Mutter musste damals das Missverständnis aufklären und ihr bekenntnisloses Kind durfte bleiben.

Und da ich schon immer allem Neuen offen gegenüber war, war ich dann eben katholisch. Auch das fand ich super. Bis zu dem Zeitpunkt, als aus mir ein Exempel wurde und ich nicht mit der Klasse in die Kirche durfte und statt Note nur noch eine Teilnahmebemerkung im Zeugnis erhielt. Allerdings, die Arbeiten musste ich mitschreiben.

Später dann wurden die Nicht-Christen in den Ethikunterricht strafversetzt. Den Bekennern war es einfach nicht mehr zuzumuten, Gott mit uns zu teilen. Und damit die Strafe auch spürbar war, fand dieser in den Nachmittagsstunden statt. Solch geballtes, unchristliches Gedankengut durfte auf keinen Fall während der regulären Schulzeit sein Unwesen treiben. Wohlgemerkt wir waren sieben von etwa hundert und wir haben nicht nur über Gott, sondern auch über die Welt geredet.

Von da ab wollte ich eigentlich nur noch das glauben, was ich für richtig hielt. Fortan war also mein Status „ohne Bekenntnis“, den ich bei Wechsel des Wohnortes und/oder anderen Formularen im betreffenden Feld eingetragen habe.

Irgendwann wurde ich vom Bearbeiter eines Antrages gefragt, was denn „o.B.“ sei? Ob das für „ohne Befund“ stehen würde? Tja, Religionszugehörigkeit als Krankheit. So hatte ich das noch nie gesehen.

Vielleicht war es aber auch gerade andersherum gemeint. Bei mir ist einfach nichts zu finden. Meine Seele ist ein ruheloser Geist. Um das festzustellen, versuche ich also immer wieder mal mit dem Glauben. Ich gehe in Kirchen, setze mich auf einen Platz und lasse die ganze Atmosphäre auf mich wirken. Ich lese, was andere in ihrem Glauben bestärkt. Letztes Jahr war ich sogar zu Ostern in Rom. Okay, das war Zufall und fast schon eine Qual, weil es vor Menschen nur so gewimmelt hat und ich eigentlich nicht so auf Massen stehe.

Und heute eben die Bibel. Nach meinem Ausflug in die Welt der Horoskope, Wahrsagerei und Naturlehren in den letzten Tagen, empfand ich das nur als gerecht. Jeder hat eine Chance verdient.

Tja, leider scheint die Zeit bei mir dafür immer noch nicht gekommen. Vielleicht ist sie auch schon vorbei. Oder wird nie sein. Ich und Gott, wir werden nicht wirklich warm miteinander. Aber ein Leben ohne Befund hört sich irgendwie nach etwas Unvollständigem an. Von daher suche ich einfach weiter. Die Welt hat schließlich so viel zu bieten.

Eure Kerstin

Vertauschte Rollen

Karte Nr. 21: „Sie sehen das Positive: Machen Sie einem Menschen ein Kompliment oder loben Sie jemanden, der es verdient hat. Sie werden erkennen, es tut Ihnen beiden gut.“

Wer aufgepasst hat, wird es bemerkt haben. Richtig, es sind zwei Monate seit der letzten Glückskarte vergangen. Ehrlich gesagt, war ich einfach nicht in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen und kurz davor, aufzugeben. Das mag jetzt etwas lächerlich klingen. Schließlich ging es ja „nur“ darum, jemandem ein Kompliment zu machen. Also dachte ich: Okay, versuche es weiter. Vielleicht kommt der richtige Zeitpunkt noch. Aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Nun ist es nicht etwa so, dass ich niemanden kennen würde, der kein Kompliment und/oder Lob verdient hätte. Aber irgendwie stecke ich da gerade in einer Krise und wenn ich nun die Aufgabe einfach nur mache, um sie als erledigt abhaken zu können, würde es wohl am Ziel vorbeigehen. Abwege vom Pfad des „Suchen und Finden des Glücks“. Was also tun? Die Karte ans Ende stellen und nochmals als letzte heraus holen? Sicherlich würde sie dann in meinem Hinterkopf immer herum geistern und langsam zu einem übergroßen Problemgeist heranwachsen. Der Gedanke, aufzugeben, schien sehr verlockend. Zu meiner bereits recht depressiven und gedrückten Stimmung gesellte sich eine hübsche Grippe, die ich aufgrund der Arbeitslast nicht richtig auskurieren konnte. Noch immer habe ich das Gefühl, dass mein Körper nach einer Auszeit förmlich schreit, um sich erholen zu können. Aber: Ich will mich nicht beschweren. Ich habe jede Menge Menschen, die mein Lob verdienen. Familie, Freunde, Kollegen. Eine ganze Reihe von guten Seelen, die mich unterstützen, aufbauen und verstehen. Wen also sollte ich auswählen? Würde ein einfaches „Danke, dass Du für mich da bist“ reichen, um den Effekt der Karte zu erzielen?

Ich werde das Ganze hier abkürzen. Während der letzten Wochen waren meine Freunde wahre Seelenretter. Sie versuchten, meine Stimmung zu heben, mich zu motivieren, mir zu helfen. Sie haben mir und meinen ständigen Beschwerden zugehört, so dass ich mich verstanden und besser gefühlt habe. Geachtet und beachtet. Es hat mir geholfen, nicht in Selbstzweifel zu ertrinken und aufzugeben. Sie haben mir gut gemeinte Ratschläge und Zuspruch erteilt. Und ich habe immer auf die eine oder andere Weise Danke für Deine Hilfe“ gesagt. Und genau so funktionierte die Aufgabe. Lediglich mit vertauschten Rollen und mit mir als Empfänger der Glückskarte.

Karte Nr. 22 (wie beschlossen, arbeite ich erst die noch verbliebenen Wohlfühlkarten ab): „Sie sehen das große Ganze: Zoomen Sie sich in Gedanken ein Stück von der Erde weg. Blicken Sie dann auf Ihre Alltagssorgen hinunter – die scheinen jetzt winzig klein zu sein.“ Hört sich nach einem guten Plan an. Na dann: Los geht’s! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin