Das neue Reisen, 3. Etappe: Die Party

img_0365Mein Schreibtisch, kein Ungetüm, gemacht für ein statusträchtiges Vorstandszimmer, eher ein Sekretär, an dem es sich herrlich Tagträumen lässt. Glänzendes, dunkel gemasertes Holz, einem Tanzboden gleich. Darauf eine überdimensionale Tasse mit dem Antlitz von Till Eulenspiegel, welche als Behälter für Stifte, Lineal und Klebestift dient. Links ein Abrisskalender mit Sinnsprüchen aus dem Jahre 2018, seiner Blätter bis auf drei beraubt, Andenken, Erinnerung und Gedächtnisstütze: „Ich denke, wünschen hilft“, heißt es da. Ja, das denke ich auch und ich hätte vielleicht besser aufpassen sollen, wem ich diese Botschaft tagein, tagaus vor Augen halte.

Als erstes hüpft der Stolperstein, Symbol eines Workshops, los und schlittert über die Fläche. Wie ein Eisläufer bewegt er sich über das Parkett. Vom Kratzen und Poltern, wenn er gegen die Bande kracht, aufgeweckt, stehen die Stifte in hab-acht-Stellung. Till Eulenspiegel, der den Stifte Köcher ziert, tanzt im Kreis, gleichzeitig mit seinen Münzen jonglierend, so dass Stiften, Lineal und Schreibfeder schlecht wird. Klebestift, Schere und Tacker haben sich wohlweißlich auf einen der sichereren Plätze begeben. Und während die anderen sich über die Reling lehnen, bekommt Till Eulenspiegel Schräglage und der ganze Inhalt ergießt sich über den Schreibtisch. Die Schreibfeder findet keinen Halt und stürzt ins Bodenlose, kommt mit der Spitze auf dem Fußboden auf und bleibt stecken. Die anderen Stifte berappeln sich. Mann über Bord.

Also wird eine Rettungsaktion gestartet, auch weil die Schreibfeder von allein nicht aus dieser misslichen Lage herauskommt. Die Stifte halten Rat. Die Büroklammern seilen sich ab und während die Zurückgebliebenen nach unten blicken, kommt von hinten der Stolperstein und der Trupp verliert das Gleichgewicht. Nun liegen Bleistifte und Kugelschreiber verstreut in der Tiefe. Bei der Meldung zum Rapport stellen sie entsetzt fest, dass der Älteste, Mitbringsel eines geschichtsträchtigen Hotelaufenthaltes, sich die Mine gebrochen hat. Der Stolperstein tut so, als ob er damit nichts zu tun hätte und will sich hinter dem Tischkalender verstecken. Doch dem Klebestift platzt der Kragen und er fixiert ihn an Ort und Stelle.

Schlaubi Schlumpf, der das Spektakel von erhöhter Position aus verfolgt hat, verzweifelt ob so viel Dilettantismus und nimmt das Steuer in die Hand, wobei er eigentlich nur Anweisungen gibt. Die Lampe lässt ihr Kabel herab und das Lineal verbiegt sich zur Trage, welche langsam nach unten gelassen wird, um die Verletzten und Gestrandeten zu retten. Überschwänglich liegen sich alle in den Armen, nachdem alle wohlbehalten wieder an Bord sind.

Der Stolperstein hat zwischenzeitlich einen Tobsuchtsanfall, welcher ihn in den Zettelkasten katapultiert. Die Notizen fliegen wild und völlig verstört durcheinander, so dass Schere und Tacker mit dem Einfangen beauftragt werden. Die Schere fabriziert flink ein paar Scherenschnitte und der Tacker produziert Kraniche und andere kreative Faltobjekte, die sich unter das Volk mischen. Der Locher ist ganz aus dem Häuschen und verstreut Konfetti. Eine wilde Party ist im Gange, zu der der Stolperstein den Takt vorgibt. Sogar der Älteste macht mit, seine Mine vom Anspitzer neu poliert. Die Stifte spielen eine Runde Mikado, halten aber nicht lange still, da die Schreibfeder die anderen immer kitzelt.

Erst als Till Eulenspiegel allen im Morgengrauen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt, ist Schluss mit dem Treiben. So, als ob nichts gewesen wäre.