Untiefen

Die Untiefen der menschlichen Seele. Abgründe in ruhiger See.

Misstrauen, Gier, Hass und Gewalt wabern unter der Oberfläche, an der jeder Wellengang kratzt. Ein ganzes Universum für sich.

Je stärker der Wind, der uns entgegenweht, desto mehr tritt zu Tage, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Was wir dem Gegenüber entgegen zu setzen bereit sind und haben.

Je wütender der Sturm uns entgegenbläst, umso unbarmherziger die Untiefen, an denen wir drohen auf Grund zu laufen. Die eigenen Abgründe, die wie Ertrinkende unermüdlich an die Bordwand geworfen werden.

Verzweifeltes Umherirren und mit zerfetzten Segeln Navigieren, um zu retten, was zu retten ist. Steuerlos. Ruderlos. Ziellos.

Unermesslicher Schmerz, der auf den Schaumkronen tanzt. Peitschende Schläge, die sich in die Haut brennen, eine freiliegende, blanke Seele, die an Land gespült wird, zurücklassend.

Das neue Reisen, 3. Etappe: Die Party

img_0365Mein Schreibtisch, kein Ungetüm, gemacht für ein statusträchtiges Vorstandszimmer, eher ein Sekretär, an dem es sich herrlich Tagträumen lässt. Glänzendes, dunkel gemasertes Holz, einem Tanzboden gleich. Darauf eine überdimensionale Tasse mit dem Antlitz von Till Eulenspiegel, welche als Behälter für Stifte, Lineal und Klebestift dient. Links ein Abrisskalender mit Sinnsprüchen aus dem Jahre 2018, seiner Blätter bis auf drei beraubt, Andenken, Erinnerung und Gedächtnisstütze: „Ich denke, wünschen hilft“, heißt es da. Ja, das denke ich auch und ich hätte vielleicht besser aufpassen sollen, wem ich diese Botschaft tagein, tagaus vor Augen halte.

Als erstes hüpft der Stolperstein, Symbol eines Workshops, los und schlittert über die Fläche. Wie ein Eisläufer bewegt er sich über das Parkett. Vom Kratzen und Poltern, wenn er gegen die Bande kracht, aufgeweckt, stehen die Stifte in hab-acht-Stellung. Till Eulenspiegel, der den Stifte Köcher ziert, tanzt im Kreis, gleichzeitig mit seinen Münzen jonglierend, so dass Stiften, Lineal und Schreibfeder schlecht wird. Klebestift, Schere und Tacker haben sich wohlweißlich auf einen der sichereren Plätze begeben. Und während die anderen sich über die Reling lehnen, bekommt Till Eulenspiegel Schräglage und der ganze Inhalt ergießt sich über den Schreibtisch. Die Schreibfeder findet keinen Halt und stürzt ins Bodenlose, kommt mit der Spitze auf dem Fußboden auf und bleibt stecken. Die anderen Stifte berappeln sich. Mann über Bord.

Also wird eine Rettungsaktion gestartet, auch weil die Schreibfeder von allein nicht aus dieser misslichen Lage herauskommt. Die Stifte halten Rat. Die Büroklammern seilen sich ab und während die Zurückgebliebenen nach unten blicken, kommt von hinten der Stolperstein und der Trupp verliert das Gleichgewicht. Nun liegen Bleistifte und Kugelschreiber verstreut in der Tiefe. Bei der Meldung zum Rapport stellen sie entsetzt fest, dass der Älteste, Mitbringsel eines geschichtsträchtigen Hotelaufenthaltes, sich die Mine gebrochen hat. Der Stolperstein tut so, als ob er damit nichts zu tun hätte und will sich hinter dem Tischkalender verstecken. Doch dem Klebestift platzt der Kragen und er fixiert ihn an Ort und Stelle.

Schlaubi Schlumpf, der das Spektakel von erhöhter Position aus verfolgt hat, verzweifelt ob so viel Dilettantismus und nimmt das Steuer in die Hand, wobei er eigentlich nur Anweisungen gibt. Die Lampe lässt ihr Kabel herab und das Lineal verbiegt sich zur Trage, welche langsam nach unten gelassen wird, um die Verletzten und Gestrandeten zu retten. Überschwänglich liegen sich alle in den Armen, nachdem alle wohlbehalten wieder an Bord sind.

Der Stolperstein hat zwischenzeitlich einen Tobsuchtsanfall, welcher ihn in den Zettelkasten katapultiert. Die Notizen fliegen wild und völlig verstört durcheinander, so dass Schere und Tacker mit dem Einfangen beauftragt werden. Die Schere fabriziert flink ein paar Scherenschnitte und der Tacker produziert Kraniche und andere kreative Faltobjekte, die sich unter das Volk mischen. Der Locher ist ganz aus dem Häuschen und verstreut Konfetti. Eine wilde Party ist im Gange, zu der der Stolperstein den Takt vorgibt. Sogar der Älteste macht mit, seine Mine vom Anspitzer neu poliert. Die Stifte spielen eine Runde Mikado, halten aber nicht lange still, da die Schreibfeder die anderen immer kitzelt.

Erst als Till Eulenspiegel allen im Morgengrauen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt, ist Schluss mit dem Treiben. So, als ob nichts gewesen wäre.

Das Schiff ohne Kapitän

Wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen, ist der Kapitän für gewöhnlich derjenige, der noch immer wie ein Fels in der Brandung auf der Brücke und am Ruder steht und versucht zu retten, was zu retten ist.

Dass der Kapitän von den Ratten über Bord geworfen wird, kommt wenn, dann eher in Piratenfilmen vor. Und dann geschieht es dem Kapitän meist zurecht. In der modernen Fassung gibt es das manchmal auch in Unternehmen, in denen kurzsichtige Ratten sich an ebensolchen Strategien versuchen.

Als dritte Möglichkeit gibt es da auch noch den Kapitän, der zum Wohle seiner Mannschaft freiwillig auf Amt und Würden verzichtet. Dabei fällt mir immer ein Bericht in der Sonderbeilage der FAZ ein, die ich im Urlaub am Gardasee als Teenager zu lesen bekam. Dabei ging es um die Kapitulation Japans 1945 und die Stimme des Kranichs, also die Rede von Kaiser Hirohito, in der er sein Volk auffordert „das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden“. Nach mehr als zweitausend Jahren musste Japan erstmals eine so allumfassende Niederlage hinnehmen. Der Kaiser, so heißt es in vielen Berichten, hätte die Geschichte seines Landes durchaus anders schreiben können, wenn er denn mehr getan hätte, als stets zu Diensten zu sein.

Doch anders als die Ratten so mancher Firma, ließ man dem Kaiser, wenn auch nicht die Macht, so doch das Amt und vor allem die Würde, was letzten Endes dazu führte, dass Japan innerhalb von vier Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Weltmacht wurde.

Nun, das bringt mich wieder zu jenem Punkt, an dem die Ratten den Kapitän über Bord werfen und ihm dabei dann auch noch selbst die Aufgabe übertragen wird, der Mannschaft seinen Rücktritt zu verkünden. Und so mag es der Mannschaft ganz ähnlich ergangen sein wie dem japanischen Volk damals, als es die Stimme des Monarchen zum ersten Mal überhaupt vernahm: In der sich ausbreitenden Stille hätte man den Flügelschlag eines Kranichs hören können. Die Rede mag nicht ganz so kunstvoll gewesen sein, dafür umso unmissverständlicher. Ab sofort ist das Schiff ohne Kapitän. Stets zu Diensten und auch noch stets mehr als nur Dienst getan, können also ebenso zur Niederlage führen. Dem betretenen Schweigen folgt die Schockstarre. Und fortan taumelt das Schiff führerlos, von Ratten befehligt, die Mannschaft vom schlingernden Kurs orientierungslos, durch die Meere der Wirtschaft, von Weltmacht keine Spur.

Konferenz

Im Andenken an einen wunderbaren und stolzen Kapitän möchte ich es mit den Worten des amerikanischen Generals Douglas MacArthur sagen, dem seinerzeit Kaiser Hirohito seinen Rücktritt anbot und gleichzeitig die Konsequenzen vollends auf sich nahm: „Einen Mann, der einmal so hoch stand, nun so erniedrigt zu sehen, schmerzt mich.“ Und so wie MacArthur wusste, dass er „dem ersten Gentleman Japans gegenüber stand“, so weiß ich, dass der letzte Gentleman soeben das Büro verlassen hat.

 

Eure Kerstin