Was von den Rauhnächten übrigbleibt: August

Manche Zeiten generieren mehr Fragen als Antworten und einige davon werden für immer ein Rätsel bleiben.

Ich sitze im Bus und habe noch die am Wegesrand gefundene Feder im Haar. „Sind Sie jetzt ein Gockel oder eine Henne?“, fragt mich der Sitznachbar von hinten. Kurz bin ich irritiert. Wusste gar nicht, dass mein Geschlecht so schwer zu identifizieren ist. Vielleicht will man(n) mich auch nicht einfach in eine nicht gendergerechte Schublade stecken. „Weder noch. Ich bin Indianer!“, entgegne ich vehement und frage mich dann: Was ist jetzt wohl diskriminierender? Nicht zu wissen, welchem Geschlecht ich angehöre? Oder mal wieder den politisch und ethisch unkorrekten Ausdruck bei der Benennung einer Gruppe Menschen verwendet zu haben? Und wie nennt man eigentlich das Divers bei Geflügel?

Dinge, die Mangelware sind: Klopapier, Nudeln, Mehl, Hefe, Chips, Sonnenblumenöl, Gas, Wasser, Kerzen, Handwerker, Holzpellets. Nur bei den Krisen und Katastrophen herrscht ein Überangebot und jeder kann sich sein persönliches Dilemma frei nach dem Motto „darf’s ein bisserl mehr sein“ aussuchen: Pandemie, Waldbrände, Inflation, öffentlicher Nah- und Regionalverkehr, Krieg, Pocken, globale Lieferketten, Klima.

Ich statte meinen regelmäßigen Besuch im Alten- und Pflegeheim ab. Die Zimmergenossin ist verstorben und der Nachlass wird großzügig unter den Anwesenden verteilt, wobei eigentlich nichts der Habseligkeiten einen neuen Besitzer findet. Nur die Einmalrasierer. Wegen des Damenbartes. Mich schaudert. Will ich eigentlich überhaupt so alt werden, dass mir ein Bart wächst? Und was ist mit den Zähnen? Findet sich dafür eine neue Verwendung?

Hüttenromantik. Ich liege im Bett. Warum nur muss immer ich genau neben dem einzigen Schnarcher im Matratzenlager liegen? Warum ist meine Schlafstatt immer die, welche am nächsten an der einzigen Lichtquelle im gesamten Raum ist? Warum tue ich mir das eigentlich immer wieder an?

In einem Social Media Beitrag steht, wir sollten doch Obstkerne einfach in die Natur werfen und dann würden überall Bäume wachsen. Ich frage mich, ob schon mal jemand bei uns in Deutschland einen Aprikosenbaum in freier Wildbahn hat wachsen sehen. Oder besser Bananen, die sind bei Deutschen ja mit das beliebteste Obst. Oder einen Apfelbaum auf über 1000m. Gut, wenn wir noch ein paar Jahre warten, ist der Klimawandel so weit fortgeschritten, dass sich der These durchaus etwas abgewinnen lässt. Am Ende geht es unter Umstände sogar zügiger, wenn wir einfach noch ein bisschen mehr Müll in die Natur werfen.

Der Geliebte schickt ein Bergvideo. Schön. Sehr schön. Nur warum sind meine Kurzfilme immer im Uhrzeigersinn? Hat das was mit der Ausprägung von linker und rechter Gehirnhälfte und der männlichen/weiblichen Denkweise zu tun? Ändert sich das, wenn man auf der anderen Seite des Äquators ist? Oder nahe an den Polkappen?

Nach etwa vier Jahren Bau- bzw. Sanierungszeit ist der Kirchturm wieder gerüstfrei. Ich atme tief durch. Jetzt wird das Glockengeläut wieder losgehen und mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Tage, Wochen, Monate vergehen. Nichts tut sich. Doch dann. Die Zeiger der Kirchturmuhr leuchten LED-mäßig durch die Nacht und genau in mein Schlafzimmer. Wie war das noch mit der Lichtquelle genau an meiner Bettstatt?

Ich schleppe mich und meinen 25% meines Körpergewichtes wiegenden Rucksack bei gefühlten 80% Luftfeuchtigkeit durch das schwedische Outback, den Spruch des jugendlichen Mitbewohners dabei immer noch in den Ohren: „Also, Höhenmeter sind das ja praktisch null. Aber landschaftlich ganz schön und vielleicht mal was anderes, als immer auf 3000m unterwegs zu sein.“ Am liebsten würde ich den Nachwuchs jetzt zum Packesel machen, damit er dann der Frage, warum der Weg eigentlich über jede noch so kleine Erhebung gehen muss, auf den Grund gehen kann.

Bei der Sicherheitskontrolle fragt der Beamte, ob ich Bergführerin sei. GPS, Stirnlampe, Power Bank und dergleichen scheinen ihm neben meinem Outfit ein eindeutiger Beweis. Keine 24 Stunden später stellt mir der Schalterbeamter der Bahn die Frage, ob ich ein Seniorenticket möchte und meint dann entschuldigend, mit Maske könne er das schlecht ausmachen. Über Nacht gealtert bekommt da eine völlig neue Bedeutung. Und ich dachte immer, Schlaf sei ein Jungbrunnen und erholsam.

Zeitreisen in die Gegenwart: Brettspiel für Götter

„Wer entscheidet das eigentlich alles?“, meint meine Freundin. Nein, sie meint nicht die Maßnahmen und Verordnungen und Gebote und Richtlinien, welche uns seit Monaten begleiten und bestimmen. Sie meint das Leben und dessen Verlauf an sich. Ja, wer entscheidet eigentlich, ob man dick oder dünn, groß oder klein, blond oder braun, reich oder arm usw. ist? Und wer entscheidet, ob man vom Pech verfolgt wird oder eine Glücksträhne nach der anderen hat?

Es ist doch, wenn man mal die Biologie und andere rationale sowie wissenschaftliche Begründungen außer Acht lässt, die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn und dem, was wir mit unserem Verstand und unseren Sinnen nicht fassen können, oder hin und wieder auch einfach nicht wollen. Das, was der eine das Göttliche, der andere das Schicksal, der nächste Karma nennt.

Zu schön und tröstlich aber auch der Gedanke, dass es da etwas geben könnte, auf das wir einfach keinen Einfluss haben, das weder durch unsere Gene, Kultur und Herkunft noch Erziehung bestimmt ist und das sich von unseren vielen großen und kleinen Taten nicht am der Lauf der Dinge hindern lässt. Ein Spielbrett, von fremder Hand die Figuren geführt. Vorwärtsrücken, im Kreis laufen und dann wieder auf Anfang zurück geschmissen werden. Der Spruch „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, mag einem dazu einfallen.

img_1627

Krisenzeiten eignen sich ganz besonders, sich den Status einer Marionette überzustülpen. Macht- und tatenlos begegnen wir dem, was uns die Sprache verschlägt. Zu übergroß die Dimension, zu gewaltig die übermenschlichen Gegenspieler.

Dann erscheint es uns, zumindest kurzzeitig, leichter, unser Leben als etwas zu betrachten, das nicht wir in der Hand haben, sondern für uns gehandhabt wird. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Urzustand, in dem wir sorgen-, aber eben auch unfrei umherwandeln. Wer sich gern so sieht, sollte dabei nicht außer Acht lassen, dass uns allerdings auch erst die Selbsterkenntnis befähigt, uns weiterzuentwickeln.

Und so ist letztlich die Vorstellung, dass irgendwann wer auch immer entschieden hat, dass wir Menschen nicht weiterhin im infantilen und primitiven Zustand des Paradieses als Spielfigur im Brettspiel der Götter auftreten, sondern agieren und Verantwortung übernehmen, mehr als ein Gewinn. Schließlich schmeckt auch der sauerste Apfel süß, wenn er uns auf dem Spielfeld des Lebens die Augen öffnet und uns vorrücken lässt. Denn wir können mehr. Wir sind mehr.

Ein Gedankenspiel mit der besten Freundin hilft natürlich auch in so mancher Krise.

P.S.: Liebste Freundin, alles erdenklich Gute zum Geburtstag. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben.

Der ökologische Monat

Vor ein paar Jahren, eigentlich muss das sogar schon vor über einem Jahrzehnt gewesen sein, meinte einmal ein Kollege, der zu uns ins Büro kam, er mache gerade einen ökologischen Monat. Also, sich ohne Auto fortbewegen. Ich war tiefbeeindruckt. So viel nachhaltiges Denken hatte ich ihm gar nicht zugetraut und so war ich voll des Lobes für sein vorbildliches Verhalten. Bis er dann erklärte, dass der Verzicht aufs Auto eher der polizeilichen Anordnung denn dem Umweltgedanken geschuldet sei. Nun gut, so kann es gehen, den Ausdruck des ökologischen Monats fand ich trotzdem ziemlich gut.

Apropos, so kann es gehen: Ich selbst durfte das mit dem ökologischen Monat gerade selbst testen. Ebenfalls nicht freiwillig. Die Hergangsumstände sind etwas undurchsichtig und auch nach längerem Grübeln komme ich immer wieder zum Punkt und Schluß, dass es tatsächlich Zeitlöcher im Uninversum geben muss. Anders lässt es sich einfach nicht erklären, dass ich gerade noch an der roten Ampel stand und dann plötzlich mitten auf der Kreuzung. Selbst der Beifahrer kann den Unfallhergang nicht so richtig nachvollziehen.

425bff35-801f-4e12-8b60-3619e16f234dGut, seien wir froh, dass das Zeitloch wenigstens ein gewisses Maß an Mitleid und nur Blechschaden verursacht hat und  mir als Bonus die Chance auf ein Auszeit vom Auto. Immer positiv denken, auch wenn es in manchen Situation nicht so einfach ist.

Bis vor kurzem hätte ich bei Zustellung des Bescheids auch nur müde gelächelt und gefragt, wo da das Problem ist. War der fahrbare Untersatz doch hauptsächlich Dekoration auf dem Stellplatz. Fast zwanzig Jahre bin ich ohne Auto zur Arbeit und sonstwo hingekommen. Lediglich der Wocheneinkauf war ein fixer Tag im Fahrtenbuch. Doch mit dem letzten Arbeitgeberwechsel hat sich dies nun geändert. Gute zehn Kilometer sind zwar keine Entfernung in dem Sinne, aber die Verbindung per öffentlichem Nahverkehr mit zweimal Umsteigen eine zeitliche Katastrophe. Noch dazu gehört Busfahren für mich wirklich mit zu den schlimmsten Arten der motorisierten Fortbewegung. Kommt gleich nach Achterbahn und Kettenkarussell. Bleibt der muskelbetriebene Fahruntersatz. Mit dreißig Minuten deutlich schneller als der Bus, aber doppelt so langsam wie mit dem eigenen Wagen. Das Wetter lassen wir jetzt mal außen vor. Aber, wer es noch nicht wusste, der Wind kommt immer von vorn, egal in welche Richtung man strampelt. Und bei Ankunft ist man eher reif für die Dusche als das Büro. Das Umziehen auf der Toilette ist jetzt auch nicht so der Hit, schneidet aber noch besser ab, als mit Rock, hohen Schuhen und Bluse auf dem Mountainbike unterwegs zu sein.

Es war also, man merkt es schon, kein allzu großes Drama, da auch noch der Jahresurlaub mit hineingerechnet werden konnte. Und da Letzterer aufgrund der An-/Abreise per Flieger einen wahrhaftig übermenschlichen Fußabdruck auf meinem ökologischen Konto hinterlassen hat, konnte ich auf diesem Wege zumindest einen kleinen Teil davon kompensieren. Ich glaube, das mache ich nächstes Jahr nochmal. Also, das mit dem ökologischen Monat. Freiwillig, wenn möglich, liebes Universum.

 

 

Sieben auf einen Streich – „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus

Made with Repix (http://repix.it)

Ein Glückfund, per Zufall. Gebraucht in einer Flohmarktbücherhandlung im bayerischen Alpenvorland gefunden und erworben. Und die Nominierung eigentlich eher eine Impulshandlung, da ich mich beim besten Willen nicht für ein letztes Buch aus meinem bestehenden Fundus entscheiden konnte.

Von Alex Capus hatte ich schon „Reisen im Licht der Sterne“ gelesen, in dem Legende und Wahrheit um den Autor „Die Schatzinsel“ miteinander verschmelzen. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass auch „Eine Frage der Zeit“ stark an reale Ereignisse geknüpft ist. Nachgeprüft habe ich es nicht. Zu verlockend die Vorstellung, dass die Geschehnisse der Wirklichkeit zumindest entlehnt sind.

Stattdessen habe ich mich der kurzweiligen Geschichte dreier norddeutscher Werftarbeiter erfreut, die im Auftrag von Kaiser Wilhelm ein Schiff, zerlegt in seine Einzelteile, an den Tanganikasee in Afrika bringen, um es dort wieder zusammen zu bauen. Das Ganze doch ein etwas absonderliches Unternehmen und vielleicht sogar eine Blüte des Kolonialismus, wenn man so will. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und es entwickelt sich eine groteske Geschichte um die Sinnhaftigkeit des Krieges, den keiner will, aber alle führen müssen. Fernab vom eigentlichen Kriegsschauplatz und vor der Kulisse des tropischen Sees.

Die Charaktere sind grandios bildlich, mit all ihren Nuancen und Facetten und man ist sogleich selbst Gefangener zwischen den Ereignissen und Völkern.

„Ich bilde mir doch nicht ein, dass ich hier meinen Kasperltheater den Krieg entscheide. Während in den Schützengräben und Granattrichtern an der Marne Hunderttausende junger Männer verrecken, tuckern wir über den See wie Vergnügungsreisende und spielen Verstecken mit den belgischen Kasperlebooten.“

Damit wäre nun die Herausforderung „Sieben Bücher in sieben Tagen“ geschafft, alle Einzelteile an ihrem Platz, doch in der Summe fehlt natürlich der Abschluss. Und anders als die Helden in „Eine Frage der Zeit“ ist mir da hoffentlich das Glück etwas holder gesonnen.

Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ von Gavin Extence

Made with Repix (http://repix.it)

Was mir beim Gedanken an den Roman von Gavin Extence zuerst in den Sinn kommt, ist diese Versicherungswerbung, bei der ein Satellit vom Himmel fällt, auf ein Auto, fein säuberlich abgestellt auf einem riesigen Parkplatz. Das einzige Auto wohlgemerkt. Dazu die Frage: „Was, wenn es immer Sie treffen würde?“ Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Tja, und trotzdem, die Möglichkeit besteht.

Nun, das hat nur insofern etwas mit dem Buch „Das unerhörte Leben des Alex Woods“, wobei ich den englischen Titel „The universe vs. Alex Woods“ deutlich aussagekräftiger finde, zu tun, als dass ihm, Alex Woods, im Alter von zehn Jahren, ein Meteorit auf den Kopf fällt. Im Badezimmer. Der Aufhänger ist also schon recht bizarr. Damit nicht genug. Alex, der wahrlich etwas sonderlich ist für einen Zehnjährigen+, rettet sich etwas später vor seinen Mitschülern in den Garten von Mr. Peterson, einem exzentrischen Greis mit einer Vorliebe für Marihuana und Bücher von Kurt Vonnegut. Die beiden freunden sich an, lernen voneinander und als Mr. Peterson seinem Leben in der Schweiz ein Ende setzen will, machen sich sie gemeinsam auf den Weg.

Die Geschichte ist wunderschön erzählt. Es geht um ungewöhnliche Freundschaften, das Schicksal und einen selbstbestimmten, freien Lebensweg. Philosophisch und poetisch bis zum Schluss. Bezeichnenderweise mit einer Passage aus dem Roman „Der Kinderkreuzzug” von Kurt Vonnegut, dessen Bücher, hier empfehle ich „Galápagos“, im Übrigen abstruser und schräger nicht sein könnten.

„The most important thing I learned on Tralfamadore was that when a person dies he only appears to die. He is still very much alive in the past, so it is silly for people to cry at his funeral. All moments, past, present and future, always have existed, always still exist. The Tralfamadorians can look at all the different moments […] They can see how permanent all the moments are, and they can look at any moment that interests them. It’s just an illusion we have here on Earth that one moment follows another one, like beads on a string, and that once a moment is gone it’s gone forever”

“Das unerhörte Leben des Alex Woods“ macht Lust auf mehr von Gavin Extence. Zum Glück gibt es inzwischen auch einen zweiten Roman. Falls also jemand noch nach einem Geschenk zu Weihnachten oder so für mich sucht, bitte nicht auf komische Ideen kommen – wir wissen ja, was dabei herauskommt.

Also dann, bis morgen.

 

 

 

 

 

Sieben auf einen Streich – „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón

Made with Repix (http://repix.it)

„Der Schatten des Windes“ habe ich beim Stöbern im Buchhandel entdeckt und damals sogleich zu einem meiner Lieblingsbücher erklärt. Wie der Zufall es so wollte, habe ich den Titel seinerzeit im selben Jahr zu Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen. Offensichtlich ist mein Büchergeschmack doch weniger speziell als ich immer dachte.

Carlos Ruiz Zafón ist immer ein bisschen Romantik und gleichzeitig geheimnisvoll, so in der Art. Eben diese Punkte treffen auch auf „Der Schatten des Windes“ zu. Gleichzeitig Märchen und Krimi, phantastische Literatur und Liebesroman. Daneben abgrundtiefes, schier unmenschliches Leid. Das Spannende ist, dass die Geschichte im 20. Jahrhundert spielt und auch die politischen Ereignisse im Barcelona dieser Zeit eine tragende Rolle spielen sowie erheblichen Einfluss auf den Verlauf nehmen, man aber immer irgendwie das Gefühl hat, sich in einem Mittelalterroman zu befinden. Düster und faszinierend die ganze Szenerie.

„Der Schatten des Windes“ lebt auch davon, dass sich die Handlungen miteinander verstricken und die Geschichte sich quasi wiederholt, was man zwar als Leser erkennt, aber ohne Chance, den Helden vor seinem Schicksal zu bewahren.

„‘Daß sich Leute, die kein Leben haben, immer in dasjenige der anderen einmischen müssen‘, murmelte Fermín. ‚Wo waren wir stehengeblieben?‘ ‚Bei meinem fehlenden Mut.‘ […] ‚Passen Sie auf, Daniel. Das Schicksal lauert immer gleich um die Ecke – wie ein Dieb, eine Nutte oder ein Losverkäufer, seine drei trivialsten Verkörperungen. Hausbesuche macht es hingegen keine. Man muß sich schon zu ihm bemühen.‘“

Die Bücher von Carlos Ruiz Zafón habe ich nahezu alle gelesen und alle zusammen bilden irgendwie ein schemenhaftes Ganzes in meiner Erinnerung. Wer mit wem in welchem Buch agiert, erscheint mir oft unklar und manchmal kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, was genau in seinen Romanen passiert. Hinzu kommt, dass seine Geschichten auch alle auf die eine oder andere Weise miteinander verwoben sind. Nebencharaktere sind dann auch einmal die Hauptperson, oder es ergibt sich, dass dieselben Orte in unterschiedliche Handlungen aus einer neuen Perspektive einfließen. Vielleicht ist das ja mitunter der Reiz seiner Bücher. Sie verschwinden in der Erinnerung wie Schatten und zurück bleibt ein Windhauch.

Also dann, bis morgen.

 

 

 

 

 

 

Sieben auf einen Streich – „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

Made with Repix (http://repix.it)

Die Ironie meiner Leidenschaft für John Irving als einem meiner Lieblingsautoren liegt darin begründet, dass ich seinen Roman „Witwe für ein Jahr“ von meiner ehemals großen Liebe erhalten hatte, nachdem meine Mutter gestorben war. Wobei wir irgendwie wieder bei Paul Auster und den Zufällen des Lebens wären.

Das Buch war also ein Geschenk, höchstwahrscheinlich hauptsächlich wegen des Titels. Um mich zu trösten, oder aufzumuntern, wer weiß das schon nach all der Zeit. Der Geschenkegeber war im Bereich Literatur nicht sonderlich wählerisch. Ganz sicher aber ist es der Beginn meines Faibles für die großartigen Werke von John Irving. Immer Familiensaga und Beziehungsgeschichten, die die Jahrzehnte überspannen, gespickt mit Gewalt, Sex, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen (Tabu)-Themen der jeweiligen Zeit. Amerikanische Arbeitergesellschaft ebenso wie Mittelschicht, gnadenlos und hin und wieder abgrundtief. Immer zwischen Tragik und Komik. Und auch bei ihm gibt es den Hang zum Absurden, welcher den Geschichten das gewisse Etwas verleiht.

„Witwe für ein Jahr“ ist, was den Titel betrifft, etwas irreführend, denn Witwe wird die Heldin erst sehr spät im Verlauf der Geschichte. Es geht eigentlich mehr um ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihren Eltern und letzten Endes um ihr gestörtes Verhältnis zu Männern. Ruth, sozusagen das Ersatzkind für ihre beiden verstorbenen Brüder, die sie nie kennengelernt hat, wird als Kleinkind von ihrer Mutter Marion verlassen, während ihr Vater Ted keinerlei Rücksicht und Vorsicht bei seinen Affären gegenüber seiner Umwelt walten lässt. Mittendrin Eddie, der für mich eigentlich fast schon die eigentliche Hauptperson und Spielball im Familiendrama.

„‘She threw rocks at you?’ Marion asked Eddie. ‘There were little stones – most of them hit the car’, Eddie admitted. ‘She made you carry her?’ Marion asked. ‘She was barefoot,’ Eddie explained again. […] ‘And you left your shirt? Why?’ ‘It was ruined – it was just a T-shirt.’ As for Ted, his conversation with Eddie was a little different. […] ‘She locked herself out of the house, because of you,’ Eddie told him. […] ‘I had to break into her house […] I had to carry her through the broken glass,’ Eddie complained. ‘I lost my shirt.’ ‘Who cares about your shirt?’ Ted shouted.

Ruth und Eddie sind gleichzeitig verfolgt und bestimmt von ihrer Vergangenheit, die so gesehen auf den gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen mit Marion und Ted beruhen.

„‘[…] let’s say you do it with some other old lady, some old dame in her seventies or eighties. I mean, what are you thinking? Are you really looking at her and feeling attracted? […]’ ‘I try to see the whole woman […] I can picture her when she was much younger […] I try to see her whole life in her. There’s something moving about someone’s whole life.’”

Und genau das ist es auch, was mich an den Büchern von John Irving so magisch anzieht, das Leben in seiner Gesamtheit entfaltet sich vor einem und man erlebt und durchlebt die Zeit mit. Vom Anfang bis zum Ende.

Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – „Mond über Manhattan“ von Paul Auster

Made with Repix (http://repix.it)

Von Paul Auster habe ich erstmals im Radio gehört, das muss so Anfang der 1990er gewesen sein. Es war dabei die Rede von Zufällen, die das Leben schreibt, schicksalhaften Verbindungen und den absurden, phantastischen Momenten. Meine Leidenschaft für derartige Literatur war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich ausgeprägt und in der Folge stürzte ich mich auf seine Werke. Der erste Roman, den ich in die Finger bekam, war „Musik des Zufalls“ und ist durchaus bezeichnend für seinen Stil. Der Held ist meist eher in sich zerrissen, aber nicht erstarrt. Er durchlebt ganz reale Abgründe, auch und vor allem die eigenen. Und nicht zuletzt befindet er sich in der einen oder anderen Art immer auf Reisen, was oft auch mit tatsächlich physischen Ortswechseln einhergeht. Der Weg der Selbstfindung in allen Variationen.

Noch heute zählt Paul Auster zu meinen Lieblingsautoren und als sein letztes Buch „4 3 2 1“ erschien, konnte ich einfach nicht auf die Taschenbuchausgabe warten, ja noch nicht einmal auf die deutsche Ausgabe. Und auch darin geht es um die Zufälle, die den Lebensweg so oder so bestimmen und beeinflussen und die Frage, was wäre, wenn. Kopfkino auf hohem literarischem Niveau.

Wenn ich nun eines seiner Bücher herausgreifen soll, dann fällt meine Wahl auf „Mond über Manhattan“. Der Held, Marco Stanley Fogg, verliert im Laufe der Geschichte jeglichen Halt und sieht in allem Zeichen schicksalhafter Verstrickungen, die ihn immer weiter abdriften lassen und schließlich zu sich selbst und seiner eigenen Geschichte führen. Dabei er- und durchlebt er Unmengen bizarrer Situationen, immer im Zeichen des Mondes: „‘Sie sind ein Träumer, Junge‘, sagte er. ‘Sie weilen mit Ihren Gedanken auf dem Mond, und daran wird sich, wie es aussieht, auch nichts ändern. Sie haben keinen Ehrgeiz, Geld ist Ihnen völlig unwichtig, und Sie sind viel zu sehr Philosoph, um ein Gefühl für Kunst zu haben. Was soll ich nur mit Ihnen machen? […]‘ ‘Vorigen Winter habe ich mich […] um einen Studienplatz für Bibliothekswissenschaften beworben […]‘ ‘Als Bibliothekar kann ich Sie mir nur schwer vorstellen, Fogg.‘ ‘Es ist abwegig, das gebe ich zu, aber ich denke, ich könnte mich dafür eignen. Bibliotheken befinden sich schließlich außerhalb der realen Welt. Es sind abschieden Orte, Zufluchtsstätten des reinen Denkens. Auf diese Weise kann ich den Rest meines Lebens auf dem Mond weiterleben.‘“

Das Subtile ist bei Paul Auster Programm und trotz der oftmals schier unwahrscheinlichen Zusammenhänge bleibt immer auch das Gefühl von das-hätte-mir-auch-passieren-können.

Also dann, bis morgen.

 

Tatort des Monats Januar

Morgens, wenn man noch nichts so wach ist oder aber schon so voller Energie steckt, kommt es schon mal zu der einen oder anderen Ungeschicklichkeit.

Tatort: BadezimmerDelphin

Tatbestand: Delphin

Tatortsäuberung: Schade, aber ein Teil weniger, das abgestaubt gehört. Und irgendwie ist es auch ganz gut so, denn der Freund hat uns bereits vor etwa fünf Jahren verlassen. Nun wurde es quasi Zeit, dass ihm der Spielkamerad folgt. Und bekanntlich werden Delphine ja auch depressiv, wenn sie allein und in Gefangenschaft gehalten werden. Es könnte also auch ein Akt der Verzweiflung gewesen sein. Ich wünsche gute Reise in den Delphinhimmel.

Was von der zweiten Rauhnacht (26. Dezember) übrigbleibt – Februar 2017

Der 26. Dezember beziehungsweise der Februar steht unter dem Motto „Frieden“. Nun ja, der zweite Weihnachtsfeiertag war tatsächlich recht friedlich, hingegen lässt sich das für den zurückliegenden Februar so irgendwie gar nicht sagen. Allerdings hatte ich als Tarotkarte auch den Wagen gezogen und der steht ja bekanntlich nicht für ruhiges Fahrwasser. 

Gleich zu Beginn musste bei eisigen Temperaturen eine traurige Familiennachricht verkraftet werden, die uns den ganzen Monat lang begleitet hat und auch weiterhin für manch schmerzliche Erinnerung sorgen wird. „Tschüss, Opi!

Eisfall

Eisfall

Um auf andere Gedanken zu kommen, wurde ein Ausflug zur Montgolfiade an den Tegernsee unternommen… 

Montgolfiade

…und ein Spaziergang am Waginger See unternommen… 

Waginger See

…und dann noch an den Simsee. simsee

Ruhe und Frieden im Baummuseum baumringe

Statt Kamellen gab es Bounty auf 2.200 m… bounty

….und statt Fasching jede Menge wilde Skiabfahrten. skiline

So sportlich geht es direkt in den März, den Rückblick gibt es aber erst am Ende des Monats. Und bis dahin gilt es, noch jede Menge zu erleben.

Eure Kerstin