Relax-Rezept

Karte Nr. 19: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“

Höchst wahrscheinlich habe ich den ungünstigsten Monat für solch ein Unterfangen erwischt. Jahresendspurt, Weihnachten und alles, was dazu gehört, steht nicht gerade in Einklang mit Entspannung, Ruhe und Erholung. Von daher: Nein, ich habe keinen ganzen Tag im Bett verbracht – mit Schlafen, Lesen oder Sex. Ich bin ein schlechter im Bett-Liegenbleiber. Klar gab es in meiner Jugend eine Zeit, in der auch ich mich bis mittags oder länger im Bett aufhalten konnte. Mein Vater hat damals immer gern Wanderlieder in voller Lautstärke durch den Äther gejagt, wenn er der Meinung war, ich hätte nun lange genug gefaulenzt. Ist das zu glauben? Wanderlieder. So richtig: „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Im Frühtau zu Berge“. Das grenzt an seelische Grausamkeit. Da frage ich mich doch glatt, welche Verbindung zwischen meiner Liebe zu den Bergen und dieser Folter besteht.

Was ich also von dieser Karte tatsächlich geschafft habe, ist der Lesepart. Das ist ein leichtes für mich. Lesen – keine wirkliche Herausforderung. Hier meine Leseliste des letzten Monats: „Let’s explore diabetes with owls”, “Er ist wieder da”, “The secret Paris cinema club”, “After Annie”, “We are all completely beside ourselves”. Lesen – pure Entspannung und faul sein zugleich.

Ich habe mal das Wort Muße im Wörterbuch nachgeschlagen und es bezeichnet die Zeit, die man nach eigenen Wünschen gestalten kann. Ja, das ist sicherlich etwas, was die Wenigsten heutzutage sich tatsächlich leisten können. Da wundert es mich nicht, dass der Begriff immer auch mit der Antike in Verbindung gebracht wird. Vor allem in Bezug auf Musik, Kunst und Literatur. Nicht zu vergessen die Musen – Schutzgöttinnen der Künste. Aber es gibt eine noch ältere Bedeutung von Muße, die da lautet: Gelegenheit, Möglichkeit. Und hier komme ich ins Spiel.

Immer wieder habe ich das Problem, dass ich nicht weiß, was ich kochen soll und für einen Kochplan fehlt mir oft die Zeit und letztlich auch die Nerven. Also habe ich einen Bring-Service ausprobiert. Man bekommt eine Lieferung mit allen Zutaten und Rezepten. Also bin ich jeden Abend nach Hause gekommen und habe Essen gemacht. Alles, was ich benötigte, war vorrätig und die Kochanleitung gab vor, was serviert wurde. Ich habe geschnibbelt, gebraten, gekocht usw. Und soll ich was sagen? Das war wirklich entspannend. Etwas mit den eigenen Händen tun. Ganz besonders, wenn man wie ich den ganzen Tag vor dem Computer sitzt und sich oftmals fragt, was genau mache ich da eigentlich. In der Küche sind die Ergebnisse ziemlich eindeutig: Vorbereiten, zubereiten. Fertig!

Nach einer Woche vorkonfektioniertem Essensplan ergab sich eine weitere Möglichkeit in Form von Plätzchenbacken. Ja, die Vorweihnachtszeit bot sich einfach dazu an. Was mir jedoch fehlte, war das Familienrezept, welches auf unerklärliche Weise mit dem Tod meiner Mutter verschwand. Seit über zehn Jahren versuche ich nun schon dieses Rezept zu finden. Bis dato leider immer ohne Erfolg. Und was soll ich sagen? Dieses Jahr hatte ich Glück. Vielen Dank, Internet! Ich habe einen ganzen Tag in der Weihnachtsbäckerei zugebracht und dabei meine Weihnachts-CD rauf und runter gehört. Klar singe ich auch mit, aber das ich wahrscheinlich eher kein Vergnügen für andere.

Tja, und dann habe ich noch eine dritte Gelegenheit zur Muße entdeckt: Jeder weiß ja sicherlich wie frisches Brot schmeckt. Also, so richtig frisch. Nahezu ofenfrisch. Genau. Und bereits am nächsten Tag ist es nur noch halb so lecker. Nun, ich esse unter der Woche zum Frühstück gern ein Brot. Aber wenn ich mein Lieblingsbrot am Samstag kaufe, schmeckt es eben Montagmorgen schon alt. Das war meine Chance: Eigenes Brot backen. Und genau das habe ich getan. Mmh, so lecker duftendes Brot: Viel, viel besser als einen Tag im Bett verbringen – mit Schlafen, Lesen oder Sex. Okay, Letzteres vielleicht mal ausgenommen.

BrotUnd das Beste: Hefeteig sollte man mindestens eine halbe Stunde lang mit den Händen kneten. Das beste Relax-Rezept überhaupt.

Wünsche allen frohe Festtage und ein gutes, neues Jahr. Ich für mich werde nochmals eine Komfortkarte ziehen – in der Hoffnung, dass es eine ruhige und geruhsame ist. Nr. 20.: „’ Auf Dauer befriedigender ist es jedoch, nicht nur von Herze, sondern auch mit Hirn zu spenden’, Stefan Klein. Geben Si etwas ab: Überlassen Sie Ihr Rad nicht einer Online-Auktion, sondern einem Asylbewerberheim. Oder verschenken Sie Ihre Zeit, etwa, um anderen zu helfen.“ Gut, irgendwie war es abzusehen, dass ich gutmütiger Tropf wieder mit so etwas ende. Wer ist hier eigentlich für die Wahl der Karten zuständig? Ich dachte, das sollten Glückskarten sein? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort Keller, Tag 29

Neben der Dekokiste auch die Flohmarktkiste entdeckt und einen Blick riskiert.

Tatort: Keller, Flohmarktkiste.29 Tag

Tatbestand: Getreidenackenkissen. Lässt sich im Ofen bzw. der Mikrowelle warm machen. Gut gegen Nackenschmerzen, wenn man nicht allergisch auf Heu/Stroh reagiert.

Tatortsäuberung: Würde es gern verschenken, falls noch jemand kurzfristig ein Weihnachtsgeschenk sucht. Bin es auf dem Flohmarkt bis dato nicht los geworden. Ist so gut wie neu. Bei Interesse bitte melden. Zum Wegschmeißen einfach zu schade. Ich selbst komme damit nicht klar. Ist mir zu umständlich. Fällt in die gleiche Kategorie wie das aufblasbare Nackenkissen von Tag 16. Nehme mal an, das Getreide ist längst nicht mehr keimfähig. Somit lässt es sich auch nicht anderweitig verwerten.

Tatort Badezimmer, Tag 16

Heute Endspurt im Bad. Dann suche ich mir ein neues Schlachtfeld.

Tatort: Badezimmer, Schrank.16 Tag

Tatbestand: Unbenutztes, aufblasbares Nackenkissen. Ich persönlich finde die Dinger total unbequem und mitunter unangenehm.

Tatortsäuberung: Als Geschenk ungeeignet, da mit Werbeaufdruck. Ab in die Tonne. Vielleicht lasse ich es vorher noch platzen, indem ich beim nächsten Wutanfall einfach drauf springe.

Die Kunst des Atmens

„Sie sind ganz in Ihrer Mitte: Bewusstes Atmen beruhigt, lindert Angst und Schmerz. Beginnen Sie mit fünf Sekunden einatmen, fünf Sekunden ausatmen. Langsam steigern.“

Klar kann ich fünf Sekunden einatmen und ausatmen. Ich kann sogar zehn Sekunden ein- und ausatmen und noch länger, wenn ich mich nur auf den Rhythmus des Atmens konzentriere. Die zweite Karte ist eine aus der Kategorie Wohlfühlen. Mal sehen, was mir dazu einfällt und zu welchen Einsichten es mich bringt:

Atmen ist das Erste, was wir tun, wenn wir in dieser Welt ankommen und ebenso das Letzte, wenn wir sie verlassen. Mit einem Lauten Knall kommen wir an: Hier bin ich, ich bin hier. Und wir scheiden: Leise und mit einem Seufzer. Ein schöner Kreis: Ein – Leben – Aus. Nichts, auf das wir besondere Sorgfalt legen oder dem wir große Achtung schenken. Es ist für uns selbstverständlich. Die Luft um uns herum. Nichts, was wir sehen, anfassen, fühlen können. Und doch ist es die Essenz des Lebens.

Ich liebe es, meinen Atem zu sehen, wenn es draußen kalt ist. Die Fensterscheibe anzuhauchen und dann die Welt wie durch einen weißen Schleier zu sehen, der langsam verschwindet.

Manchmal habe ich das Gefühl des Erstickens – als wenn ich nicht genügend Luft bekommen würde. Dabei meine ich nicht Sauerstoff. Es ist eher so, dass ich das Gefühl habe, die Luft sei leer und würde sozusagen den göttlichen Atem missen. Meine Lungen können sich nicht ausdehnen. Es fühlt sich an, als ob etwas unmenschlich Schweres mich zusammen presst.

Beim Sport oder anderen körperlichen Aktivitäten, wird man sich auf einmal recht schnell seines Atems bewusst. Oder vielmehr der Tatsache, dass man außer Atem gerät. Beim Pilates gibt der Trainer die Sequenz des Atemholens vor. Irgendwie kann ich nie richtig folgen, da ich bei weitem länger benötige, um den Kreis von Ein- und Ausatmen zu schließen. Beim Yoga funktioniert das besser. Das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung fühlt sich vertrauter und natürlicher an. Hin und wieder müssen wir uns einzig und allein auf unsere Atmung konzentrieren und dann kann ich es förmlich vor meinem inneren Auge sehen, wie die Luft bis in die letzte Zelle strömt. Mein Atem fließt durch meinen Körper und nimmt allen Raum ein und nach einiger Zeit heften sich alle Gedanken, alle Probleme an den Luftstrom und fliegen mit dem Atem davon. Für mich: Die Kunst des Atmens. Der Punkt, an dem man einfach ist. Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir: „Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind die Stille zwischen den Gedanken.“ Am Anfang dachte ich: ‚Was für ein Blödsinn! Was, wenn nicht meine Gedanken, definiert mich?’ Aber es ist tatsächlich war. Wenn man den Punkt erreicht, an dem kein Gedanke mehr unser Hirn beschäftigt, dann ist man einfach. Ich persönlich schaffe dies am besten beim Bergsteigen. Ich höre mich atmen, meine Gedanken wandern in meinem Kopf umher und wenn der letzte Funke meine Gedanken verlassen hat, fühle ich mich unbeschwert und leicht und zuhause.

Wenn ich zur Ruhe komme, dann versteckt sich mein Atem ganz gern. Mein Brustkorb bewegt sich nur minimal und nahezu kein Geräusch zeigt an, dass ich noch lebe. Wie, als wenn ich versuche, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zumindestens wurde mir das erzählt von Leuten, die mal neben mir geschlafen haben. Anscheinend liege ich wie tot da. Muss wohl ein Überbleibsel aus meiner Zeit als Höhlenmensch sein. Aber ich lebe – noch. Obwohl es schon Zeiten gegeben hat, zu denen ich mir gewünscht hätte, ich könnte mich einfach hinlegen und sterben. Wie die Rehe. Habe ich irgendwo mal gelesen oder gehört: Wenn ein Reh sterben möchte, legt es sich hin und stirbt. Einfach so. Als ich vor langer Zeit mal an einem solchen Tiefpunkt war, gab es in einer Ausstellung eine schalldichte Kammer, die man testen konnte. Als die Tür sich hinter mir geschlossen hatte, war mit einem Mal kein einziges Geräusch mehr zu hören. Alles wurde geschluckt. Nicht einmal mein Atem erzeugte einen Ton. Ich konnte mein Herz wie wild schlagen hören. Es hörte sich wie ein tosender Wasserfall oder fürchterlicher Sturm an. Ich hatte wahrlich das Gefühl zu ertrinken und meinen eigenen Atem nicht zu hören. Voller Panik bin ich damals aus der Kammer im wahrsten Sinne des Wortes geflohen. Später bereute ich aber, dass ich meinem Atem keine Chance gelassen habe, die Umgebung zu spüren, meine Gedanken auszuschalten und ich zu sein. Offensichtlich hatte ich die Kunst des Atmens noch nicht erlernt. Ich war noch nicht in meiner Mitte angekommen.

Eure Kerstin