Filmwissen für die ältere Generation und Nostalgiker

Karte Nr. 13: „Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die letzte Kartenziehung, als ich sagte, dass ich im Lustloskeller feststecke. Also, Komfort war auch nicht die Lösung. Anstatt einfach alle Filme und Serien meiner Kindheit rauf und runter laufen zu lassen, habe ich die Zeit damit verbracht, zu überlegen, was ich gern sehen würde. Im Zuge dessen ist mir bewusst geworden, wie weit weg diese Art von bewegten Bildern ist und wie groß die Unterschiede zu heutigen Produktionen sind, bei denen auch Erwachsene in sogenannten Kinderfilmen auf ihre Kosten kommen.

Mein erster Kinofilm war „Bernhard & Bianca“. Ein echtes Erlebnis und das ohne Popcorn und Limo. Neulich bin ich beim Sendersurfen zufällig darauf gestoßen. Himmel, was für eine farblose und unscharfe Grafik. Gefühlt keine Action und keine scharfsinnigen oder witzigen Dialoge, wie man es inzwischen gewohnt ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass früher alles besser war. War es bestimmt nicht. Vom pädagogischen Standpunkt aus, lassen sich damals wie heute gleichermaßen schlechte und gute Beispiele aufzählen.

Nehmen wir nur mal die Zeichentrickserie. „Biene Maja“. Maja ist eine junge Biene, die im Grunde nie auf das hört, was man ihr sagt. Sie hilft nicht beim Honig sammeln und drückt sich auch sonst vor der Arbeit. Und immer gerät sie wegen ihrer Neugier in Schwierigkeiten. An ihrer Seite ist Wille. Ein echt gutmütiger, etwas ängstlicher Tropf, der immer versucht, Maja zu überreden, keinen Unfug zu machen, aber sie trotzdem nicht verpetzt und auch weil er ziemlich faul ist, mit ihr zusammen alle Abenteuer erlebt, wobei das Gruseligste die Spinne Thekla ist, die ihrer Geige schmerzhafte Töne entlockt, um die Insekten in ihr Netz zu locken, was ihr aber nicht einmal gelingt. Maja ist also ein aufmüpfiger, frecher, erziehungsresistenter Trotzkopf. Nicht gerade Eigenschaften, die man beim eigenen Nachwuchs fördern möchte. Mag sein, dass ich die Serie so negativ in Erinnerung habe, da die Spinne Thekla mir Albträume bescherte und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Spinnenphobie aus der Zeit her rührt.

Noch so ein Beispiel ist „Wicki und die starken Männer“. Ich dachte ja immer, dass Wicki ein Mädchen ist. Schließlich hat sie/er ja lange Haare trägt so was wie ein Minikleid und die/der beste Freund/in ist Ilvy. Logisch, ganz klar ein Mädchen. Wicki ist jemand, der man als hochbegabt einstufen könnte und schon im Kindesalter mit den Wikingern in See sticht, wobei die Wikinger von Flaake gute Wikinger sind und so gut wie keine Raubzüge veranstalten. Na, jedenfalls ist Wicki dreimal klug und weiß immer die perfekte Lösung für jedes Problem. Ganz im Gegensatz zu den gestandenen Kriegern des Stammes und aller anderen. Zusammengefasst könnte man sagen, das ein geschlechtsneutrales Kind (vielleicht wäre Wicki in Folge 2058 der erste transsexuelle Wikinger geworden), dessen Intelligenz zum Betrügen der Zollbehörde missbraucht wird (Folge 6) und der von Gleichaltrigen auf Grund seine Furcht vor Wölfen und weil er als Sohn des Chefs schon im Kindesalter mitfahren darf gemobbt wird. Frühförderung sieht anders aus. Die Botschaft „Hirn statt Haue“ dagegen ist zeitlos und heute grundlegender denn je.

Gut, vielleicht liegt es an meinem Alter bzw. daran, dass es zu meiner Kindheit einfach nicht diese Mengen gab. Es gab kein Frühstücksfernsehen und keine Daily Soaps und keine 24-Stunden-Dauerbeschallung. Nach Programmschluss wurde die Eurovisionhymne gespielt und dann erschien dieses graphische Bild. Testbild heißt es technisch korrekt. Wusste ich bis dato auch nicht. Und es gab diesen schrillen, durchgehenden Ton. Messton genannt. Musste ich auch nachschauen. Dann kam der Schnee und ein diffuses Rauschen. Es gab schlicht und ergreifend ein Ende.

Tagsüber lief der Fernseher einfach nicht –außer zur Sportschau am Wochenende oder wenn es einen Familienfilm mit den Filmgrößen der damaligen Zeit gab. Ich erinnere mich da an Peter Alexander (Im weißen Rössl am Wolfgangsee), Cary Grant (Über den Dächern von Nizza), Doris Day (Spion in Spitzenhöschen), Liselotte Pulver (Das Wirtshaus im Spessart), Fred Astaire (Swing Time), Audrey Hepburn (Frühstück bei Tiffany), Heinz Rühmann (Die Feuerzangenbowle) Gene Kelly (Singing in the rain), David Niven (Der rosarote Panther), Romy Schneider (Sissi) und Edgar Wallace (Ok, vielleicht kein kindertaugliches Material).

Sicherlich mag der gemäßigte Fernsehkonsum auch an der Programmanzahl gelegen haben. Heute bleibt bei mir die Kiste oft ein, manchmal zwei, Wochen aus. Meist, weil ich mit anderen Dingen beschäftigt bin. Oft aber erschlägt mich schon die Fernsehzeitung und ich gebe auf, weil ich bei 40 Programmen und mehr die Übersicht verliere. Das war früher einfacher. Da ich in Bayern aufgewachsen bin, konnten wir neben den deutschen Sendern ARD, ZDF und dem bayerischen Regionalsender BR auch die Österreichischen empfangen. Danke, liebes Nachbarland. Und das nicht nur dafür, weil seit Udo Jürgens im Jahre 1966 der Eurovision Song Contest, der damals noch Gran Prix Eurovision de la Chanson hieß und einen schon auf Grund des Titels zu aufrechter Sitzhaltung und angemessener Kleidung anhielt, wieder nach Österreich geht.

Auch so ein Teil Kindheitserinnerung: Die großen Samstagabendshows wie „Der große Preis“ (Wim Thoelke und Wum und Wendelin), „Am laufenden Band“ (Rudi Carell), „Zum blauen Bock“ (Heinz Schenk), „Dalli Dalli“ (Hans Rosenthal), „Einer wird gewinnen“ (Hans-Joachim Kuhlenkampff) „Musik ist Trumpf“ (Peter Frankenfeld) und später dann „Wetten, dass..?“ (Frank Elstner).

Im Rückblick ist da jede Menge heile Welt im Programm. Und irgendwie passt es nicht mehr in die heutige Zeit. Vielleicht passe auch ich nicht mehr in die heutige Zeit. Ein angestaubter Klassiker, der farblos und unscharf daherkommt.

Noch eine letzte Anmerkung, bevor es zur neuen Kartenwahl, diesmal eine Powerkarte, die mich hoffentlich wieder etwas aufmuntert: Mein Filmwissen für die ältere Generation und Nostalgiker ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was mir so alles dazu in den Sinn gekommen ist. Also, nicht böse sein, wenn hier der eine oder andere Kindheitsliebling keine Erwähnung gefunden hat. Freue mich aber auf entsprechende Ergänzungen in den Kommentaren.

So, nun aber auf zu neuen Taten. “Bewegen Sie sich: Schwingen Sie sich aufs Fahrrad, ziehen Sie ein paar Bahnen im Schwimmbad oder dehnen Sie Ihren Körper bei einer Yogastunde. Wetten, dass Sie sich danach auch seelisch viel fitter fühlen?“ Gut, nicht gerade <pointes>>, aber mal sehen, was sich daraus machen lässt. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort Schreibtisch, Tag 25

Nun wird es langsam etwas beängstigend.

Tatort: Schreibtisch, Schublade.25 Tag

Tatbestand: Bierdeckel aus Berlin, als Berlin noch in West- und Ostberlin geteilt war. Genauer gesagt aus dem Jahre 1980. Woher ich das weiß? Tja, Visum in meinem Kinderausweis von Tag 21 kann als Beweismittel nachgereicht werden. Ist also hin und wieder doch von Nutzen, wenn man nicht alles entsorgt, was einem in die Finger fällt. Stammt von nächtlichen Besuch eines unterirdischen Labyrinths aus verschiedenen Kneipen und Bars – genannt ku’dorf. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt. Ist auch nur noch eine sehr vage Erinnerung. Und das nicht wegen evtl. flüssiger Rauschmittel, sondern weil es eben schon sehr, sehr lange her ist.

Tatortsäuberung: Könnte ich beim nächsten Kneipenbesuch unter die dort vorhandenen Bierdeckel mischen. Da ich aber sehr selten in Bars und Kneipen gehe, wird es wohl doch der Altpapiercontainer.

Hinweis für die Führungsakte: Ich war damals in Begleitung eines Erziehungsberechtigten und habe nur KiBa (Kirsch-Bananensaft – war damals total in) getrunken. Ehrenwort.

Tatort Abstellraum, Tag 8

Heute mit besten Grüßen aus der Vergangenheit.08 Tag

Tatort: Abstellraum, rechtes Regal, 3. Boden gaaanz hinten.

Tatbestand: Leere Schmuckverpackungen mit passender Geschenktüte. Warum habe ich die überhaupt aufgehoben? Uh, unerfreuliche Erinnerungen werden wach.

Tatortsäuberung: Schnell weg damit. Vielleicht lässt sich irgendjemand dadurch inspirieren, mir ein paar neue Stücke zu schenken. Am liebsten in einer kleinen türkisen Schachtel. Hallo! Bald ist Weihnachten! Hört mich jemand?

Der Duft des Lebens

Leseecke„Menschen haben einen starken Geruchssinn. Erzählen Sie über einen Geruch und woran er Sie erinnert.“

Sicherlich gibt es diese Gerüche, die einen zum Lächeln verführen. Ok, vielleicht ist Lächeln nicht das richtige Wort, eher so was wie ein inneres Lächeln, falls es das gibt. Also in Richtung stilles Glück. Wie der Duft nach frisch gemähtem Gras, die Luft nach einem Sommerregen, frische Bettwäsche, die erste Tasse Kaffee am Morgen.

Und es gibt Gerüche, die einen in eine andere Zeit versetzten: Das Parfum einer verflossenen Liebe, Plätzchenduft und Weihnachten. Schweißgeruch an das letzte Mal, als das eigene Deo versagte.

Und dann gibt es Gerüche, die nur in unserer Erinnerung lebendig sind. Für mich gehört dazu der Sonntagsbraten, den es bei uns immer gab. In meiner Erinnerung sind diese Sonntage lange, triste Tage, die schier endlos dauerten. Die Zeit schien eine zähe Masse zu sein. Die Familien blieben unter sich und jeder war sich selbst überlassen. Sich mit Freunden treffen war eher die Ausnahme. Die Stille draußen setzte sich im Haus fort. Mein Vater, der mittags auf dem Sofa schlief. Meine Mutter, die schweigend am Tisch saß und ihren Gedanken nachhing. Langeweile gehörte zum Programm. Genauso wie die Sportschau ein unumstößliches Ritual war. Es gab sowieso nur eine Handvoll Sender. Die Fernbedienung hatte ihren festen Platz auf der Armlehne des einzigen Sessels, der dem Fernseher zugewandt war. Der Hund, der nach dem Spaziergang friedlich unter dem Couchtisch schlief. Und eben der Sonntagsbraten. Schweinebraten mit Knödeln, Kalbsrollbraten mit Kartoffeln, Rinderschmorbraten mit Rosenkohl. Es roch nach Soße und Wärme. Manchmal waren es Kartoffelknödel mit gebratenen Zwiebeln. Ein Gericht aus der Kindheit meiner Eltern. Es roch nach Heimat und vergangenen Zeiten. Im Herbst gab es Pflaumenpfannkuchen. Es roch süß und gemütlich. Im Sommer wurde des Öfteren mit Freunden gegrillt. Für die Kinder gab es Rippchen und gegrilltes Brot. Der Grill wurde mit Holzkohle und Spiritus betrieben und es gab einen Fön zum Erzeugen der Glut. Flammen wurden mit Bier gelöscht. Es roch nach verbranntem Fett und Asche. Alles war lebendig. Und immer roch es nach Familie. Nach Liebe und Fürsorge.

Bisweilen haben Sonntage noch immer diese Konsistenz der Endlosigkeit. Draußen scheint die Welt zu ruhen. Die Menschen ziehen sich zurück. Neben der Sportschau laufen unzählige andere Sendungen, die für Unterhaltung sorgen. Die Langeweile wird ertränkt in Dokusoaps. Nur der Platz in der Küche bleibt leer. Niemand, der stundenlang für ein Familienessen arbeitet. Kein Topfklappern. Kein Duft, der durch das Haus zieht und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Niemand, der einen zum Essen ruft. Meine Mutter hat mir ihre Rezepte nie verraten. Und ich habe sie nie danach gefragt. Nichts ist vom Duft des Lebens geblieben.

Eure Kerstin

Alternativleben, oder die Frage nach dem „was wäre, wenn..“

Leseecke„Bestimme einen Moment in Deinem Leben, an dem Du eine große Entscheidung treffen musstest. Schreibe über dieses andere Leben, welches sich daraus ergeben hätte.“

Oh, wie ich solche Gedankenspiele liebe! Da ich schon eine ganze Menge an Jahren und Erfahrungen geltend machen kann, habe ich auch eine große Auswahl an Situationen, bei denen ich eine Entscheidung treffen musste. Eine der ersten, die ich im Nachgang wohl recht schnell und vielleicht auch unüberlegt getroffen habe, war meine Berufswahl. Ob dies aus jugendlichem Leichtsinn und später pubertärer Rebellion war, kann ich heute nicht mehr sagen, aber hinterher neigt man ja sowieso dazu, den vergangenen Entscheidungen eine Bedeutung zu verleihen, die dem Ganzen einen Sinn geben.

Es war gegen Ende der Schulzeit und bekanntlich stellt sich spätestens dann die Frage: „Was werde ich?“ Das war bei mir nicht anders. Das Schulende kam also näher und irgendwie hat mich das erst mal gar nicht groß beunruhig, nicht zu wissen, was danach kommt. Ich wusste nur eines ziemlich sicher, nämlich, dass ich nicht studieren wollte. Damit war ich sicherlich eine Randerscheinung in meinem Jahrgang. Ich glaube, es haben an die 90% ein Studium begonnen. Manche hatten klare Vorstellungen davon, was sie studieren wollten. Alle anderen haben BWL studiert. Der Rest ist zum Bund oder hat erst mal nichts gemacht. In meiner Vorstellung war ich die Einzige, die letztendlich eine Ausbildung angefangen hat, aber damit mag ich auch ganz falsch liegen. Dass meine Eltern von ihrer Seite auch keinen sonderlich großen Druck ausgeübt haben, mag ebenso dazu beigetragen haben, dass meine Pläne recht dürftig waren. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass in einem Gespräch mit meiner Mutter die Frage nach meinem Berufswunsch aufkam und ich daraufhin sagte: „Ich könnte ja Journalist werden.“ Das war sicherlich nicht nur so dahin gesagt. Zu der Zeit habe ich bereits gern geschrieben und hin und wieder war ich bei der Schülerzeitung aktiv. Schreiben fiel mir leicht und so richtig als Arbeit stellte ich es mir nicht gerade vor. Nach ein bisschen Recherche fand ich die Idee immer noch gut. Bis zu dem Punkt, an dem meine Mutter meinte, dass ich ja dann bei meinem Vater in der Pressestelle des Unternehmens anfangen könnte. Und „peng“, damit war die Sache für mich gegessen. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich konnte meinen Vater nicht leiden oder hatte vielleicht Angst vor ihm. Alles falsch. Ich habe immer zu meinem Vater aufgeschaut und seine Meinung und Anerkennung war mir stets wichtig. Der Punkt, warum ich nach dieser Aussage kein Interesse mehr an einer Zukunft als Journalist hatte, war, dass ich mir nicht helfen lassen wollte. Ich wollte es alleine schaffen. Klingt in heutigen Zeiten eher nach „Ritter von der traurigen Gestalt“ und schön blöd als nach Heldentum, aber meine Eltern haben mir immer alles ermöglicht, was ich gern machen wollte und wenn ich einen Ferienjob einen Tag vor den Sommerferien brauchte, so hat mein Vater mir einen verschafft, bei dem ich dann oft meine Zeit abgesessen habe und eine Menge Geld kassiert habe. Warum ich diesen einfachen, bequemen Weg nicht auch bei meinem weiteren Leben gewählt habe, erscheint unlogisch, aber so war es.

Was aber, wenn ich den diesen Weg gewählt hätte? Wie würde mein Alternativleben aussehen? Mal angenommen, ich hätte die Ausbildung in der Pressestelle meines Vaters absolviert: Natürlich habe ich einen tollen Abschluss gemacht. Schließlich wollte ich meinen Vater nicht enttäuschen und ihn in einem schlechten Licht darstellen, indem ich schlechte Bewertungen erhalte. Bis hierher käme das der Realität sehr nahe, während der Rest schlichtweg Wunschdenken ist. Nach meiner Ausbildung wechselte ich und habe für eine große überregionale Zeitung Reportagen im Ausland und aus Krisengebieten gemacht. Ich trug einen dieser praktischen Safari-/Tarnanzüge und berichtete von vorderster Front. Erst war ich für die Schlagzeilen der ersten Seite verantwortlich und dann im meinem weiteren Leben berichtete ich über die Schicksale der Menschen. Ich hatte eine kleine, portable Schreibmaschine, mit der ich abends beim Schein der Gaslampe im meinem Zelt literarisch hochwertige Berichte ablieferte. Mein Arbeitsplatz waren Asien und Arabien. Etwas unsicher bin ich mir in Bezug auf mein Privatleben. Vielleicht wären mein Fotograf und ich ein Paar. Aber eigentlich „sehe“ ich mich eher als dynamische Nachrichtenjägerin, die in ihrer Aufgabe vollends aufgeht. Und inzwischen reise ich durch die Welt und schreibe Reiseberichte und über Restaurants und Hotels, die ich getestet habe. Wie gesagt, reines Wunschdenken. Sehr viel wahrscheinlicher wäre es wohl so gewesen: Nach meiner Ausbildung blieb ich im Unternehmen und habe Betriebsanleitungen verfasst, Kundenanfragen bearbeitet, Imagebroschüren entworfen, Anzeigen getextet, Pressetexte erstellt, Medienanfragen beantwortet, Mitarbeiterkommunikation betrieben und Reden ausgearbeitet. Und nun zurück zum Wunschdenken: Später bin ich dann Konzernsprecherin geworden. Ich habe eine eigene Sekretärin und einen Firmenwagen, bin 24/7 online und habe eine schicke Penthousewohnung mit Portier und mache regelmäßig Urlaub auf exotischen Inseln.

Wenn ich nun so darüber nachdenke, hätte ich vielleicht doch Journalistin werden sollen. Klingt eigentlich alles sehr verlockend. Und genau das ist der springende Punkt. Die Wahrheit ist doch, dass wir immer versuchen, unser eigenes Leben als etwas Besonderes zu sehen – anders zu sein und aus der Masse heraus zu stechen. Und jedes Mal hadern wir mit der Entscheidung. Nehme ich das Jobangebot oder warte ich auf ein Besseres? Soll es diese Wohnung sein oder finde ich etwas Schöneres? Ist das der beste Liegestuhl am Strand oder der dort drüben? Und haben wir uns dann einmal entschieden, spielt unser Gehirn mit uns „was wäre, wenn..“ Und das immer und immer wieder. Nichts ist so hinterhältig wie unser eigener Geist, der in ständiger Angst lebt, etwas zu verpassen.

Als ich damals meinen neuen Berufswunsch, ins Hotelfach zu gehen, äußerte, war die Reaktion meiner Mutter: „Aber da kennen wir ja niemanden.“ Und damit war die Entscheidung gefallen. Was folgte, waren viele Jahre harter, langer Arbeitstage, Wochenend- und Feiertagsdienste und schlechte Bezahlung. Aber: Es waren die Jahre, in denen ich so viele Menschen und Charaktere kennen gelernt habe, die loyalsten Kollegen hatte, viele Städte und manche Länder gesehen habe und mehr über das Leben gelernt habe als manch Akademiker und Manager. Und meine Entscheidung hat den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin. Und wenn ich mir das so betrachte, dann würde ich es gern wieder so machen – in meinem nächsten Leben.

Eure Kerstin