Tatort Abstellraum, Tag 8

Heute mit besten Grüßen aus der Vergangenheit.08 Tag

Tatort: Abstellraum, rechtes Regal, 3. Boden gaaanz hinten.

Tatbestand: Leere Schmuckverpackungen mit passender Geschenktüte. Warum habe ich die überhaupt aufgehoben? Uh, unerfreuliche Erinnerungen werden wach.

Tatortsäuberung: Schnell weg damit. Vielleicht lässt sich irgendjemand dadurch inspirieren, mir ein paar neue Stücke zu schenken. Am liebsten in einer kleinen türkisen Schachtel. Hallo! Bald ist Weihnachten! Hört mich jemand?

Der Duft des Lebens

Leseecke„Menschen haben einen starken Geruchssinn. Erzählen Sie über einen Geruch und woran er Sie erinnert.“

Sicherlich gibt es diese Gerüche, die einen zum Lächeln verführen. Ok, vielleicht ist Lächeln nicht das richtige Wort, eher so was wie ein inneres Lächeln, falls es das gibt. Also in Richtung stilles Glück. Wie der Duft nach frisch gemähtem Gras, die Luft nach einem Sommerregen, frische Bettwäsche, die erste Tasse Kaffee am Morgen.

Und es gibt Gerüche, die einen in eine andere Zeit versetzten: Das Parfum einer verflossenen Liebe, Plätzchenduft und Weihnachten. Schweißgeruch an das letzte Mal, als das eigene Deo versagte.

Und dann gibt es Gerüche, die nur in unserer Erinnerung lebendig sind. Für mich gehört dazu der Sonntagsbraten, den es bei uns immer gab. In meiner Erinnerung sind diese Sonntage lange, triste Tage, die schier endlos dauerten. Die Zeit schien eine zähe Masse zu sein. Die Familien blieben unter sich und jeder war sich selbst überlassen. Sich mit Freunden treffen war eher die Ausnahme. Die Stille draußen setzte sich im Haus fort. Mein Vater, der mittags auf dem Sofa schlief. Meine Mutter, die schweigend am Tisch saß und ihren Gedanken nachhing. Langeweile gehörte zum Programm. Genauso wie die Sportschau ein unumstößliches Ritual war. Es gab sowieso nur eine Handvoll Sender. Die Fernbedienung hatte ihren festen Platz auf der Armlehne des einzigen Sessels, der dem Fernseher zugewandt war. Der Hund, der nach dem Spaziergang friedlich unter dem Couchtisch schlief. Und eben der Sonntagsbraten. Schweinebraten mit Knödeln, Kalbsrollbraten mit Kartoffeln, Rinderschmorbraten mit Rosenkohl. Es roch nach Soße und Wärme. Manchmal waren es Kartoffelknödel mit gebratenen Zwiebeln. Ein Gericht aus der Kindheit meiner Eltern. Es roch nach Heimat und vergangenen Zeiten. Im Herbst gab es Pflaumenpfannkuchen. Es roch süß und gemütlich. Im Sommer wurde des Öfteren mit Freunden gegrillt. Für die Kinder gab es Rippchen und gegrilltes Brot. Der Grill wurde mit Holzkohle und Spiritus betrieben und es gab einen Fön zum Erzeugen der Glut. Flammen wurden mit Bier gelöscht. Es roch nach verbranntem Fett und Asche. Alles war lebendig. Und immer roch es nach Familie. Nach Liebe und Fürsorge.

Bisweilen haben Sonntage noch immer diese Konsistenz der Endlosigkeit. Draußen scheint die Welt zu ruhen. Die Menschen ziehen sich zurück. Neben der Sportschau laufen unzählige andere Sendungen, die für Unterhaltung sorgen. Die Langeweile wird ertränkt in Dokusoaps. Nur der Platz in der Küche bleibt leer. Niemand, der stundenlang für ein Familienessen arbeitet. Kein Topfklappern. Kein Duft, der durch das Haus zieht und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Niemand, der einen zum Essen ruft. Meine Mutter hat mir ihre Rezepte nie verraten. Und ich habe sie nie danach gefragt. Nichts ist vom Duft des Lebens geblieben.

Eure Kerstin

Alternativleben, oder die Frage nach dem „was wäre, wenn..“

Leseecke„Bestimme einen Moment in Deinem Leben, an dem Du eine große Entscheidung treffen musstest. Schreibe über dieses andere Leben, welches sich daraus ergeben hätte.“

Oh, wie ich solche Gedankenspiele liebe! Da ich schon eine ganze Menge an Jahren und Erfahrungen geltend machen kann, habe ich auch eine große Auswahl an Situationen, bei denen ich eine Entscheidung treffen musste. Eine der ersten, die ich im Nachgang wohl recht schnell und vielleicht auch unüberlegt getroffen habe, war meine Berufswahl. Ob dies aus jugendlichem Leichtsinn und später pubertärer Rebellion war, kann ich heute nicht mehr sagen, aber hinterher neigt man ja sowieso dazu, den vergangenen Entscheidungen eine Bedeutung zu verleihen, die dem Ganzen einen Sinn geben.

Es war gegen Ende der Schulzeit und bekanntlich stellt sich spätestens dann die Frage: „Was werde ich?“ Das war bei mir nicht anders. Das Schulende kam also näher und irgendwie hat mich das erst mal gar nicht groß beunruhig, nicht zu wissen, was danach kommt. Ich wusste nur eines ziemlich sicher, nämlich, dass ich nicht studieren wollte. Damit war ich sicherlich eine Randerscheinung in meinem Jahrgang. Ich glaube, es haben an die 90% ein Studium begonnen. Manche hatten klare Vorstellungen davon, was sie studieren wollten. Alle anderen haben BWL studiert. Der Rest ist zum Bund oder hat erst mal nichts gemacht. In meiner Vorstellung war ich die Einzige, die letztendlich eine Ausbildung angefangen hat, aber damit mag ich auch ganz falsch liegen. Dass meine Eltern von ihrer Seite auch keinen sonderlich großen Druck ausgeübt haben, mag ebenso dazu beigetragen haben, dass meine Pläne recht dürftig waren. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass in einem Gespräch mit meiner Mutter die Frage nach meinem Berufswunsch aufkam und ich daraufhin sagte: „Ich könnte ja Journalist werden.“ Das war sicherlich nicht nur so dahin gesagt. Zu der Zeit habe ich bereits gern geschrieben und hin und wieder war ich bei der Schülerzeitung aktiv. Schreiben fiel mir leicht und so richtig als Arbeit stellte ich es mir nicht gerade vor. Nach ein bisschen Recherche fand ich die Idee immer noch gut. Bis zu dem Punkt, an dem meine Mutter meinte, dass ich ja dann bei meinem Vater in der Pressestelle des Unternehmens anfangen könnte. Und „peng“, damit war die Sache für mich gegessen. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich konnte meinen Vater nicht leiden oder hatte vielleicht Angst vor ihm. Alles falsch. Ich habe immer zu meinem Vater aufgeschaut und seine Meinung und Anerkennung war mir stets wichtig. Der Punkt, warum ich nach dieser Aussage kein Interesse mehr an einer Zukunft als Journalist hatte, war, dass ich mir nicht helfen lassen wollte. Ich wollte es alleine schaffen. Klingt in heutigen Zeiten eher nach „Ritter von der traurigen Gestalt“ und schön blöd als nach Heldentum, aber meine Eltern haben mir immer alles ermöglicht, was ich gern machen wollte und wenn ich einen Ferienjob einen Tag vor den Sommerferien brauchte, so hat mein Vater mir einen verschafft, bei dem ich dann oft meine Zeit abgesessen habe und eine Menge Geld kassiert habe. Warum ich diesen einfachen, bequemen Weg nicht auch bei meinem weiteren Leben gewählt habe, erscheint unlogisch, aber so war es.

Was aber, wenn ich den diesen Weg gewählt hätte? Wie würde mein Alternativleben aussehen? Mal angenommen, ich hätte die Ausbildung in der Pressestelle meines Vaters absolviert: Natürlich habe ich einen tollen Abschluss gemacht. Schließlich wollte ich meinen Vater nicht enttäuschen und ihn in einem schlechten Licht darstellen, indem ich schlechte Bewertungen erhalte. Bis hierher käme das der Realität sehr nahe, während der Rest schlichtweg Wunschdenken ist. Nach meiner Ausbildung wechselte ich und habe für eine große überregionale Zeitung Reportagen im Ausland und aus Krisengebieten gemacht. Ich trug einen dieser praktischen Safari-/Tarnanzüge und berichtete von vorderster Front. Erst war ich für die Schlagzeilen der ersten Seite verantwortlich und dann im meinem weiteren Leben berichtete ich über die Schicksale der Menschen. Ich hatte eine kleine, portable Schreibmaschine, mit der ich abends beim Schein der Gaslampe im meinem Zelt literarisch hochwertige Berichte ablieferte. Mein Arbeitsplatz waren Asien und Arabien. Etwas unsicher bin ich mir in Bezug auf mein Privatleben. Vielleicht wären mein Fotograf und ich ein Paar. Aber eigentlich „sehe“ ich mich eher als dynamische Nachrichtenjägerin, die in ihrer Aufgabe vollends aufgeht. Und inzwischen reise ich durch die Welt und schreibe Reiseberichte und über Restaurants und Hotels, die ich getestet habe. Wie gesagt, reines Wunschdenken. Sehr viel wahrscheinlicher wäre es wohl so gewesen: Nach meiner Ausbildung blieb ich im Unternehmen und habe Betriebsanleitungen verfasst, Kundenanfragen bearbeitet, Imagebroschüren entworfen, Anzeigen getextet, Pressetexte erstellt, Medienanfragen beantwortet, Mitarbeiterkommunikation betrieben und Reden ausgearbeitet. Und nun zurück zum Wunschdenken: Später bin ich dann Konzernsprecherin geworden. Ich habe eine eigene Sekretärin und einen Firmenwagen, bin 24/7 online und habe eine schicke Penthousewohnung mit Portier und mache regelmäßig Urlaub auf exotischen Inseln.

Wenn ich nun so darüber nachdenke, hätte ich vielleicht doch Journalistin werden sollen. Klingt eigentlich alles sehr verlockend. Und genau das ist der springende Punkt. Die Wahrheit ist doch, dass wir immer versuchen, unser eigenes Leben als etwas Besonderes zu sehen – anders zu sein und aus der Masse heraus zu stechen. Und jedes Mal hadern wir mit der Entscheidung. Nehme ich das Jobangebot oder warte ich auf ein Besseres? Soll es diese Wohnung sein oder finde ich etwas Schöneres? Ist das der beste Liegestuhl am Strand oder der dort drüben? Und haben wir uns dann einmal entschieden, spielt unser Gehirn mit uns „was wäre, wenn..“ Und das immer und immer wieder. Nichts ist so hinterhältig wie unser eigener Geist, der in ständiger Angst lebt, etwas zu verpassen.

Als ich damals meinen neuen Berufswunsch, ins Hotelfach zu gehen, äußerte, war die Reaktion meiner Mutter: „Aber da kennen wir ja niemanden.“ Und damit war die Entscheidung gefallen. Was folgte, waren viele Jahre harter, langer Arbeitstage, Wochenend- und Feiertagsdienste und schlechte Bezahlung. Aber: Es waren die Jahre, in denen ich so viele Menschen und Charaktere kennen gelernt habe, die loyalsten Kollegen hatte, viele Städte und manche Länder gesehen habe und mehr über das Leben gelernt habe als manch Akademiker und Manager. Und meine Entscheidung hat den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin. Und wenn ich mir das so betrachte, dann würde ich es gern wieder so machen – in meinem nächsten Leben.

Eure Kerstin