Beilagen oder was man von Romanhelden lernen kann

Mit dem Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Vor allem die Völlerei. Beginn der Fastenzeit. Und es kursieren heutzutage ganz verschiedene Ansätze, dies zu würdigen: Kein Alkohol, keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Auto, kein Handy usw. Für jeden ist da also etwas dabei. Man kann auch jährlich wechseln, dann wird es nicht so eintönig. So mache ich das für meinen Teil und zwar zwischen dem Verzicht auf Süßigkeiten und Fleisch. Einmal hatte ich sogar beides gleichzeitig versucht, musste mich aber nach zwei Wochen geschlagen geben. Mein Nervenhaushalt konnte dem Ansturm nicht länger standhalten. Dann stand nur noch Fleisch auf der Fastenliste.

Nachdem letztes Jahr Süßigkeiten dran waren, wird – logisch – dieses Jahr wieder Fleisch vom Speiseplan gestrichen. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, wäre für mich ohnehin ein fleischloses und glückliches Dasein absolut vorstellbar. Auch ganz ohne das Gefühl des Verzichtes.

Ganz anders die beiden Fleischesser am Essenstisch. „Fleisch ist mein Gemüse.“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Der Kinderarzt sagte einmal bei einer Untersuchung des schon damals gemüseverschmähenden vorpubertären Mitbewohners: „Na, wenigstens hat er keinen Eisenmangel.“ Wie immer im Leben, gibt es zwei Seiten die Sache zu betrachten.

Mahlzeit eins: Es gibt Gnocci mit Tomaten. „Sehr leckere Beilage“, meint der große Fleischesser. „Äh, das ist das Hauptgericht“, entgegne ich. „Wie gesagt, leckere Beilage“. Den Rest des Essens versuche ich mit nicht nahrungsrelevanten Themen zu füllen.

Mahlzeit zwei: Es gibt Kartoffeln mit kalten Fischvariationen. Das kommt gut an. Vor allem die Garnelen in Knoblauch. Die kommen auch noch nach Stunden gut an beziehungsweise wieder gut hoch. Und man hat obendrein auch noch am nächsten Tag etwas davon beziehungsweise die nicht fastende Bevölkerung.

Mahlzeit drei: Es gibt Gemüsecurry. Sehr lecker. Für die Fleischesser am Tisch habe ich ein Herz und sie bekommen dazu Hühnchen. Das dient auch einem gewissen Selbstschutz, denn seitdem es nur noch „Beilagen“ und hin und wieder Wassertiere auf den Teller schaffen, schauen mich beide zunehmend gierig an. Und der große Fleischesser behauptet ja auch standhaft, dass Geflügel kein Fleisch sei. Ich muss ihm unbedingt die nachfolgende Szene aus der Lektüre der Buchgesellschaft „Mord in der Maple Street“ von M.R.C. Kasasian einmal vorlesen:

„Sind Sie denn nicht hungrig?“ „Sehr sogar“, antwortete ich. „Aber ich wollte auf das Fleisch warten.“ „Haben Sie heute nicht genug Fleisch gesehen?“, fragte er. „Es wundert mich, dass Sie das Verlangen verspüren, sich noch mehr davon in den Mund zu stecken.“ […] „Wie können Sie die sterblichen Überreste einer jungen Frau als Fleisch bezeichnen?“ „Haut, Muskeln und Knochen.“ […] „Fleisch gemäß jedweger Definition.“ […] „Wie können Sie nur so gefühllos sein?“ „Sorgen Sie sich lieber um die Lebenden.“ […] „Und was den Vorwurf betrifft, ich sei gefühllos – wer von uns beiden ernährt sich denn von Toten?“

Beilagen

Irgendwann fange dann doch auch ich an die Tage zu zählen. Wenn ich für den Nachwuchs an der Fleisch- und Wursttheke stehe, ertappe ich mich dabei, dass ich neidisch auf die Kinder schaue, denen die Verkäufern ein Stück Wurst anbietet und ich atme tief ein, um meinen Heißhunger mit dem Geruch zu befriedigen. Noch zwei Wochen. Dabei ist es gar nicht so sehr das Fleisch an sich, welches ich gelüste, sondern die fleischigen Beilagen: Brot mit Wurst, Spiegeleier mit Speck, Nudeln mit Hackfleischsauce. Womit wir wieder bei den Beilagen wären. Tja, und irgendwann ist die Fastenzeit ja auch vorbei. Der erste Bissen in das teure Filetsteak, welches ich mir beim letzten Mal vor zwei Jahren geleistet hatte, war bei weitem nicht so sinnlich und betörend wie ich mir das vorgestellt hatte.

Dieses Jahr kam mir kurz vor dem Ende der Fastenzeit etwas so Kontraproduktives wie ein Urlaub dazwischen, bei dem ich mir gleich morgens ein Omelett mit Schinken gegönnt habe. Dazu Pancakes mit Ahornsirup und in Butter gebratenen Toast. Tausend Kalorien zum Frühstück und satt bis zum Abend. Ich glaube, etwas Leckeres habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte, vielleicht lag es aber auch an dem Alternativplan. Denn die Tage der Sünde habe einfach hinten drangehängt und es gab wieder Beilagen pur. Vor allem beim Treffen der Buchgesellschafter, denn schließlich ist der Romanheld aus obigem Ausschnitt vehementer Verfechter des fleischlosen Genusses. Und es war mindestens genau so lecker wie das Schinkenomelett.

 

Eure Kerstin

Der zufällige und alltägliche Zauber

Es gibt ja Zufälle, die gehören sozusagen zum alltäglichen Handwerk. Zum Beispiel wurde ich vor ein paar Tagen von dem jugendlichen Mitbewohner in eine endlos ausufernde Gesprächsrunde, das Wort „Diskussion“ hat er sich verbeten, über Aktien und Wertpapiere, Broker und die Börse im Allgemeinen verwickelt. Klar, ist ja total normal, dass jugendliche Mitbewohner sich für solch hochkomplexe Mechanismen interessieren. Quasi aus dem Nichts heraus.

Nach gut zwei Stunden war ich so weit, dass ich den Joker „Ich bin eine Mutter, holt mich hier raus“ gezogen habe. Leider bin ich nur bis zum Schlafzimmer gekommen. Was den Nachwuchs nicht von seinem Redeschwall abgelenkt hat. Gut, irgendwann boten meine Gesprächsrundenbeiträge („Keine Ahnung.“ „Ich weiß es nicht.“ „Kann ich Dir nicht sagen.“) nicht mehr die nötige Grundlage für weiteren Redebedarf und der jugendliche Mitbewohner hat von mir abgelassen.

So weit, so gut. Und nun zu dem Punkt, an dem der Zufall ins Spiel kommt. Ich greife zu meiner Lektüre, die ich just an dem Abend aus dem Stapel ungelesener Bücher gezogen habe und fange an zu lesen: „Die ganze Welt ist aus dem Lot, auch wenn es die meisten Leute noch nicht bemerkt haben. Bis jetzt wirkt alles normal, aber Serge spürt ihn beim Atmen, den schwachen Hauch des Irrsinns in der Luft. Es ist acht Uhr morgens am Montag, dem 1. September 2008, die Londoner Börse hat gerade geöffnet, und um ihn herum rotieren die Trader längst.“ Genau, das meine ich mit Zufällen, die irgendwie zum alltäglichen Handwerk gehören. Kennen wir alle.

Was ist aber mit den Zufällen, bei denen dann doch höhere Zauberei mit im Spiel zu sein scheint? Wie hoch ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass ich aus zweimal dreizehn Zetteln die zwei herausziehe, die vom Grundgedanken her identisch sind? Von was ich rede? Kurz und knapp: Von den Rauhnächten. Dazu ein kurzer Einschub, was es mit den Wünschen auf sich hat.

Also, zu Beginn der Rauhnächte schreibt man dreizehn Wünsche auf kleine Zettel, faltet diese zusammen, zieht in jeder Rauhnacht einen und verbrennt diesen bzw. übergibt ihn damit an die guten Geister zur weiteren Bearbeitung – sprich Wunscherfüllung. Nach zwölf Rauhnächten bleibt ein Zettel übrig und das ist der Wunsch, um den man sich das kommende Jahr über selbst kümmern muss.

Der eine oder andere erinnert sich. 2017 ist der Wunsch „Draußen die Natur genießen“ übriggeblieben (siehe Loslassen und Neuanfang). Für 2018 hatte ich wieder dreizehn Wünsche in die Waagschale geworfen und wollte schon fast den gleichen wieder aufschreiben, weil er und seine Verwirklichung so schön waren. Doch dann habe ich ein bisschen variiert. Es wurde wieder geräuchert und gezündelt und mit jedem Tag stieg die Spannung, welche Aufgabe die Geister für mich übriglassen würden. Tja und was soll ich sagen?

Wunschzettel

Eben, ganz genau, ich weiß, dass kann doch jetzt wirklich kein Zufall mehr sein. Also, keiner der zum alltäglichen Handwerk gehört. Ich habe mir lange Zeit den Kopf darüber zerbrochen, wie das wohl sein kann und bin zu folgendem Schluss gekommen: Die Geister wissen, welchen Wunsch sie guten Gewissens in der Schale lassen und einem auferlegen können. Andersrum könnte man auch sagen: Nach zwölf Rauhnächten und ständigem Geistertreiben, haben die Geister einfach keine große Lust mehr auf draußen und aktiv sein.

Wie heißt es bei Theodor Fontane so treffend: „Der Zauber steckt immer in Detail.“ Womit wir wieder beim alltäglichen Handwerk der Zufälle wären, denn dieser Spruch steckte am Boden meiner Wunschkerze, die ich während der Rauhnächte entzündet habe. Wer hätte das gedacht.

Nein, keine Angst, ich werde die nächsten zwölf Monate nicht wieder eine Zusammenfassung im Rückblick auf die Rauhnächte machen. Ich muss aber zugeben, dass die vergangenen zwölf Monate durch die Rauhnächte reichhaltiger waren und ich vieles bewusster registriert habe, mich öfter mal aus dem Alltag herausgenommen und nach innen geblickt habe. Insofern werde ich mich an dem Ritual der Rauhnächte noch hoffentlich viele Jahre erfreuen. Und wer weiß, über was für zauberhafte Zufälle ich dabei noch so schmunzeln werde, während mir der schwache Hauch des Irrsinns entgegenweht, wenn wieder einmal eine dieser total normalen Gesprächsrunden eröffnet wird.

 

Eure Kerstin

Loslassen und Neuanfang

Die Zeit vor Weihnachten und dem Jahreswechsel war für mich ziemlich intensiv. Und das Leben ist mir bisweilen recht schwer gefallen wie in meinen Sechszehntagetagebuch zu lesen war. Danke auch nochmals an meine Leser für die Hilfestellung und schönen Worte. Ja, rückblickend kann ich sagen, ich war in einem echt miesen Loch. Der Zufall und das Glück wollten es, dass mir in der Zeit ein echter Schatz im Buchladen in die Hände gefallen ist, der wie gerufen kam, um mal in mich zu gehen und in meiner Seele aufzuräumen. Die Hexen unter uns ahnen es vielleicht, es geht um die Rauhnächte und die damit verbundenen Rituale und Bräuche.

Wie ein Schwamm habe ich alles aufgesaugt und mich durch die Rauhnächte treiben lassen, wobei ich ständig das Gefühl hatte zu träumen. Losgelöst von der Realität, eingebettet in mein eigenes Universum, schien die Zeit, wenn nicht still zu stehen, so doch nicht von dieser Welt zu sein. Zwischen den Jahren habe ich die Tage bewusst erlebt und alles auf mich wirken und einströmen lassen. Die Magie entfaltete sich dabei immer wieder aufs Neue.

eisblumen

Wer mit den Rauhnächten nicht so vertraut ist, hier eine Kurzfassung: In frühen Zeiten wurde der Kalender nach dem Mondjahr berechnet, welches 354 Tage hat. Heutzutage leben wir nach dem Sonnenjahr und der Kalender weist 365 Tage auf, also 11 Tage beziehungsweise 12 Nächte mehr. Diese Zeit bezeichnet man als „zwischen den Jahren“, in denen die Zeit anders ist, sich die Tore zur Anderswelt öffnen und dabei allerlei Wesen die Erde bevölkern. Auch wird jeder Rauhnacht ein Monat des folgenden Jahres zugeordnet und je nachdem wie sich dieser Tag gestaltet, so wird sich auch die Stimmung im jeweiligen Monat sein. Jede Rauhnacht entspricht dem Jahreszeitenverlauf und hat ein anderes Motto. Daneben gibt es jede Menge alte Weisheiten, die auch heute noch sehr spannend sein können.

So habe ich zum Beispiel vom 24. Dezember bis 6. Januar keine Wäsche gewaschen. Nun türmen sich die Berge und der jugendliche Mitbewohner beschwert sich lautstark, dass er nichts mehr zum Anziehen hat.

Sehr befreiend war es, Ordnung zu schaffen und Rechnungen (auch emotionale) zu begleichen. Es fühlt sich gut an, den Liebsten um mich zu sagen, wie sehr ich sie liebe, alle Briefe zu beantworten und einen langen, offenen, ehrlichen Brief an jemanden zu verfassen, der mir fehlt. Ganz ohne Erwartungen, sondern um einfach mal zu sagen, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Ich habe sozusagen auf meine innere Stimme gehört, Zweifel mal außen vor gelassen und den Augenblick genossen. Mir Dinge gegönnt und dem Glück die Tür geöffnet, damit ich es unter dem Mistelzweig küssen und mich verführen lassen kann. Alle Begegnungen waren wertvolle Anker im Jahreswechsel. Eine Zeit für Gespräche und Gefühle.

Die Elemente habe ich in der Zeit intensiv wahr genommen und die Natur gespürt. Sonne, Wärme, Wind, Schnee, Sturm, Kälte, Nebel, Licht und Dunkelheit.

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Zu guter Letzt, denn was wären die Rauhnächte ohne das magisch Übersinnliche, habe ich kräftig orakelt, geräuchert, Feuer gemacht und mir die Finger verbrannt. So sehr, dass ich ob der vielen „Zufälle“ schon fast mehr als bloße Ehrfurcht entwickelt habe. Meine Wünsche für das kommende Jahr habe ich an die guten Geister und ihre Helfer übergeben und um den hier kümmere ich mich selbst. Sehr mystisch, weil genau mein Ding.

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Nun heißt es loslassen und den Neuanfang wagen. Auf ein gutes Jahr.

 Eure Kerstin

Relax-Rezept

Karte Nr. 19: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“

Höchst wahrscheinlich habe ich den ungünstigsten Monat für solch ein Unterfangen erwischt. Jahresendspurt, Weihnachten und alles, was dazu gehört, steht nicht gerade in Einklang mit Entspannung, Ruhe und Erholung. Von daher: Nein, ich habe keinen ganzen Tag im Bett verbracht – mit Schlafen, Lesen oder Sex. Ich bin ein schlechter im Bett-Liegenbleiber. Klar gab es in meiner Jugend eine Zeit, in der auch ich mich bis mittags oder länger im Bett aufhalten konnte. Mein Vater hat damals immer gern Wanderlieder in voller Lautstärke durch den Äther gejagt, wenn er der Meinung war, ich hätte nun lange genug gefaulenzt. Ist das zu glauben? Wanderlieder. So richtig: „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Im Frühtau zu Berge“. Das grenzt an seelische Grausamkeit. Da frage ich mich doch glatt, welche Verbindung zwischen meiner Liebe zu den Bergen und dieser Folter besteht.

Was ich also von dieser Karte tatsächlich geschafft habe, ist der Lesepart. Das ist ein leichtes für mich. Lesen – keine wirkliche Herausforderung. Hier meine Leseliste des letzten Monats: „Let’s explore diabetes with owls”, “Er ist wieder da”, “The secret Paris cinema club”, “After Annie”, “We are all completely beside ourselves”. Lesen – pure Entspannung und faul sein zugleich.

Ich habe mal das Wort Muße im Wörterbuch nachgeschlagen und es bezeichnet die Zeit, die man nach eigenen Wünschen gestalten kann. Ja, das ist sicherlich etwas, was die Wenigsten heutzutage sich tatsächlich leisten können. Da wundert es mich nicht, dass der Begriff immer auch mit der Antike in Verbindung gebracht wird. Vor allem in Bezug auf Musik, Kunst und Literatur. Nicht zu vergessen die Musen – Schutzgöttinnen der Künste. Aber es gibt eine noch ältere Bedeutung von Muße, die da lautet: Gelegenheit, Möglichkeit. Und hier komme ich ins Spiel.

Immer wieder habe ich das Problem, dass ich nicht weiß, was ich kochen soll und für einen Kochplan fehlt mir oft die Zeit und letztlich auch die Nerven. Also habe ich einen Bring-Service ausprobiert. Man bekommt eine Lieferung mit allen Zutaten und Rezepten. Also bin ich jeden Abend nach Hause gekommen und habe Essen gemacht. Alles, was ich benötigte, war vorrätig und die Kochanleitung gab vor, was serviert wurde. Ich habe geschnibbelt, gebraten, gekocht usw. Und soll ich was sagen? Das war wirklich entspannend. Etwas mit den eigenen Händen tun. Ganz besonders, wenn man wie ich den ganzen Tag vor dem Computer sitzt und sich oftmals fragt, was genau mache ich da eigentlich. In der Küche sind die Ergebnisse ziemlich eindeutig: Vorbereiten, zubereiten. Fertig!

Nach einer Woche vorkonfektioniertem Essensplan ergab sich eine weitere Möglichkeit in Form von Plätzchenbacken. Ja, die Vorweihnachtszeit bot sich einfach dazu an. Was mir jedoch fehlte, war das Familienrezept, welches auf unerklärliche Weise mit dem Tod meiner Mutter verschwand. Seit über zehn Jahren versuche ich nun schon dieses Rezept zu finden. Bis dato leider immer ohne Erfolg. Und was soll ich sagen? Dieses Jahr hatte ich Glück. Vielen Dank, Internet! Ich habe einen ganzen Tag in der Weihnachtsbäckerei zugebracht und dabei meine Weihnachts-CD rauf und runter gehört. Klar singe ich auch mit, aber das ich wahrscheinlich eher kein Vergnügen für andere.

Tja, und dann habe ich noch eine dritte Gelegenheit zur Muße entdeckt: Jeder weiß ja sicherlich wie frisches Brot schmeckt. Also, so richtig frisch. Nahezu ofenfrisch. Genau. Und bereits am nächsten Tag ist es nur noch halb so lecker. Nun, ich esse unter der Woche zum Frühstück gern ein Brot. Aber wenn ich mein Lieblingsbrot am Samstag kaufe, schmeckt es eben Montagmorgen schon alt. Das war meine Chance: Eigenes Brot backen. Und genau das habe ich getan. Mmh, so lecker duftendes Brot: Viel, viel besser als einen Tag im Bett verbringen – mit Schlafen, Lesen oder Sex. Okay, Letzteres vielleicht mal ausgenommen.

BrotUnd das Beste: Hefeteig sollte man mindestens eine halbe Stunde lang mit den Händen kneten. Das beste Relax-Rezept überhaupt.

Wünsche allen frohe Festtage und ein gutes, neues Jahr. Ich für mich werde nochmals eine Komfortkarte ziehen – in der Hoffnung, dass es eine ruhige und geruhsame ist. Nr. 20.: „’ Auf Dauer befriedigender ist es jedoch, nicht nur von Herze, sondern auch mit Hirn zu spenden’, Stefan Klein. Geben Si etwas ab: Überlassen Sie Ihr Rad nicht einer Online-Auktion, sondern einem Asylbewerberheim. Oder verschenken Sie Ihre Zeit, etwa, um anderen zu helfen.“ Gut, irgendwie war es abzusehen, dass ich gutmütiger Tropf wieder mit so etwas ende. Wer ist hier eigentlich für die Wahl der Karten zuständig? Ich dachte, das sollten Glückskarten sein? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Tatort des Monats November

Ich möchte ein lieb gewonnene Gewohnheit wieder aufleben lassen. Dass ich unter der Rubrik in den letzten Monaten nichts gepostet habe, heißt nicht, dass ich untätig war. Sagen wir einfach: Ich habe mir selbst etwas mehr Raum verschafft, indem ich weniger vor dem Computer saß. Zumindest was den privaten Gebrauch betrifft.

Tatort: Keller bzw. Wohnzimmer2014_11

Tatbestand: Kaputter Christbaumschmuck. Kugel und diverse Schmuckteile.

Tatortsäuberung: Ich gehöre zu den amerikanisch angehauchten Menschen, die ihren Baum kurz nach Thanksgiving aufstellen. Also bei mir immer am 1. Advent. Dann steht er die ganze Weihnachtszeit und ich freue mich jeden Abend. Dafür ist gleich nach Weihnachten Schluss mit lustig und die ganze Deko verschwindet wieder in Kisten. Tja, das haben wohl ein paar Utensilien nicht überlebt. Schade, die Kugel war besonders schön. Nettes Erinnerungsstück ist eine Schnittwunde, die ich mir beim Griff in die Kiste zugezogen habe. Tut weh und hat höllisch geblutet. Also Pflaster drauf. Und nun setzte ich mich vor den Baum und höre Weihnachtslieder.

Seelenfitness

Karte Nr. 14: “Bewegen Sie sich: Schwingen Sie sich aufs Fahrrad, ziehen Sie ein paar Bahnen im Schwimmbad oder dehnen Sie Ihren Körper bei einer Yogastunde. Wetten, dass Sie sich danach auch seelisch viel fitter fühlen?“

Also, wenn es um Bewegung geht, gehöre ich eher zu den Abhängigen, würde ich sagen, weil ich nicht still sitzen kann. Von daher war dies hier mehr Kür denn Pflicht.

Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Jeden Tag –außer es schüttet aus Kübeln. Einfach macht das 1,9km. Ist jetzt nicht so viel, summiert sich aber auf ungefähr 76km pro Monat, wenn man von einem 20-Tage-Arbeitspensum ausgeht. Für meine Seele habe ich also diesen Monat noch ein paar extra Kilometer erstrampelt: Erdbeerpflücken, Eisessen, Einkaufen, Gartenausstellung, Fahrt zum See. Alles mit dem Drahtesel. Wobei die Tour von der Gartenausstellung nach Hause mit Abstand die Schönste war. Die Sonne ging schon langsam unter und ich habe einen kleinen Abstecher am Fluss entlang gemacht und bin dabei an jeder Menge Kornfelder vorbei gekommen, die mit leuchtendroten Mohnblumen gesprenkelt waren. Einfach traumhaft, die roten Punkte in den sonnengelben Feldern.

Rad Zweimal in der Woche jogge ich auf dem örtlichen Trimm-Dich-Pfad. Die Übungen mache ich dabei nicht, aber dafür absolviere ich zwei Runden. 4452m insgesamt. Bergauf, bergab. Ach ja, und dabei lästere und quassele ich ausgiebig, was sicherlich als Zusatzübung gerechnet werden kann. Diesen Monat habe ich ein paar extra Runden im Wald gedreht (hauptsächlich, weil mein Laufpartner sich nach Italien verdrückt hat und mich hier bei 30°C Hitze hat sitzen lassen). Es geht doch nichts über einen frühen Start, wenn die Sonne gerade aufgeht und die Erde erwärmt, der Boden noch feucht ist und man die Sonnenstrahlen auf dem Rücken spüren kann.

Jogging

Jede Stufe verlängert das Leben um ein paar Sekunden. So, oder so ähnlich habe ich das mal irgendwo gelesen. Und ich mag Treppen. Ich nutze sie auch, wenn es einen Fahrstuhl gibt und ich nicht gerade in den fünfte Stock oder höher hinauf muss. Zum Glück haben wir in der Arbeit keinen Fahrstuhl. Mein Zuhause verfügt über vier Etagen (ist etwas verwinkelt). Das und die zwei Etagen in der Arbeit sorgen für jede Menge Bewegung. Lustigerweise ist die Anzahl der Stufen der einzelnen Treppenabsätze bei mir unterschiedlich: Acht, sieben und neun. Erst dachte ich, es liegt an dem Hexenhaus, in dem ich wohne und daran, dass die Decken alle unterschiedlich hoch sind (war bestimmt die Abschlussarbeit beim Architekturstudium), aber dann habe ich die Stufen in der Arbeit gezählt und ta da, die waren ebenfalls unterschiedlich. Es gibt vier Treppenabsätze mit elf-neun-elf-neun Stufen. Ich bin echt total verwirrt, warum das so ist (scheint wohl doch eine allgemeine Architektenmasche zu sein und nicht nur Anwärter betreffend). Insofern muss ich unbedingt bei nächster Gelegenheit mal woanders die Stufen zählen, selbst wenn es bedeutet, fünf Stockwerke oder höher zu erklimmen. Spart Energie und sorgt auch für einen knackigen Hintern.

treppauftreppab

Yoga wird allgemein natürlich mehr als Seelensport denn als work-out angesehen, aber mein Yogakurs zählt eher zur Gattung Power-Yoga. Puh, nach eineinviertel Stunden spüre ich jede Faser und jeden Muskel. Wenn ich im Anschluss in der Sauna sitze, würde ich mich am liebsten zu einer Kugel zusammenrollen und einfach liegen bleiben – so fertig bin ich. Ich habe auch schon andere, ruhigere Yogakurse gemacht, musste aber feststellen, dass mein Geist sich dabei nicht so richtig entspannen konnte. Also ist das die bessere Alternative für mich, obwohl ich gern mehr mentale Entspannung machen würde.

Yoga

Das sind so meinen normalen Körper- und Geistbewegungsaktivitäten. Leider hatte ich letzten Monat keine Gelegenheit, meiner Lieblingsseelenfitness Wandern nachzugehen. Die Luft, das Licht, die Stimmung, die Geräusche, die Sicht, die Gerüche – alles erscheint einem wie ein Wunder und ich fühle mich zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Wundervoll. Stattdessen bin ich zum Bouldern. Na, ist natürlich kein Vergleich, aber verlangt zumindest ein hohes Maß an Konzentration.

Bouldern

Ach ja, Schwimmen. Schwimmen stand auch auf der Karte. Also, ich habe es wirklich versucht. Ich bin sogar mit dem Fahrrad zum See gefahren. Aber das Wasser war so dermaßen kalt, dass ich es einfach nicht geschafft habe. Als Ausgleich hatte ich mir Ballett ausgesucht, aber dann fand ich die Vorstellung von einer alten Tante wie mir unter den jungen, biegsamen Dingern doch etwas befremdlich und bin statt dessen zum Zumba (lag aber evtl. auch daran, dass zufälligerweise ein entsprechender Flyer in meinem Briefkasten war). Gut, ich also hochmotiviert da hin. Schließlich gehöre ich zu der Aerobicgeneration und tanze auch gern – also, so für mich. Erster Eindruck: Lauter junge, biegsame Dinger. Zweiter Eindruck: Alte Tanten wie ich müssen nicht jeden Modetrend mitmachen. Und im Grunde ist Zumba nur Aerobic mit Popowackelmusik. Und da ich keinerlei südländisches Blut in meinen Adern habe, fehlt mir das sexy Hüftschwunggen.

swimmingZumba

Von daher bleibe ich bei meinen Leisten und quäle mich nicht mit Sachen, die zu Abzügen bei meiner Seelenfitness führen.

Da der Sommer gerade erst richtig in Fahrt kommt, kann eine Powerkarte nicht schaden würde ich sagen. Ja, die ist für mich: Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

 

Eure Kerstin

Filmwissen für die ältere Generation und Nostalgiker

Karte Nr. 13: „Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die letzte Kartenziehung, als ich sagte, dass ich im Lustloskeller feststecke. Also, Komfort war auch nicht die Lösung. Anstatt einfach alle Filme und Serien meiner Kindheit rauf und runter laufen zu lassen, habe ich die Zeit damit verbracht, zu überlegen, was ich gern sehen würde. Im Zuge dessen ist mir bewusst geworden, wie weit weg diese Art von bewegten Bildern ist und wie groß die Unterschiede zu heutigen Produktionen sind, bei denen auch Erwachsene in sogenannten Kinderfilmen auf ihre Kosten kommen.

Mein erster Kinofilm war „Bernhard & Bianca“. Ein echtes Erlebnis und das ohne Popcorn und Limo. Neulich bin ich beim Sendersurfen zufällig darauf gestoßen. Himmel, was für eine farblose und unscharfe Grafik. Gefühlt keine Action und keine scharfsinnigen oder witzigen Dialoge, wie man es inzwischen gewohnt ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass früher alles besser war. War es bestimmt nicht. Vom pädagogischen Standpunkt aus, lassen sich damals wie heute gleichermaßen schlechte und gute Beispiele aufzählen.

Nehmen wir nur mal die Zeichentrickserie. „Biene Maja“. Maja ist eine junge Biene, die im Grunde nie auf das hört, was man ihr sagt. Sie hilft nicht beim Honig sammeln und drückt sich auch sonst vor der Arbeit. Und immer gerät sie wegen ihrer Neugier in Schwierigkeiten. An ihrer Seite ist Wille. Ein echt gutmütiger, etwas ängstlicher Tropf, der immer versucht, Maja zu überreden, keinen Unfug zu machen, aber sie trotzdem nicht verpetzt und auch weil er ziemlich faul ist, mit ihr zusammen alle Abenteuer erlebt, wobei das Gruseligste die Spinne Thekla ist, die ihrer Geige schmerzhafte Töne entlockt, um die Insekten in ihr Netz zu locken, was ihr aber nicht einmal gelingt. Maja ist also ein aufmüpfiger, frecher, erziehungsresistenter Trotzkopf. Nicht gerade Eigenschaften, die man beim eigenen Nachwuchs fördern möchte. Mag sein, dass ich die Serie so negativ in Erinnerung habe, da die Spinne Thekla mir Albträume bescherte und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Spinnenphobie aus der Zeit her rührt.

Noch so ein Beispiel ist „Wicki und die starken Männer“. Ich dachte ja immer, dass Wicki ein Mädchen ist. Schließlich hat sie/er ja lange Haare trägt so was wie ein Minikleid und die/der beste Freund/in ist Ilvy. Logisch, ganz klar ein Mädchen. Wicki ist jemand, der man als hochbegabt einstufen könnte und schon im Kindesalter mit den Wikingern in See sticht, wobei die Wikinger von Flaake gute Wikinger sind und so gut wie keine Raubzüge veranstalten. Na, jedenfalls ist Wicki dreimal klug und weiß immer die perfekte Lösung für jedes Problem. Ganz im Gegensatz zu den gestandenen Kriegern des Stammes und aller anderen. Zusammengefasst könnte man sagen, das ein geschlechtsneutrales Kind (vielleicht wäre Wicki in Folge 2058 der erste transsexuelle Wikinger geworden), dessen Intelligenz zum Betrügen der Zollbehörde missbraucht wird (Folge 6) und der von Gleichaltrigen auf Grund seine Furcht vor Wölfen und weil er als Sohn des Chefs schon im Kindesalter mitfahren darf gemobbt wird. Frühförderung sieht anders aus. Die Botschaft „Hirn statt Haue“ dagegen ist zeitlos und heute grundlegender denn je.

Gut, vielleicht liegt es an meinem Alter bzw. daran, dass es zu meiner Kindheit einfach nicht diese Mengen gab. Es gab kein Frühstücksfernsehen und keine Daily Soaps und keine 24-Stunden-Dauerbeschallung. Nach Programmschluss wurde die Eurovisionhymne gespielt und dann erschien dieses graphische Bild. Testbild heißt es technisch korrekt. Wusste ich bis dato auch nicht. Und es gab diesen schrillen, durchgehenden Ton. Messton genannt. Musste ich auch nachschauen. Dann kam der Schnee und ein diffuses Rauschen. Es gab schlicht und ergreifend ein Ende.

Tagsüber lief der Fernseher einfach nicht –außer zur Sportschau am Wochenende oder wenn es einen Familienfilm mit den Filmgrößen der damaligen Zeit gab. Ich erinnere mich da an Peter Alexander (Im weißen Rössl am Wolfgangsee), Cary Grant (Über den Dächern von Nizza), Doris Day (Spion in Spitzenhöschen), Liselotte Pulver (Das Wirtshaus im Spessart), Fred Astaire (Swing Time), Audrey Hepburn (Frühstück bei Tiffany), Heinz Rühmann (Die Feuerzangenbowle) Gene Kelly (Singing in the rain), David Niven (Der rosarote Panther), Romy Schneider (Sissi) und Edgar Wallace (Ok, vielleicht kein kindertaugliches Material).

Sicherlich mag der gemäßigte Fernsehkonsum auch an der Programmanzahl gelegen haben. Heute bleibt bei mir die Kiste oft ein, manchmal zwei, Wochen aus. Meist, weil ich mit anderen Dingen beschäftigt bin. Oft aber erschlägt mich schon die Fernsehzeitung und ich gebe auf, weil ich bei 40 Programmen und mehr die Übersicht verliere. Das war früher einfacher. Da ich in Bayern aufgewachsen bin, konnten wir neben den deutschen Sendern ARD, ZDF und dem bayerischen Regionalsender BR auch die Österreichischen empfangen. Danke, liebes Nachbarland. Und das nicht nur dafür, weil seit Udo Jürgens im Jahre 1966 der Eurovision Song Contest, der damals noch Gran Prix Eurovision de la Chanson hieß und einen schon auf Grund des Titels zu aufrechter Sitzhaltung und angemessener Kleidung anhielt, wieder nach Österreich geht.

Auch so ein Teil Kindheitserinnerung: Die großen Samstagabendshows wie „Der große Preis“ (Wim Thoelke und Wum und Wendelin), „Am laufenden Band“ (Rudi Carell), „Zum blauen Bock“ (Heinz Schenk), „Dalli Dalli“ (Hans Rosenthal), „Einer wird gewinnen“ (Hans-Joachim Kuhlenkampff) „Musik ist Trumpf“ (Peter Frankenfeld) und später dann „Wetten, dass..?“ (Frank Elstner).

Im Rückblick ist da jede Menge heile Welt im Programm. Und irgendwie passt es nicht mehr in die heutige Zeit. Vielleicht passe auch ich nicht mehr in die heutige Zeit. Ein angestaubter Klassiker, der farblos und unscharf daherkommt.

Noch eine letzte Anmerkung, bevor es zur neuen Kartenwahl, diesmal eine Powerkarte, die mich hoffentlich wieder etwas aufmuntert: Mein Filmwissen für die ältere Generation und Nostalgiker ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was mir so alles dazu in den Sinn gekommen ist. Also, nicht böse sein, wenn hier der eine oder andere Kindheitsliebling keine Erwähnung gefunden hat. Freue mich aber auf entsprechende Ergänzungen in den Kommentaren.

So, nun aber auf zu neuen Taten. “Bewegen Sie sich: Schwingen Sie sich aufs Fahrrad, ziehen Sie ein paar Bahnen im Schwimmbad oder dehnen Sie Ihren Körper bei einer Yogastunde. Wetten, dass Sie sich danach auch seelisch viel fitter fühlen?“ Gut, nicht gerade <pointes>>, aber mal sehen, was sich daraus machen lässt. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin