Was von den Rauhnächten übrigbleibt: August

Manche Zeiten generieren mehr Fragen als Antworten und einige davon werden für immer ein Rätsel bleiben.

Ich sitze im Bus und habe noch die am Wegesrand gefundene Feder im Haar. „Sind Sie jetzt ein Gockel oder eine Henne?“, fragt mich der Sitznachbar von hinten. Kurz bin ich irritiert. Wusste gar nicht, dass mein Geschlecht so schwer zu identifizieren ist. Vielleicht will man(n) mich auch nicht einfach in eine nicht gendergerechte Schublade stecken. „Weder noch. Ich bin Indianer!“, entgegne ich vehement und frage mich dann: Was ist jetzt wohl diskriminierender? Nicht zu wissen, welchem Geschlecht ich angehöre? Oder mal wieder den politisch und ethisch unkorrekten Ausdruck bei der Benennung einer Gruppe Menschen verwendet zu haben? Und wie nennt man eigentlich das Divers bei Geflügel?

Dinge, die Mangelware sind: Klopapier, Nudeln, Mehl, Hefe, Chips, Sonnenblumenöl, Gas, Wasser, Kerzen, Handwerker, Holzpellets. Nur bei den Krisen und Katastrophen herrscht ein Überangebot und jeder kann sich sein persönliches Dilemma frei nach dem Motto „darf’s ein bisserl mehr sein“ aussuchen: Pandemie, Waldbrände, Inflation, öffentlicher Nah- und Regionalverkehr, Krieg, Pocken, globale Lieferketten, Klima.

Ich statte meinen regelmäßigen Besuch im Alten- und Pflegeheim ab. Die Zimmergenossin ist verstorben und der Nachlass wird großzügig unter den Anwesenden verteilt, wobei eigentlich nichts der Habseligkeiten einen neuen Besitzer findet. Nur die Einmalrasierer. Wegen des Damenbartes. Mich schaudert. Will ich eigentlich überhaupt so alt werden, dass mir ein Bart wächst? Und was ist mit den Zähnen? Findet sich dafür eine neue Verwendung?

Hüttenromantik. Ich liege im Bett. Warum nur muss immer ich genau neben dem einzigen Schnarcher im Matratzenlager liegen? Warum ist meine Schlafstatt immer die, welche am nächsten an der einzigen Lichtquelle im gesamten Raum ist? Warum tue ich mir das eigentlich immer wieder an?

In einem Social Media Beitrag steht, wir sollten doch Obstkerne einfach in die Natur werfen und dann würden überall Bäume wachsen. Ich frage mich, ob schon mal jemand bei uns in Deutschland einen Aprikosenbaum in freier Wildbahn hat wachsen sehen. Oder besser Bananen, die sind bei Deutschen ja mit das beliebteste Obst. Oder einen Apfelbaum auf über 1000m. Gut, wenn wir noch ein paar Jahre warten, ist der Klimawandel so weit fortgeschritten, dass sich der These durchaus etwas abgewinnen lässt. Am Ende geht es unter Umstände sogar zügiger, wenn wir einfach noch ein bisschen mehr Müll in die Natur werfen.

Der Geliebte schickt ein Bergvideo. Schön. Sehr schön. Nur warum sind meine Kurzfilme immer im Uhrzeigersinn? Hat das was mit der Ausprägung von linker und rechter Gehirnhälfte und der männlichen/weiblichen Denkweise zu tun? Ändert sich das, wenn man auf der anderen Seite des Äquators ist? Oder nahe an den Polkappen?

Nach etwa vier Jahren Bau- bzw. Sanierungszeit ist der Kirchturm wieder gerüstfrei. Ich atme tief durch. Jetzt wird das Glockengeläut wieder losgehen und mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Tage, Wochen, Monate vergehen. Nichts tut sich. Doch dann. Die Zeiger der Kirchturmuhr leuchten LED-mäßig durch die Nacht und genau in mein Schlafzimmer. Wie war das noch mit der Lichtquelle genau an meiner Bettstatt?

Ich schleppe mich und meinen 25% meines Körpergewichtes wiegenden Rucksack bei gefühlten 80% Luftfeuchtigkeit durch das schwedische Outback, den Spruch des jugendlichen Mitbewohners dabei immer noch in den Ohren: „Also, Höhenmeter sind das ja praktisch null. Aber landschaftlich ganz schön und vielleicht mal was anderes, als immer auf 3000m unterwegs zu sein.“ Am liebsten würde ich den Nachwuchs jetzt zum Packesel machen, damit er dann der Frage, warum der Weg eigentlich über jede noch so kleine Erhebung gehen muss, auf den Grund gehen kann.

Bei der Sicherheitskontrolle fragt der Beamte, ob ich Bergführerin sei. GPS, Stirnlampe, Power Bank und dergleichen scheinen ihm neben meinem Outfit ein eindeutiger Beweis. Keine 24 Stunden später stellt mir der Schalterbeamter der Bahn die Frage, ob ich ein Seniorenticket möchte und meint dann entschuldigend, mit Maske könne er das schlecht ausmachen. Über Nacht gealtert bekommt da eine völlig neue Bedeutung. Und ich dachte immer, Schlaf sei ein Jungbrunnen und erholsam.