Die Tasche

Kurzurlaub in der Therme. Ich habe meine orange Reisetasche gepackt, die ich seit fast dreißig Jahren besitze. Damals hatte ich sie immer dabei, wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuchte. Oft bin ich mit dem Nachtzug gefahren und dann morgens mit meiner kleinen leuchtenden Tasche am Bahnsteig gestanden. Ich fühlte mich jung und frei und mondän.

Tasche

Jetzt, fast dreißig Jahre später, trage ich die Tasche über den Bahnhofsplatz und ertappe mich dabei, dass ich mich wie damals fühle. Und dann stelle ich noch fest, dass ich neben der Reisetasche auch meine Handtasche von damals dabeihabe. Ein Designermodel, welches ich in einer kleinen Boutique am Marktplatz für sündhafte teure DM 250 erstanden habe. Eine horrende Summe für mich und meine damaligen Verhältnisse. Aber wie gesagt, ich war jung und frei und mondän.

Ein Kind saust mit seinem Bobbycar laut scheppernd über den Gehsteig, der Vater in wilder Verfolgungsjagd hinterher. Ich lächle verständnisvoll, als der Kleine vor meinen Füßen ein riskantes Wendemanöver vollzieht. Der Vater schaut mich an. Ja, klar, ich bin jung und frei und kinderlos… halt, das war in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt. Die Tasche spielt mir einen Streich.

Im Gegensatz zu mir, ist die Tasche die Gleiche geblieben. Keine Narben, keine Risse, drei Jahrzehnte scheinen spurlos an ihr vorüber gegangen zu sein, was ich von mir nicht behaupten kann. Es ächzt und knackt im Gebälk, mein Körper signalisiert Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen. Wie doch die Zeit vergeht.

Gerade und immer mal wieder gibt es diesen Trend, den Gang der Zeit festzuhalten. Dann wird in sozialen Netzwerken als Profilbild ein Bild von sich im Alter von ca. zwanzig Jahren eingestellt, was irgendwie nur für Leute weit jenseits der Zwanzig wirklich Sinn macht. Das führt zu viel Gelächter, was Frisuren und Kleidung der jeweiligen Epoche betrifft. Ein bisschen trauert man dem faltenlosen Gesicht, den Haaren ohne Graustich nach. Doch wenn man dann einmal hinter die Fassade blickt, entdeckt man all diese jungen, freien und manchmal auch mondänen Menschen, die so viel vom Leben erwarten und vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlen. Und das alles ganz ohne eine entsprechende App.

Und heute? Die wenigsten zeigen sich. Schon gar nicht im Portraitmodus. Als Profilbild müssen Kind(er), Haustier, Landschaft, Sprüche etc. herhalten. Symbole der eigenen Identität. Dabei sagen unsere Gesichter doch so viel mehr. Die Zeichen der Zeit sind auch Zeugen des Lebens, das um uns herum und mit uns mittendrin stattfindet.

Oder verstecken wir uns nur alle hinter einem Wunschbild? Dem jungen und freien und mondänen Traum vom ich? Wo nur verliert man dieses innere Leuchten? Ist das Leben wirklich so zermürbend, dass es der Seele gar keine Chance gibt, nicht verhärmt zu werden? Sind die Hürden so hoch, dass es nicht ausbleibt, dass man hart wird?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mit meiner kleinen orangen Reisetasche über den Bahnsteig laufe. Der Sound des Sportwagens zieht so manchen Blick auf sich, als ich einsteige. Mein Freund klappt das Dach runter, im Radio läuft „Here comes the sun“ von den Beatles und der Wind fährt durch mein Haar. Das Bergpanorama, welches sich vom Pool der Therme vor mir entfaltet, ist atemberaubend. Mehr jung und frei und mondän geht nicht.

 

Eure Kerstin

Mark & ich

Die Sache ist die: Der Entschluss, meinen Blog um eine Facebookseite zu erweitern, war nicht ohne Zweifel. Und auch jetzt bin ich da noch recht hin und her gerissen.

Brauche ich das wirklich? Wo ich mich doch im Grunde von all dem unnötigen Konsumballast lossagen will und zusehends analog unterwegs bin.

Wie schaffe ich eine einigermaßen anonyme Darstellung? Schließlich war ich vor Jahren schon mal Kunde und habe fleißig Freundschaftsanfragen von Kollegen gesammelt, mit denen ich weder direkt zusammen arbeite noch per Du bin. Und da ich diese nie beantwortet/angenommen habe, kriegte ich regelmäßig eine Erinnerung, dass XY noch auf eine Antwort wartet. Nervig. Zudem wurde mir immer wieder mein Ex als Freund vorgeschlagen. Ne, deswegen ist er ja der Ex. Sehr nervig. Und da meine Nerven schon genug aushalten müssen, habe ich Mark meine Freundschaft gekündigt.

Aus Fehlern lernt man bekanntlich. Nun der neue Versuch. Nur anders: Mein grünes Gewissen habe ich damit beruhigt, dass ich im Gegenzug jede Menge Newsletter abbestellt und Onlinekonten gelöscht habe – wollte ich sowieso seit Urzeiten schon machen.

Und meinen Wunsch nach Ruhe vor Kollegen in meiner Freizeit und vor dem Ex nach der Trennung bin ich dadurch nachgekommen, dass ich eben keine persönliche Seite mit Namen eingerichtet habe, sondern „nur“ eine Seite zum Blog. Das mit dem „nur“ in Anführungszeichen deswegen, weil meine Daten ja irgendwie im Hintergrund mitlaufen und analysiert werden. Viel Spaß damit, Mark.

I'm watching youDie Sache mit Facebook ist also die: Wir werden sicherlich nicht beste Freunde. Tut mir leid, Mark. Aber das empfinde ich für meinen Teil nicht weiter schlimm. In der Arbeit läuft, ok, manchmal auch nicht, Outlook. Und auch wir werden keine besten Freunde.

So ist das nun mal im Leben. Man arrangiert sich. Jeder holt das meiste aus der gemeinsamen Zeit raus und wenn es nicht mehr geht, trennt man sich.

Gut, manchmal ist es mit dem Trennen nicht so einfach. Wenn der Partner zum Beispiel klammert und einen nicht gehen lassen will. „Ja, ich will mein Konto wirklich deaktivieren.“ Oder nicht einsieht, dass es vorbei ist. „Bist Du sicher, dass Du Dein Konto nun deaktivieren möchtest.“ Oder einem dann noch nachstellt. „Deine Freunde vermissen Dich.“

Dann muss man stur und taub sein. Ich als Widder und Frau sehe da derzeit nicht so das Problem. Und beides kommt beziehungsweise verstärkt sich ja vielleicht mit dem Alter eh von allein. Und solange Mark nicht bei mir vor der Tür steht, mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Und selbst dann: Der könnte theoretisch mein Sohn sein. Und der Größte ist er jetzt auch nicht gerade.

 

Eure Kerstin