Briefe

Vor kurzem erhielt ich über die Eltern-Mailingliste eine Warnung zum Thema Kettenbrief. Das war ganz offiziell vom einem der unzähligen Ministerien an die Schulen, dann an die Elternsprecher und nach zig Weiterleitungen an die Eltern der einzelnen Klassen verteilt worden. Also, auch irgendwie ein Kettenbrief. Man kennt das auch aus dem Büro, wo man dann in der Mail zuerst seitenweise nach unten scrollen muss, um den eigentlichen Inhalt zu lesen, so oft wurde diese kommentarlos an alle möglichen Kollegen, die sich dann nicht mehr durch etwaiges Nichtwissen herausreden können, adressiert. So passiert es auch manchmal, dass man dieselbe Mail zweimal/mehrmals bekommt, über verschiedene Mailingrouten. Informationsflut ist ein schöner Begriff und im Grunde noch viel zu harmlos für diese Art von Ressourcenverschwendung bei Mensch und Maschine.

Früher, nein, früher war nicht alles besser, aber das hätte es so nicht gegeben. Da gab es noch Verteilerlisten, wobei die Rangordnung darüber entschied, für wen die Nachrichten News waren und für wen Schnee von gestern und man musste mit seiner Unterschrift den Erhalt bzw. das Lesen bestätigen, bevor man es an den nächsten weiterreichte. Noch viel früher, also als die Produktivität noch mit den Anschlägen auf der Schreibmaschine gemessen wurde, hat man vielleicht eine Karbonkopie (kennt überhaupt noch jemand diese blauen Kohlepapiere, bei denen man auch nicht einen einzigen Fehler machen durfte? Ha, von wegen Autokorrektur und Tintenkiller) bekommen. Dann gehörte man aber auch schon zum ziemlich erlauchten Kreis der Eingeweihten.

So in etwa zu der Zeit gab es auch noch so richtige Kettenbriefe. Von Hand geschrieben und mit einer Briefmarke, die man mit Spucke aufkleben musste. Herrje, eine graphologische Schriftprobe plus DNA, das ist ja fast noch besser, als die Haustür einfach auf zu lassen und dann zwei Wochen in Urlaub fahren.

Am Ende des Briefes stand eine Liste mit Namen und Adressen (das Wort Datenschutz musste da erst noch erfunden werden) und man musste der Nummer eins einen Brief schreiben. Dann musste man den ganzen Brief zehnmal abschreiben, aus Nummer zwei wurde Nummer eins und man selbst war die letzte Nummer auf der Liste und an zehn Freunde schicken. Und irgendwann sollte man dann ganz viele Briefe bekommen. Der Inhalt war eigentlich immer Nebensache, aber man wurde doch eindringlich gebeten, dass man die Kette nicht abreißen lassen sollte und man würde ja auch eine Flut an Briefen als Dank erhalten.

Also, ich habe da immer mitgemacht und nicht einen einzigen Brief bekommen. Eine echte Katastrophe, immerhin hatte ich viel Zeit und mein Taschengeld investiert. Ja, auch damals schon waren postalische Sendungen ein teures Hobby. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich mir das auch als eine Aktion zur Bilanzverbesserung der ehemals staatlichen Behörde vorstellen. Im Grunde war auch die Enttäuschung, keine Post zu bekommen ungleich höher als die Erleichterung, dass einen kein Unglück ereilt hat, weil man die Kette aufrecht erhalten hat.

Heute schreibt eigentlich niemand mehr so richtige Briefe. Selbst Postkarten sind eine Seltenheit. Eigentlich schade. Irgendwie fehlt mir das manchmal, die Freude, wenn man den Briefkasten aufmacht und da liegt ein handgeschriebener Gruß. Es gibt einem auch so ein bisschen das Gefühl, dass man dem anderen wichtig ist. Vielleicht sollte ich mal einen Kettenbrief in Umlauf bringen. Dann wäre ich immerhin die Nummer eins auf der Liste und das sollte es doch mit der Flut an Dankesbriefen eigentlich klappen. Zuerst versuche ich aber mal, dem Nachwuchs die Angst zu nehmen.

Ich stapfe also pflichtschuldigst ins Kinderzimmer, um meinem Erziehungsauftrag nachzukommen:
„Ich habe eine Mail bekommen.“
„…“ (hypnotisierter Blick auf den Bildschirm)
„Darin heißt es, es geht derzeit ein Kettenbrief per WhatsApp rum.“
„…“ (s.o.)
„Den sollt Ihr nicht weiterleiten, der greift persönliche Daten von den Geräten ab.“
„…“ (s.o. oder habe ich da ein Augenrollen gesehen?)
„Also, egal, was für Kettenbriefe Du bekommst, die leitest Du einfach nicht weiter, auch wenn das was von Unglück und Sterben und sonstigem Unheil steht.“
„…“ (also das war jetzt definitiv ein Augenrollen)
„Ich mein ja nur.“
„Mach ich eh nicht“, begleitet von einem ironischen Geräusch, das man auch als Schnauben, Grunzen, genervtem Ausatmen bezeichnen könnte. Aber eigentlich war es eher diese Kombination aus ihr-ward-vielleicht-damals-so-doof und Briefe-egal-in-welcher-Form-sind-so-was-von-gestern.

Briefe

Voller Erfolg würde ich sagen. Nur für wen müssen wir nochmal klären. Vielleicht schicke ich dem jugendlichen Mitbewohner einfach mal eine Mail oder eine WhatsApp. Ein Brief würde ihn sicherlich total überfordern, denn ich könnte fast schwören, dass er noch nicht mal weiß, wo unser Briefkastenschlüssel geschweige denn dieser hängt.

Eure Kerstin

Mein Freund, der Baum

Mal abgesehen von Büchern, empfinde ich Druckerzeugnisse als großes Ärgernis. Bei Zeitschriften kann man noch selbst entscheiden, welche man für bisweilen teures Geld kauft, aber bei allem, was so im hauseigenen Briefkasten landet, ist man oft ratlos. Fast könnte man meinen machtlos, weil Kataloge und Werbesendungen oft nur so herein flattern, aber man kann sich wehren und dem in Grenzen Einhalt gebieten.

Kurz vor Beginn meines Projektes Nachhaltigkeit im April habe ich angefangen, alle Kataloge zu sammeln. Ich kann nur sagen: Wahnsinn! Irre, was da zusammen kommt. Insgesamt fünfzehn Katalog in drei Monaten, teilweise drei Stück von einem Anbieter.

Werbung

Es ist absolut erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit die Firmen versuchen, Begehrlichkeiten zu wecken. Nach dem Motto, irgendwann kauft sie schon was, senden fast alle unerschütterlich munter weiter ihre bunten Blätter. Eine Firma ist dabei, bei der hatte ich vor ca. 12 Jahren einen Wintermantel bestellt. Seitdem nichts mehr. Und trotzdem sind zwei Prospekte in der Post gewesen. Bei manchen ist meine Bestellung nicht ganz so lange her (das letzte Mal vor etwa zwei Jahren), aber ob mich drei Hefte innerhalb so kurzer Zeit wirklich animieren, doch mal wieder einzukaufen? Fraglich.

Andere wiederum sind darunter, bei denen habe ich noch nie bestellt, deren Angebote kriege ich trotzdem aber nicht zum ersten Mal. Wirklich erschreckend, wie hier mit Rohstoffen und Ressourcen umgegangen wird. Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass sich das rechnet. Klar, die Kosten für Druck und Versand sind irgendwo in den Preisen mit drin, aber dennoch bin ich skeptisch.

Nun gehöre ich inzwischen wahrscheinlich eher nicht mehr zum Typ Otto-Normal-Verbraucher. Seit über einem Jahr werden keine Kleider mehr gekauft, wenn es nicht wirklich nötig ist – sprich Ersatz, wie ich ja schon in meinem Beitrag „Von der Pflicht zur Kür“ geschrieben hatte. Und Online-Shopping kommt im Grunde gar nicht mehr in die Tüte bzw. den Karton. Ausnahme sind der jugendliche Mitbewohner, dessen Wünsche teils schwierig zu lokalisieren sind und wenn es etwas tatsächlich nicht vor Ort gibt, wie zum Beispiel meine iPotsch Filzpantoffeln aus dem Schnalstal, die ich letzten Winter entdeckt habe.

Digital einkaufen finde ich auch eher langweilig. Keine Atmosphäre, kein Anfassen. Es hat etwas Steriles an sich. Und meist bin ich von den Paketinhalten auch oft enttäuscht, denn so schön wie im Katalog bzw. im Netz sehen die Sachen im rauen Licht der realen, nicht gephotoshopten Welt gar nicht aus. Ganz zu schweigen von der Qualität – besonders bei Kleidungsstücken. Dann heißt es, wieder einpacken und zurückschicken. Dann doch lieber im Geschäft anprobieren und gleich mitnehmen.

Noch dazu bin ich durch die Vielfalt und unzähligen Wahlmöglichkeiten im virtuellen Shoppingcenter auch gern mal schlichtweg überfordert. Man sucht, vergleicht und prüft und ehe man sich versieht, sind da schnell Stunden vergangen, ohne dass einem das bewusst ist. Da beschleicht mich dann auch unterschwellig das Gefühl, meine Zeit wahrhaft verschwendet zu haben.

Für mich liegt das physische vor Ort Einkaufen auf der Glücksskala weit vor der virtuellen Variante. „Analog einkaufen ist das Original. Online kaufen ist nur second-best.“, sagt Andre Wilkens. Und nun die Frage: Was bist Du?

Ich jedenfalls werde jetzt alle Anbieter anschreiben und bitten, meine Adresse aus dem Verteiler zu streichen. Kostet Zeit, soviel ist klar. Doch auf lange Sicht spare ich beim Verzicht: Weniger Ressourcenverschwendung, weniger Müll, der entsorgt werden muss und wer weiß, vielleicht auch weniger Konsum/Ausgaben, falls ich mich doch mal von dem einen oder anderen Angebot locken lassen sollte, weil es gerade so schön aussieht.

Gleichsam verfahre ich bereits bei jeglicher Infopost. Da steht nämlich unten immer so ein schöner Satz.

Infopost

Und das mache ich dann auch so, wobei ich immer noch nicht so ganz verstehe, warum man schriftlich widersprechen muss, wenn es vielleicht auch ein Anruf oder eine Mail tut. Aber das ist wahrscheinlich Masche, um auf die Bequemlichkeit der Menschen zu setzen. Wer schreibt denn noch Briefe heutzutage? Also, Geschäftsbriefe mit „Sehr geehrte Damen und Herren,…“. So auf richtigem Papier. Und mit Briefmarke.

Funktioniert auch bei virtuellem Müll, der ja ebenso Ressourcen kostet, denn wer glaubt, ein elektronischer Newsletter sei gratis, der betreibt seinen elektronischen Sklaven wahrscheinlich, indem er per Fahrrad für Strom sorgt und als Ausgleich für die Serverleistung Geld für Klimaprojekte spendet. Na ja, so in etwa jedenfalls. Ihr merkt schon, ich bin von unerwünschter Werbung jeglicher Art recht genervt, weil man viel schneller drin als wieder draußen ist. Von daher steht es wohl außer Frage, dass an meinem Briefkasten ein „Bitte keine Werbung“ klebt. Ja „bitte“, denn für ein Bitte ist immer Zeit.

Dazu noch ein schönes Zitat von Mahatma Gandhi: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen“. Sehr richtig, denn was gibt es Schöneres, als am Ende einer Shoppingtour, entspannt unter einem Kastanienbaum im Biergarten zu sitzen? Richtig. Gleich hingehen und den gestressten Shoppingqueens und -kings mit ihren Tüten, die inzwischen erfreulicherweise überall etwas kosten, zu zuschauen und das Leben und die Freiheit zu genießen. In diesem Sinne: Prost! – und das geht auch mit ohne Alkohol.

Welchen luxuriösen Leidenschaften außer Biergartenbesuchen ohne Bier ich sonst noch fröne, darüber berichte ich beim nächsten Mal.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

P.S.: Der Titel ist sehr melancholisch und bezieht sich auf das Lied von Alexandra. Passt nicht so ganz zum Biergarten, aber irgendwie zum Thema und zum Wetter allemal.