Zeitreisen in die Gegenwart: Von Grenzgängern und Grenzpendlern

Die Entfernung, die wir von Dingen oder Menschen empfinden, richtet sich nach dem Verhältnis zu ihnen und den damit verbundenen Emotionen. Der Zahnarztbesuch, auch wenn dieser noch Wochen hin ist, liegt mir schon jetzt im Magen, aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ist gefühlt Ewigkeiten entfernt, während gleichzeitig das letzte Treffen bereits eine Unendlichkeit in der Vergangenheit zu liegen scheint. Auch wenn zwischen beidem nur eine Woche liegt. Gefühle haben eben ihre ganz eigene Zeitrechnung. Und sie lassen sich weder begrenzen, noch durch Grenzen bestimmen. Nicht umsonst spricht man von grenzenloser Liebe.

Das mit der Entfernung zu dem Geliebten und den Emotionen, die jede Trennung begleiten, liegt eben daran, dass ich, wie der Name schon sagt, den Geliebten liebe und meinen Zahnarzt eher nicht. Im Normalfall jedenfalls. So eine Sehnsuchtsliebe ist aufregend und immer auch wieder ein bisschen wie neu verlieben. Ständig hüpft man mit den Gedanken zwischen den Erinnerungen an das letzte Mal und der Vorfreude auf das nächste Zusammensein umher. Wehmut und Bauchkribbeln lösen sich nahtlos miteinander ab. Mit einem Teil des Herzens fühlt man den Küssen und Umarmungen nach, während der andere Teil die Wärme und Zärtlichkeit des nächsten Treffens förmlich schon spüren kann. Das Gefühlspendel schwingt dabei mühelos zwischen hin und her und kommt doch niemals an. Jeder Schritt, weg von der Vergangenheit, ist auch ein Schritt in die Zukunft.

Dabei vergisst man, dass es noch ein Dazwischen gibt. Leider. Denn nur auf der Grenze zwischen dem Gestern und Heute sind wir ganz. Ganz bei uns. Ganz wir selbst. Und auch ganz mit uns.

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