Das neue Reisen, 8. Etappe: Das Bonuszimmer

img_0365Paradiese sind gemeinhin ja meist und derzeit um ein Vielfaches nahezu unerreichbar und vorzugsweise in weiter Ferne. Das „kleine“ Paradies dagegen findet sich gern mal vor der Haustür in Form eines Balkons oder wie in meinem Fall Gartens.

Ein Luxus, der in diesen Zeiten dem einen oder anderen als unbezahlbar gilt, wenn die eigenen vier Wände mal wieder zu eng werden und der Freiheitsdrang unermesslich. Das Bonuszimmer mit täglich wechselnden Farben. Ein kostenfreier Tapetenwechsel inklusive Frischeluftdusche.

Der eigene Garten, eine Oase vor allem für die Seele. Denn dieser ist immer auch ein Spiegelbild des Besitzers und noch viel mehr der Gesellschaft und der Beziehung des Menschen zur Natur.

Wir kennen alle die streng geometrischen Gärten hochherrschaftlicher Paläste, die sinnbildlich die Macht und Unterordnung der Natur demonstrieren. Erst mit der Aufklärung wurde die Natur im Garten als Gemälde inszeniert, die sich noch immer in den vielfältigen Anlagen in Britannien finden lassen. Nach den beiden Weltkriegen dann war der Garten ein reiner Nutzgarten und diente der Lebensmittelversorgung. Und in den 60er und 70er Jahren beherrschten grüne Rasenflächen und Sandkästen das Bild. Der Wunsch nach möglichst wenig Arbeit verwandelte den Garten in einen Wohngarten. Offene Grundrisse für eine offene Gesellschaft. Doch seit den 80er Jahren rückt zusehends der Wunsch nach einem Einklang mit der Natur in den Vordergrund.

Was also sagt der Garten über einen und das eigene Innenleben sowie das Verhältnis zur Natur aus?

Nun, bei meinem Naturflecken inmitten der Straßenschluchten erkennt das geschulte Auge sogleich, dass das Prinzip der Chaostheorie folgt. Auf den ersten Blick herrscht ein wildes Durcheinander an Nutzpflanzen, bunten Insektenimbissen und unzählige Augenweiden. Alles wuchert und wächst, scheinbar ohne Plan entlang der Zaun- und Gehweggrenzen und nur mit dem Ziel, zu wuchern und zu wachsen. Eine völlig durcheinander gewürfelte Seele. Verloren im Strom der Gezeiten.

Doch der Blick bleibt hängen. Jede Pflanze, jede Blume, jeder Strauch, jeder Stein, alles hat seinen Platz, seine Aufgabe. Exoten und Einheimische in trauter Nachbarschaft. Inseln in einem rastlosen Meer einer zerklüfteten Seele.

Der wilde, ungestüme Geist manifestiert sich in Farben, Formen und dem Zusammenspiel. Unendliche Gedankenfreiheit, die sich in den Formationen verfängt. Anker, die einen erden.

Und wie sich der Mensch ändert, so ändert sich der Garten. Ein beständiger Prozess von Entstehen und Vergehen, Aufblühen und Vertrocknen, Neubeginn und Rückzug. Ein Über-Sich-Hinauswachsen ob der Vielfalt an Szenarien, in denen lediglich die eigene Vorstellungskraft die Grenzen des Möglichen bestimmt. Denn das Bonuszimmer als Quelle ist unerschöpflich.

Der Exit vom Exit

Wie schon in „Exit“ gesagt, ist es immer gut, einen Plan zu haben. Noch besser und wichtiger ist es, einen Plan B zu haben.

Nachdem nun ab Montag die Maskenpflicht in Geschäften sowie dem öffentlichen Nahverkehr herrscht, ist meine Strategie jetzt der Exit vom Exit, wenn man so will. Bekannte Vorbilder jeglicher Couleur dieser Verhaltensweise gibt es zuhauf und in allen Sparten, also kein Problem.

Nicht, dass ich kein Verständnis habe für all die Maßnahmen und ich möchte auch keine Ausstiegsdiskussionsorgie starten, aber mit Hurra dabei sein muss ich nun auch nicht gerade. Vielleicht bin ich auch einfach nur stur, behauptet zumindest der Nachwuchs, aber ich habe schlicht und ergreifend einfach keine Lust, mit Maske schwitzend und nuschelnd an der Kasse zu stehen. Und, ich fühle mich wirklich unbehaglich, wenn ich all die Leute so sehe. Irgendwie führt mir dies das ganze Grauen dieser Tage noch mehr vor Augen und vermittelt obendrauf ansatzweise eine gewisse Weltuntergangsstimmung. Die Freundin erinnert es an „Schweigen der Lämmer“. Jeder hat halt so seine eigenen Dämonen.

Nun gut, es ist wie es ist. Der Sinn und Zweck des Ganzen sei einfach mal dahingestellt. Daher kommt Plan B zum Tragen: Kein Geschäft mehr betreten. Und das so lange als möglich. Angestrebtes Ziel: Vier Wochen. Mindestens. Ja, ist mir klar, dass wir wohl auch in einem Monat noch nicht über den Berg sind, uns auf dünnem Eis bewegen, erst am Anfang stehen, aber ein bisschen naiv verträumte Hoffnung darf mal ja wohl noch haben.

Zur Erinnerung, der Exit-Plan war Werkstoffhof, Baumarkt, Sommerreifen, Sommerkleid und Friseur oder eine Art von Wellness, in welcher Form auch immer.

Den Baumarktbesuch habe ich nun also doch schon diese Woche kurz vor Ladenschluss getätigt. Da war der Parkplatz angenehm leer und es gab keine Warteschlangen. Dementsprechend rein und einmal einen großen Rundumschlag getan. Erde, Blumen, Kräuter, Gemüsepflanzen, Samen, Töpfe, Rankhilfe, Fliegengitter, Gas für den Grill. Fast hätte ich einen zweiten Wagen gebraucht und beim Ausladen Hilfe. Baumarkt, Haken dran.

Schwieriger ist die Planumsetzung beim Posten Lebenshaltung: Essen, Trinken, Klopapier etc… Der jugendliche Mitbewohner ist ziemlich skeptisch, dass wir das schaffen, so lange ohne Einkaufen, wobei die Hauptsorge dabei nicht den Grundnahrungsmitteln gilt, wohingegen ich mir das ganz gut vorstellen kann, denn alles, was frisch benötigt wird, wie Gemüse, Obst, Wurst, Käse, Eier kaufe ich auf dem Wochenmarkt. Open Air sozusagen. Der Rest lässt sich lagern beziehungsweise einfrieren. Platz im Keller ist noch vorhanden, trotz zwischengelagertem Müll für den Wertstoffhof, der noch warten muss. Man muss eben Prioritäten setzten. Müll oder Essen in dem Fall.

Folglich wurde ein langer, ein sehr langer Einkaufszettel geschrieben. Ich glaube, die Kassiererin dachte, ich kaufe für den ganzen Häuserblock ein, als ich meine 187 Hamster auf das Kassenband gewuchtet habe. Das Plastikgeld an meiner Seite hat zum Glück gehalten, was die Werbung verspricht.

Nun darf es nur nicht in den Keller regnen oder brennen, aber dann haben wir sicherlich ganz andere Probleme, denn bei Freunden oder im Hotel übernachten steht ja nicht zur Debatte. Ein Einbruch wäre auch ungünstig, aber ich vermute mal, dass in dem Fall keine Lebensmittel geklaut werden. Also, noch nicht. Die Kühl-, Gefrierkombi versagt hoffentlich auch nicht den Dienst. Genug der Schwarzmalerei, Haken dran. Und wenn alle Stricke reißen und wir kurz vor dem Hungertod stehen, könnten wir ja mal den Lieferservice des Supermarktes testen. Oder Essen zum Mitnehmen. Oder Lieferservice. Wir leben im Paradies.

Bleiben also noch die Vorhaben Sommerreifen, Sommerkleid und Friseur. Da ich das Auto für den Weg zur Arbeit und zurück benötige, bedarf dieser Punkt noch einer gewissen Klärung, aber einen Termin war erst Ende Mai frei. Bis dahin kann ja noch so das eine oder andere passieren. Heutzutage ändern sich die Dinge augenscheinlich tagtäglich.

Das Sommerkleid vom letzten Jahr tut es auch noch, gönnen wir dem Konto mal eine Pause, bevor es Schnappatmung bekommt. Und der Sommer fällt dieses Jahr sowieso aus, wenn man den Diskussionen Glauben schenken darf. Nix mit Weltmeisterreisen und so.

Den Friseur hatte ich ja beim letzten Mal schon irgendwie zu Gunsten einer Bergtour gestrichen, die ohnehin zwar nicht verboten, aber auch nicht erwünscht, also auf unbestimmte Zeit verschoben ist, wie alles eben. Wie das mit Maske beim Friseur funktionieren soll, ist mir eh ein Rätsel, aber das wird mir dann sicherlich der Nachwuchs berichten, denn der scharrt schon mit den Füßen, was einen Friseurbesuch angeht, da, wie wäre es anders zu erwarten, jegliches Angebot eines kostenlosen Haarschnitts im heimischen Badezimmer, vehement abgelehnt wurde. Also auch ein Haken dran.

Tja und jetzt? Jetzt brauche ich einen Plan, was ich mit all der gewonnen Zeit, die derzeit an den Rändern ziemlich diffus anmutet und auszufransen droht und auch sonst einem anderen Rhythmus zu folgen scheint, anfangen soll. Bis mir da was wirklich Sinnvolles einfällt, nähe ich erst mal Masken für die Freunde der von Psychothrillern.