Selbstoptimierung

Aus einer Laune heraus und um auch ein bisschen (mehr) an meinem Allgemeinzustand und nachgelagerter Gesundheit zu arbeiten, habe ich mir einen dieser Fitnesstracker zugelegt. Diese Dinger sind toll: Schlafüberwachung mit Schlafphasen, Flüssigkeitsaufnahme, Kalorienzufuhr/-verbrauch inklusive Analyse von Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, Schritteaufzeichnung, Etagen, Kilometer, Bewegung und Aktivität sowie Pulsschlag. Gegen den Standby Modus im Büro bzw. tagsüber hilft die Erinnerung an das stündliche Schritteziel, bei der man mehr oder weniger unsanft angehalten wird, das Sitzfleisch zu durchbluten. Eine Uhr, Wecker und die Wettervorhersage verstehen sich von selbst. Für Frauen ist sogar auch eine Zyklusüberwachung mit im Paket.

Und das alles in einem Gerät. Für die Digital Natives und andere wichtige Persönlichkeiten gibt es auch die Möglichkeit, die Nachrichten vom Handy am Handgelenk zu empfangen. Allerdings so klein, dass der Griff zum Handy dann doch ratsam ist. Das habe ich dementsprechend recht schnell wieder abgestellt. Vor allem auch, weil ich vor lauter Vibration an meinem Handgelenk schon gar nicht mehr wusste, was Sache ist. Konzentrieren war da doch schwer möglich. Und wenn das Handy doch eh ständig in Reichweite ist, wozu brauche ich dann noch die Nachricht auf der Uhr? Aber gut, ich bin vielleicht auch eine andere Generation.

Ansonsten das volle Programm der Selbstoptimierung. Nach dem Motto, pimp my body, bin ich ans Werk gegangen. Schlafrhythmus kontrolliert – auf Kurs. Trinken nicht vergessen, also Wasser – Sternchen kassiert. Kalorienzufuhr an Verbrauch angepasst – grünes Licht. Zu jeder Stunde meine Runden absolviert, was im Büroalltag hin und wieder zu komischen Situationen führen kann, aber was tut man nicht alles für einen Smiley. Abends noch eine Runde um den Block, um es auf 10.000 Schritte zu bringen – ok, das hat nicht immer geklappt. 30 Minuten Bewegung und wöchentliches Bewegungsbudget erfüllt – check. Jeden Tag die volle Punktzahl erfordert so einiges an Disziplin und Einsatz. Zu der Frauengeschichte sage ich jetzt mal nichts, aber da kann man Sachen eingeben, die würde ich noch nicht mal meinem Friseur des Vertrauens erzählen.

Inzwischen ist mein Avatar bei einem Marathon (42km) dabei gewesen, hat die Pinguinwanderung (112km) mitgemacht, das Londoner U-Bahnnetz (402km) abgelaufen, alle hawaiianischen Inseln (563km) durchwandert, die Serengeti (804km) durchquert und sogar Italien (1184km). Daneben können wir zig Abzeichen für Etagen und Schritte vorweisen. Alles virtuell, versteht sich.

Und klar, alle Daten werden irgendwo in der Cloud gespeichert. Die Daten meiner Punktekundenkarte sind nichts dagegen und bringen auf dem Markt sicherlich nur einen Bruchteil dessen, was so ein kleiner Tracker am Handgelenk nicht alles an Einsichten liefern kann. Freiwillig von mir zur Verfügung gestellt. Von Schlaf- zu Ess- und allen anderen Gewohnheiten. Da hätten alle was davon. Krankenkasse: Zu wenig Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viele Kalorien – rauf mit dem Beitrag. Arbeitgeber: Gleiche Auswertung – besser Ersatz suchen, bevor die Arbeitskraft den Geist aufgibt. Ich als Konsument bin ein gefundenes Fressen: Zu wenig/schlechten Schlaf – vielleicht ein neues Bett. Viel Sport – Werbung für eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, Sportausrüstung, Reisen etc. Plusschlag zu hoch/niedrig – die Apotheke liefert das passende Präparat. Angebote vom Supermarkt für Dinge, die ich esse und/oder besser essen sollte. Und natürlich unzählige weitere Geräte, mit denen ich mich und mein Leben auf Vordermann bringen könnte. Willkommen im Land der unbegrenzten Algorithmen.

Aber nun bin ich es leid mit der Selbstoptimierung und will mich nicht länger von so einem kleinen Stromfresser terrorisieren lassen. Der klassische Stunden- und Minutenzähler ohne großes Schnickschnack darf nun wieder mein Handgelenk schmücken.

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Die ersten Tage waren etwas schwierig und mit Entzugserscheinungen verbunden. Morgens die Frage, ob die Schlafaufzeichung wohl auch bestätigt, wie mies/fit ich mich fühle. Und tagsüber kurz vor jeder vollen Stunde: Gleich vibiert es wieder. Schnell noch ein paar Schritte machen. Beim Fahrradfahren, beim Laufen, beim Yoga, beim Wohnungsputzen: Mal sehen, was das hinterher gebracht hat. Über zwei Millionen Schritte in etwa sechs Monaten sind letzlich zusammen gekommen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte zumindest eines der Abzeichen auch im realen Leben erleben oder einfach mal schauen, wie weit ich mit 2.036.434 Schritten komme, wenn ich einfach loslaufe.

Tatort des Monats Oktober

BuchgesellschaftIm digitalen Zeitalter vielleicht gar nicht so abwegig: Ein virtueller Tatort.

 Tatort: Internet, genauer gesagt WordPress.

 Tatbestand: Blog der Buchgesellschaft.

 

Tatortsäuberung: Aufgrund persönlicher Befangenheit, zieht sich der Prozess in die Länge, aber mein bzw. unser Blog „Die Buchgesellschaft“ wird die nächsten Tage abgeschaltet. Die Gesellschafter werden selbstverständlich weiterhin lesen und vor allem leben.

Treibgut – Lokalzeit

Während meines nun doch schon recht langen Projektes zum Thema Verzicht – ok in letzter Zeit war ich etwas nachlässig mit den Berichten – hat mich besonders das Buch „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens beeindruckt. Seine Ansätze zum entschleunigten, analogen Leben sprechen mir so richtig aus der Seele. Vielleicht bin ich auch deswegen im Moment mehr offline unterwegs. Sozusagen live und in Farbe.

Die zunehmende Digitalisierung raubt mir schlichtweg allzu oft den Atem. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühle mich ständig getrieben, immer schneller und effizienter zu funktionieren, nur um überhaupt Schritt halten zu können. Andre Wilkens zieht da eine schöne Parallele zur industriellen Revolution und bezeichnet unser Zeitalter als das der digitalen Revolution – eine Revolution auf Speed, denn während die industrielle Revolution 200 Jahre dauerte, spielt sich die digitale in einem Zeitraum von 25-30 Jahren ab. Kein Wunder also, dass Verschnaufen nicht drin.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Bildschirmgesellschaft zu werden. Mal schnell etwas googlen ersetzt das gute, alte Lexikon und wir verlassen uns zunehmend auf technische, digitale Instrumente statt auf unsere eigenen biologischen Fähigkeiten. Dabei sind wir den Rechnern dieser Welt haushoch überlegen. Kein Instrument kann echte Kreativität produzieren. Mitgefühl, Schönheit, Sinn, Chaos, Individualität, Überraschung und Unvollkommenheit, all das vereint sich in nur einem einzigen Menschen. Jeder für sich auf seine persönliche und einzigartige Weise. Kein Algorithmus kann es mit uns aufnehmen.

Doch mit jedem Klick generieren wir einen digitalen Fingerabdruck unserer Persönlichkeit. Wir werden berechenbarer. Und irgendwann weiß unser digitaler Sklave die Frage, noch bevor wir sie stellen. Dann ist es nicht mehr weit und nicht wir entscheiden, sondern werden entschieden und letztendlich zum automatisierten Konsumenten. Als Bezahlung dienen unsere persönlichen Daten, die wir den Monopolisten der digitalen Welt frei Haus liefern. Das hat, man möchte es kaum glauben, Apple-Chef Tim Cook 2014 sogar selbst bestätigt: „Wenn ein Online-Service kostenlos ist, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt.“

Schon jetzt sitzt der Durchschnittsmensch 6,5 Stunden pro Tag in gebückter Haltung vor einem Bildschirm und unser aktivstes Körperteil sind die Finger. Mit einem Klick treffen wir Entscheidungen, die wir im realen Hier und Jetzt vielleicht erst mal überdenken würden. Höchste Zeit also, sich nicht mehr immer und überall in die Karten schauen zu lassen. Querdenken ist bei mir angesagt. Weg vom Gaspedal. Schließlich beschleicht mich oft genug das Gefühl, das Leben rauscht an mir vorbei und meine Wünsche und Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Da bleibt dann nur den Stecker ziehen und sich mal treiben lassen. Ganz ohne digitalen Stress und auf den Taktschlag der inneren Uhr hören.

Klar, analog unterwegs zu sein, ist mitunter teurer: Ein handgeschriebener Brief kostet mehr als eine E-Mail, ein gedrucktes Buch ist teurer und schwerer als die E-Book-Ausgabe. Und ein persönliches Treffen kostet Geld und weitaus mehr Zeit als ein Chat über Facebook. Man muss es sich also leisten können, analog zu handeln. Dagegen nicht digital zu sein kann man sich nicht mehr leisten. Das kann jeder nur für sich entscheiden. Beim ICH anfangen. Ganz individuell.

Das funktioniert im Übrigen nicht mit einem Mausklick. „Soziale Veränderungen lassen sich nicht durch eine Fingerbewegung herbeiführen“ und „wenn Du etwas tun willst, benutze mehr als einen Finger“, sagt Andre Wilkens. Solche Entscheidungen kosten Energie. Aber wer das Gefühl hat, der Burnout wartet bereits an der nächsten Ecke, kann auch bestätigen, dass Disziplin eine große Rolle spielt. Wer von allem zu viel hat, der muss eine Wahl treffen. Wer ständig rennt, dem geht irgendwann die Puste aus. Manchmal kann man gewisse Strukturen alleine nicht ändern. Dann sollte man aussteigen, bevor der Druck stärker als man selbst ist, und der inneren Leere mit sozialen und persönlichen Zielen gegensteuern. Anspruch

Nur durch Verzicht lässt sich der Zeitdruck vermindern und ein Gleichgewicht wieder herstellen. „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen.“ (Ghandi)
 Mal sehen, ich denke, ich werde die Strömung nutzen und anlanden und zum Schluss noch eine Art Fazit schreiben. Also dann, action!

Eure Kerstin