auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Was von der fünften Rauhnacht (29. Dezember) übrigbleibt – Mai 2017

Um den eigenen Weg zu finden, braucht es Planung und Strategie. Es heißt, den Überblick zu gewinnen. Und genau das habe ich im Mai durchwegs gemacht. Am 29. Dezember übrigens auch. Es ging dabei darum, für alle Bereiche des Lebens einmal den Überblick zu bekommen und dann strategisch zu verfolgen, oder eine Strategie für die Zukunft festzulegen, oder zumindest an ihr zu arbeiten. Fünf Strategiepunkte für den fünften Monat:

  1. Der Schuljahresendspurt für den jugendlichen Mitbewohner und die Strategie, das Schuljahr noch für sich zu entscheiden.
  2. Für den Sommer Urlaubspläne schmieden, auch wenn die Umsetzung sich in den Juni hinziehen wird.
  3. Budget durchrechnen, welche Anschaffungen (Fahrrad) beziehungsweise Pläne (Wohnung streichen vs. Garten neu gestalten) realisiert werden können.
  4. Projekt „Verzicht kostet – Review“ in der Theorie ausarbeiten (wird im Juni in die Tat umgesetzt – versprochen).
  5. Szenarien für die Zukunft durchspielen, um die räumliche Distanz zweier Wohnungen in ein Zuhause zu verwandeln.

Daneben bin ich, ganz klar, so viel wie möglich draußen gewesen. Um den Blick schweifen zu lassen, neue Ein- und Ausblicke zu bekommen.

  

04 Wolken

Blick nach oben

 

05 Maiglöckchen

Blick nach unten

 

06 Wettersteingebirge

Blick nach vorn

Ach ja, ich hatte am 29. Dezember wie der Zufall es so will, „Die Herrscherin“, die dritte Karte im Tarot, gezogen. Wie passend, ist doch die Zahl drei die Vereinigung der Gegensätze, die ausgleichende, erste reale Zahl, welche die neue Ebene und gleichzeitig Ausgangsbasis für den nächsten Schritt bildet. Es geht um Urvertrauen, Wachstum, Sehnsucht und Vielfalt.

Im Juni muss also so einiges in die Tat umgesetzt werden. Da bin ich auf die Ergebnisse gespannt.

Eure Kerstin

Familienzuwachs

Nein, kein Hund, keine Katze und auch sonst kein Haustier. Und schon gar nicht schwanger. Und trotzdem ein Familienzuwachs. Und das kam so:
Der Mann an meiner Seite ist nicht mehr der Jüngste. Was passt, den das bin ich ja auch nicht. Mit einem knappen Jahrhundert und mehr auf dem Buckel haben Mann und Frau eine gewisse Vorgeschichte, wenn sich beide erst in diesem Lebensabschnitt begegnen. Alles andere wäre irgendwie ziemlich anormal und definitiv kein Fall für mich.

Die Vorgeschichte hat in unser beider Fällen für Nachwuchs gesorgt. Doch im Gegensatz zu meinem jugendlichen Mitbewohner, ist dieser auf der männlichen Seite schon länger flügge und steht mittlerweile auf eigenen Beinen. Und zwar schon so sehr, dass inzwischen sogar eigener Nachwuchs da ist. Inklusive Ehe möchte ich hinzufügen, denn in Bayern herrschen mancherorts mitunter noch Anstand und Sitte. Was den Mann an meiner Seite zum Opa macht und ziemlich stolz. Also, das Enkelkind. Und der Rest wohl auch.

Der stolze Opa ist mehr ein Mann der Taten denn der Worte und als vor kurzem die Taufe des Enkelkindes anstand, wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und kurzerhand meine Familieneinführung vollzogen.

Da stand ich nun als „die Neue“ und „die aus der Stadt“ mitten drin. Vorstellungsrunde: Zuerst die (Ur)-großmutter, dann die Kinder, es sind nämlich zwei, nebst Ehepartner und Lebenspartner. Die Ex, die mir tatsächlich als „meine Ex“ vorgestellt wurde. Der Partner der Ex. Und die russische Sippe der Schwiegertochter: Mutter, Vater, zwei Schwestern inklusive Ehemännern und diverser Kinder. Eine Sippe, wie gesagt.

Wie jemand aus dem tiefsten Bayern mit einer russischen Einwandererfamilie in Kontakt kommt, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Interessant ist dabei eigentlich, dass der Opa und Schwiegervater nach über einem Jahr noch immer nicht die Namen aller Angehörigen weiß. Aber gut, wer die Ex als „meine Ex“ vorstellt, tut sich vielleicht mit Namen generell schwer.

Aber wie gesagt, er ist auch mehr ein Mann der Taten und hat mir quasi schon „angedroht“, dass er mit mir Nägel mit Köpfen machen wird. Was mich, verständlicherweise, ziemlich nervös macht. Und das in meinem Alter! Tja, so kann es gehen, auf einen Schlag wäre ich dann also neben meinem derzeitigen Status als Mutter noch Ehefrau, Schwiegertochter, Stiefmutter, Schwiegermutter und Oma. Und obendrein mit der russischen Mafia verwandt. Wobei, das muss erst noch bestätigt werden.

Ach ja, Kind Nummer zwei heiratet im Sommer und da muss „die Neue“, also ich, dann auch wieder mit. Diesmal kommt die Sippe aus der Gegend und ist ganz standesgemäß Bauer. Herrlich, so ein Familienzuwachs. Ein Haustier wäre da unter Umständen einfacher gewesen. Auch was das Merken des Namens angeht. Aber eben lange nicht so schön.

 

Eure Kerstin

Das Stromfresserchen

Vor ein paar Jahren waren meine Freundin und ich mit Familie zusammen im Urlaub. Das an sich ist jetzt nicht so bemerkenswert. Damals haben wir uns aber eine Ferienwohnung geteilt und wie es so meine Art ist, habe ich jedes Mal das Licht ausgemacht, wenn ich ein Zimmer verlassen habe. Das führte damals zu manch heiterer Bemerkung. Nun, zuhause verfahre ich auch nach dem Motto im-Dunkeln-ist-gut-Munkeln und schalte immer und überall alles aus, selbst der Standbybetrieb wird unterbunden und die Geräte soweit möglich immer vom Stromnachschub abgeschnitten. Der Fernseher ist eh nur ungefähr einmal die Woche an und die Zahnbürstenladestation hatte ich ja schon mal im Beitrag „Damit Sie morgen noch kraftvoll zubeißen können“ erwähnt.

Daneben gibt es so manche Angewohnheit, man könnte auch Marotte dazu sagen, die ich mittlerweile pflege: „Wie, Du schaltest die WLAN-Box ab?“, fragte mich neulich ein Bekannter. Ja klar, nach 22.30 Uhr ist bei uns keiner mehr surfen und vor 6 Uhr auch nicht, da wird eben kurzerhand der Saft abgedreht. Handy schalte ich meist noch früher aus. Feierabend für uns beide sozusagen. Und wenn ich mal nicht da bin, wird einfach alles ausgeschaltet bzw. komplett vom Strom genommen.

Der Hang zum Sparen scheint irgendwo in meiner Familie genetisch bedingt zu sein, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Ist so mein Verdacht. Als ich mal zu Besuch bei meinem Cousin war und das benutze Geschirr in die Maschine einräumen wollte, meinte ich, ob ich diese mal anstelle solle, weil irgendwie kein Platz mehr war. „Da geht schon noch was rein“, war die Antwort. Leichte Verwunderung meinerseits, denn Platz sah in meinen Augen anders aus. Doch tatsächlich, da passte sogar noch eine weitere Mahlzeit rein. Ob ein übervoller Geschirrspüler nun letzten Endes wirtschaftlicher ist, kann ich allerdings nicht sagen. Bei mir bleibt, wenn ich wirklich bis Oberkante Unterlippe alles vollstopfe und stapele, so mancher Essensrest erhalten.

Neben einem Hang zum Ausreizen des maximalen Füllgrades der Geschirrspülmaschine führt die Verwandtschaft auch ein Waschmaschinentagebuch, in dem vermerkt wird, welche Art von Waschladung wie oft dran ist. Gut, ich warte einfach bis die Maschine voll ist, was schon mal drei Wochen dauern kann. Zum Leidwesen des Nachwuchses lassen dann leider Lieblingsteile manchmal auf sich warten. Mein Alternativvorschlag, es dann mal mit einer Handwäsche zu probieren, wird selbstverständlich verächtlich abgewunken. Tja, die Jugend von heute lässt machen. Dass der Verzicht aufgrund Umweltgedanken erfolgt, scheint mir fraglich.

Ich hingegen nehme die Sache gern mal in die Hand. Nicht bei der Wäsche, aber durchaus in der Küche. Anstatt Mixer greife ich ganz gern mal zum Rührbesen. Spart Energie und das Fitnessstudio. Im Übrigen gilt das auch für Treppen, den Handrasenmäher, den Rechen, den Kehrbesen und noch ganz viele andere moderne Technologien, die einem die Handarbeit im wahrsten Sinne des Wortes rauben, wobei diese doch ganz wunderbar und kostenlos auf das Konto der körperlichen Gesundheit einzahlen. Und wer sich mal so richtig verausgabt, wird feststellen, dass man plötzlich sogar noch mehr Energie hat. Ein toller Effekt.

Strom

 

Eine ganz andere Wirkung hat der sogenannte Rebound-Effekt, bei dem wir trotz energiesparender Gebrauchsgegenstände stetig immer mehr Energie verbrauchen. Denn obwohl die Geräte heutzutage immer weniger Energie benötigen, verschlingt unser Energiehaushalt immer mehr, weil wir immer größere Geräte in immer größere Anzahl und immer schneller ersetzen.

Ich selbst habe mir Anfang des Jahres einen neuen Laptop geleistet – nach acht Jahren. Dabei wäre der alte Rechner es durchaus noch ausreichend gewesen. Der Akku war zwar schrottreif, die Lüftung hätte einer Harley Konkurrenz machen können und beim Thema Schnelligkeit, nun ja, dabei ließ sich so manche Tasse Kaffee oder Tee brühen. Aber so gesehen alles kein wirklich kritischer Grund, um eine Trennung anzustreben, wenn da nicht die fürsorgliche Programmmanufaktur wäre, die einfach kein update mehr für mein Gerät liefern kann/will und mich damit der Welt des Internets schutzlos auslieferte. „Sie gehen mit dem Ding wohl hoffentlich nicht mehr ins Internet!“, meinte der Verkäufer, als ich nach einer externen Festplatte zur Datensicherung gefragt habe. Manchmal wird man eben zu seinem Glück gezwungen, wobei Glück ja immer auch eine Betrachtungsweise von einem Standpunkt aus ist.

Damit die Energiesklaven mir am Ende nicht die Haare vom Kopf fressen, werden sie also an kurzer Leine gehalten und zum Beispiel nur geladen, wenn der Akku wirklich leer ist. Oder eben das Licht abgedreht. Festbeleuchtung herrscht nur zu Weihnachten. Kleinvieh macht auch Mist. In beide Richtungen. Das Ergebnis ist, dass meine Stromrechnung trotz zunehmendem Bedarf im Zimmer des jugendlichen Mitbewohners, nach wie vor unter dem eines Ein-Personen-Haushaltes liegt. Inzwischen beziehe ich auch Ökostrom aus der Region, das macht aufs Jahr gesehen gerade mal €20,00 mehr aus. Dafür sitze ich ganz gern mal bei Kerzenlicht am Küchentisch und schaue in die beleuchteten Wohnungen der Nachbarn.

Für mich definitiv kein Alibi, meinen Verbrauch zu steigern. Schließlich sind solche Verhaltensweisen kontraproduktiv, wenn ich beispielsweise dann einfach alles ständig laufen lassen oder am Ende noch zusätzliche Geräte anschaffe und mein Gewissen damit beruhige, dass ich ja ökologisch produzierten Strom beziehe. Ähnlich wäre es auch, wenn ich beispielsweise ein Elektroauto hätte, dafür aber dann keinen Schritt mehr zu Fuß gehe.

Und beim Thema Auto wären wir wohl auch schon im Bereich Luxus, oder was meint Ihr? Eine Zusammenfassung lasse ich jetzt mal ausfallen und es geht dann nahtlos weiter mit den schönen Dingen des Lebens.

 Also dann, action!
Eure Kerstin

Rien ne va plus – drittes Kapitel

Monopoly

Nichts geht mehr. Das ist nun eher im übertragenen Sinne gemeint und so natürlich nicht ganz richtig. Denn irgendwas geht immer. Und anders sowieso. Aber der Titel passte so schön in die Reihe „Von nichts kommt nichts“ und das Motto Glückspiele.

Und ein persönlicher Blog ist ja fast immer ein Glückspiel. Mal läuft es gut, mal nicht so. Die Persönlichkeit bestimmt das Ergebnis. Dazu möchte ich gern Kafka zitieren: „Verbiege es nicht. Verwässere es nicht. Versuche nicht, es logisch zu machen. Ändere deine Seele nicht nach der Mode. Folge vielmehr gnadenlos deiner stärksten Obsession.“

Und in dem Punkt sind Spielbesessene und ich uns sehr ähnlich. Wenn uns erst mal eine Leidenschaft gepackt hat, dann lassen wir so schnell nicht locker. Und genau das mache ich jetzt. Also eigentlich mache ich das ja schon seit gut 2 ½ Jahren hier. Der Blog-Workshop, den ich vor einer Woche besucht habe (siehe auch Kapitel 1 und 2), hat meine Zweifel zwar nicht so ganz ausgeräumt, aber mich auch nicht so dermaßen demotiviert, dass ich nun einfach aufgebe.

Von daher probiere ich nun einfach mal ein bisschen was aus. Zum Beispiel habe ich mein Theme geändert. Ist noch nicht hundert Prozent ideal, aber immerhin ein Anfang. Was sagt Ihr dazu?

Und dann habe ich mir sagen lassen, dass man um Social Media nicht mehr herum kommt. Also gut, auch das probiere ich aus. Ergo musste eine Facebook-Seite her. Ich habe zwar leider noch keinen blassen Schimmer, was ich damit so alles machen kann/soll/muss, aber jedenfalls gibt es diese nun. Wer mal nachschauen möchte hier geht’s lang: https://www.facebook.com/alltagseinsichten

Ein erstes Zwischenziel, denke ich, wäre damit erreicht, wenn nicht sogar gewonnen. Die Galoschen des Glücks passen wunderbar und bei Los geht’s los. Glückspiel hin oder her.

 

Eure Kerstin

Tatort des Monats Februar

Der Fortschritt hält Einzug. Unaufhaltbar und unweigerlich. Leider auch in meinem Garten. Kürzlich wurde der mehr als altersschwache Holzzaun durch einen Doppelstabmattenzaun ersetzt. Das nur noch durch Schnüre zusammengehaltene Gartentor musste ebenfalls einer neuen Schließanlage weichen.

Tatort: Garten.Schlüssel

Tatbestand: Schlüssel.

Tatortsäuberung:

Manche Relikte alter Zeiten hebe ich ja aus Sentimentalitätsgründen auf. Diese hier nicht. Dafür haben wir zuwenig gemeinsam erlebt. Schade. Also Altmetall. Auf dass etwas Neues entstehen möge.

Tag 1: Gewohnheiten und Widersprüche

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und voller Widersprüche. Vor nicht mal einem Monat sind meine alten Tagebücher dem Feuer zum Opfer gefallen. Gewollt, möchte ich hier betonen. Nun bin ich über ein kleines Heft gestolpert: „30 Tage Schreiben“. Vor Urzeiten war dies einmal eine Beilage in der Zeitschrift „Flow“ und damals hatte eine Mitbloggerin dieses Experiment auf ihrem Blog veröffentlicht. Leider kann ich nicht mehr finden, wer das war. Es ist wirklich ein sehr großes Internet da draußen. Trotzdem danke für den Tipp seinerzeit. Ich fand die Idee ansprechend und bin dann gleich los, um das Heft zu erwerben.

Seitdem lag das 30-Tage-Tagebuch in meiner Schreibtischschublade. Gleich neben meiner Geschenkekartei (aber das ist ein anderes Thema). Und da Weihnachten bekanntlich nur noch ein paar Tage – 30 – entfernt ist, bin ich bei der Suche nach der Geschenkekartei auf das Heft gestoßen und dachte mir: Das machst Du jetzt! Dann ich es wenigstens erledigt!

Nicht gerade die vorbildlichste Einstellung, aber manchmal brauche ich eben auch einen sanften Schubs. Mal sehen, ob ich mich daran gewöhnen kann, 30 Tage lang jeden Tag etwas mehr oder weniger Sinniges zu produzieren. Ich habe schon mal gelinst. Es sieht nicht so schwer aus. Jeden Tag eine Frage. Das sollte zu schaffen sein.

Tag 1Tja, was macht man/ich so an einem Montag: Morgens ärgern, wenn der Wecker klingelt und das Wochenende mal wieder mit zwei Tagen einfach zu kurz war. Aus dem Grunde überspringe ich den Part mit Aufstehen…Arbeit usw. und starte erst, nachdem ich wieder in die heimeligen Hallen meines Zuhauses zurück gekehrt bin.

Halt, vorher war ich noch schnell einkaufen und habe u.a. eine Tüte Chips gekauft. Die musste ich gleich nach meiner Ankunft verstecken, da ansonsten der jugendliche Mitbewohner sich ihrer bemächtigt hätte. Allein essen macht dick, ich weiß. Vielleicht erweise ich mich zu späterer Stunde großzügig, nachdem man mir heute ein paar Zensuren präsentiert hat, die mich zwar nicht zu Hochsprüngen verführt haben, aber auch ganz passabel waren, wenn man bedenkt, dass das Leben eines Teenagers wirklich zu stressig ist, als dass man noch Zeit zum Lernen hätte (aber auch das ist ein anderes Thema).

Also: Heim gekommen, Chips versteckt, Feuerchen gemacht – schön kuschelig ist es. Mit meiner derzeitigen Lektüre vor den Ofen gesetzt und gehofft, dass das Buch endlich aus sein möge. Auch so eine Angewohnheit von mir: Ich kann Bücher, selbst wenn sie schrecklich sind, einfach nicht unvollendet zur Seite legen. Okay, stimmt so nicht ganz. Es gibt so zwei bis drei, die ich tatsächlich weg gelegt habe.

Nach drei Kapiteln habe ich die Leserei unterbrochen und den Entschluss gefasst, mit dem 30-Tage-Tagebuch zu beginnen und den Computer hochgefahren. Beim Aufrufen von WordPress wurde mein schlechtes Gewissen recht laut, da ich schon seit einem Monat meinen Reader nicht mehr bearbeitet habe. Also, erst mal das nachgeholt und nahezu alle Artikel gelesen.

Nun wäre eigentlich Zeit fürs Abendessen. Gewohnheit ist schließlich ein sehr starker Trieb. Hunger übrigens auch. Nun will ich aber ungedingt noch schnell den Beitrag posten. Also, was mache ich noch heute? Abend essen. Mal sehen, was der Kühlschrank und Vorrat noch so hergibt, da ich ja nun den Blog schreiben musste und keine Zeit hatte, etwas vorzubereiten. Was passt eigentlich gut zu Chips?

Was noch? Vielleicht gönne ich mir noch etwas Zeit vor dem Ofen mit dem schrecklichen Buch und einer guten Tasse Tee.

Na, dann bis morgen. Kerstin

Die Buchgesellschaft

Liebe Leser,Die Buchgesellschaft an dieser Stelle einmal ein Beitrag in eigener Mission: Seit heute gibt es noch einen weiteren Blog von mir und weiteren Autoren. Wir haben eine Buchgesellschaft gegründet: „Die Buchgesellschaft. Lesen und Leben“. Wer also gern mitlesen möchte, hier die Web-Adresse: www.diebuchgesellschaft.wordpress.com Wir freuen uns auf Mit-Leser und Kommentatoren.   Kerstin und die Buchgesellschafter

Lebensmuster

Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“

Wenn ich in der Arbeit so richtiggehend frustriert bin und an den Punkt gelange, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich für eine Art von Job mache, wünsche ich mir oft, ich hätte einen handwerklichen Beruf ergriffen – wie Schreiner oder Gärtner. Etwas Handwerkliches erlernt, bei dem man etwas erschafft, kreiert, etwas Sinnvolles macht und dabei der Menschheit einen Dienst erweist. Eine sehr noble Denkweise, ich weiß. Aber vielleicht ist das etwas, was sich in unsere Gedanken schleicht, wenn wir älter werden und realisieren, was mit uns und unserem Planet passiert. Nichts scheint mehr dafür bestimmt, einen langfristigen Nutzen zu erfüllen und nur bis zum nächsten update oder Modetrend Bestand zu haben. Aber wenn ich so darüber nachdenke: Brauchen tue ich nicht wirklich etwas – von Lebensmitteln vielleicht mal abgesehen.

Ich habe mehr Gabeln als ich Teller besitze. Und mehr Teller als Stühle. Und mehr Stühle als an meinem Tisch Platz haben. Sicher, das ist jetzt eine sehr vereinfachte Ansicht des gesamten Bildes, aber mal ganz ehrlich, ich habe nicht mal so viele Freunde wie ich Gabeln habe. Was unter Umständen ein sehr trauriger Gedanke sein könnte. Natürlich könnte ich mich nun von all den überflüssigen Gabeln trennen. Vielleicht spenden und jemandem damit helfen. Oder etwas anderes aus ihnen machen. Schmuck wäre denkbar, da es sich um Silbergabeln handelt, die ich von meiner Großtante geerbt habe. Sehr elegant, sagt der eine oder andere aus meinem Freundeskreis. Sie verleihen einem einfachen Mahl eine gewisse Vornehmheit.

Ok, um es kurz zu machen: Ich habe den Gabeln nichts angetan – ich liebe meine Gabeln. Nichtsdestotrotz habe ich mit dem Gedanken an einen Silberverarbeitungskurs gespielt. Zum Glück für die Gabeln waren alle Termine ausgebucht. Scheint fast so, als ob es jede Menge Leute gibt, die ihren Gabeln eine andere Bestimmung geben wollen.

Am Ende wurde mir meine Entscheidung von der Fußballweltmeisterschaft abgenommen. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Fernsehgucker. Wahrscheinlich könnte ich auch ohne ganz gut zurecht kommen. Und ich bin ein noch geringerer Fußballfan. Die einzigen Spiele, die ich hin und wieder anschaue, sind Weltmeisterschaftspartien. Eine zusätzliche Herausforderung waren der Zeitunterschied von 5 Stunden. Ich bin nämlich ein „Früher Vogel“ und dementsprechend zeitig im Bett. Selten wird es später als 22 Uhr. So gesehen, war es schon ein persönliches Martyrium, auf zu bleiben und mit meinem Sohn vor dem Fernseher zu sitzen. Und um das durchzustehen, musste ich mir etwas suchen, mit dem ich mich zu später Stunde beschäftigen und gleichzeitig dem Spiel folgen kann. Hier, was ich gefunden habe:

Wolle

Ein Berg von aufgeribbeltem Garn. Vor langer Zeit war dies einmal ein Pullover für meinen Sohn als er noch klein war. Nachdem er aus dem selbstgemachten Stück rausgewachsen war, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschenken oder gar wegzuschmeißen. Und so verbrachte er viele Jahre in meiner Handarbeitskiste. Bis zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien. Und es benötigte eine ganze Weltmeisterschaft, um das Projekt abzuschließen. Im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute des Finales Deutschland gegen Argentinien. Und hier ist meine ganz persönliche Trophäe:

Short

Gut, es ist nicht so wertvoll wie der echte Pokal, aber es ist bedeutungsvoll. Sogar in mehr als einer Weise: Im Sommer kann ich die Short zum Baden anziehen. Und im Winter könnte sie als Schlafanzug oder legere Hauskleidung dienen. Ganz sicher werde ich aber immer an die Herkunft und Entstehung denken und meinen Sohn, der mich schon fast anschreit, wie ich so ruhig bleiben kann. „Pack das weg! Du musst unser Team anfeuern! Wie kannst Du jetzt häkeln?“ Was mich unvermittelt an das letzte Mal erinnerte, als Deutschland Weltmeister wurde. 1990 sah ich das Finale mit meinem damaligen Freund, den es ganz verrückt machte, dass ich seelenruhig auf der Couch lag. Noch immer kann er nicht glauben, dass ich während der nervenaufreibenden 90 Minuten in mein Buch vertieft war. Ganz wie mein Sohn jetzt. Was nur beweist, dass sich die Vergangenheit wiederholt und das Leben einem Muster zu folgen scheint. Fast wie ein Häkelmuster. Sogar die Finalisten waren die Gleichen.

Für den Fall, dass sich nun jemand wundert, was ich während des Finales 1974 getan habe: Ich bin da reichlich überfragt, aber meine Vermutung ist, dass ich einen selbstgemachten Pullover getragen habe. Dem ähnlich, den ich für meinen Sohn gestrickt hatte, der nun eine Short ist und irgendwann vielleicht mal etwas anderes sein wird. Denn das Leben ist wie ein Knäuel bunter Fäden, an einem Ende zu einem Muster verwoben und am anderen Ende lose aufgeribbelt, um einem alle Möglichkeiten für einen Neuanfang und neue Bedeutung zu offerieren.

Für die neue Karte wähle ich eine Sinneskarte, da ich mir eine kleine Auszeit von unserer rastlosen Konsumgesellschaft und meiner Hektik in einem für mich momentan nicht so sinnreichen Job nehme und mich auf eine kleine Pilgerreise begebe. Kein Ballast. Nur lebenswichtige Dinge, um 3 Wochen in den Bergen zu überleben. Und deswegen muss ich zugeben: Ich habe ein bisschen geluhrt, da ich mir meine Reisetage nicht mir einer Aufgabe erschweren wollte, mit der ich mich geistig schwer tue. Karte Nr. 16: “’Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!’ – Sokrates. Um zu erfahren, dass weniger mehr sein kann, üben Sie sich in Askese: Kaufen Sie einen Tag lang überhaupt nichts ein“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

 

P.S: Noch 3 Dinge möchte ich erwähnen: 1. Nein, ich weiß nicht mehr, welches Buch ich damals gelesen habe. 2. Nein, 1954 war ich noch nicht auf der Welt. So alt bin ich nun auch wieder nicht. Und 3. Die Tatsache, dass mein damaliger Freund und ich heute immer noch gute Freunde sind, beweist nur, dass die Liebe mehr als ein Muster zu bieten hat.

Seelenfitness

Karte Nr. 14: “Bewegen Sie sich: Schwingen Sie sich aufs Fahrrad, ziehen Sie ein paar Bahnen im Schwimmbad oder dehnen Sie Ihren Körper bei einer Yogastunde. Wetten, dass Sie sich danach auch seelisch viel fitter fühlen?“

Also, wenn es um Bewegung geht, gehöre ich eher zu den Abhängigen, würde ich sagen, weil ich nicht still sitzen kann. Von daher war dies hier mehr Kür denn Pflicht.

Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Jeden Tag –außer es schüttet aus Kübeln. Einfach macht das 1,9km. Ist jetzt nicht so viel, summiert sich aber auf ungefähr 76km pro Monat, wenn man von einem 20-Tage-Arbeitspensum ausgeht. Für meine Seele habe ich also diesen Monat noch ein paar extra Kilometer erstrampelt: Erdbeerpflücken, Eisessen, Einkaufen, Gartenausstellung, Fahrt zum See. Alles mit dem Drahtesel. Wobei die Tour von der Gartenausstellung nach Hause mit Abstand die Schönste war. Die Sonne ging schon langsam unter und ich habe einen kleinen Abstecher am Fluss entlang gemacht und bin dabei an jeder Menge Kornfelder vorbei gekommen, die mit leuchtendroten Mohnblumen gesprenkelt waren. Einfach traumhaft, die roten Punkte in den sonnengelben Feldern.

Rad Zweimal in der Woche jogge ich auf dem örtlichen Trimm-Dich-Pfad. Die Übungen mache ich dabei nicht, aber dafür absolviere ich zwei Runden. 4452m insgesamt. Bergauf, bergab. Ach ja, und dabei lästere und quassele ich ausgiebig, was sicherlich als Zusatzübung gerechnet werden kann. Diesen Monat habe ich ein paar extra Runden im Wald gedreht (hauptsächlich, weil mein Laufpartner sich nach Italien verdrückt hat und mich hier bei 30°C Hitze hat sitzen lassen). Es geht doch nichts über einen frühen Start, wenn die Sonne gerade aufgeht und die Erde erwärmt, der Boden noch feucht ist und man die Sonnenstrahlen auf dem Rücken spüren kann.

Jogging

Jede Stufe verlängert das Leben um ein paar Sekunden. So, oder so ähnlich habe ich das mal irgendwo gelesen. Und ich mag Treppen. Ich nutze sie auch, wenn es einen Fahrstuhl gibt und ich nicht gerade in den fünfte Stock oder höher hinauf muss. Zum Glück haben wir in der Arbeit keinen Fahrstuhl. Mein Zuhause verfügt über vier Etagen (ist etwas verwinkelt). Das und die zwei Etagen in der Arbeit sorgen für jede Menge Bewegung. Lustigerweise ist die Anzahl der Stufen der einzelnen Treppenabsätze bei mir unterschiedlich: Acht, sieben und neun. Erst dachte ich, es liegt an dem Hexenhaus, in dem ich wohne und daran, dass die Decken alle unterschiedlich hoch sind (war bestimmt die Abschlussarbeit beim Architekturstudium), aber dann habe ich die Stufen in der Arbeit gezählt und ta da, die waren ebenfalls unterschiedlich. Es gibt vier Treppenabsätze mit elf-neun-elf-neun Stufen. Ich bin echt total verwirrt, warum das so ist (scheint wohl doch eine allgemeine Architektenmasche zu sein und nicht nur Anwärter betreffend). Insofern muss ich unbedingt bei nächster Gelegenheit mal woanders die Stufen zählen, selbst wenn es bedeutet, fünf Stockwerke oder höher zu erklimmen. Spart Energie und sorgt auch für einen knackigen Hintern.

treppauftreppab

Yoga wird allgemein natürlich mehr als Seelensport denn als work-out angesehen, aber mein Yogakurs zählt eher zur Gattung Power-Yoga. Puh, nach eineinviertel Stunden spüre ich jede Faser und jeden Muskel. Wenn ich im Anschluss in der Sauna sitze, würde ich mich am liebsten zu einer Kugel zusammenrollen und einfach liegen bleiben – so fertig bin ich. Ich habe auch schon andere, ruhigere Yogakurse gemacht, musste aber feststellen, dass mein Geist sich dabei nicht so richtig entspannen konnte. Also ist das die bessere Alternative für mich, obwohl ich gern mehr mentale Entspannung machen würde.

Yoga

Das sind so meinen normalen Körper- und Geistbewegungsaktivitäten. Leider hatte ich letzten Monat keine Gelegenheit, meiner Lieblingsseelenfitness Wandern nachzugehen. Die Luft, das Licht, die Stimmung, die Geräusche, die Sicht, die Gerüche – alles erscheint einem wie ein Wunder und ich fühle mich zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Wundervoll. Stattdessen bin ich zum Bouldern. Na, ist natürlich kein Vergleich, aber verlangt zumindest ein hohes Maß an Konzentration.

Bouldern

Ach ja, Schwimmen. Schwimmen stand auch auf der Karte. Also, ich habe es wirklich versucht. Ich bin sogar mit dem Fahrrad zum See gefahren. Aber das Wasser war so dermaßen kalt, dass ich es einfach nicht geschafft habe. Als Ausgleich hatte ich mir Ballett ausgesucht, aber dann fand ich die Vorstellung von einer alten Tante wie mir unter den jungen, biegsamen Dingern doch etwas befremdlich und bin statt dessen zum Zumba (lag aber evtl. auch daran, dass zufälligerweise ein entsprechender Flyer in meinem Briefkasten war). Gut, ich also hochmotiviert da hin. Schließlich gehöre ich zu der Aerobicgeneration und tanze auch gern – also, so für mich. Erster Eindruck: Lauter junge, biegsame Dinger. Zweiter Eindruck: Alte Tanten wie ich müssen nicht jeden Modetrend mitmachen. Und im Grunde ist Zumba nur Aerobic mit Popowackelmusik. Und da ich keinerlei südländisches Blut in meinen Adern habe, fehlt mir das sexy Hüftschwunggen.

swimmingZumba

Von daher bleibe ich bei meinen Leisten und quäle mich nicht mit Sachen, die zu Abzügen bei meiner Seelenfitness führen.

Da der Sommer gerade erst richtig in Fahrt kommt, kann eine Powerkarte nicht schaden würde ich sagen. Ja, die ist für mich: Karte Nr. 15: “Machen Sie etwas selbst: Stellen Sie etwas mit eigenen Händen her, das Sie sonst gekauft hätten – eine Glückwunschkarte oder einen Pareo. Und seien Sie hinterher stolz auf Ihr Werk!“ In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

 

Eure Kerstin