Geschmacksfragen

Alle sechs bis acht Wochen tauchen die Gesellschafter und ich ein in andere Welten. Nämlich immer dann, wenn sich unsere Buchgesellschaft trifft. Dann versuchen wir uns als literarisches Quartett und gleichzeitig schlemmen wir (meist stilecht zur Lektüre) ausgiebig. Wobei der literarische Anteil oftmals zu Gunsten der schnöden Realität und den Gaumengenüssen vernachlässigt wird.

Meist liegt das gar nicht so sehr an uns als vielmehr am Lesestoff, den es zu verdauen galt. Also sind wir, vielmehr ich, da ich eine Vorauswahl treffe, doch irgendwie schuldig, denn schließlich suchen wir uns das seitenstarke Unglück ja selbst aus.

Im Moment liegt die „Erfolgsquote“, also Werke, die wir alle gut fanden, bei noch nicht einmal 22%. Selbst der aktuelle Regierungspartner im Bundestag hatte da bei der letzten Wahl mehr vorzuweisen und man sieht ja, was dabei herauskommt, wenn man mit Minderheiten versucht, ein Land beziehungsweise 80 Millionen Meinungen unter einen Hut zu bringen. Klappt noch nicht mal im kleinen Viererkreis unserer Buchgesellschaft und das, obwohl wir uns alle mögen. Doch damit genug in der kleinen politischen Ecke aufgehalten.

Sicherlich spielt beim Lesen der Geschmack die größte Rolle und der ist nun mal bei jedem sehr individuell. Umso erstaunlicher ist es daher, dass die als Klassiker gehandelten Bücher von uns durchweg als lesenswert und gut bewertet wurden. Ich finde das durchaus bemerkenswert, weil ja gerade diesem Genre ein gewisser Ruf von Schwere und Staub und Langeweile anhaftet. Gleichzeitig aber manifestiert sich damit zu Recht der Begriff Klassiker. Bei den modernen Werken waren wir uns nie einig und die meisten sind auf der Geschmacksskala durchgefallen. Wir waren jedes Mal regelrecht froh, dass es so viele Leckereien und andere Gesprächsthemen gab.

Klassiker

Lange Rede, kurzer Sinn: In Zukunft kommen nur noch Klassiker auf die Leseliste. Und wir fangen gleich damit an. „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams steht auf dem Plan und da freue ich mich schon so richtig drauf. Und natürlich ganz besonders auf die Gaumengenüsse. Ist eben alles eine Geschmacksfrage.

Kerstin und die Buchgesellschafter

Tag 5: Wehe, wenn sie los gelassen

Tag 5Der Erfinder des 30-Tage-Schreiben-Projektes wusste schon, warum er/sie für diese Frage gleich eine ganze Seite eingeplant hat. Also, hier im Netz kann man das ja nicht sehen, aber für jede Frage hat man in etwa eine halbe DIN A4 Seite, um etwas zu schreiben. Für Tag 5 gleich eine Ganze. Das ist doch bezeichnend, oder? Liegt das jetzt daran, dass es ein deutsches Format ist? Wir sind ja als Weltmeister für alles mögliche bekannt. Oder daran, dass Menschen im Allgemeinen sich immer und überall und vor allem immer mehr über Dinge aufregen? Meine Kollegin kam da neulich mit einem wirklich witzigen Spruch. So, von wegen: ‚Bevor ich mich aufrege,…’ Und nun muss ich mich gleich aufregen, weil mir dieser schon wieder entfallen ist. Und ich sie angeschrieben habe und nun schon eine Ewigkeit auf eine Antwort warte. Bestimmt fünf Minuten. Oder so. Geht gar nicht in der heutigen Zeit der ständigen Erreichbarkeit. Ich weiß schon, da steckt bestimmt irgendwas dahinter.

Gut, also, beim Thema Aufregen fallen wir wirklich mehr als genug Sachen ein: Müll sortieren und jeden Samstag entsorgen, jeden Samstag einkaufen, jeden Samstag sauber machen. Das sind alles so sinnlose Tätigkeiten, denn schon einen Tag bzw. Tage später ist neuer Müll da, muss man wieder einkaufen gehen und dreckig ist es ja oft schon nach zehn Minuten wieder. Getränke aus dem Keller holen – nervtötend, weil die Limo, die man für sich selbst geholt hat, plötzlich weg ist. Also, der Inhalt. Der jugendliche Mitbewohner ist – logisch – sich keiner Schuld bewusst. Getränke holen scheint derzeit auch kein Schulfach mit Notendruck zu sein. Zur Not tut es auch der Wasserhahn. Schön, wenn man so gechillt durchs Leben schlurfen kann.

Ich gebe zu, das alles sind Dinge, die erledigt werden müssen und irgendwie dazu gehören. Anders geht es nun mal nicht. Außer man hat Personal. Tja, da scheint meine Lebensplanung versagt zu haben. Und sich aufregen hat sowas Verbindendes.

Aber gut, es gibt ja noch so viele andere Punkte, über die ich mich aufregen kann: Geräte, die mit Garantieablauf kaputt gehen oder bei denen die Reparatur teurer als ein Neukauf ist. Werbepausen – außer ich muss mal ganz dringend wohin, was mich dann erst recht aufregt. Beginnende Blasenschwäche. Tena –here I come. Und wo wir schon beim Thema Mensch und körperlicher Verfall sind: Schnarcher auf Hütten gehen gar nicht. Pickel auch nicht. In meinem Alter. Wo kommen wir denn dahin. Das ist schließlich ein Privileg der Jugend. Apropos Jugend…

Nein, damit fange ich gar nicht erst an, sonst sitze ich morgen früh noch hier. Wobei. Um 7 Uhr läuten die Kirchenglocken. Pünktlich. Jeden Tag. Mit Ausnahme von Karsamstag. Das macht die Kirchjugend ab 5 Uhr Lärm. Also, wer den Brauch erfunden hat. Na, ich will mal lieber nicht laut sagen, was dem alles angehört getan werden sollte.

Wie man sieht, ist es ein Leichtes, überall ein Haar in der Suppe zu finden. Wehe, wenn sie los gelassen. Lustigerweise hat just Literaturfrey, einer meiner Blogverwandten, das sehr treffend formuliert: „Es fällt mir nicht schwer, unzufrieden zu sein.“ Genau. Wie gesagt, das ist ein Leichtes. Schwer hingegen ist es in der Tat, sich nicht aufzuregen. Vieles ist es nicht wert. Manches kann man nicht ändern.

Doch am schwersten ist es, sich nicht über sich selbst aufzuregen: Wenn ich mal wieder nicht zur rechten Zeit, die passenden Worte parat hatte. Wenn ich mal wieder etwas des lieben Friedens willen gegen meinen eigentlichen Willen tue. Wenn ich mich mal wieder nicht aufrege, wenn Dinge über meinen Kopf hinweg entschieden werden und ich mich dann einfach füge, anstatt mal meine Meinung kundzutun. Wenn ich mich mal wieder darüber aufrege, dass ich einem Konflikt aus dem Wege gegangen bin.

Und statt dessen, dass wir den schweren, unbequemen Pfad nehmen, wählen wir lieber den leichten und regen uns auf. Geschieht mir ganz recht würde ich sagen.

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

P.S.: Und wenn die Kollegin Montag ins Büro kommt, dann kann die aber was erleben.

P.P.S.: Glück gehabt, meine Liebe: Gerade kam die Antwort: „Bevor ich mich das nächste Mal aufrege, ist es mir erst einmal egal.“ Super Spruch. Den muss ich mir nun aber wirklich merken.

Meinungen – im Dutzend billiger

Karte Nr. 26: „Zeigen Sie (mehr) Haltung: Sagen Sie nicht nur, DASS, sondern auch WARUM Sie etwas gut finde. Dazu gehört etwa, bei Facebook nicht nur ‚Gefällt mir’ zu klicken, sondern außerdem einen Kommentar zu formulieren. Das regt das Denken an.“

Diese Monatsaufgabe habe ich den Blogs, denen ich auf WordPress folge gewidmet. Und das nicht nur, weil ich kein Facebookkonto besitze.

Hier meine Statistik: Meinungsstatistik

21 x gefällt

24 x kommentiert

7 x Antworten, die ich auf Kommentare erhalten habe, erneut kommentiert

3 x Teilnahme an Umfragen

4 x Antworten, die ich auf Kommentare erhalten habe, mit “gefällt mir” kommentiert

 

Falls sich hier jemand wundert, warum ich öfter kommentiert als „Gefällt mir“ geklickt habe: Die anderen Artikel waren nicht minder gut und haben mir auch gefallen, deswegen ja der Kommentar. Aber das Thema war einfach nicht dafür gemacht, um es mit „Gefällt mir“ zu quittieren und ich finde, man drückt einfach nicht „Gefällt mir“, wenn es um Trauma und/oder Tod geht. Egal, wie gut es verfasst ist. Meine Haltung und Meinung dazu.

Und nein, es war nicht schwer. Nicht im geringsten. Probleme, meine Meinung zu begründen, wenn mir etwas gefällt, kenne ich so gesehen nicht. In der Tat habe ich meine Meinung dutzendfach kund getan. Nahezu fünf Dutzend mal. Billiger wurde es nicht, aber ein kleines bisschen leichter wurde es mit jedem Kommentar schon. Vielleicht schließe ich die Lücke später noch. Mal sehen.

Ganz anders sieht es da aus, wenn es um das Gegenteil geht und ich gern widersprechen würde. Da bin ich eindeutig zu oft zu „nett“ und scheine keinerlei Rückgrat zu besitzen. Das wäre insofern eher etwas, das mich weiter bringen würde.

So viel dazu. Karte Nr. 27. Die letzte Poswer-Karte: „Bringen Sie etwas zu Ende: Packen Sie eine Aufgabe an, die Sie schon lange vorschoben haben – vielleicht das Sortieren Ihres Beauty-Arsenals. Das Gefühl, etwas endlich erledigt zu haben, tut unendlich gut.“ Na, dann verhelfen wir mal dem Leben zu mehr Schönheit. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

 

Eure Kerstin

P.S.: Vielen Dank an meine Mit-Blogger für die vielen inspirierenden und „gefälligen“ (das ist mal ein schönes Wort) Beiträge.

Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin