Spurensuche – Vierklang

Geerdet.

Mit beiden Füßen auf festem Grund.

Unsichtbare Wurzeln.

Die Hände als Stütze und Hilfsmittel.

Im Fall werden wir zurück geworfen.

In der Evolution, der eigenen und der der Menschheit.

Die vier als Symbol für alles Irdische.

Die eigenen vier Wände.

Schutzwall. Trutzburg. Zentrum. Heilige Hallen.

Jeder in seiner Box.

Begrenzt. Eingeengt. Verschlossen. Eingeschlossen.

In der Ecke stehen.

Mit dem Kopf durch die Wand.

Trennung von Herz und Verstand.

Die Schnittmenge.

Ecken und Kanten.

Irdisch oder himmlich.

Vierklang.

Das neue Reisen, 6. Etappe: Der Baum in meinem Zimmer

img_0365Es muss wohl kurz Bodenfrost geherrscht haben, obwohl der Kalender Hochsommer anzeigt, denn anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich dem Pflänzling Unterschlupf gewährte. Ein Ahorn, ausgerechnet, der doch, trotz seiner flachen Wurzeln, eigentlich ein Schutzbaum ist. Denkbar wäre es natürlich auch, dass er mir wie eine verlorene Seele vorkam und ich deswegen nicht anders konnte.

Jedenfalls ist der Baum nun in der Wohnung und erkundet das ihm unbekannte Habitat, was auch bedeutet, dass sich quer durch die Wohnung seine Spuren verfolgen lassen. Alle Wände weisen inzwischen die Abdrücke von Zweigen und Ästen auf. „Weißt Du, wenn man irgendwo zu Gast ist, dann sollte man sich auch so verhalten“, rufe ich durchs Treppenhaus. „Wir bekommen Besuch?“, ruft der Ahorn und stolpert hastig und freudig die Treppen hinunter, wild mit den Ästen wedelnd and die Erde seiner schier endlosen Wurzeln überall verteilend. Aufgeregt raschelt sein Geäst. „Also, eigentlich meinte ich Dich damit“, ich schaue zu ihm auf, er ist wohl schon wieder gewachsen. „Ich bin doch kein Gast“, entrüstet er sich, „ich gehöre zur Familie.“ Ja, irgendwie schon, denke ich.

Als wir abends zu Bett gehen, sitzt der Ahorn schon mitten zwischen Kissen und Decken. „Liest Du mir noch eine Geschichte vor? Ich langweile mich doch nachts immer so, wenn Du schläfst.“ „Ist gut, aber nichts, was auch nur im Entferntesten spannend sein könnte“, räume ich ein, „Sonst verbrauchst Du wieder allen Sauerstoff und kannst nicht stillstehen.“

Doch dann wache ich mitten in der Nacht mit Atemnot auf. Kein einziges Quäntchen Sauerstoff scheint mehr vorhanden. Der Baum steht in der Ecke und macht Entspannungsübungen. Seine Zweige füllen das ganze Zimmer aus. Seine Krone biegt sich an der Decke entlang. „Es tut mir leid“, murmelt er, „aber ich grübele noch immer über den Sinn des Lebens nach.“ „Ist schon gut“, antworte ich, denn nur zu gut kenne ich das Gefühl, fremd zu sein. Fremd in der Welt, fremd im eigenen Ich. „Ich hole Dir jetzt erst mal was zu trinken, bevor Du am Ende noch Deine Blätter verlierst.“

Und dann gehen wir beide nach draußen, schleichen uns an den Geistern der Dunkelheit vorbei, legen uns in die Wiese und zählen die Sterne. Einatmen. Ausatmen. Und mit jedem Atemzug lassen wir unsere Träume zum Himmelszelt aufsteigen. Ein Komet kreuzt die Milchstraße und zieht seinen Schweif wie ein Netz, in dem sich alle Gedanken verfangen, hinterher.