Gedanken eines Knopfes

„Sie haben sich falsch zugeknöpft“, ruft mir die Verkäuferin quer durch den Laden zu. Ein Blick an mir herunter bestätigt ihre Aussage. Meine Jacke hängt schepps und schräg an mir herunter. Irgendwie passend. Und absolut stellvertretend, was meine geistige Zurechnungsfähigkeit betrifft.

Falsch zugeknöpft – schief gewickelt, kommt mir in den Sinn. ‚Dafür wurde der Reißverschluss erfunden‘, höre ich die Gedanken der Verkäuferin. Für Leute wie mich, die beim Knöpfen scheinbar immer in der Mitte anfangen, statt oben oder unten, denn damit könnten solche Fehlstellungen ja auch vermieden werden.

Ansichtssache

Wenn ich dann so an meine Zukunft denke, stelle ich recht schnell fest, dass sich meine Wünsche dahingehend doch wenig mit meiner objektiven Einschätzung decken. Heißt das nun, meine Wünsche sind so unrealistisch? Oder bin ich so pessimistisch? Vielleicht bin ich auch nicht so mutig wie ich mir einbilde zu sein. Finde zu viele Argumente, warum etwas nicht funktioniert. Lasse mich treiben anstatt selbst die Kontrolle zu übernehmen. Vertraue auf die Zeit, die ich noch habe, alle Wünsche, wenn nicht schon zu erfüllen, so doch wenigstens anzupacken, dabei immer allzu gern die Tatsache verdrängend, dass die Zeit verrinnt – unbeeindruckt von meinen Wünschen.

Haben mich meine Eltern und alle anderen lebenswegbeeinflussende Persönlichkeiten schief gewickelt? Auf einen Weg gebracht, der schepps und schräg ist? Unmöglich, ihn zu gehen? Oder bin ich es, der einfach nicht in der Lage ist, die Löcher und ihre Gegenstücke in der richtigen Reihenfolge zusammen zu bringen?

„Das passiert mir immer“, entgegne ich kleinlaut, denn etwas Besseres fällt mir nicht ein. Und stimmen tut es auch. Meistens. Irgendwo steckt ein festgezurrter Knoten, der mich auf meiner Lebenslinie nicht weiter vorankommen lässt. Ich will mich aber nicht einwickeln lassen, eingeschnürt, bewegungsunfähig und keine Luft zum Atmen. Und schon gar nicht will ich, dass an mir herum gerissen wird, mich wie die Zähne im Reißverschluss festbeißen, eingepfercht werden und keinen Platz zum Rangieren haben.

Ich bin eben wie ein Knopf. Eine Insel im Ozean der Möglichleiten. Um mich der Wind, der durch die Löcher und Zwischenräume fegt und meine Träume beflügelt. Und das mit der Jacke lasse ich jetzt so. Haken dran.

 

Eure Kerstin

Loslassen und Neuanfang

Die Zeit vor Weihnachten und dem Jahreswechsel war für mich ziemlich intensiv. Und das Leben ist mir bisweilen recht schwer gefallen wie in meinen Sechszehntagetagebuch zu lesen war. Danke auch nochmals an meine Leser für die Hilfestellung und schönen Worte. Ja, rückblickend kann ich sagen, ich war in einem echt miesen Loch. Der Zufall und das Glück wollten es, dass mir in der Zeit ein echter Schatz im Buchladen in die Hände gefallen ist, der wie gerufen kam, um mal in mich zu gehen und in meiner Seele aufzuräumen. Die Hexen unter uns ahnen es vielleicht, es geht um die Rauhnächte und die damit verbundenen Rituale und Bräuche.

Wie ein Schwamm habe ich alles aufgesaugt und mich durch die Rauhnächte treiben lassen, wobei ich ständig das Gefühl hatte zu träumen. Losgelöst von der Realität, eingebettet in mein eigenes Universum, schien die Zeit, wenn nicht still zu stehen, so doch nicht von dieser Welt zu sein. Zwischen den Jahren habe ich die Tage bewusst erlebt und alles auf mich wirken und einströmen lassen. Die Magie entfaltete sich dabei immer wieder aufs Neue.

eisblumen

Wer mit den Rauhnächten nicht so vertraut ist, hier eine Kurzfassung: In frühen Zeiten wurde der Kalender nach dem Mondjahr berechnet, welches 354 Tage hat. Heutzutage leben wir nach dem Sonnenjahr und der Kalender weist 365 Tage auf, also 11 Tage beziehungsweise 12 Nächte mehr. Diese Zeit bezeichnet man als „zwischen den Jahren“, in denen die Zeit anders ist, sich die Tore zur Anderswelt öffnen und dabei allerlei Wesen die Erde bevölkern. Auch wird jeder Rauhnacht ein Monat des folgenden Jahres zugeordnet und je nachdem wie sich dieser Tag gestaltet, so wird sich auch die Stimmung im jeweiligen Monat sein. Jede Rauhnacht entspricht dem Jahreszeitenverlauf und hat ein anderes Motto. Daneben gibt es jede Menge alte Weisheiten, die auch heute noch sehr spannend sein können.

So habe ich zum Beispiel vom 24. Dezember bis 6. Januar keine Wäsche gewaschen. Nun türmen sich die Berge und der jugendliche Mitbewohner beschwert sich lautstark, dass er nichts mehr zum Anziehen hat.

Sehr befreiend war es, Ordnung zu schaffen und Rechnungen (auch emotionale) zu begleichen. Es fühlt sich gut an, den Liebsten um mich zu sagen, wie sehr ich sie liebe, alle Briefe zu beantworten und einen langen, offenen, ehrlichen Brief an jemanden zu verfassen, der mir fehlt. Ganz ohne Erwartungen, sondern um einfach mal zu sagen, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Ich habe sozusagen auf meine innere Stimme gehört, Zweifel mal außen vor gelassen und den Augenblick genossen. Mir Dinge gegönnt und dem Glück die Tür geöffnet, damit ich es unter dem Mistelzweig küssen und mich verführen lassen kann. Alle Begegnungen waren wertvolle Anker im Jahreswechsel. Eine Zeit für Gespräche und Gefühle.

Die Elemente habe ich in der Zeit intensiv wahr genommen und die Natur gespürt. Sonne, Wärme, Wind, Schnee, Sturm, Kälte, Nebel, Licht und Dunkelheit.

schattensonnenaufganglicht

Zu guter Letzt, denn was wären die Rauhnächte ohne das magisch Übersinnliche, habe ich kräftig orakelt, geräuchert, Feuer gemacht und mir die Finger verbrannt. So sehr, dass ich ob der vielen „Zufälle“ schon fast mehr als bloße Ehrfurcht entwickelt habe. Meine Wünsche für das kommende Jahr habe ich an die guten Geister und ihre Helfer übergeben und um den hier kümmere ich mich selbst. Sehr mystisch, weil genau mein Ding.

orakel

Nun heißt es loslassen und den Neuanfang wagen. Auf ein gutes Jahr.

 Eure Kerstin