„Lesen stärkt die Seele“ (Voltaire)

…, so möchte man meinen. Und da ich mich, wie schon in „Die rosarote Brille“ und „Sieben auf einen Streich“ erwähnt, seit einiger Zeit einer Überarbeitung der hauseigenen Bibliothek widme, sind im Laufe der vorangegangenen Wochen/Monate so einige Bücher dem Hunger der Leseratte und des Bücherwurms zum Opfer gefallen. Und da ich mit dem Annehmen und Verarbeiten der Krise so meine Schwierigkeiten habe, sind wir drei getreu dem Motto viel hilft viel vorgegangen und haben den zweiten Gang eingelegt. Außerdem ist da ja noch der schöne Satz von Voltaire und als Hommage an all die Gefährten, die nun hoffentlich ein neues Zuhause finden, und zur Stärkung der Seele, hier die Passagen und Sätze, welche ich mir als Erinnerung an die ebenso schöne wie unschöne Zeit behalte:

“I love tunnels. They’re the symbol of hope: sometime it will be bright again. If by chance, it is not night.”
“Humans can’t bear silence. It would mean that they would bear themselves.”
“Then there was a silence he had never experienced before: in it, you could hear the years.” (Night train to Lisbon – Pascal Mercier)

“‘But still […]. No matter how often he bangs his head, no matter how many times he falls over, he goes on walking backwards.’ […] What his uncle doesn’t understand is that in walking backwards, his back to the world, his back to God, he is not grieving. He is objecting. Because when everything cherished by you in life has been taken away, what else is there to do but object?” (The high mountains of Portugal – Yann Martel)

’Let’s start at the beginning […] You phoned me. That is where the discussion started, is it not?’ ‘I disagree. It all started when an image of you intruded itself into my mind much earlier this morning. […] I knew you wanted to talk to me about something, but what it was I couldn’t begin to guess. So I replied to your summons by phoning your number […]’ ‘Ahh,’ said Sinha. ‘Now I understand. So neither of us knows what I want to talk with you about. That does make this conversation rather difficult.’” (The Feng Shui detective – Nury Vittachi)

“This is how it began. I had nowhere I had to be, and he had nowhere he had to be. We had money in our pockets and time on our hands. It was that easy.”
„Another slice from the pie of time I now wish I could put back and do over. Do over, the way little children play games by their own set of rules – rules that include do-over, the second chance. […], and then one day someone says, ‘No, no do-overs,’ and in its place is the void: If only.”
“Sometimes, to do something stupid […] is a far better thing to do than to do nothing at all. […] we should’ve have done something, even something stupid, something that chanced ruining our lives, because to do something stupid, something reckless, something honest, is to be brave, but Henry and I, if we were nothing else, we were cowards, and that was the end of that.” (The scenic route – Binnie Kirshenbaum)

„At the first stoplight I ask the cabbie, ‘What do you think of love?’ […] ‘You know, people think cabdrivers are oracles, that we speak the truth in moments of crisis. We’re not. We drive cabs.’ […] ‘What were you reading before I got in?’ ‘Tolstoy.’ […] ‘I’ve got the one cabbie in all of Baltimore reading dead Russians and refusing to be an oracle.’ ‘Okay, okay,’ he says. ‘Ask me again.’ […] ‘What do you think of love?’ ‘It’s rare.’ ‘What else?’ ‘That’s enough, isn’t it?’ (The future for curious people – Gregory Sherl)

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Sieben auf einen Streich – „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

Made with Repix (http://repix.it)

Die Ironie meiner Leidenschaft für John Irving als einem meiner Lieblingsautoren liegt darin begründet, dass ich seinen Roman „Witwe für ein Jahr“ von meiner ehemals großen Liebe erhalten hatte, nachdem meine Mutter gestorben war. Wobei wir irgendwie wieder bei Paul Auster und den Zufällen des Lebens wären.

Das Buch war also ein Geschenk, höchstwahrscheinlich hauptsächlich wegen des Titels. Um mich zu trösten, oder aufzumuntern, wer weiß das schon nach all der Zeit. Der Geschenkegeber war im Bereich Literatur nicht sonderlich wählerisch. Ganz sicher aber ist es der Beginn meines Faibles für die großartigen Werke von John Irving. Immer Familiensaga und Beziehungsgeschichten, die die Jahrzehnte überspannen, gespickt mit Gewalt, Sex, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen (Tabu)-Themen der jeweiligen Zeit. Amerikanische Arbeitergesellschaft ebenso wie Mittelschicht, gnadenlos und hin und wieder abgrundtief. Immer zwischen Tragik und Komik. Und auch bei ihm gibt es den Hang zum Absurden, welcher den Geschichten das gewisse Etwas verleiht.

„Witwe für ein Jahr“ ist, was den Titel betrifft, etwas irreführend, denn Witwe wird die Heldin erst sehr spät im Verlauf der Geschichte. Es geht eigentlich mehr um ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihren Eltern und letzten Endes um ihr gestörtes Verhältnis zu Männern. Ruth, sozusagen das Ersatzkind für ihre beiden verstorbenen Brüder, die sie nie kennengelernt hat, wird als Kleinkind von ihrer Mutter Marion verlassen, während ihr Vater Ted keinerlei Rücksicht und Vorsicht bei seinen Affären gegenüber seiner Umwelt walten lässt. Mittendrin Eddie, der für mich eigentlich fast schon die eigentliche Hauptperson und Spielball im Familiendrama.

„‘She threw rocks at you?’ Marion asked Eddie. ‘There were little stones – most of them hit the car’, Eddie admitted. ‘She made you carry her?’ Marion asked. ‘She was barefoot,’ Eddie explained again. […] ‘And you left your shirt? Why?’ ‘It was ruined – it was just a T-shirt.’ As for Ted, his conversation with Eddie was a little different. […] ‘She locked herself out of the house, because of you,’ Eddie told him. […] ‘I had to break into her house […] I had to carry her through the broken glass,’ Eddie complained. ‘I lost my shirt.’ ‘Who cares about your shirt?’ Ted shouted.

Ruth und Eddie sind gleichzeitig verfolgt und bestimmt von ihrer Vergangenheit, die so gesehen auf den gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen mit Marion und Ted beruhen.

„‘[…] let’s say you do it with some other old lady, some old dame in her seventies or eighties. I mean, what are you thinking? Are you really looking at her and feeling attracted? […]’ ‘I try to see the whole woman […] I can picture her when she was much younger […] I try to see her whole life in her. There’s something moving about someone’s whole life.’”

Und genau das ist es auch, was mich an den Büchern von John Irving so magisch anzieht, das Leben in seiner Gesamtheit entfaltet sich vor einem und man erlebt und durchlebt die Zeit mit. Vom Anfang bis zum Ende.

Also dann, bis morgen.

Sieben auf einen Streich – „Momo“ von Michael Ende

Made with Repix (http://repix.it)

Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, musste jeder sein Lieblingsbuch vorstellen und meine Klassenkameradin Maren hatte damals „Momo“ von Michael Ende dabei. Maren war keine meiner Freundinnen und irgendwie anders: Sie hatte leicht rote Haare, unzählige Sommersprossen in einem runden Mondgesicht und eine verkrüppelte Hand, eigentliche eher einen verkrüppelten kleinen Finger, der nur aus einem Glied bestand. Es erschreckt mich, dass ich nicht mehr sagen kann, an welcher Hand und auch, dass ich bis heute keine Ahnung habe, ob die Missbildung Folge eines Unfalls oder angeboren war.

Jedenfalls, irgendwie passte das Buch. Es war ebenfalls anders. Anders als alle Bücher, die ich bis dahin kannte und anders als alle anderen Buchvorstellungen. Zumindest kann ich heute weder das von mir präsentierte Buch noch eines meiner anderen Mitschüler noch nennen. Aber „Momo“ blieb. Es war eines der ersten Bücher, welches ich förmlich verschlungen habe. Und in der Folge war kein Werk von Michael Ende vor mir sicher. So gesehen, war dies der Grundstein meiner Leseliebe für phantastische Literatur.

Ja, meine Leidenschaft für den Autor ging sogar so weit, dass ich ihn zum Thema meiner Abiturfacharbeit, für die ich ein „gut“ erhielt und die dann im Schillerarchiv in Marbach archiviert wurde, gemacht habe. Den Briefwechsel zwischen Michael Ende und mir von damals besitze ich noch immer. Ebenso alle seine Veröffentlichungen.

Nun, „Momo“ dürfte so ungefähr jedem bekannt sein, weswegen ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichte. Aber es ist zutiefst erschreckend, wie aktuell das Thema ist: „Man hat eines Tages keine Lust mehr, irgend etwas zu tun. Nichts interessiert einen, man ödet sich. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder, sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. […] Man fühlt sich immer mißmutiger, immer leerer im Inneren, immer unzufriedener mit sich und der Welt. […] Man wird sich ganz gleichgültig und grau, die ganze Welt kommt einem fremd vor und einen nichts mehr an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung, man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern, man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemanden mehr lieb haben […] Man hastet mit leerem, grauen Gesicht umher…“

Ich frage mich, wie Michael Ende sich wohl geäußert hätte, wenn er sehen könnte, dass die Ausmaße noch viel gravierender sind als er diese vor bald fünfzig Jahren beschrieben hat. So gesehen, ist es beinahe eher ein Buch für Erwachsene, die Kinder von damals. Sicherlich hat niemand den Wunsch, in dieser von ihm dargestellten, kindlichen Idylle zu eben, zumindest im Ansatz aber den Wunsch nach einem frei bestimmten Leben, in dem das Wichtigste das Menschsein ist.  „Momo“ lässt Raum für Hoffnung, mein absoluter Favorit.

Ja, richtig gelesen: Und auch wenn Nominierungen normalerweise rückwärts vonstattengehen, so musste ich in dem Fall einfach mit Platz eins anfangen. Zum einen, da ich die Bücher in der Lesereihenfolge auflisten wollte und zum anderen, da sich für mich auf „Momo“ irgendwie alles aufbaut. Also dann, bis morgen.

Geschmacksfragen

Alle sechs bis acht Wochen tauchen die Gesellschafter und ich ein in andere Welten. Nämlich immer dann, wenn sich unsere Buchgesellschaft trifft. Dann versuchen wir uns als literarisches Quartett und gleichzeitig schlemmen wir (meist stilecht zur Lektüre) ausgiebig. Wobei der literarische Anteil oftmals zu Gunsten der schnöden Realität und den Gaumengenüssen vernachlässigt wird.

Meist liegt das gar nicht so sehr an uns als vielmehr am Lesestoff, den es zu verdauen galt. Also sind wir, vielmehr ich, da ich eine Vorauswahl treffe, doch irgendwie schuldig, denn schließlich suchen wir uns das seitenstarke Unglück ja selbst aus.

Im Moment liegt die „Erfolgsquote“, also Werke, die wir alle gut fanden, bei noch nicht einmal 22%. Selbst der aktuelle Regierungspartner im Bundestag hatte da bei der letzten Wahl mehr vorzuweisen und man sieht ja, was dabei herauskommt, wenn man mit Minderheiten versucht, ein Land beziehungsweise 80 Millionen Meinungen unter einen Hut zu bringen. Klappt noch nicht mal im kleinen Viererkreis unserer Buchgesellschaft und das, obwohl wir uns alle mögen. Doch damit genug in der kleinen politischen Ecke aufgehalten.

Sicherlich spielt beim Lesen der Geschmack die größte Rolle und der ist nun mal bei jedem sehr individuell. Umso erstaunlicher ist es daher, dass die als Klassiker gehandelten Bücher von uns durchweg als lesenswert und gut bewertet wurden. Ich finde das durchaus bemerkenswert, weil ja gerade diesem Genre ein gewisser Ruf von Schwere und Staub und Langeweile anhaftet. Gleichzeitig aber manifestiert sich damit zu Recht der Begriff Klassiker. Bei den modernen Werken waren wir uns nie einig und die meisten sind auf der Geschmacksskala durchgefallen. Wir waren jedes Mal regelrecht froh, dass es so viele Leckereien und andere Gesprächsthemen gab.

Klassiker

Lange Rede, kurzer Sinn: In Zukunft kommen nur noch Klassiker auf die Leseliste. Und wir fangen gleich damit an. „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams steht auf dem Plan und da freue ich mich schon so richtig drauf. Und natürlich ganz besonders auf die Gaumengenüsse. Ist eben alles eine Geschmacksfrage.

Kerstin und die Buchgesellschafter

Die Buchgesellschaft

Liebe Leser,Die Buchgesellschaft an dieser Stelle einmal ein Beitrag in eigener Mission: Seit heute gibt es noch einen weiteren Blog von mir und weiteren Autoren. Wir haben eine Buchgesellschaft gegründet: „Die Buchgesellschaft. Lesen und Leben“. Wer also gern mitlesen möchte, hier die Web-Adresse: www.diebuchgesellschaft.wordpress.com Wir freuen uns auf Mit-Leser und Kommentatoren.   Kerstin und die Buchgesellschafter