Das neue Reisen, Etappe 2: Der Fremde in meiner Wohnung

LeseeckeSchon in dem Moment als ich die Tür aufschließe, weiß ich, dass er wieder da ist. Und so sicher wie das Amen in der Kirche, sitzt der Tod am Küchentisch und liest seelenruhig die Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, die meine Nachbarin mir immer in den Briefkasten steckt.

„War es Dir mal wieder zu laut, zu voll und zu viel Chaos bei Dir?“, frage ich ihn. Er blickt auf und nickt. „Gut, aber bring nicht wieder die ganzen unglücklichen Seelen mit hierher. Die letzten verstecken sich immer noch in den Lampen und lassen sich nicht zum Gehen bewegen. Wenn Du alles bei mir ablädst, dann herrschen hier bald ebensolche Zustände wie bei Dir und Du weißt, das mag ich nicht. Es gibt Regeln und Ordnung.“ „Ok“, kommt es kleinlaut hinter der Zeitung hervor.

Und so vergehen die Tage. Der Tod streift des Nachts umher und geht seinen Geschäften nach, während ich versuche, dem Fremden und seinem Treiben keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.

„Hast Du Sorgen?“, fragt er mich. „Du siehst müde aus.“ „Eins sage ich Dir, wenn Du mir mit einer Deiner Ideen kommst…“, zische ich ihn an. „Ich wollte nur nett sein. Weißt Du, ich koche heute mal“, schlägt der Tod vor. Und so wird auch das zur Routine. Der Tod steht am Herd. Dann räumt er auf.

Und schon bald gibt es kein Entrinnen mehr vor seinem Putz- und Ordnungswahn. „Nimm einen Untersetzer“, sobald ich mich mit der Tasse Tee in der Hand nach einem Platz umsehe. „Das gibt sonst Flecken“, ruft er noch hinterher. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleiche, um seiner Pedanterie zu entgehen. Ja, bisweilen lasse ich sogar bewusst Sachen liegen, trage Dreck herein. Alles erscheint mir fremd und als ob dies nicht meine Wohnung wäre, fühle ich mich plötzlich als Eindringling.

„Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.“ Der Tod umhüllt sich mit Dunkelheit. „Du kannst nicht einfach alles an Dich reißen und meine Ordnung neu ordnen. Mein Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr sicher hier.“

In den folgenden Tagen sehe ich ihn nur selten, doch irgendetwas verändert sich. Ich spüre es, kann es aber nicht fassen. Irgendetwas anderes, neues Fremdes nistet sich ein. Zur Rede gestellt, meint er nur, er würde seine Sachen regeln.

Und dann passiert es: Eines Abends sitze ich auf der Couch und plötzlich schaut die Stehlampe mich an und blendet mir ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick ist der Spuk vorbei und ich denke, dass ich mir das vielleicht eingebildet habe. Doch als ich später aus dem Badezimmer komme, kauert der Tod zitternd unter meinem Bett. „Die Seelen“, flüstert er. Ich beuge mich zu ihn hinunter. „Sie haben einen Weg gefunden.“ Noch immer verstehe ich nicht. Und dann erzählt er, dass er beim Aufräumen wohl etwas unvorsichtig war und nun die Lichter an immer neuen Stellen und unvorhergesehen auftauchen, sich wie Irrlichter durch das Mobiliar fressen. Mal hinter dem Kühlschrank, wenn man ihn öffnet. Dann flammen im Bücherregal Blitze auf und unter der Kommode flackert es. Das Schlüsselloch leuchtet, wenn die Außenbeleuchtung angeht. „Lass uns doch einfach die Lampen alle aus der Wohnung bringen“, schlage ich vor. „Wir haben Kerzen und der Kamin gibt auch Licht.“

Seine Augen funkeln. Er hat verstanden. Der Tod nimmt mich in seine Arme, die Zeit bleibt stehen und die Unendlichkeit beginnt.

 

P.S.: Vielen Dank an die beste aller Freundinnen für die wundervolle Inspiration und an den einfachen Mann, der mich tagtäglich herausfordert, Grenzen in Wege zu verwandeln.

auf halber Strecke – Episode 9

PendelzugNeulich auf halber Strecke, ergattere ich im allmorgendlichen Trubel, Gedränge und Geschubse einen Sitzplatz. Wobei das an meiner Haltestelle noch nicht das Problem ist, sondern erst zwei Bahnhöfe weiter. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, so Ende Zwanzig Anfang Dreißig wäre meine Schätzung. Der Platz neben ihm, am Fenster, wird von seiner Tasche in Anspruch genommen. So etwas finde ich ja immer recht dreist, um nicht zu sagen, mehr als unverschämt. Leute, die ihren Taschen, Rucksäcken und anderen Gepäckstücken einen Sitzplatz reservieren und sozusagen, ihr Revier abstecken. Das erinnert mich dann immer auch an die Strandurlaube und die Liegestuhlmafia, welche kurz nach Sonnenaufgang mit Handtüchern bewaffnet, den Platz in der ersten Reihe markiert und diesen dann erst zum Mittagschlaf auch körperlich belegt. Nun ja, in der Bahn werden die territorialen Besitzansprüche meist doch zügiger, wenn auch widerwillig, an Mitreisende abgetreten.

Gesagt, getan. Schon an der nächsten Station rutscht der junge Mann auf den Fensterplatz und bietet einer jungen Dame im etwa gleichen Alter den von ihm galanterweise vorgewärmten Platz an. Oh, wie zuvorkommend, denke ich. Also, bis auf den vorgewärmten Platz. Doch dann fangen die beiden ein Gespräch an. Ah, die kennen sich. Kollegen wohl. Und dann streichelt er ihre Hände, die gefaltet über der Tasche auf ihrem Schoß liegen. Oh, die kennen sich nicht nur, sondern gehören zusammen. Ein Paar. Wie niedlich. Die beiden fahren gemeinsam zur Arbeit und verabreden sich in der Bahn.

Ihre Hände verharren weiterhin hin bewegungslos in ihrer Position, während er weiterhin an ihren Fingern herum nestelt. Dann reden beide über einen geplanten Wochenendausflug und diskutieren, wer wann wie frei nimmt und wie lange. Irgendwann nimmt er seine Hand weg.

Zusammen steigen wir alle drei aus. Also, ich hinter den beiden, die eine so nüchterne und abgeklärte Beziehung zu führen scheinen. Sie laufen vor mir her, den Bahnsteig entlang. Ein Mann und eine Frau gehen nebeneinander. Niemand würde vermuten, dass diese zwei wirklich ein Paar sind. Keine Hand sucht die andere, kein Anzeichen von Nähe, von Wärme, von Intimität. Nein, so will ich nicht enden.

Das Leben geht weiter

Das schwarze Kleid hängt anklagend auf dem Kleiderbügel. Ein Kauf, der nicht dem Leben, sondern dem Tod geschuldet ist. Der Mann an meiner Seite rät mir zu hellen Strümpfen, schließlich sei ich nicht die Witwe. Wenn ich die Witwe wäre, dann würde ich schwarze Netzstrümpfe und einen Hut mit passendem Schleier tragen, ist meine Antwort. Nein, ich bin nicht die Witwe, meine Rolle ist die der Respektzollenden. Vor 35 gemeinsamen Jahren und 62 Lebensjahren. Von allem reichlich, aber bei weitem nicht genug.

Die Kirche ist voll, nicht alle finden Platz. Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Bekannte und all jene Schaulustige, welche die trauernde Witwe sehen wollen, das Unglück der anderen als eigenen Triumph auskosten und denen der Schmerz auf eine niederträchtige Weise Freude bereitet. Ich ziehe meinen Begleiter in die letzte Reihe und versuche, die Fluchtgedanken zu unterdrücken. Alles fühlt sich irgendwie falsch an.

Made with Repix (http://repix.it)

Ich für mich möchte bitte, wenn es denn irgendwann so weit sein sollte, einfach im Wald verscharrt werden. Dieses ganze Spektakel will ich nicht und eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es hilft. Niemandem. Abschied nehmen hat für mich eine andere Form. Das ist ein Moment, der nur zwischen zwei Menschen stattfindet und nicht dieser Bühne bedarf.

Die Trauerrednerin spricht davon, dass der Verstorbene der Mittelpunkt der Familie war, der Fixstern, derjenige, der alle zusammengehalten hat. Nein, meine liebe Freundin, dieser Part ist eindeutig Deiner. Ohne Dich wäre diese Familie nicht das, was sie ist. Du bist der Stern, der leuchtet. Dein Mann mag der Fixpunkt gewesen sein, aber Du hast das Universum erhellt.

Umso herzzerreißender ist es nun, mit ansehen zu müssen, in welcher Dunkelheit Du lebst, wobei dieses Leben nicht viel mehr ein Sein ist. Jeder Tag eine Qual, jede Minute eine weitere, in der Du so ganz allmählich und vollumfänglich die Tragweite erahnst und was Verlust wirklich bedeutet.

Derjenige, der geht, muss einfach nur sterben. Alle, die zurückbleiben, müssen damit leben.

Das Leben geht weiter. Ohne Rücksicht.

 

Vier plus eins – eine Fortsetzung

Der eine oder andere, der meine Reihe „Bilder eines Sommers“ verfolgt hat, ist eventuell über die vier Elemente gestolpert und hat sich dann gefragt, was wohl mit dem fünften Element ist. Ich nehme mal an, jeder kennt den gleichnamigen Film.

Und irgendwie kam es auch mir so vor, als ob da noch das gewisse Extra fehlen würde. Ein Abschluss, etwas Wesentliches. Und irgendwie sind Bilder ohne Worte doch auch nicht ganz mein Ding. Also habe ich mir mal ein paar Gedanken gemacht.

Die Lehre der vier Elemente besagt, dass alles Sein aus einem Mischverhältnis zwischen Erde, Wasser, Luft und Feuer besteht. Es gibt Darstellungen mit Pfeilen, in Kreisform, sie werden Göttern und Geistern zugeordnet und nicht zuletzt den Aggregatszuständen. Während der Anfänge, die den Philosophen gebühren, gab es immer wieder andere Theorien, welches denn der Urstoff sei. Auf der Suche danach kamen die Philosophen auf den Äther und bezeichneten ihn als Quintessenz. Oder anders rum. Da komme ich an meine Grenzen, was die Philosophie betrifft und in Naturwissenschaften bin ich eh bereits beim kleinen Einmaleins ausgestiegen.

Quintessenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „fünftes Seiendes“ und ist so etwas wie eine ewige Substanz, die jenseits der irdischen Elemente existiert. Zeitlos und unveränderlich. Ein schöner Gedanken in einer Welt, die sich gefühlt im Sekundentakt neu erfindet und wandelt. Da kommt einem dann auch ganz von allein wieder der schon angesprochene Film und die Liebe als fünftes Element in den Sinn. Diese möchte man ja gern auch als etwas Außerirdisches, von immerwährender Dauer wissen. Und das, wissen wir alle, ist eine Wunschvorstellung.

Wenn es nun fünf Elemente sind, dann wird sich nie ein Gleichgewicht einstellen. Im Gegensteil, man ist ständig mit dem Ausbalancieren der Gewichte beschäftigt. Was eigentlich auch ganz gut so ist. Auf diese Weise ist man auch gezwungen, sich immer mal wieder seiner Grenzen bewusst zu werden, sich zu erden, nicht abzuheben, gegen den Strom zu schwimmen und gleichzeitig sich nicht verheizen zu lassen. Und so ganz nebenbei entdeckt man das Wesentliche, das fünfte Element.

Element

Wie heißt es in dem Roman „Mechanik des Herzens“ von Mathias Malzieu so schön: „Jedesmal gibt es diesen absurden und gleichzeitig wunderschönen Moment, in dem ich an das Unmögliche glaube.“

 

Eure Kerstin

Manche Menschen wissen nicht…

Manche Menschen wissen nicht, wie viel sie anderen bedeuten. Zu diesen gehört meine Tante, die gern mal sentimentalen Gefühlsduseleien recht nüchtern Einhalt gebietet. So geschehen, als ich ihr einmal sagte, dass ich sehr traurig wäre, wenn sie denn dereinst nicht mehr wäre. „Brauchst Du nicht, ich hatte ein schönes Leben“, waren ihre Worte. Gut, eventuell war ihre Antwort auch eine Reaktion auf meinen recht unsentimentalen Gefühlsausbruch, mit dem ich doch im Grunde nur sagen wollte, wie viel sie mir bedeutet.

Manche Menschen wissen nicht, dass sie einen Unterschied machen. Wie meine Tante, die trotz ihrer über achtzig Jahren sich um Bedürftige in Altenheimen, in der Dorfgemeinde und um Asylsuchende kümmert. Vor kurzem erst hatte sie einer Mutter mit Kind, der der Kindsvater mit Kindesentführung drohte und nachstellte, Unterschlupf gewährt und kurz darauf einem Asylbewerber, der unbedingt eine Wohnung brauchte. Wer von uns könnte diese Nächstenliebe, gepaart mit dem nötigen Vertrauen in den Anderen, den Fremden, für sich in Anspruch nehmen?

Manche Menschen wissen nicht, wie sehr sie Vorbild sind. Wie meine Tante, die ihr Leben so gestaltet, wie es sie glücklich macht. Mit Zielstrebigkeit und Neugierde arbeitet sie an der Verwirklichung Ihrer Wünsche. Egal ob auf der Karriereleiter oder als Hausherrin. Und erst recht bei ihren Reisen, die sie in die ganze Welt geführt haben. Sogar der jugendliche Mitbewohner konnte sich der Hochachtung nicht entziehen, als ich auf seine Frage, warum sie sich in Usbekistan Mosaike anschaue, entgegnete: „Tja, wenn man schon alles gesehen hat, dass schaut man sich eben so etwas an.“

Und manche Menschen wissen nicht, wie sie die unmittelbare Sorge um andere ertragen sollen, wenn ihnen deren Leid bewusst wird. Zu denen, die sich sofort und allumfassend um alles und jeden sorgen und dann gedanklich in einer Tretmühle stecken, gehöre ich. Doch was ich eigentlich sagen will, ist: „Liebe Tante, komm schnell wieder auf die Beine und werde gesund. Ich liebe Dich. Deine Nichte.“

Tante

Familienzuwachs

Nein, kein Hund, keine Katze und auch sonst kein Haustier. Und schon gar nicht schwanger. Und trotzdem ein Familienzuwachs. Und das kam so:
Der Mann an meiner Seite ist nicht mehr der Jüngste. Was passt, den das bin ich ja auch nicht. Mit einem knappen Jahrhundert und mehr auf dem Buckel haben Mann und Frau eine gewisse Vorgeschichte, wenn sich beide erst in diesem Lebensabschnitt begegnen. Alles andere wäre irgendwie ziemlich anormal und definitiv kein Fall für mich.

Die Vorgeschichte hat in unser beider Fällen für Nachwuchs gesorgt. Doch im Gegensatz zu meinem jugendlichen Mitbewohner, ist dieser auf der männlichen Seite schon länger flügge und steht mittlerweile auf eigenen Beinen. Und zwar schon so sehr, dass inzwischen sogar eigener Nachwuchs da ist. Inklusive Ehe möchte ich hinzufügen, denn in Bayern herrschen mancherorts mitunter noch Anstand und Sitte. Was den Mann an meiner Seite zum Opa macht und ziemlich stolz. Also, das Enkelkind. Und der Rest wohl auch.

Der stolze Opa ist mehr ein Mann der Taten denn der Worte und als vor kurzem die Taufe des Enkelkindes anstand, wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und kurzerhand meine Familieneinführung vollzogen.

Da stand ich nun als „die Neue“ und „die aus der Stadt“ mitten drin. Vorstellungsrunde: Zuerst die (Ur)-großmutter, dann die Kinder, es sind nämlich zwei, nebst Ehepartner und Lebenspartner. Die Ex, die mir tatsächlich als „meine Ex“ vorgestellt wurde. Der Partner der Ex. Und die russische Sippe der Schwiegertochter: Mutter, Vater, zwei Schwestern inklusive Ehemännern und diverser Kinder. Eine Sippe, wie gesagt.

Wie jemand aus dem tiefsten Bayern mit einer russischen Einwandererfamilie in Kontakt kommt, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Interessant ist dabei eigentlich, dass der Opa und Schwiegervater nach über einem Jahr noch immer nicht die Namen aller Angehörigen weiß. Aber gut, wer die Ex als „meine Ex“ vorstellt, tut sich vielleicht mit Namen generell schwer.

Aber wie gesagt, er ist auch mehr ein Mann der Taten und hat mir quasi schon „angedroht“, dass er mit mir Nägel mit Köpfen machen wird. Was mich, verständlicherweise, ziemlich nervös macht. Und das in meinem Alter! Tja, so kann es gehen, auf einen Schlag wäre ich dann also neben meinem derzeitigen Status als Mutter noch Ehefrau, Schwiegertochter, Stiefmutter, Schwiegermutter und Oma. Und obendrein mit der russischen Mafia verwandt. Wobei, das muss erst noch bestätigt werden.

Ach ja, Kind Nummer zwei heiratet im Sommer und da muss „die Neue“, also ich, dann auch wieder mit. Diesmal kommt die Sippe aus der Gegend und ist ganz standesgemäß Bauer. Herrlich, so ein Familienzuwachs. Ein Haustier wäre da unter Umständen einfacher gewesen. Auch was das Merken des Namens angeht. Aber eben lange nicht so schön.

 

Eure Kerstin

Von Weißkitteln und anderen Dingen, die nicht von dieser Welt sind

Es wirken mit:Mystik

  • Nackte und nüchterne Tatsachen
  • Die Freundin und die Liebe
  • Eine Banane und ein Bounty
  • Weißkittel und andere überlebensgroße Gestalten

Unlängst durfte ich vier Tage im Krankenhaus zubringen. Also, nicht auf einmal, sondern schön verteilt auf kleine Häppchen. Das hatte mehrere Vorteile: Ich konnte jeweils nicht lange nachdenken, sondern wurde direkt und unmittelbar mit allem konfrontiert. Und ich habe nahezu zwei Bücher in dieser Zeit gelesen. „Der raffinierte Mr. Scratch“ (444 Seiten) und „Die Bücherdiebin“ (586 Seiten). Von daher weiß Ich nun, dass es einen Unterschied zwischen dem Tod und dem Teufel gibt und dass beide sehr, sehr menschlich sind und ein großes Herz haben. Vielleicht nicht die beste Lektüre, wenn man sich an Orten rumtreibt, an denen Dinge sich mitunter zwischen Leben und Tod bewegen. Andererseits wäre das selbst für mich doch ein bisschen zu mystisch gewesen.

Bis zu jenen schicksalhaften vier Tagen, war ich in bisherigen meinem Leben nur dreimal in Folge von Verletzungen im Krankenhaus und einmal zur eigenen Geburt und der des Nachwuchses. An das das erste Mal erinnere ich mich nicht mehr. Da muss ich so vier oder fünf gewesen sein und mein schon damals ausgeprägter Sturkopf schloss unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Türstock, der als Sieger hervorging und mir eine Platzwunde bescherte, die genäht wurde. Tja, ob es daran lag, dass ich mich gern erinnern oder die Sturheit meines Schädels zu einem späteren Zeitpunkt nochmals testen wollte, kann ich nicht so genau sagen, aber jedenfalls wurde das Experiment in ähnlicher Konstellation wiederholt. Doch leider zog mein Kopf auch beim zweiten Mal den Kürzeren, so dass ich heute zwei Narben als Trophäen auf der Stirn trage. Beim dritten Mal durfte ich mir eine Tetanusspritze in den Allerwertesten jagen lassen, die dafür sorgte, dass ich mein aufgeschürftes Knie völlig vergaß, weil ich so damit beschäftigt war, eine schmerzfreie Sitzposition zu finden, die erträglich war.

Und nun also das: Vier Aufenthalte in zehn Tagen. Als sich bei Nummer drei der erste Schock über die Tatsache, dass ich neben meiner ersten OP auch noch gleich die Premiere einer Vollnarkose erleben beziehungsweise verschlafen darf, gelegt hatte, fragte ich mich insgeheim schon, ob ich dafür den „richtigen“ Tag ausgesucht hatte. Schließlich war es der Todestag meiner Mutter. Aber das wäre dann selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Auf dem Monitor kann ich meinen Herzschlag sehen, der wie ein aufgeschreckter Schmetterling wild in meiner Brust flattern und den ich verzweifelt mit sanften Bildern und Atemübungen versuche, zu beruhigen. Selbst die Schwester blickt ein paar Mal sorgenvoll in meine schreckgeweihteten Augen. Der diensthabende Anästhesist versichert mir, dass sie „ein ganz tolles Schlafmittel“ haben und sie „gut auf mich aufpassen“ werden. Wenn man mit einem rasenden Puls und völlig nackt und seit fast zwanzig Stunden nüchtern, also fast am Verhungern, auf einem Gitterbett liegt und mit zig Dioden und Schläuchen verkabelt ist, wirkt das nicht gerade vertrauenserweckend. Der Schmetterling in meiner Brust sorgt dafür, dass ich das Rauschen meines Blutes bis in die Haarwurzeln fühlen kann. Und dann sehe ich mich auf einer Bank vor meiner Hütte in den Bergen Hand in Hand mit dem Mann an meiner Seite sitzen, während die letzten Sonnenstrahlen durch das Tal vor uns ziehen. Und dann ruft jemand unsanft meinen Namen. Und noch mal. Tja, so brutal kann die Wirklichkeit sein und so schnell sind zwei Stunden vorbei. Der beste Schlaf, den ich seit Ewigkeiten hatte. Alles andere wäre selbst für mich etwas zu mystisch gewesen.

Noch etwas wacklig auf den Beinen, vor allem aber leicht benebelt im Kopf, holt mich meine Freundin später ab. Keine drei Stunden nach dem Eingriff. Ein Segen und zugleich Fluch der modernen Medizin: Ambulant versorgt und zuhause auskurieren. Für mich heißt das auch, die Mutterrolle in gewohnter Weise ausfüllen. Doch später dann, als es ganz still um mich herum ist, sitze ich auf der Küchenbank, genieße ich die Banane, die mir meine Freundin fürsorglich eingepackt hat und das Bounty, welches ich mir immer bei besonderen Bergtouren und dann als Gipfelbelohnung gönne. Ein bisschen Mystik tut manchmal eben ganz gut.

Eure Kerstin

 

P.S.: Das Buch „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ kann ich nur jedem empfehlen. Auch ohne Krankenhaus. Die beiden im Text genannten Lektüren natürlich auch.

 

 

Loslassen und Neuanfang

Die Zeit vor Weihnachten und dem Jahreswechsel war für mich ziemlich intensiv. Und das Leben ist mir bisweilen recht schwer gefallen wie in meinen Sechszehntagetagebuch zu lesen war. Danke auch nochmals an meine Leser für die Hilfestellung und schönen Worte. Ja, rückblickend kann ich sagen, ich war in einem echt miesen Loch. Der Zufall und das Glück wollten es, dass mir in der Zeit ein echter Schatz im Buchladen in die Hände gefallen ist, der wie gerufen kam, um mal in mich zu gehen und in meiner Seele aufzuräumen. Die Hexen unter uns ahnen es vielleicht, es geht um die Rauhnächte und die damit verbundenen Rituale und Bräuche.

Wie ein Schwamm habe ich alles aufgesaugt und mich durch die Rauhnächte treiben lassen, wobei ich ständig das Gefühl hatte zu träumen. Losgelöst von der Realität, eingebettet in mein eigenes Universum, schien die Zeit, wenn nicht still zu stehen, so doch nicht von dieser Welt zu sein. Zwischen den Jahren habe ich die Tage bewusst erlebt und alles auf mich wirken und einströmen lassen. Die Magie entfaltete sich dabei immer wieder aufs Neue.

eisblumen

Wer mit den Rauhnächten nicht so vertraut ist, hier eine Kurzfassung: In frühen Zeiten wurde der Kalender nach dem Mondjahr berechnet, welches 354 Tage hat. Heutzutage leben wir nach dem Sonnenjahr und der Kalender weist 365 Tage auf, also 11 Tage beziehungsweise 12 Nächte mehr. Diese Zeit bezeichnet man als „zwischen den Jahren“, in denen die Zeit anders ist, sich die Tore zur Anderswelt öffnen und dabei allerlei Wesen die Erde bevölkern. Auch wird jeder Rauhnacht ein Monat des folgenden Jahres zugeordnet und je nachdem wie sich dieser Tag gestaltet, so wird sich auch die Stimmung im jeweiligen Monat sein. Jede Rauhnacht entspricht dem Jahreszeitenverlauf und hat ein anderes Motto. Daneben gibt es jede Menge alte Weisheiten, die auch heute noch sehr spannend sein können.

So habe ich zum Beispiel vom 24. Dezember bis 6. Januar keine Wäsche gewaschen. Nun türmen sich die Berge und der jugendliche Mitbewohner beschwert sich lautstark, dass er nichts mehr zum Anziehen hat.

Sehr befreiend war es, Ordnung zu schaffen und Rechnungen (auch emotionale) zu begleichen. Es fühlt sich gut an, den Liebsten um mich zu sagen, wie sehr ich sie liebe, alle Briefe zu beantworten und einen langen, offenen, ehrlichen Brief an jemanden zu verfassen, der mir fehlt. Ganz ohne Erwartungen, sondern um einfach mal zu sagen, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Ich habe sozusagen auf meine innere Stimme gehört, Zweifel mal außen vor gelassen und den Augenblick genossen. Mir Dinge gegönnt und dem Glück die Tür geöffnet, damit ich es unter dem Mistelzweig küssen und mich verführen lassen kann. Alle Begegnungen waren wertvolle Anker im Jahreswechsel. Eine Zeit für Gespräche und Gefühle.

Die Elemente habe ich in der Zeit intensiv wahr genommen und die Natur gespürt. Sonne, Wärme, Wind, Schnee, Sturm, Kälte, Nebel, Licht und Dunkelheit.

schattensonnenaufganglicht

Zu guter Letzt, denn was wären die Rauhnächte ohne das magisch Übersinnliche, habe ich kräftig orakelt, geräuchert, Feuer gemacht und mir die Finger verbrannt. So sehr, dass ich ob der vielen „Zufälle“ schon fast mehr als bloße Ehrfurcht entwickelt habe. Meine Wünsche für das kommende Jahr habe ich an die guten Geister und ihre Helfer übergeben und um den hier kümmere ich mich selbst. Sehr mystisch, weil genau mein Ding.

orakel

Nun heißt es loslassen und den Neuanfang wagen. Auf ein gutes Jahr.

 Eure Kerstin

Schatten der Vergangenheit

Ob es an den depressiv stimmenden Herbsttagen liegt, die den Winter einläuten oder an einer kosmischen Überschneidung verschiedener Ereignisse, kann ich im Moment noch nicht klar ausmachen, aber die Schatten der Vergangenheit holen mich derzeit mal wieder ein. Und das in ziemlich rasantem Tempo.

Angefangen hatte alles irgendwie mit dem Erzeuger des jugendlichen Mitbewohners, dem ich neulich am Telefon nahegelegt habe, es wäre doch ganz schön, wenn er zumindest hin und wieder auch mal meine Meinung einholen würde. An sich ein recht bescheidener Wunsch, aber mein Hirn hat daraufhin anscheinend die Schublade ehemaliger Liebhaber nicht richtig zugemacht, denn seitdem geistern diese durch mein Leben.

Amor und Psyche

Ich plaudere jetzt mal ein bisschen aus dem sehr persönlichen Beziehungsnähkästchen. Vor recht langer Zeit hatten ein Kollege und ich neben der beruflichen eine, wenn auch kurze, private Beziehung. Das ist jetzt eigentlich nichts Ungewöhnliches, schließlich finden ein Drittel der zwischenmenschlichen Beziehungen ihren Anfang während der Arbeitszeit. Oder eben auf einer der berüchtigten Weihnachtsfeiern.

Nun gehört mein Brötchengeber zu den Unternehmen, die in sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen die Zukunft sehen und so kam es, dass dem Status Ex-Lebensabschnittsgefährte nun auch der des zukünftigen Ex-Kollegen zu Teil wird. Da sind mir dann einige Dinge durch den Kopf gegangen, ihm anscheinend auch, denn prompt leuchtete am Tag nach Bekanntgabe auf meinem Display seine Telefonnummer.

Er: „Ich bin Opa geworden.“ Sie: „Aha. Schön.“ Er: „Wenn ich nächstes Jahr aufhöre, dann kann ich mit Dir wandern gehen.“ Sie (gedanklich): Hä?? Er: „Das hatte ich Dir ja damals versprochen.“ Sie (gedanklich): Echt? Wo war ich denn da? Er: „Du wolltest doch immer diesen Weg gehen.“ Sie: „Ja, Du weißt ja, wann Ferien sind.“ Also, jedenfalls war es ein ganz nettes Gespräch, auch wenn das jetzt hier nicht so aussieht, und wir haben neben ein paar Neuigkeiten auch die Handynummern ausgetauscht. Ja, ich weiß. Sagt nix!

Prompt kamen dann später auch die Opa-Bilder. Leider hatte ich meinen Part der Abmachung, im Gegenzug Bergbilder zu schicken, vergessen. Wobei ich da noch ein Hühnchen mit meinem Unterbewusstsein zu rupfen habe, wie mir scheint, denn normalerweise leide ich unter einem Elefantengehirn, das alles abspeichert. Obwohl, das mit dem gemeinsamen Wandern ist mir ja auch entfallen. Am nächsten Tag in der Arbeit landete dann prompt ein dezenter Hinweis per Mail in meinem Postfach. So, und nun kann sich jeder ausmalen, dass der vergangen geglaubte Liebhaber sich gerade ziemlich breit macht in meinen Gedanken und ganz realen Leben.

Das, was mich jedoch am meisten beunruhigt ist, dass ich nun immerzu an den Film „Freunde mit gewissen Vorzügen“ denken muss. Nur, keiner meiner Schatten ist Justin Timberlake. Bei weitem nicht. Ok, ich bin auch nicht Mila Kunis, aber das Anziehendste an dem heutigen Opa ist seine Stimme. Die ist ziemlich sexy. Der Rest, na ja. Da gab es andere. In solchen Momenten verfluche ich das menschliche Erinnerungsvermögen und das Internet. Ganz ehrlich. Früher hätte man gegrübelt und vielleicht bei Freunden ganz vorsichtig mal nachgehorcht, aber heutzutage tippt man den Namen einfach in die Suchmaschine und schon landet das Antlitz des Ex auf dem Bildschirm. Ich weiß, selbst schuld.

Meine ganz große Liebe, der berühmte Deckel zum Topf, breitet heutzutage doch tatsächlich sein ganzes Leben für jeden sichtbar im sozialen Netzwerk aus. Schwanke gerade noch, ob das egozentrisch und exhibitionistisch veranlagtes Eingebildetsein oder einfach nur doof ist. Und wo sich das Karussell in meinem Kopf schon mal in Bewegung gesetzt hatte, ist mir da gleich noch eine andere verflossene Schattengestalt erschienen. Meine Jugendliebe glänzte beim letzten Klassentreffen mit Abwesenheit, von daher wurde das Netz um Auskunft gebeten. Ich war echt schockiert, also bin schockiert: Was man ja als blind verliebter Teenager nicht glauben möchte, aber irgendwann sieht der unwiderstehliche Jüngling, für den man all die pubertären Streitigkeiten vom Zaun gebrochen hat, seinem Vater (trifft wahrscheinlich auch im Falle von weiblichen Jugendlieben und ihren Müttern zu) verdammt ähnlich und dann ist man doch ziemlich froh, dass der Held vergangener Tage mit seinem Pferd weiter gezogen ist beziehungsweise man ihm die Sporen gegeben hat.

Stellt sich die Frage, was nun? Und wie werde ich die Schatten los? Mein Hirn scheint in Bezug auf die Vergangenheit da ähnlich einer defekten Schallplatte (die älteren meiner Leser werden sich erinnern) immer wieder an einer Stelle hängen zu bleiben. Vielleicht hat ja jemand einen guten Tipp, wie man die Endlosschleife abschalten kann.

Eure Kerstin