Fürs Leben lernen

Die Zukunft liegt in unseren Kindern, vielmehr lastet diese auf deren Schultern. Wer wie ich schulpflichtige Mitbewohner hat, wird damit von Jahr zu Jahr immer wieder konfrontiert. Spätestens wenn es heißt: Bücherausgabe. Dieses Jahr bin ich von der schieren Anzahl an Exemplaren dermaßen sprachlos, dass ich meine Gedanken dazu erst jetzt in Worte fassen kann.

Schulbücher

Beim Anblick des Bücherberges konnte ich dann einfach nicht umhin, diesen auf die Waage zu legen: 5,951 Kilogramm Wissen, so das Ergebnis. Elf Bücher für zehn Fächer, zwei gingen leer aus. Darauf komme ich später noch zurück. Das macht im Durchschnitt pro Tag 3570 Gramm. Wohlgemerkt Hefte, Übungshefte, Stifte usw. noch gar nicht mit eingerechnet.

Die allermeisten Handtaschen wiegen weniger. Selbst mein Rucksack, den ich für meine Bergwanderungen trage, ist nur unwesentlich schwerer, dafür aber auch mit wirklich überlebenswichtigen Utensilien wie Trinken, Essen, Karte und Kompass, Erste-Hilfe-Set und Biwaksack gefüllt. Und ich schleppe das nicht 186 Tage (Anzahl Schultage in Bayern im Schuljahr 2016/2017) pro Jahr.

Wie gut, dass Sport nur zwei Schulstunden pro Woche ausmacht. Schließlich ist das Pensum an Sport durch das Schultern des Schulranzens schon erfüllt. Und Glück gehabt, dass es ein Fach ohne Buch ist, welches (noch) mündlich vermittelt wird. Denn wenn selbst das Religionsbuch zu den dicksten im Pack zählt und schwerer als das für Biologie ist, dann stelle ich mir wahrhaftig die Frage nach der Wertigkeit und dem Sinn. Und das nicht nur, weil ich mit dem Fach an sich ein Problem habe. Anstelle digitaler Medien wird der Generation Internet diese Masse an Worten, Werten, Formeln und Regeln in Form von gedruckten Werken vorgesetzt, die teilweise nicht mal vermittelt oder gar angesprochen werden.

Im Jahr 2002 hat jeder Deutsche 230kg Papier „verbraucht“, um 1900 waren es noch zehn Kilogramm. Das betrifft natürlich alle Bereiche, vom Schreibpapier zum Butterbrotpapier bin hin zum Toilettenpapier. Aber so viel geschichtliches Wissen und neue Erkenntnisse können schlichtweg in dieser Zeit gar nicht hinzugekommen sein, als dass es diesen Anstieg beim Lernmaterial Buch rechtfertigen würde. Es erscheint mir wie ein Hohn, dass der Fortschritt unser aller Leben verändert und beeinflusst, aber wie vor 100 Jahren vermittelt wird.

Ach ja, Kunst ist neben Sport das einzige Fach ohne Buch. Aber das mag auch daran liegen, dass es wahrlich eine Kunst ist, unter dem Gewicht der eigenen Zukunft nicht zusammen zu brechen. 33 Schulstunden, 12 Fächer und ebenso viele Lehrkräfte, 26 Schulaufgaben (ohne Stegreifaufgaben, Referate und sonstiger Leistungsnachweise) machen deutlich, wie diese aussieht. Die Lektion Leben ist vom Stundenplan gestrichen, weil es nicht zwischen zwei Buchdeckel und in den Lehrplan unserer Leistungsgesellschaft passt.

Kein Wunder also, dass die Jugend so ist wie sie ist und sich einen feuchten Kehricht darum schert, was sich hinter dem eigenen, eingeschränkten Horizont befindet. Wir bringen ihr schließlich schon früh bei, dass Lernen eine Bürde ist und dass die Zukunft schwer auf einem lastet. Wem ich nur immer wieder vor Augen halte, dass er klein, unwissend und unfähig ist, der glaubt auch irgendwann nicht mehr daran, dass er die Welt verändern kann. Der Wille ist schon lange vorher gebrochen und die Freiheit findet dann in Videospielen statt.
Gerade erst habe ich den schönen Satz „the medium is the message“ gelesen und das beschreibt es doch ganz gut, wie ich finde.
 

 Eure Kerstin

Versuch und Irrtum

Karte Nr. 25: „Werden Sie durch Fehler stark: Sie haben vergessen, eine Mail zu beantworten oder morgens verschlafen? Suchen Sie keine Entschuldigungen und stehen Sie zu Ihrem Malheur. Daraus entsteht wahre Kraft.“

Ich bin schon fast ein halbes Jahrhundert alt. Das macht also schon fast ein halbes Jahrhundert Versuch und Irrtum. Schließlich bin ich ein Mensch. Und auch, wenn ich mich noch so sehr anstrenge in Richtung Perfektionismus, kämpfe ich auch immer mit meiner an mich gestellten Erwartungshaltung. Im Leben geht es eben um Fehler machen und aus diesen zu lernen.

Als Kind fasst man den heißen Herd an, man verbrennt sich die Finger und von an versucht man, sich von heißen Kochplatten fern zu halten. Als Jugendlicher küsst man den niedlichen Jungen, man wird verletzt und von da an versucht man, sich von den Blendern fern zu halten. Als Erwachsener kauft man ein Schnäppchen, man wird enttäuscht und von da an versucht man, sein Geld weise und sinnvoll zu investieren. So zumindest die Theorie.

Nein, ich bedauere die Fehler nicht, die ich gemacht habe. Ich bereue auch keine Entscheidung, die sich im Nachhinein als unklug heraus gestellt hat. Ich bin vielleicht hin und wieder traurig über die verbrannten Finger und das böse Erwachen, aber ich kann erkennen, wo und wann ich einen hitzebeständigeren Ofenhandschuh hätte anziehen sollen.

Eine gewisse Reife und Erfahrung hilft einem, mit dem einen oder anderen Malheur fertig zu werden. Ich versinke nicht im Boden, wenn ich den falschen Verteiler für eine E-Mail benutze oder ein vertrauliches Dokument unverschlüsselt losschicke. Ich kann reinen Gewissen behaupten, dass dies unvermeidbare Nebeneffekte eines Lebens auf der Überholspur oder im Hamsterrad oder wie auch immer man unser Leben heutzutage betiteln mag, sind. Vielleicht ist das ja der Lerneffekt. Man verfällt nicht mehr in Panik, weil man weiß, dass es aller Wahrscheinlichkeit, nicht der letzte Fehler sein wird, den man macht. Was mich im Hinblick auf meine Zukunft beunruhigt, ist eher die Angst, dass die Auswirkungen größer und verheerender sein könnten. Und vielleicht bin ich dann nicht mehr gefestigt genug, damit gelassen umzugehen. Denn des Vergnügen beim Versuch-und-Irrtum des Lebens liegt darin, dass niemand dabei verletzt wird.

Bleiben noch zwei Power Karten. Eine 50:50 Chance. Karte Nr. 26: „Zeigen Sie (mehr) Haltung: Sagen Sie nicht nur, DASS, sondern auch WARUM Sie etwas gut finde. Dazu gehört etwa, bei Facebook nicht nur ‚Gefällt mir’ zu klicken, sondern außerdem einen Kommentar zu formulieren. Das regt das Denken an.“ Hört sich gut an. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

P.S.: Ach ja, und nur der Ordnung halber: Ich würde ja gern mal verschlafen. Besser gesagt, ausschlafen. Aber wenn die Kirchenglocken pünktlich um sieben Uhr läuten, dann erübrigt sich der Versuch. Und das soll keine Entschuldigung sein.

Lesestunde

Karte Nr. 10: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es wirklich versucht. Also, das mit dem Wirtschaftsteil. Sonntags habe ich schon immer gern eine weltliche Zeitungsausgabe gekauft und mich dann von einem Leseort zum nächsten bewegt, abwechselnd Tee und Kaffee trinkend, Sektion für Sektion durcharbeitend, wobei ich den Reiseteil immer für den Schluss aufgehoben habe. Als Dessert sozusagen. Teile wie Finanzen, Auto, Immobilien und Wirtschaft wurden dabei recht grobflächig überflogen. Aber die Aufforderung, einem für mich recht trockenen und wenig interessanten Genre näher auf den Grund zu gehen und dabei auch noch etwas zu lernen, Vokabeln, sehr abschreckend, da es einen doch gleich an die Schulzeit und das Büffeln von eben solchen erinnert.

Hilft nichts, dachte ich mir, da musst Du jetzt durch. Der Sonntag kam und mit ihm die Sonntagszeitung. Im Wirtschaftsteil ging es um den Kinofilm „Wolf of Wall Street“. Tja, nicht direkt um den Film als vielmehr um die Nebenfigur des Steve Madden, der heute Schuhe entwirft und im Gefängnis war wegen der Aktiengeschäfte, um die es im Film geht. Oh, Schuhe, bei Thema werde ich immer hellhörig. Leider sind diese derzeit in Deutschland nur per Online-Versand zu haben. Oh, prima, muss ich nicht zum Shoppen nach USA reisen. Zum Glück gab es meine Größe nicht, sonst hätte ich neben dem Neuerwerb dieser wahnsinnig wichtigen Information auch noch ein paar schicke Schuhe dazu bekommen, denn Steve Madden designt sehr hübsche Treter.

Gut, der erste Versuch, der Aufgabe gerecht zu werden, war jetzt nicht so erfolgreich. Von daher habe ich die Aufgabe etwas großzügiger ausgelegt und mich auf den Part „Lesen Sie Ungewohntes“ fokussiert. Beim nächsten Einkauf habe ich die Zeitschriftenregale angesteuert. Man möchte meinen, bei der Auswahl, immerhin sind es bestimmt 10 laufende Meter, 4 Reihen hoch und 3 Reihen tief, sollte sich leicht etwas finden lassen, mit dem man sich bilden kann. Zielsicher habe ich das Handwerkerressort angepeilt. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass ich ja neben der Spracherweiterung vielleicht auch gleichzeitig mein Handwerkskönnen aufbessern könnte. Mit dem Einzug in mein neues Heim fällt ja doch irgendwie immer irgendwo irgendwas an, an dem man schrauben, hämmern, sägen usw. kann. Zum Beispiel würde ich ganz schrecklich gern einen handgemachten Tisch haben. So einer, der „lebt“. Selbstgemacht noch viel besser. Mein Vater hat früher immer die Ausgaben für den selber machenden Mann gekauft und da waren tolle Tipps und Tricks und Anleitungen drin. Tja, leider war nichts Derartiges zu finden, um mir mich in meinem Vorhaben Tisch zu unterstützen. Auch von den übrigen bunten Blättern konnte mich keines zum Kauf animieren.

Und so kam der nächste Sonntag und ein neuer Versuch, den von mir verschmähten Zeitungsabschnitten etwas Positives abzugewinnen. Und tatsächlich stand im Autoteil ein Artikel über die Icons im Fahrercockpit. Die kennen wir alle: Zapfsäule für „Bitte Tanken“, Kreis mit Ausrufezeichen für „Handbremse ist angezogen“ usw.. Erstaunlicherweise gibt es mittlerweile so viele von den kleinen Bildchen, dass die wenigsten Autofahrer wissen, was diese bedeuten. Hinzu kommt, dass die Hersteller oft unterschiedliche Zeichen für gleiche Anzeigen verwenden. Negativ ist auch, dass dieses ganze Wirrwarr an Informationen den Autofahrer mehr ablenkt als dass es zu Sicherheit und Komfort beiträgt. Für mich also ein Vorteil, denn in einem Kleinwagen, wie ich ihn mein eigen nenne, sind solch technische Spielereien von Haus aus auf Grund Budget- und Raumangebotsgrenzen nicht vorgesehen bzw. auf das Nötigste wie „Bitte Tanken“ und „Handbremse ist angezogen“ limitiert. Glück gehabt. Nicht schlecht fand ich allerdings das Icon der Kaffeetasse, welches dem Autofahrer anzeigt, dass er eine Pause machen soll. Das wiederum ist aber noch Zukunftsmusik und bis dahin sind Raststationen bestimmt durchweg auch als Drive-through angelegt oder das Auto kocht den Kaffee selbst, womit das mit dem Pause machen dann natürlich nicht mehr so richtig funktionieren würde.

Tja, so wirklich was dazu gelernt habe ich natürlich nicht, außer dass auch zähe Themen einen gewissen Reiz haben können. Ich bin dann noch an einem Interview mit dem Schauspiellehrer und Coach Bernard Hiller hängen geblieben, in dem er sagte: „….Wir leben in einer Welt, in der kein Platz mehr zu sein scheint, sich von reiner Leidenschaft verführen zu lassen…..Wir denken den ganzen Tag. Der Kopf aber ist unser größter Feind……Der Mensch ändert sich erst, wenn er die Komfortzone verlässt….“. Dies war letztendlich der Ausschlag, mich in diese Richtung etwas weiter zu bewegen und es entstand die Idee, Bücher zu lesen, deren Geschichten in einem mir unbekannten Land spielen und von einem Schriftsteller des jeweiligen Landes geschrieben sind. So was wie Heimatromane im weitesten Sinne. Nur eben etwas näher dran an der Realität, wenn möglich der gegenwärtigen. Nicht, dass ich bis dato keine Werke mit diesen Merkmalen gelesen hätte, aber wenn, dann geschah das eher, weil der Inhalt mich interessiert hat und nicht der Autor bzw. das Land, das die Grundlage der Lektüre bildete. Den Anfang machte Rumänien. Warum Rumänien? Na, irgendwo muss ich ja anfangen. Der Roman hieß „Der blinde Masseur“ von Catalin Dorian Florescu. Tolle Geschichte, kann ich nur empfehlen. Als nächstes habe ich mir Portugal vorgenommen. „Die natürliche Ordnung der Dinge“ von António Lobo Antunes. Mal sehen, was sonst noch so alles auf meiner Bücherwunschliste landet. Wenn jemand eine Empfehlung hat: Immer her damit.

Und zum Vokabellernen habe ich mir „Hilfe“ besorgt. Wer fast vergessene Wörter neu entdecken möchte, kann dies im Wortfriedhof beim Gescheuchten Igel tun.

Eure Kerstin

P.S.: Fast hätte ich es vergessen: Neue Karte ist eine Komfortkarte. „Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereiten Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen“. Na, das ist doch mal ein Wort zum Sonntagskuchen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Tatort Schuhschrank, Tag 18

Nach der ungemein erfolgreichen Aktion von gestern, ist heute im Anschluss gleich der Schuhschrank dran.

Tatort: Diele, Schuhschrank.18 Tag

Tatbestand: Schwarze Samtpumps mit Fellimitatschleifchen. Die Schuhe musste ich seinerzeit einfach haben, da diese so süß aussahen. Leider passen sie nicht so richtig und ich schluppe hinten ständig raus. Nachdem ich inzwischen bald mehr Geld in die Behebung dieses Makels (Einlagen, Klebepads, usw.) gesteckt habe, als die Schuhe ursprünglich gekostet haben, ist es an der Zeit, einzusehen, dass manchmal schöne Dinge eben einfach nur schön anzuschauen sind, aber im Alltag bisweilen völlig unbrauchbar.

Tatortsäuberung: Mal sehen, ob der Altkleidercontainer noch aufnahmefähig ist.

 

Tatort Garten, Tag 15 – Notfalleinsatz

Unerwarteter Notfalleinsatz beim Abdecken der Blumen und Sträucher.15

Tatort: Garten

Tatbestand: Aloe Vera. Erfroren, das arme Ding. Leider kamen jegliche lebensrettende und -erhaltende Maßnahmen zu spät.

Tatortsäuberung: Sehr schade. Habe vergessen, die Pflanze rechtzeitig winterfest zu machen. Wirklich sehr schade.

P.S.: Liebe I.: Wenn Du das hier lesen solltest: Auch wenn ich Dein Geschenk schmerzlich vernachlässigt habe, dürfte ich bitte, bitte einen neuen Ableger von Dir bekommen. Gelobe Besserung.

Toy Story – Spiel des Lebens

Leseecke„Was war Ihr Lieblingsspielzeug als Kind? Sehen Sie eine Verbindung zu Ihrem jetzigen Leben?“

Hier muss ich wirklich meine grauen Zellen aktivieren. Ist gefühlt schon eine (sehr) lange Zeit her, dass ich aus dem Kinderspielzeugalter raus bin. Wobei, Spielen ist ja im Grunde ein zeitloses Vergnügen und ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich voller Begeisterung Lego-Schlösser baue – vielleicht sogar mit noch mehr Enthusiasmus als so manches Kind. Mag eventuell auch daran liegen, dass Kinder heutzutage einfach ein Übermaß an Spielzeug zur Auswahl haben und sich so nie lange und ausgiebig mit nur einer Sache beschäftigen müssen. Bei mir war das noch etwas anders.

Meine Legosteine lagerten in einer dieser großen Waschmitteltonnen, die es damals gab und welche von meiner Mutter mit Folie beklebt wurde. Beim Suchen nach den passenden Steinen wurde diese dann hin und her gewälzt. Stundenlang musste meine Umwelt das schabende Geräusch der aneinanderstoßenden Plastikteile ertragen. Neben Legosteinen war ich ein großer Fan von Bauklötzen und in Kombination ließen sich gewaltige, wenn auch nicht architektonisch anspruchsvolle Gebilde erschaffen. Architekt oder etwas in der Richtung stand trotzdem nie auf der Wunschliste, wenngleich ich gern schöne Bauwerke aller Art betrachte und immer die Einrichtung anderer Leute unter die Lupe nehme. Dies könnte aber auch als Neugier durchgehen.

Ganz klar, da ich ein Mädchen bin, gehörten Puppen zur Standardausstattung. Die erste Puppe, die ich geschenkt bekam, war eine Babypuppe mit weichem Körper und Schmollmund. Brummi genannt, wie ich damals. Der Legende nach habe ich als Kleinkind gern ebenso geschmollt und daher meine Eltern dazu veranlasst, dieser Marotte mit einem Spiegelbild Abhilfe zu verschaffen. Hat funktioniert, würde ich sagen. Ich bin ein von Grund auf freundliches Wesen und kann Leute mit schlechter Laune schwer ertragen. Allerdings entdecke ich im Laufe der Jahre immer mehr Falten in meinem Gesicht, die mich stark an das grimmige Aussehen von Brummi erinnern. Hoffentlich eigne ich mir mit zunehmendem  Alter also nicht auch die andere Eigenschaft an und werde zum Griesgram. Des weiteren gehörten zwei dunkelhäutige Puppen zu meinem Hofstaat, was Anfang/Mitte der 70er Jahre mit Sicherheit recht ungewöhnlich war, was sicherlich an dem sozialen Gedankengut meiner Mutter lag. Ist  mir ja schon bei meiner Namensnachforschung aufgefallen. Heute kann ich von mir behaupten, dass ich anpassungsfähig und ein weltoffener Mensch bin. Ich liebe fremde Länder und Kulturen und lasse mich gern auf Menschen aller Couleur ein.

Ach ja, einen Monchichi hatte ich auch. Dass es die noch gibt, kann ich mir schwerlich vorstellen. Jedenfalls was das so eine Art Kreuzung zwischen Menschenbaby und Affe und/oder Bär. Lange Wimpern, blaue Augen und Sommersprossen, glaube ich. Einer der Daumen war zu einem Schnuller mutiert, den der Monchichi in den Mund nehmen konnte. Schlabberiger Körper mit kurzen Beinen und langen Armen, braunes Fell und auf dem Kopf ein kleiner Fellbüschel, der mit einer Schleife zum Zopf gebunden wurde. Das war die Mädchenversion. Jungs kamen ohne Schleife. Oha, wenn ich so darüber nachdenke, klingt das eher nach Dr. Frankenstein als nach kindlich gerechten Spielzeug. Wahrscheinlich daher meine Abneigung gegenüber Horrorfilmen.

Barbies, klar, hatte ich auch. Nach der Puppenphase. Genauer gesagt, eine sonnenstudiogebräunte, blonde Schönheit, eine mit langen, dunklen Haaren, eine Dunkelhäutige, ja auch hier wieder der Einfluss meiner Mutter, der ich kurzerhand die Haare schnitt, weil es einfach besser zu ihr passte, ein Kind und natürlich Ken. Sozusagen, Ken und seine drei Frauen. Wem das Kind gehörte und ob es Ken’s Tochter war, ist nicht so ganz klar gewesen. Ihn habe ich mal über Nacht auf der Heizung vergessen, danach waren seine Füße leicht verformt und von da an musste er ohne Schuhe leben, da diese ihm nicht mehr passten. Erklärt sicher mein etwas gestörtes Verhältnis zum männlichen Teil der Menschheit.

Lesen und Gesellschaftsspiele gehören zwar nicht so sehr in die Kategorie Spielzeug, zählen aber nach wie vor zu meinen liebsten Beschäftigungen und Vergnügungen. Bei Letzterem hatte mein Vater die Angewohnheit, mich grundsätzlich nicht gewinnen zu lassen, nur weil ich ein Kind war. Jeden Sieg, den ich errungen habe, war ein ehrlicher Sieg. Ich habe gekämpft und nicht aufgegeben. Eine wunderbare Lehre, die mir im Laufe meines Lebens viel Kraft und Willen verliehen hat.

Welches nun mein Lieblingsspielzeug war, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich erinnere mich allerdings sehr genau daran, dass ich immer gern auch mit Autos gespielt habe und mir  – zumindestens eine Zeit lang – nichts sehnlicher gewünscht habe als ein Go-Cart. Einer meiner Kindergartenfreunde hatte eines, während ich „nur“ ein Fahrrad besaß. Mann, wie war ich eifersüchtig und neidisch. Immer ist er damit wie irre über den Hof gesaust, hat Kurven gedreht und Vollbremsungen hingelegt. Offensichtlich was das selbst meiner feministisch angehauchten Mutter zu viel des Guten, denn dieser Wunsch blieb mir verwehrt. Dafür kann ich mich heutzutage für schicke und vor allem schnelle Autos begeistern. Vorausgesetzt, ich bin der Fahrer.

Wie gesagt, die Begeisterung für Dinge ändert sich mit der Zeit und ich bin vielmehr der Ansicht, dass es zu jeder Phase ein Spielzeug gibt, welches das Spielzeug ist. Was bleibt, ist die Erinnerung, Kind zu sein und sich in selbsterschaffenen, fantastischen Welten zu verlieren, die nur den eigenen Regeln folgen. Die beste Vorbereitung auf das Spiel des Lebens. Und dann liegt es an uns selbst, was wir daraus machen.

Eure Kerstin

Back to school

Leseecke“Wenn Du eine Pause von Deinem Leben nehmen und nochmals zur Schule gehen könntest, um ein Fach zu studieren, welches wäre das?“

Mit Bayern hat nun auch das letzte Bundesland wieder mit der Schule begonnen. Grund genug, sich nochmals an die eigene Schulzeit zu erinnern und sich der Frage stellen: Würde ich gern nochmals die Schulbank drücken? Als Schüler denkt man ja immer, dass es nichts Schlimmeres als die Schule gibt und wünscht sich bis zum Schluss, endlich erwachsen zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen und endlich nicht mehr lernen zu müssen. Während alle Erwachsenen einem immerzu predigen, dass man es nie mehr so schön haben wird, wie während der Schulzeit. Von meiner Warte aus kann ich beides bejahen. Als Schüler habe ich mich so durchgeschlagen. Immer irgendwo im Mittelfeld. Ohne große Opfer und ohne großen Druck. So war das damals. Der Aussage, dass die Schulzeit das Schönste sei, konnte ich trotzdem wenig abgewinnen. Ich wollte mein eigener Herr sein. Raus in die Welt. Das Leben spüren. Heute weiß ich, dass zumindestens eine große Portion Wahrheit dahinter steckt. Nie wieder war es so unbeschwert. Nie wieder war das Leben so einfach und frei von Zwängen. Nie wieder waren die Tage so lang und voller Ideen.

Wer meinen Blog hin und wieder aufmerksam verfolgt, erinnert sich vielleicht, dass ich seinerzeit nicht studiert habe. Auch nachdem viele nach Ausbildungsabschluss studiert haben, hat es mich nicht gereizt. Wie gesagt, ich wollte raus in die Welt. Frei sein. Später habe ich neben vielen Fortbildungskursen auch meinen Ausbilder im Selbststudium neben der Arbeit gemacht. Das war anfangs eine ziemliche Plackerei. Hatte ich doch schon fast vergessen, wie es ist, zu lernen. Inzwischen denke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit Lernen. Also nicht das tagtägliche Lernen. Mit neuen Gegebenheiten klar kommen. Technisch nicht den Anschluss zu verlieren. Immer wieder die eigene Sichtweise revidieren. Das alles ist sicherlich ein lebenslanger Lernprozess. Aber das Erlernen im Sinne von Studieren und Spezialisieren. Würde ich das machen wollen? Für Prüfungen lernen, um dann vielleicht festzustellen, dass ich genau dieses Thema nicht so ganz parat habe? Nervös vor der Klasse stehen und ein Referat halten? Meinen Stil von Professoren kritisieren lassen? Ellenlange Aufsätze schreiben? Mathematische Formeln pauken? Nun müsste die Antwort eigentlich „nein“ sein. Und doch: Ja, ich könnte mich für die Rückkehr zur Schulbank begeistern. Da ich nun aber doch nicht mehr so ganz zur typischen Schülerzielgruppe zähle, denke ich da eher an ein Studium. An einer dieser historischen Universitäten. Mit riesigen Hörsälen. Altem Gemäuer und dem Hauch von antikem Glanz. Als Studiengang würde ich etwas Schöngeistiges wählen. Den ganzen Tag reden und philosophieren. Jede Menge Literatur lesen. Gedankenschlösser bauen und die Welt analysieren. Morgens, also mittags eintrudeln. Ungeschminkt, im Schlabberlook. Die Tasche lässig über der Schulter. Ein Stift, ein Block. Im Hörsaal sitzen und mich berieseln lassen. Im Park sitzen und Bücher lesen. Im Café studieren. Ein Alt-Hippie, den man irgendwo vergessen hat. So was wäre ich. Ja, doch, dafür würde ich es durchaus in Erwägung ziehen, mein freies, selbstbestimmtes Leben aufzugeben. Sollte da draußen also jemand gern mein Studium unterstützen wollen, bitte einfach melden. Ich würde auch abends in einer Kneipe bedienen, um die Kasse ein bisschen aufzubessern.

Eure Kerstin