Das brennende Haus

Vor einem guten Jahrzehnt befand sich mein Lebensmittelpunkt nicht unweit des San-Andreas-Grabens und wer schon mal ein Erdbeben erlebt hat, weiß, dass neben dem komischen Gefühl auch eine leichte Verunsicherung zurück bleibt, ob es das nächste auch so glimpflich ausgehen wird. Wohlgemerkt ich rede hier von den wirklich kleinen Erdstößen, bei denen selbst die Kaffeetasse noch auf dem Tisch bleibt.

Nun, die Naturgewalt vor meiner Haustür hat mich damals trotz der einen oder anderen kaputten Kaffeetasse jedenfalls nicht weiter beunruhigt. Erst nach dem 11. September gab es dann tatsächlich die von der Regierung empfohlene Notfalltasche mit Wasser, Vorräten, Taschenlampe, Zelt usw. neben der Tür. So ändern sich die Zeiten. Hatte der Mensch früher Angst vor der Natur, so sind es nun die eigenen Mitmenschen und deren Gewalt, vor denen man sich fürchtet.

Das wurde ganz besonders deutlich, als die Bundesregierung in 2016 Empfehlungen für den Notfall aktualisiert herausgegeben hat. In unseren unruhigen Zeiten wurden sogleich allerlei Spekulationen und Szenarien diskutiert und verbreitet. Tja, was soll ich sagen, ich habe mich kurzzeitig anstecken lassen und zwei extra Kisten Wasser und einen Liter H-Milch gebunkert. Okay, das war echt ziemlich unsinnig, aber hat mich komischerweise beruhigt. Wie einfach man doch manipulierbar ist und es dann auch noch im Selbstversuch funktioniert.

Im Hinblick auf meine diversen Beiträge zu Verzicht und Ausmisten  kam neulich bei Tisch die Frage auf denselben, was ich wohl im „Notfall“ mitnehmen würde. Der Notfall dahingehend, dass ich meinen festen Wohnsitz und das geregelte Leben aufgebe. Und Mitnehmen im Sinne von Andenken, die mir so viel bedeuten, dass ich das extra Gewicht in Kauf nehme, ohne einen wirklichen Nutzen daraus zu ziehen. Mir sozusagen Halt geben und in manch trüber Stunde für Aufhellung sorgen. Theoretisch gesehen.

Die Qual der Wahl war und ist gar nicht so einfach. Im ersten Moment sagt man vielleicht: „Ich brauche nichts von all meinen Sachen.“ Und dann schweift der Blick über die Habseligkeiten und man rafft gedanklich schnell die Teile zusammen, welche einen festen Platz im Herzen beanspruchen. Schließlich fällt man ins Grübeln und dann beginnt das Abwägen zwischen sentimentaler Erinnerung und Ballast.

Was bleibt?
1.      Der Verlobungsring meiner Mutter, den ich geerbt habe.
2.      Der Ring, der ein Geschenk zur Geburt meines Sohnes war.
3.      Die goldene Kette mit der Hand Fatimas. Eigentlich geht es um den Anhänger, der während eines nahezu sündhaft teuren Urlaubs, den ich mir nach den Erbstreitigkeiten gegönnt habe, gekauft wurde. Die Kette hat eine andere Geschichte, passt aber auch und geht in die selbe Richtung.
4.      Ein Fotoalbum. Ich besitze da eines, in dem sind ganz viele verschiedene Bilder aus meinem Leben.
5.      Ein Buch. Deutsche Volksmärchen. Märchen kann man immer lesen und vorlesen, auch wenn es mehr eine kindliche Lektüre ist. Aber es steckt viel Wahrheit in den Geschichten und zur Not lässt ich der Band, der wirklich auch optisch sehr hübsch ist, als Tauschobjekt einsetzen – so wie bei Hans im Glück.

Eine sehr eigenwillige Liste. Ja, stimmt. Und bis auf die letzten beiden trägt sich alles an der Frau, also fällt nicht allzu sehr ins Gewicht. Nummer fünf war am schwierigsten, da die Entscheidung schwer war. Ob das nun an den unzähligen, wirklich guten Büchern in meinem Haus liegt, oder an meiner Leseleidenschaft lasse ich mal dahingestellt.

Ach, und sollte der Notfall nicht ganz so drastisch ausfallen und Raum für Luxus bieten, kämen noch folgende Gegenstände hinzu:
6.      Mein Kuscheltier aus Kindheitstagen. Ja, da steh ich zu.
7.      Das von meinen Sohn geflochtene Armband, welches mich auf diversen Wanderungen schon begleitet hat. Und bitte, ein Junge, der „Schmuck“ bastelt, das verdient eine extra Erwähnung und Würdigung.
8.      Meine Lieblingstasse mit Winnie Puh, die ich in Disneyland erstanden habe, denn der Bär und seine Freunde besitzen einen absolut hintergründigen Humor und die Geschichten zeigen, zu was die menschliche Phantasie fähig ist.
9.      Den Seidenschal mit dem traumhaften Muster, den meine Tante mir von einer ihrer Reisen mitgebracht hat.
10.   Die Coachtasche. Ein Geschenk zum Geburtstag, der gleichzeitig der Start in ein neues Leben war. Hey, und außerdem, irgendwie muss ich ja den ganzen Krempel transportieren.

So würde ich das jetzt mal stehen lassen. Ich denke, die Ägypter wären ganz zufrieden mit meiner Liste der Grabbeigaben. Ok, ist etwas weit hergeholt, aber vom Ansatz her stimmt die Überlegung. Was macht mich aus und unverwechselbar? Selbst der jugendliche Mitbewohner musste diese Frage unlängst im Kunstunterricht bildlich darstellen. Und auf seiner Liste beziehungsweise Zeichnung waren ein Turnschuh (also einer von diesen hippen Tretern, die mehr an einen Pantoffel erinnern), ein Schlüsselbund mit Fotoanhänger und ein Edding. Das weiß ich so genau, weil ich bei der Fertigstellung mit Hand anlegen musste. Genau, das Thema hatten wir schon mal (Ungenau gewünscht): Das Kind den Tränen nah, weil die Hausaufgabe zeitlich einfach nicht im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten zu schaffen war und die Erziehungsberechtigte ihren Erziehungsauftrag über Bord geworfen hat, und mal wieder die allerliebste Mutter gewesen ist. Wichtig ist ja eigentlich auch nur, dass selbst der Nachwuchs schon ganz klar Dinge beziffern kann, die seiner Persönlichkeit entsprechen und ihm viel bedeuten. Auch wenn sich das in dem Alter schnell ändert. Zum „Überleben“ taugt weder seine noch meine Aufzählung etwas.

Nachdem mir die H-Milch inzwischen zweimal versauert ist, bin ich wieder zur Normalität übergegangen und horte neben den üblichen Vorräten nichts. Man sieht, wir alle leben in wahrhaft paradiesischen Zeiten. Von Hamsterkäufen und Notfallkoffern weit entfernt. Und nachdem ich mir die persönliche Checkliste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe besorgt hatte, ist mir erst so richtig klargeworden, wie naiv und unsinnig meine bisherigen Bemühungen in diese Richtung waren. Im Übrigen unterscheidet sich die Ausgabe 2016 nicht wesentlich von der Version 2005 – auch irgendwie ein Zeichen.

Allerdings, mit dem dort propagierten Notfallpaket kann man nicht mal eben was auch immer aufgeben, sondern ist gezwungen, im brennenden Haus auszuharren und seine Katastrophenhabseligkeiten zu verteidigen. Gegen wen oder was auch immer. Für mich die denkbar schlechteste Alternative im Fall der Fälle. Dann doch lieber „nur“ ein paar Erinnerungsstücke, die im Rucksack Platz finden und schweren Zeiten Zuversicht vermitteln. Ich denke, dahingehend unterscheide ich mich nicht von anderen Menschen, egal aus welcher Epoche und aus welchen Beweggründen, die ihre Sachen gepackt und losgezogen sind.

Eure Kerstin

P.S.: Wir haben im Übrigen eine Zwei für das Kunstwerk erhalten

umgedacht und aufgestellt – die Wohnungs- und Haushalts bzw. Lebenswegfrage

Erinnert sich der eine oder andere noch an die Inventurliste aus Armee der Energieslaven?
1 Fernseher, 1 DVD-Player, 2 Radios, 1 Radiowecker, 1 Stereoanlage, 1 Computer, 2 1 Laptops, 1 MP3-Player, 2 Handys, 1 Telefon, 1 Spielkonsole, 1 PSP, 1 Gameboy, 2 Digitalkameras, 1 Staubsauger, 1 Waschmaschine, 1 Trockner, 1 Mikrowelle, 1 Kühlschrank, 1 Kaffeemaschine, 1 Kaffeemühle, 1 Toaster, 1 Wasserkocher, 1 Mixer, 1 Küchenmaschine, 1 Rührstab, 1 Saftpresse, 2 Föns*, 2 1 elektronische Zahnbürsten, 1 Lockenstab, 1 Glätteisen, 1 Set beheizbare Lockenwickler, 1 Nähmaschine, 1 Bügeleisen.

Richtig, die durchgestrichenen Energiesklaven haben die Wohnung verlassen und sind, falls noch nicht veräußert, vorerst in den Keller gezogen, wo sie auf den Flohmarkt/Verkauf warten. Das * bedeutet, dass ein Exemplar in dem derzeit vorhandenen zweiten Haushalt deponiert ist und auf die Zukunft = Verkauf wartet. Die Kaffeemühle hat ein Bleiberecht bis ich einen manuellen Ersatz gefunden habe. Die Energiesklaven in kursiv sind angezählt (bei den Radios/Kameras jeweils 1 Exemplar), heißt, die werden kurzfristig bis mittelfristig das kuschelige Zuhause gegen eine neue Bleibe eintauschen müssen. Anstelle der Kaffeemaschine kommt ein kleiner Italiener zum Einsatz.

Tut mir leid, Moni, aber der Kaffee schmeckt seit einiger Zeit komisch. Keiner sagt jetzt was, bitte. Entkalken und andere Kapseln haben keinen Erfolg gezeigt, wahrscheinlich liegt es also doch an mir. Die Tante führt gegenüber dem jugendlichen Mitbewohner, wenn dieser beim Essen mal wieder etwas verweigert, auch immer an, dass der Geschmack sich ändert, wenn man älter wird. Eventuell besteht in beiden Fällen Hoffnung.

Apropos jugendlicher Mitbewohner: Wie man sieht, hat er ganz schön ausgemistet. Gleichstand, wenn ich es so grob überschlage. Gut gemacht, Großer!
Was hat sich sonst im Haushalt getan?
Geschirr, Besteck und Küchenutensilien sowie Bettwäsche und Handtücher und nicht zu vergessen Möbel und Einrichtungsgegenstände warten so gesehen auf den Auszug des jugendlichen Mitbewohners und darauf, was davon dieser dann für würdig erachtet, in seinen eigenen Hausstand mitzunehmen. Die Sache mit der Aussteuerkiste ist natürlich nach wie vor ein Thema. Bis es denn so weit ist, dauert es ja noch und bis dahin fällt mit Sicherheit (hoffentlich) auch noch das eine oder andere Stück der natürlichen Auslese zum Opfer.

Bei den Staubfängern, die sich als solche den Wohnraum mit mir teilen, handelt es sich ja fast durchgängig um Memorabilien mit sentimentalem Wert. Wer hätte das gedacht? Für jeden anderen also schlichtweg Killefit, Schnickschnack, Krimkrams, Nippes, Tüddelkram, Kokolores – Staubfänger eben. Manchmal bin ich kurz davor, mich von den handfesten Erinnerungen zu trennen, schließlich sind diese ja in meinem Kopf viel lebendiger vorhanden, und dann lasse ich es doch, weil ich keinen Sinn darin sehe, diese zu verbannen, solange sie mich nicht explizit stören, belasten oder sich etwas an der Wohnsituation ändert. Insofern darf sich dieser Ballast damit rühmen, dass er mir so viel bedeutet, dass ich derzeit keine Hand an ihn anlege, sollte sich allerdings auch nicht zu sicher fühlen, denn in Wirklichkeit ist er einfach nur geduldet bis zum Tag X.

Ein paar Worte zum Tag X: Der Lebensweg und damit die Frage nach dem Zuhause, ist, was mich betrifft, noch nicht abgeschlossen. Als Weltenbummler und Zigeunerin in spe, wird dies in einer unbestimmten Zukunft ein ganz anderes Abenteuer. Es gibt mehrere Pläne (A und B und C, vielleicht auch noch weitere Varianten, mal sehen), die derzeit im Raum und zur Diskussion stehen. Und dann wäre ich versucht, ein Experiment zu machen: Alle meine „sieben“ Sachen in Umzugskisten packen und so lassen. Und erst dann, wenn ich etwas brauche, aus der Kiste holen. Ohne Einschränkung. Nach einem Monat steht so ziemlich fest, was man letztendlich benötigt und auch nutzt. Die Herausforderung besteht dann natürlich darin, sich vom Rest ohne Abschiedsschmerz zu trennen.

Andererseits kamen Gedanken dieser Art erst vor einigen Tagen beim Frühstück zur Sprache. Und wenn ich mir jetzt und hier so vorstelle, ich würde meine vier Wände gegen das Vagabundenleben eintauschen, dann kann ich nicht auf Anhieb sagen, welche Dinge tatsächlich weiterhin in meinem Besitz bleiben sollten und ob ich nicht vielleicht sogar in der Lage wäre, mich restlos von allem zu trennen. Andererseits, beschwören kann ich es auch nicht. Es bleibt also abzuwarten, welche Wege das Leben einschlägt.

Ach ja, zwei Neuzugänge in punkto Stromfresser sind auch zu vermelden – leider: Ein iPad und das elektronische Buch. Ja, ich weiß, sagt nichts! Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Es waren Geschenke. Gut gemeint, das ich will einfach mal unterstellen, aber unüberlegt, wenn man mich kennt. Das iPad wird alle paar Tage mal zu Rate gezogen. Und das eher aus Bequemlichkeitsgründen, weil schneller startet als der PC. Das E-Book ist ein anderes Thema.

Aber dazu mehr im nächsten Kapitel.
Also dann, action!

Eure Kerstin