Zeitreisen in die Gegenwart: Die Mitte

Als ich einem Kollegen vor ein paar Tagen zum Geburtstag gratulierte, hat er sich natürlich bedankt und dann meinte er: „Wieder ein Jahr…wenigstens muss man nichts können zum Alt werden.“ Da musste ich schmunzeln. Stimmt, alt wird man/frau von allein. Und dann dachte ich: Hm, also tun muss man nichts, aber nichts können? Da bin ich mir nicht so sicher.

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Als Angehörige der Generation Mitte muss ich eine ganze Menge können, schließlich bin ich das Rückgrat der Gesellschaft und erwirtschafte über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte wie ich unlängst in einem Bericht des Tagesspiegels lesen durfte. Also nicht ich allein, sondern wir alle, die sich da so in der Mitte tummeln.

Die Mitte ist grundsätzlich ja eher nicht so der beliebteste Ort. Weder beim Betreten des Aufzuges noch beim Erfolg. Individuell ist sie auch nicht und irgendwie hat es was von Enge und Sardinenbox. Mitte klingt auch ein bisschen nach mittelmäßig. Angepasst und konform und eigentlich mit allem, was einen „guten“ Deutschen charakterisiert und ebenso auch glatt wie langweilig macht. Wo wir doch alle immerzu auf der Suche nach dem Ich, dem Herausragen und unserer Einzigartigkeit sind. Am besten ganz oben. Da, wo es einsam und rau und heroisch zugeht.

Gleichzeitig ist die Mitte aber auch ein sicherer Ort. Man läuft nicht Gefahr, am Rand abzustürzen, den Anschluss zu verpassen. Im Tierreich sind die Außenseiter meist immer diejenigen, die zuerst gefressen werden und es bei der Partnerwahl schwerer haben. Angepasst sein führt in dem Fall zu einer höheren Überlebenschance und Akzeptanz. Der Einzelgänger muss weitaus mehr Energie und Kraft aufbringen und mehr Risiken eingehen.

Der eine oder andere mag sich, wenn auch dunkel, an die Sicherheitshinweise beim Fliegen erinnern: „Sollte der Druck in der Kabine sinken, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. In diesem Fall ziehen Sie eine der Masken ganz zu sich heran und drücken Sie die Öffnung fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie mitreisenden Kindern“, und anderen Hilfsbedürftigen, möchte ich hinzufügen. Heißt im Klartext: Ich kann anderen nur dann helfen, wenn ich nicht (mehr) gefährdet bin, beziehungsweise nicht mehr Druck auf mich ausgeübt wird, als ich schultern kann. Denn wenn ich ausfalle, dann hat das Folgen: Auf die um mich herum und das Gleichgewicht in der Mitte.

Die Mitte ist so gesehen ein toller Ort, denn die Mitte ist auch das Zentrum. Es lässt sich in alle Richtungen blicken. Hier läuft alles zusammen. Wenn also jeder ein bisschen mehr in die Mitte rückt, dann gibt es weniger Angriffsfläche. Das Boot kentert auch in unruhigem Fahrwasser nicht bei jeder kleinen Untiefe. Und gemeinsam an einem Strang ziehen lässt sich in jedem Alter, ist absolut kein Privileg der Generation Mitte, denn die an den Rändern gehörten selbst einmal dazu oder werden es zukünftig. Und aus der Mitte heraus können ganz viele wunderbare Dinge entstehen. Dazu muss man nur einmal in sich selbst hineinhorchen. Nicht nur an Geburtstagen und anderen schicksalsträchtigen Momenten.