Schatzsuche

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Jede Geschichte hat einen Anfang.

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Jeder Schatz braucht jemanden, der nach ihm sucht.

Jede Flut beginnt mit einem Tropfen.

Jedes Feuer beginnt einem Funken.

Jeder Sturm beginnt mit einem Flügelschlag.

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Jeder Schatz braucht nicht nur jemanden, der nach ihm sucht, sondern auch jemanden, der ihn findet.

Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Jedes Leben beginnt mit einem Herzschlag.

Jeder Augenblick beginnt mit einem Atemzug.

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Jeder Schatz braucht nicht nur jemanden, der ihn sucht und findet, sondern auch jemanden, der ihn als solchen erkennt.

Jede Liebe fängt klein an.

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Spurensuche – Zweiklang

Die ersten Erinnerungen. Kindheit, die nicht auf Celluloid gebannt ist.

Die Freude, durch den Aufprall abrupt und jäh beendet, eine Platzwunde nach sich ziehend, eine verblassende Narbe hinterlassend.

Die Wut, die sich Luft machen will und mit dem Tritt in die im Klee sitzende Biene in Lächerlichkeit auf der Zuschauerseite umschlägt.

Der Übermut, der eine Brandwunde am Oberschenkel verursacht, effekt- und mitleidhaschend mit einem Schal verbunden, der durch sein Kratzen mehr quält als die Ursache.

Der Ehrgeiz, durch einen Sturz gestoppt, der mit einer Spritze entlohnt wird, die aufgeschürften Knie voller Dreck und Rollsplit als Trophäe.

Der Versuch, Blindsein zu erfahren, scheitert und endet mit einem deutlichen Muster auf der Stirn, der Scham im Gedächtnis.

Die Ohnmacht, nach dem Fall, von der alkoholgetränkten Gesellschaft im Nachbarzimmer verspottet und hinweggewischt.

Die Begeisterung, beim Klettern mit sprinklernassen Füßen, die keinen Halt finden und im Absturz in der Gartenharke landen, welche eine sommerlange Entzündung beschert.

Die Träumerei, dabei vom Weg abkommend und über Weidenzweige stolpernd, die blutige Wunden, getränkt in Salzwasser, verursacht.

Erinnerungen, die sich nur in dieser Form wiederfinden. Ein Abdruck, der bleibt. Doch dann gibt es noch die Erinnerungen, die die Seele berühren, ihr zusetzen. Narben, die weitaus nachhallender, nachhaltiger, tiefer sind und sich nicht in Einklang mit der Erinnerung bringen lassen.

Die Neugier, gleichgültig ausgebremst und unterdrückt.

Das Vertrauen, achtlos angenommen und ausgenutzt.

Die Liebe, missbraucht und sorgfältig eingeschlossen.

Zweiklang.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

…, auch nicht von Mehl, Hefe (wird ja gerade zu Preisen wie Gold im Internet verkauft) und Wasser. Und der Geist erst recht nicht.

Brotbacken mag ja eine schöne Beschäftigung sein, wenn einem vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt und der Lagerkoller die eigenen vier Wände auf die Größe eines Wandschrankes schrumpfen lässt. Doch der Geist ist ein unersättlicher Genosse, dem nur schwer beizukommen ist und der selten zufriedenzustellen ist.

Aller körperlichen und geistigen Tätigkeiten, die man in seiner bis dato kostbaren Freizeit betrieben hat, beraubt, schießen die Angebote, diesen nachzugehen, nur so aus dem Boden…äh, dem Netz. Der Erfindergeist ist also weder dem Virus noch dem Konsum erlegen, wofür ich absolut dankbar bin. So viel Nähe, also räumliche, sind wir ja alle nicht (mehr) gewohnt und es dürfte niemanden verwundern, dass der Anstieg der häuslichen Gewalt sich proportional zur Dauer der Ausgangsbeschränkungen verhält. Ebenso die Depressionen.

Wir können einfach nicht mehr miteinander, schon gar nicht auf engem Raum und schon gar nicht auf Dauer. Das dürften die Trennungsraten nach den schönsten Wochen des Jahres und den friedvollen und besinnlichen Feiertagen eindrucksvoll untermauern. Und manchmal kann man auch nicht mit sich selbst allein sein.

Das Privileg, sich die weite Welt per Klick nach Hause zu holen, auch wenn es nicht mit 5G daherkommt, nehmen wir als selbstverständlich. Und dass wir nun nicht nur mit Streamen und Katzenvideos unsere Zeit verplempern, sondern auch mit immer mehr Apps und Diensten tatsächlich der Zeit in dieser Zeit einen Sinn geben können. Und das Angebot nimmt zu, nahezu tagtäglich wird der Markt mit neuen Zeitnutzungs- und Zeitvertreibungsmöglichkeiten schon fast überflutet.

Selbst ich, sonst ja ganz gern mal analog unterwegs, bin dem erlegen und habe mir ein paar Seiten als Favorit gespeichert und diverse Apps gegönnt. Und fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich das alles kostenlos frei Haus bekomme. Nun gut, selbst das Handy sagt, ich soll daheimbleiben.

Handy

Nun lausche ich, wenn die Nachrichten mal wieder Überhand nehmen, den Klassikkonzerten der Berliner Philharmonikern, oder meditiere live mit tausend anderen und versuche, meinen Geist einzufangen. Das Wohnzimmer wird mit der entsprechenden App zur Sporthalle. Es gibt Literaturlesungen und Theateraufführungen. Solch regen Anteil am kulturellen Leben nehme ich sonst das ganze Jahr nicht. Vor allem aber bringen diese Gadgets auf andere Gedanken und sorgen für Ablenkung.

Das ist alles gar nicht so schlecht, aber kommt natürlich nicht an das Original ran. Denn das Gefühl ist meist ebenso künstlich wie das virtuelle Erlebnis. Oh Mann, wie ich das Leben vermisse.

 

 

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

…dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.

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Und im Grunde fehlen mir seit einiger Zeit auch die Worte und jetzt nur umso mehr. Das Gefühl eines vakuumierten Zustandes lässt sich nicht bestreiten. Und ganz nebenbei wird das gewohnte Leben aus den Angeln gehoben.

Es gehört Mut dazu, sich besonnen zu benehmen, solidarisch zu sein, den eigenen Egoisten in die letzte Bussitzreihe zu verweisen. Es gehört auch Mut dazu, sich tagtäglich mit den Fakten auseinander zu setzen und dem eigenen Instinkt klare Vorgaben zu machen. Sich nicht anstecken zu lassen. Nicht vom Virus. Dem echten und dem der Panikmache.

In Zeiten wie diesen wird einem nur allzu klar, dass die Menschheit evolutionstechnisch noch immer in der Steinzeit lebt und es nur drei Arten gibt, mit der Gefahr des angreifenden Löwens fertig zu werden. Weglaufen, Verstecken oder Kämpfen.

Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, zu welcher Gattung ich gehöre, vielleicht gehören möchte. Noch immer versuche ich, mich, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Kein guter Ausgangspunkt, um zu überleben. Zumindest was den Löwen anbelangt.

Daran muss es auch liegen, dass ich doch nun tatsächlich zu lila Klopapier greifen musste. Mit Lavendelduft. Wer bitte kauft sowas? Gut, offensichtlich nur Verzweifelte, die nicht rechtzeitig bei der Vorratshaltung aufgepasst haben und nun beim täglichen Gang an ihre eigene Unzulänglichkeit auch noch im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer Nase drauf gestoßen werden.

Gestern las ich, was auf den Listen andere Nationen so ganz oben steht: Fleisch, Waffen, Wein, Kondome, Medikamente, Zitrusfrüchte, Brot, die fremdländische Variante von Kölnisch Wasser und Marihuana. Im Gegensatz zu Klopapier und Mehl hört sich das bei weitem besser an und vor allem nach Dingen, die einem die eigenen vier Wände nicht ganz so trostlos erscheinen lassen, wenn diese den maximalen Radius der eigenen Bewegungsfreiheit darstellen.

Das Leben ist wahrlich ein merkwürdiger Ort.

 

P.S.: Als Lektüre, sei es in Quarantäne oder aus welchen Gründen man dieser Tage auch daheim ist, sehr zu empfehlen.

 

auf halber Strecke – Endstation

PendelzugManchmal werden aus etwas nicht ganz so Gutem Geschichten, die einen über den Verdruss hinweghelfen. Wie mein mal mehr, mal weniger zu Tage tretender Unmut über das Pendeln im öffentlichen Nahverkehr zu den Episoden des menschlichen Zuges und dieser Kolumne.

Und manchmal wird etwas nicht ganz so Gutes auch selbst Geschichte, nämlich dann, wenn das Pendel zu sehr auf einer Seite hängt, das Leben Schräglage bekommt und aus den Gleisen zu hüpfen droht. Insofern war für mich unlängst Endstation. Der Aufwand und die Energie für den Job zu gewaltig.

Nun stelle ich also mein Pendlerschuhwerk und meinen Thermoskaffeebecher erst einmal in den Schrank und lösche die Bahn-App von meinem Handy. Ein bißchen Wehmut ist mit dabei, das gebe ich zu. Es fiel nicht leicht, mir einzugestehen, dass das ganze Konstrukt von Arbeit, Arbeitsweg, Freizeit- und Privatleben mehr als eine Belastung war und unter dieser zusammen zu brechen drohte. Für mich und alle drum herum. Aufgeben war lange keine Alternative. Doch irgendwann musste selbst ich einsehen, dass es so nicht weitergehen konnte.

Und nun? Andere Richtung einschlagen. Neuanfang. Nach…mal kurz nachrechnen…knapp zwanzig Jahren, bewerkstellige ich meinen neuen Arbeitsweg wieder per PS-Vehikel. Eigentlich kann ich das ganz gut vertreten. Zwei Jahrzehnte mit dem Rad beziehungweise dem ÖNPV machen sich, wie ich finde, ganz gut in meiner persönlichen Klimabilanz. Für die tägliche Fahrt mit dem Zweirad befindet sich mein neuer Schreibtisch knapp über der Grenze, um die Distanz in Arbeitskleidung zurück zu legen. Bei gutem Wetter allerdings eine Überlegung wert, auch wenn das Umziehen auf der Toilette umständlich ist. Kürzlich konnte ich das ausgiebig im Rahmen eines „ökoligischen“ Monats testen, aber das ist eine andere Geschichte. Und die Verbindung mit den Öffentlichen ist so umständlich und noch zeitraubender als der Weg ins Zentrum der bayerischen Hauptstadt, was ich ebenfalls zur Genüge testen durfte.

Dies ist also auch für die Episoden „auf halber Strecke“ die Endstation. Gern hätte ich das Dutzend voll gemacht, aber das Leben verläuft oft anders als geplant. Und das ist auch gut so. Immer dabei und mittendrin.

Das Leben geht weiter

Das schwarze Kleid hängt anklagend auf dem Kleiderbügel. Ein Kauf, der nicht dem Leben, sondern dem Tod geschuldet ist. Der Mann an meiner Seite rät mir zu hellen Strümpfen, schließlich sei ich nicht die Witwe. Wenn ich die Witwe wäre, dann würde ich schwarze Netzstrümpfe und einen Hut mit passendem Schleier tragen, ist meine Antwort. Nein, ich bin nicht die Witwe, meine Rolle ist die der Respektzollenden. Vor 35 gemeinsamen Jahren und 62 Lebensjahren. Von allem reichlich, aber bei weitem nicht genug.

Die Kirche ist voll, nicht alle finden Platz. Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Bekannte und all jene Schaulustige, welche die trauernde Witwe sehen wollen, das Unglück der anderen als eigenen Triumph auskosten und denen der Schmerz auf eine niederträchtige Weise Freude bereitet. Ich ziehe meinen Begleiter in die letzte Reihe und versuche, die Fluchtgedanken zu unterdrücken. Alles fühlt sich irgendwie falsch an.

Made with Repix (http://repix.it)

Ich für mich möchte bitte, wenn es denn irgendwann so weit sein sollte, einfach im Wald verscharrt werden. Dieses ganze Spektakel will ich nicht und eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es hilft. Niemandem. Abschied nehmen hat für mich eine andere Form. Das ist ein Moment, der nur zwischen zwei Menschen stattfindet und nicht dieser Bühne bedarf.

Die Trauerrednerin spricht davon, dass der Verstorbene der Mittelpunkt der Familie war, der Fixstern, derjenige, der alle zusammengehalten hat. Nein, meine liebe Freundin, dieser Part ist eindeutig Deiner. Ohne Dich wäre diese Familie nicht das, was sie ist. Du bist der Stern, der leuchtet. Dein Mann mag der Fixpunkt gewesen sein, aber Du hast das Universum erhellt.

Umso herzzerreißender ist es nun, mit ansehen zu müssen, in welcher Dunkelheit Du lebst, wobei dieses Leben nicht viel mehr ein Sein ist. Jeder Tag eine Qual, jede Minute eine weitere, in der Du so ganz allmählich und vollumfänglich die Tragweite erahnst und was Verlust wirklich bedeutet.

Derjenige, der geht, muss einfach nur sterben. Alle, die zurückbleiben, müssen damit leben.

Das Leben geht weiter. Ohne Rücksicht.

 

Das Leben ist jetzt

Gerade bin ich mit der Lektüre von „The subtle art of not giving a f*ck“ fertig geworden. Und da heißt es unter anderem so schön: „Do something! It doesn’t matter what, just do it.“ Also habe ich mir das durch den Kopf gehen lassen und hier bin ich. Nach wirklich langer Zeit finde ich so wieder die Energie, den Alltagseinsichten ein paar alltägliche Einsichten hinzuzufügen. Um der Seele etwas Ruhe zu gönnen und den Gedanken eine Verschnaufpause zu verschaffen, reichen manchmal tatsächlich ein paar Tage und der richtige „Schubser“ schon aus.

Auch sonst habe ich tatsächlich was getan: Dem Kleider-/Schuhschrank bin ich ansatzweise dem Marie Kondo Prinzip (macht mich dieses Teil/Paar glücklich?) folgend zu Leibe gerückt. Die Ausbeute hält sich in Grenzen. Für die radikale Methode fehlt mir (noch) das letzte Quäntchen Mut. Es ist ein Prozess, der mich nun schon seit ein paar Jahren begleitet, unter anderem auch hier nachzulesen und wie der Name schon sagt, ist es ein Prozess und kein Projekt im klassichen Sinne. Es werden also immer wieder neue Impulse einfließen. Hier und da.

Die Bügelwäsche, welche sich seit Wochen stapelt, ist erledigt, ebenso die Flick- und Ausbesserungsarbeiten an diversen Kleidungsstücken. Nicht, dass damit derartige Arbeiten wirklich erledigt sind, aber zumindest für den Moment.

Auch in der Küche sind zwei Pfannen aufgrund des Versagens der Antihaftbeschichtung ausgemustert worden. Dazu einige Kleinutensilien. Wer braucht schon vierzig und mehr Aufbewahrungs- und Frischhalteboxen?

Die Gartenhecke wurde, trotz 34°C Außentemperatur und gefühlten 90% Luftfeuchtigkeit, unter erschwerten Bedingungen durch die derzeitige Mückeninvasion, gestutzt. Für die Terrasse sind nun endlich die richtigen Möbel gefunden. Nach bald sechs Jahren im neuen Zuhause, lässt sich das kleine Gartenparadies so noch besser genießen. Der Hexengarten, wie ich ihn gerne nenne, wächst und bestimmt sein eigenes Tempo.

Ich war beim Friseur (zählt natürlich nur, weil ich, ganz untypisch weiblich, ein echter Muffel bin, was das betrifft) und beim Zahnarzt (lange überfällig, nicht weil ich ein Muffel bin, sondern da mir die Arbeit diverse Male einen Strich durch den Termin gemacht hatte). Da die Yogastunden ebenfalls dem Job zum Opfer gefallen sind, versuche ich es nun mit einer Meditationsapp. Nein, es ist nicht das Gleiche, aber die Regelmäßigkeit zeigt zumindest ansatzweise eine ähnliche Wirkung. Inzwischen besitze ich auch einen kleinen Altar und hoffe, dass sich dieser zusätzlich positiv auswirkt. Ähnlich meiner „Gebetskette“, die ich gern an „schlechten“ Tagen trage, um Halt und Haltung zu bewahren.

Nach fast einem halben Jahr habe ich meinem Tagebuch wieder etwas zu sagen. Bei „one line a day“ möchte man ja meinen, dass dies wirklich kein Akt ist. Wenn einen dann aber erst einmal zwei Tage, zwei Wochen, zwei Monate leere Seiten entgegen starren, dann erscheinen diese schier unüberwindbar. Nun also lasse ich es einfach so. Weiße Flecken in meinem Leben. Eine Erinnerung, dass sich ein Vakuum eben mit nichts füllen lässt.

Um einem anderen ebensolchen Vakuum die Stirn zu bieten, habe ich zu Papier und Stift gegriffen und meinem Vater wahrhaftig einmal schriftlich gesagt, wie verletzend ich sein Verhalten finde. Es war eine Überwindung, aber auch eine Befreiung, einmal nicht auf lieb Kind zu machen. Und nein, eine Antwort, gleich welcher Art, erwarte ich eigentlich nicht.

Selbst eine Bergtour ins Bayerische Alpenvorland habe ich unternommen, wobei das bei den Temperaturen fast mehr eine Tortour war. Was aber andererseits eher an den Unzulänglichkeiten der öffentlichen Verkehrsmittelbetriebe lag, denn auf dem Berg war es einmalig: Keine Mücken, keine Menschen. Für beide Spezies offenbar zu hoch und/oder zu warm.

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So plätschert das Leben dahin, wenn man sich denn aufrafft und einfach mal etwas macht und sich und der eigenen Lethargie zeigt, dass man sich einen Dreck schert. Es geht nicht darum, ständig dem Glück hinterher zu hecheln und dem Leben ein Erfolgsergebnis nach dem anderen abzuverlangen. Schließlich ist das Leben jetzt und für meines trage nur ich die Verantwortung. Für meine Handlungen und meine Gedanken. Und auch wenn ich auf viele Ereignisse keinen Einfluss habe, so bin ich doch dafür verantwortlich, wie ich damit umgehe und welche Richtung diese meinem Leben geben. Ganz allein. Das fühlt sich eigentlich gar nicht so schlecht an.

 

Eure Kerstin

Sieben auf einen Streich – „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

Made with Repix (http://repix.it)

Die Ironie meiner Leidenschaft für John Irving als einem meiner Lieblingsautoren liegt darin begründet, dass ich seinen Roman „Witwe für ein Jahr“ von meiner ehemals großen Liebe erhalten hatte, nachdem meine Mutter gestorben war. Wobei wir irgendwie wieder bei Paul Auster und den Zufällen des Lebens wären.

Das Buch war also ein Geschenk, höchstwahrscheinlich hauptsächlich wegen des Titels. Um mich zu trösten, oder aufzumuntern, wer weiß das schon nach all der Zeit. Der Geschenkegeber war im Bereich Literatur nicht sonderlich wählerisch. Ganz sicher aber ist es der Beginn meines Faibles für die großartigen Werke von John Irving. Immer Familiensaga und Beziehungsgeschichten, die die Jahrzehnte überspannen, gespickt mit Gewalt, Sex, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen (Tabu)-Themen der jeweiligen Zeit. Amerikanische Arbeitergesellschaft ebenso wie Mittelschicht, gnadenlos und hin und wieder abgrundtief. Immer zwischen Tragik und Komik. Und auch bei ihm gibt es den Hang zum Absurden, welcher den Geschichten das gewisse Etwas verleiht.

„Witwe für ein Jahr“ ist, was den Titel betrifft, etwas irreführend, denn Witwe wird die Heldin erst sehr spät im Verlauf der Geschichte. Es geht eigentlich mehr um ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihren Eltern und letzten Endes um ihr gestörtes Verhältnis zu Männern. Ruth, sozusagen das Ersatzkind für ihre beiden verstorbenen Brüder, die sie nie kennengelernt hat, wird als Kleinkind von ihrer Mutter Marion verlassen, während ihr Vater Ted keinerlei Rücksicht und Vorsicht bei seinen Affären gegenüber seiner Umwelt walten lässt. Mittendrin Eddie, der für mich eigentlich fast schon die eigentliche Hauptperson und Spielball im Familiendrama.

„‘She threw rocks at you?’ Marion asked Eddie. ‘There were little stones – most of them hit the car’, Eddie admitted. ‘She made you carry her?’ Marion asked. ‘She was barefoot,’ Eddie explained again. […] ‘And you left your shirt? Why?’ ‘It was ruined – it was just a T-shirt.’ As for Ted, his conversation with Eddie was a little different. […] ‘She locked herself out of the house, because of you,’ Eddie told him. […] ‘I had to break into her house […] I had to carry her through the broken glass,’ Eddie complained. ‘I lost my shirt.’ ‘Who cares about your shirt?’ Ted shouted.

Ruth und Eddie sind gleichzeitig verfolgt und bestimmt von ihrer Vergangenheit, die so gesehen auf den gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen mit Marion und Ted beruhen.

„‘[…] let’s say you do it with some other old lady, some old dame in her seventies or eighties. I mean, what are you thinking? Are you really looking at her and feeling attracted? […]’ ‘I try to see the whole woman […] I can picture her when she was much younger […] I try to see her whole life in her. There’s something moving about someone’s whole life.’”

Und genau das ist es auch, was mich an den Büchern von John Irving so magisch anzieht, das Leben in seiner Gesamtheit entfaltet sich vor einem und man erlebt und durchlebt die Zeit mit. Vom Anfang bis zum Ende.

Also dann, bis morgen.

auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Sechs Wörter für die Zukunft

Leseecke

Schreibe eine sechs-Wort-Geschichte, von der Du denkst, dass Sie Deine Zukunft beschreibt.

Der Sache mit der Zukunft hatte ich mich ja schon mal in meinem Beitrag „Lebenslinien“ genähert. Und nun also der nächste Versuch, es von einer anderen Warte zu betrachten.

Das Leben, respektive die Zukunft in sechs Wörtern einfangen – keine leichte Aufgabe. Schließlich wollen wir alle ein reichhaltiges, abwechslungsreiches, spannendes und einzigartiges Leben. Und da sollen sechs Wörter diesen Kosmos an Möglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten abdecken?

Nun, es ist eigentlich gar nicht so schwer und manchmal lassen sich sogar ganze Geschichten damit erzählen.

Anschluss verpasst. Seelenanker gesucht. Ausgang ungewiss.

Probiert es ruhig selbst einmal. Selbst Hemingway schrieb einmal eine solche: „For sale: baby shoes. Never worn.“ Diese Übung wird im Übrigen immer wieder gern als Schreibaufgabe eingesetzt. Wobei es hauptsächlich eine Hirnaufgabe ist. Hirngespinste eben. Und es erstaunt mich ebenso immer wieder, wieviel man mit nur sechs Wörtern aussagen und ausdrücken kann.

Eure Kerstin

P.S.: Die Leseecke verdankt ihren Ursprung den Schreibaufgaben/Übungen im „The Daily Post“. Info für alle, denen „The Daily Post“ kein Begriff ist: Hierbei handelt es sich um eine Website von wordpress.com (wo auch mein Blog registriert ist), auf der täglich Themen, Fragen und Aufgaben an alle Nutzer verteilt werden, die man dann über den eigenen Blog verarbeiten kann.