Das Sammelsurium

„Es ist ganz schön still hier.“ Der Geliebte schaut mich eindringlich an. Er meint den Blog. „Ich muss mich erst sammeln“, entgegne ich und weiß doch, die grenzenlose Sprachlosigkeit meiner Seele erschlägt mich schier.

Aber eigentlich sammele ich unentwegt. Ganz ungewollt: Feiertage, Alltage, Geburtstage, Jahrestage, Abschiede ohne Worte, Warteschlangen, Behördengänge, Telefonate, Beschwerden, Gebrechen, Albträume, Pannen, Wunden, Unfälle, graue Haare, Luftschlösser, Pläne, Hoffnungen, Beschränkungen, Scherben, Tränen, Trübsal, blaue Flecken, Illusionen, Fragmente, Abgabetermine, Onlineendlosschleifen.

Nichts scheint an mir vorüberzuziehen. Dabei erinnere ich mich nicht, „hier“ gerufen zu haben. Ein ganzes Sammelsurium für mehr als eine Krise. Eine wabernde Masse ohne Umrisse und Grenzen.

Die Seele, mittlerweile so rissig und dünn wie die Haut an meinen Händen vom permanenten Waschen und Reinigen und Schrubben. Blau und wund gescheuert. Steif und taub. Es gibt Tage, da gehe ich mit Gedanken schlafen und wache mit Sorgen auf. Dunkle Tage, wie sie eine Freundin nennt.

Scherben

Unlängst schaltete sich aus unerklärlichen Gründen während eines Telefonats unbemerkt der Anrufbeantworter mit ein und verkündete dann mittendrin „Sie haben die maximale Aufnahmedauer erreicht“, was im Gespräch für viel Gelächter und Spekulationsstoff sorgte.

Wie gern würde ich das dem Leben auch einmal zurufen. Oder ihm den Einhornstift reichen, den mir eine liebe Freundin vor kurzem schenkte und zugleich vielwissend hinzufügte: „Mit dem kann man Fehler ausradieren“.

Ja, es ist ein sogenanntes Jammern auf hohem Niveau. Und ja, es ist ein privilegiertes Leben, das ich führe. Aber…, ich kann es auch nur von meiner Warte aus sehen. Meine Perspektive ist der Ausgangspunkt.

In meinem Elternhaus hing im Treppenhaus ein Bild eines Kindes. Verdreckt mit zerschlissenen Kleidern und verfilzten Haaren. Hungrig die Finger ableckend. Irgendwo in einem dieser unzähligen Elendsviertel der Welt. Mein Vater deutete des Öfteren auf die Aufnahme, wenn ich am Essen etwas auszusetzen hatte oder seiner Meinung nach übergroße Ansprüche an den Tag legte. „Andere Kinder hungern“, war der Beginn seiner Rede, die mich auf den Boden der Tatsachen bringen sollte. Und immer dachte ich: Ja, ich verstehe das, aber das bin nicht ich. Ich bin hier und will einfach nur gesehen werden.

Und heute? Ich erinnere mich an meine 2018 entworfene Sechs-Wort-Geschichte und die entsprechende Bestandsaufnahme, dass ich irgendwie irgendwo den Anschluss verpasst habe. Der ungewisse Ausgang bleibt, auch wenn der Seelenanker mich fest in seinen Armen hält und mir leise ins Ohr flüstert. Meine Seele ein Sammelbecken für die damit einhergehende Stille.

Zeitreisen in die Gegenwart: Junge Liebe in Krisenzeiten

Flügel sind ja etwas sehr Schönes, außer man ist Daidalos, der Vater von Ikarus. Oder Ikarus selbst. Und wo wir schon mal bei der Annäherung an zu heiße Themen sind, was ist eigentlich mit der Mutter von Ikarus? Genau, ich habe keine einzige Silbe über diese gefunden. Ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist und sie das ganze Unheil nicht miterleben musste, sei dahingestellt, aber wenn der Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes flügge wird, dann sind Mütter nach wie vor der Fels in der Brandung. Nur bei ruhiger See kommen sie in den Heldensagen eher nicht vor.

Die aktuelle Krise hinterlässt vor allem bei Kindern, auch wenn diese schon fast erwachsen sind, deutliche Spuren. Und auch, wenn der Jugend von heute nachgesagt wird, dass sie ihr Leben in den hellen und dunklen Weiten des Internets verbringt, so hat sich 2020 ganz klar gezeigt, dass dies mitnichten der ganzen Wahrheit entspricht. Freunde sind unerlässliche Weggefährten auf dem Weg zu den Sternen und der eigenen Flugbahn. Umso mehr, wenn die Zeiten düster sind.

Erst acht Wochen lang keine Schule und in unserem Fall nur ganze zwei Mal eine virtuelle Stunde, ansonsten herrschte im schulischen Kosmos absolute Dunkelheit. Sonnenfinsternis. Dann ein paar Wochen Blockunterricht, bei zwar keiner totalen, aber doch partiellen, sehr hartnäckigen Sonnenfinsternis. Zum Glück für die gestressten Lehrer und Schüler kamen dann die Sommerferien. Sechs Wochen lang so etwas wie Leben bei voller Beleuchtung, doch schon vier Wochen nach Schulstart dann wieder Blockunterricht. Und immer drohte die erneute Schließung und/oder der unmittelbare Kometeneinschlag in Form nur eines einzigen Falles. Ich schätze, Damokles saß weitaus entspannter auf seinem Thron, als der jugendliche Mitbewohner auf seinem Stuhl im Klassenzimmer bei Durchzug und Minusgraden. Ist aber eine andere Geschichte.

Im Grunde war es letzten Endes nur eine Frage der Zeit. Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, die auch schon Daidalos angestellt haben mag. Nicht zum Spaß hatte er dem ungestümen Sprössling eindringlich zugeredet. Doch auch schon zu Ovids Zeiten hatte die Jugend ihren eigenen Kopf und eben den unbändigen Drang nach Leben und Freiheit. Wenn dann noch die Liebe hinzukommt, dann scheint der Feuerball am Firmament doppelt so heiß. So nach und nach verabschiedeten sich um uns bzw. das Schulkind herum mal die, mal jene Klasse, mal der Jahrgang und nun also die gesamte eigene Jahrgangsstufe. Vierzehn Tage Quarantäne für alle. Als Mutter ist die Krise auch eine, die einen von mehreren Seiten trifft. Wie Sonnenstürme, die ohne Vorwarnung losbrechen und das häusliche Universum in Ungleichgewicht bringen. Und so kam es dann.

Mami, ich habe gerade mit meiner Freundin telefoniert. Und sie hat, ungelogen, am Telefon geweint. Eine Stunde lang. Was soll ich denn jetzt machen?“ Achtung, denke ich, jetzt bloß nichts Falsches sagen und dann denke ich: Herrlich, so eine junge, romantische erste Liebe.
Sie ist halt traurig“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, alle ihre Freunde sind jetzt in Quarantäne.“
„Dann schreib ihr doch einen Brief. Oder eine Karte. Oder wir schicken ihr was. Das bringe ich dann zur Post.“
„Hm.“ Ok, streng Dich an, Mutter, der Nachwuchs scheint selbst schon bei der Aussicht auf vierzehn Tage verordneten Hausarrest, den vom Frühjahr dabei kaum verdaut, in Depressionen zu verfallen.
„Komm‘, wir schicken ihr einfach die Kuscheldecke, die Du als Weihnachtsgeschenk für sie hast. Besser, wir bringen sie ihr vorbei.“
„Aber was schenke ich ihr denn dann? Das war das perfekte Geschenk.“
„Da finden wir schon was.“
„Aber die anderen Sachen sind alle so teuer.“ Oh, jetzt wird es interessant, die Herzdame hat offensichtlich einen ausgewählten Geschmack, was ja auch schon ihre Wahl des Herzbuben eindeutig beweist. Mutterstolz.
„Was wünscht sie sich denn sonst noch so?“
„Wart, ich habe das eine Liste.“
„Eine Liste?“
„Ja, immer wenn sie was gesagt hat, was ihr gefällt, habe ich das aufgeschrieben.“ Ich glaube, ich muss mich setzten. Wo hat der Junge das nur her? Die Romantik dieser Aussage überfällt mich dabei fast.
„Weißt Du was, wir bringen ihr Dein Kopfkissen.“
„Oh, ja.“ Super gemacht, Mutter.

Herz

Und so wird der Seelentröster, in Parfüm getränkt, der Angebeteten vor die Tür gestellt. Herzklopfen in dunkler Sternennacht. Junge Liebe. Hoffnung in Krisenzeiten.

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

…dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.

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Und im Grunde fehlen mir seit einiger Zeit auch die Worte und jetzt nur umso mehr. Das Gefühl eines vakuumierten Zustandes lässt sich nicht bestreiten. Und ganz nebenbei wird das gewohnte Leben aus den Angeln gehoben.

Es gehört Mut dazu, sich besonnen zu benehmen, solidarisch zu sein, den eigenen Egoisten in die letzte Bussitzreihe zu verweisen. Es gehört auch Mut dazu, sich tagtäglich mit den Fakten auseinander zu setzen und dem eigenen Instinkt klare Vorgaben zu machen. Sich nicht anstecken zu lassen. Nicht vom Virus. Dem echten und dem der Panikmache.

In Zeiten wie diesen wird einem nur allzu klar, dass die Menschheit evolutionstechnisch noch immer in der Steinzeit lebt und es nur drei Arten gibt, mit der Gefahr des angreifenden Löwens fertig zu werden. Weglaufen, Verstecken oder Kämpfen.

Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, zu welcher Gattung ich gehöre, vielleicht gehören möchte. Noch immer versuche ich, mich, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Kein guter Ausgangspunkt, um zu überleben. Zumindest was den Löwen anbelangt.

Daran muss es auch liegen, dass ich doch nun tatsächlich zu lila Klopapier greifen musste. Mit Lavendelduft. Wer bitte kauft sowas? Gut, offensichtlich nur Verzweifelte, die nicht rechtzeitig bei der Vorratshaltung aufgepasst haben und nun beim täglichen Gang an ihre eigene Unzulänglichkeit auch noch im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer Nase drauf gestoßen werden.

Gestern las ich, was auf den Listen andere Nationen so ganz oben steht: Fleisch, Waffen, Wein, Kondome, Medikamente, Zitrusfrüchte, Brot, die fremdländische Variante von Kölnisch Wasser und Marihuana. Im Gegensatz zu Klopapier und Mehl hört sich das bei weitem besser an und vor allem nach Dingen, die einem die eigenen vier Wände nicht ganz so trostlos erscheinen lassen, wenn diese den maximalen Radius der eigenen Bewegungsfreiheit darstellen.

Das Leben ist wahrlich ein merkwürdiger Ort.

 

P.S.: Als Lektüre, sei es in Quarantäne oder aus welchen Gründen man dieser Tage auch daheim ist, sehr zu empfehlen.